Schöner sparen (II), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wie im ersten Teil erwähnt, war der neue Würzburger Fürstbischof, Johann Philipp Franz von Schönborn, durchaus an einer modernen und repräsentativen Stadtresidenz interessiert, jedoch fehlten bei seinem Amtsantritt erst einmal die nötigen Gelder. Im Übermaß vorhanden waren hingegen die Luftschlösser, die Onkel Lothar Franz in Mainz und Bruder Friedrich Karl in Wien umgehend mit ihren Kavalierarchitekten errichteten. Johann Philipp Franz übernahm zuerst einmal von seinem Vorgänger den Ingenieur-Hauptmann Balthasar Neumann, dem er die barocke Umgestaltung der gesamten Stadt Würzburg auftrug, während er seinen Verwandten die Planungsleitung der neuen Residenz überließ.

Die Idee einer Vergrößerung des von Petrini bis 1704 errichteten Schlößchens wurde verworfen, als an dem Bau statische Mängel und Schäden im Mauerwerk offenbar wurden. So mußte der alte Palast weichen, und die Idee für einen grandiosen Neubau wuchs heran.

Und plötzlich stellte sich auch der benötigte Geldregen ein: Fürstbischof Schönborn hat schon als Domherr den Verwaltungsapparat seines Vorgängers stets kritisch im Auge gehabt und konnte nun einigen Beamten, allen voran dem Hofkammerdirektor Jakob von Holach, Bestechung und Veruntreuung nachweisen. Ein Prozeß brachte laut verschiedenen Quellen zwischen 500.000 fl. und 640.000 fl. ein. Diese Summe entsprach, so sagt man, ungefähr den Jahreseinnahmen des Hochstifts Würzburg, war also kein Kleingeld.

Kaum klingelte es in der Kasse, meldete sich auch schon der Kurfürst aus Mainz mit der trockenen Aufforderung „Nur wacker Bauconcepten her!“ und dem scherzhaften Rat, dem untreuen Beamten vor dem neuen Schloß ein Denkmal errichten zu lassen.

Auf Lothar Franzens Privat- und Familienschloß Weißenstein zu Pommersfelden kam es bald darauf zu einer für die fränkische Kunstgeschichte schicksalhaften Begegnung: Der Familienchef nahm dort im Jahre 1719 zusammen mit Reichsvizekanzler und Lieblingsneffen Friedrich Karl aus der Hand Balthasar Neumanns die ersten Pläne für die neue Residenz entgegen. Das Urteil fällt positiv aus: Der Kurfürst lobt die Persönlichkeit und den Sachverstand des noch unbekannten Baumeisters und empfiehlt seinem Würzburger Neffen, ihn auch unbedingt für den Neubau des Schlosses einzusetzen.

Und so fand am 22. Mai 1720 beim Rennweger Tor zu Würzburg die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Residenz statt. Johann Philipp Franz bezieht den Rosenbacher Hof am Rennweg, um den Bauplatz stets im Auge zu haben und den Arbeitern das Gefühl zu geben, vom Bauherrn beobachtet zu werden. Vielleicht kein feiner, aber ein wirksamer Trick, der zurückgeht auf die Erfahrung des Oheims, der während der Bauarbeiten am Schloß zu Pommersfelden bemerkt hatte, daß das „oculus domini“ die Künstler und Handwerker doch stets anzutreiben wußte.

Es kam nun zu unzähligen Bausitzungen und zu einer umfangreichen Korrespondenz zwischen Würzburg, Mainz und Bamberg/Pommersfelden. Lothar Franz sah sich als Chef der Familie natürlich berechtigt, immer ein Wörtchen mitzureden. Er schickte seinen Bamberger Oberbaudirektor Maximilian von Welsch und einige seiner Baudirigierungsgötter aus dem Kreis seiner bauverständigen Kavaliere, wie z.B. von Erthal und von Rothenhan, mit Ideen, Anregungen und Instruktionen nach Würzburg und wartete auf jede Nachricht so gepannt, wie ein Feldherr auf den Ausgang einer Schlacht.

Bereits 1723 erschien ein gewaltiger Kupferstich (145 x 115 cm) , der das neue, barocke Würzburg mit der fertiggestellten Residenz als sogenanntes Thesenblatt zeigte. Das Schloß befand sich zu diesem Zeitpunkt zwar noch in den Kinderschuhen, aber man wollte immerhin einen Gesamteindruck schaffen.

Ausschnitt aus dem Thesenblatt [Quelle]

Ebenfalls im Jahre 1723 wurde Balthasar Neumann nach Frankreich geschickt, um die Pläne der Residenz dem französischen Hofarchitekten vorzulegen. Ein weiterer Schönborn-Bruder, der Kardinal Damian Hugo, Fürstbischof zu Speyer und später auch zu Konstanz, ließ seine Beziehungen im Heiligen Kollegium spielen und vermittelte den Architekten an Kardinal de Rohan, der den Weg nach Paris ebnete. Von Boffrand nahm Neumann viele wertvolle Anregungen für die Ausstattung der Residenz mit. Es kam sogar zu einem Gegenbesuch: 1724 reiste der Franzose nach Franken, begutachtete die werdende Residenz in Würzburg, das Schönbornsche Familienschloß in Wiesentheid und Lothar Franzens Schmuckstück in Pommersfelden, wo ihn besonders und nachhaltig das Treppenhaus überzeugte: „Etwas so Großes und Herrliches kann man in ganz Frankreich nicht finden!“

Es lief also insgesamt alles nach Plan, bis am 18. August 1724 plötzlich Sand ins Getriebe kam: Fürstbischof Johann Philipp Franz erlag auf der Rückreise von einem Besuch beim Trierer Kurfürsten und Deutschordensmeister Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg auf dessen Schloß in Mergentheim einem Schlage.

Der wache und stets gut informierte Lothar Franz ahnte sofort, daß der Bau der Residenz nun ins Stocken geraten könnte. Sein Neffe hatte sich als Fürstbischof etwas zu selbstherrlich gegeben, war in der Bevölkerung nicht der Beliebteste und hatte sich schließlich auch mit dem Domkapitel überworfen. Er wird sich zweifellos während seiner Amtszeit den einen oder anderen Rüffel vom Oheim eingefangen haben, weil er dessen simple Grundregeln im Umgang mit den Leuten eher ignorierte: „… mit dem Domkapitel wohl zu stehen, alles nit so genau zu nehmen undt bisweilen 5 gerat sein zu lassen, jedermänniglich obligat zu begegnen und denen guets zu tun, die es meritieren, niemandt aber zu verfolgen, amen.“

Schuldig im Sinne des Gesamtkunstwerkes (vlnr):
Lothar Franz von Schönborn: Familenoberhaupt, Ideengeber, Protektor und manchmal Diktator seiner Neffen
Johann Philipp Franz von Schönborn: Unter ihm begann der Bau der Residenz
Friedrich Karl von Schönborn: Unter ihm wird der Bau fertiggestellt und die prachvolle Ausstattung begonnen

Die Aussichten auf einen weiteren Schönborn-Bischof in Würzburg waren somit gering, wenn auch mit Lothar Franz und Friedrich Karl die beiden hervorragendsten Köpfe des Hauses Mitglieder des dortigen Domkapitels waren.

Wie bzw. daß es mit dem Bau der Residenz nun dennoch weiterging, das erfährt der geneigte Leser im dritten Teil.

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