Lieber gut geklaut, als schlecht selbst gemacht

Dies ist ein Repost eines etwas älteren Gesichtsbuch-Beitrags. Auf facebook verschwinden die Sachen immer so schnell in der Timeline, also bewahre ich diese kleine Perle nun – in einer längeren Version – hier auf.

Jacint Rigau-Ros i Serra (1659 – 1743) hat sich in der Welt der Kunst als Hyacinthe Rigaud verewigt. Er war der unumstrittene Portraitköing seiner Zeit und hat so ziemlich alles auf Leinwand gebracht, was Rang und Namen hatte, war sich aber auch keineswegs für bürgerliche Portraits zu schade.

Eines seiner ganz bekannten Werke ist das Portrait des Kardinals Armand Gaston Maximilian de Rohan-Soubise (1674 – 1749), Fürstbischof von Straßburg, Großalmosenier von Frankreich. Das Gemälde stammt laut Rigaudschem Rechnungsbuch aus dem Jahr 1710, enstand also noch vor der Ernennung zum Kardinal, die im Jahre 1712 erfolgte. Die roten Gewänder sind möglicherweise eine Auszeichnung des Königs, verliehen zwei Jahre vor der offiziellen Kreation durch den Papst.

Man sieht den 36-jährigen Prälaten auf dem Höhepunkt seiner Manneskraft (oder wie sagt man das?) und erhält einen Einblick in das Schönheitsideal jener Zeit, wenn man den Marquis d’Argenson seufzen hört (oder liest): „Der Kardinal de Rohan ist der schönste Prälat der Welt!“

„Vraiment? Nun gut. Ich werde diese Bürde tragen.“

Hochgelobt wurde aber auch der Charakter des Kardinals, seine Unkompliziertheit, seine Ehrlichkeit, sein Charme und seine Fähigkeit, all jene Eigenschaften so zu dosieren, wie es die jeweilige Situation verlangte.

Pfründen- und ehrenüberhäuft entschloß er sich im Jahre 1727 zum Bau des prächtigen Palais Rohan in Strasbourg, der für Jahrzehnte auch Familienresidenz war, besetzten doch Bischöfe aus dem Hause Rohan von 1704 bis 1801 den Thron des Bistums.

Ich staunte nun nicht schlecht, als ich vor einiger Zeit im Internet über das folgende Portrait stolperte und feststellte, daß es sich bei dem Abgebildeten nicht um den Kardinal de Rohan handelte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand…“

Aus diesem Bild sehen wir den Kardinal Dominique de La Rochefoucauld-Langeac (1712 – 1800), Erzbischof von Rouen, Abt von Cluny, portraitiert von einem Maler der „französischen Schule des 18. Jhdts“ (mehr konnte ich bisher nicht herausfinden).

Rigaud jedenfalls hat das zweite Portrait nicht erschaffen, da er 35 Jahre vor der Kardinalskreation Rochefoucaulds starb. Immerhin: Sein Ruf und Können haben dafür gesorgt, daß Rouchfoucauld zum „Maler der französischen Schule“ wahrscheinlich einfach nur sagte: „Keine Experimente: Kopiere einen Rigaud und mach mein Gesicht drauf“.

Kunst (und wie man sie geziemend präsentiert)

Kardinalstaatssekretär Silvio Valenti Gonzaga (1690 – 1756) war nicht nur ein schwerst barocker Prälat (besaß also somit die Eintrittskarte zu diesem Blog), sondern zeichnete sich auch aus als großer Liebhaber und Sammler von Kunstwerken und legte als solcher die Grundlage für die Kapitolinische Pinakothek. Er förderte neben anderen Künstlern den französischen Maler Pierre Subleyras, vom dem dieses Portrait des Kardinal stammt:

Brutal-Barock in Perfektion: „Dove sono le dolci?!“

Der Kardinal war zudem Pannini-Kunde und beauftragte den bekannten Vedutista damit, ihn umgeben von seinen gesammelten Malerei-Schätzen in einer fiktiven Galerie abzubilden:

Pinterest alla Settecento, ein frühes „Where’s Waldo?“ oder das erste Pa(n)nini-Sammelalbum?

Auch lediglich entfernt Kunstinteressierte werden hier sicherlich das eine oder andere Werk wiedererkennen, wenn auch die barocke Rahmen-an-Rahmen-Anordnung für die Augen der Besucher moderner Galerien etwas ungewöhnlich sein mag.

Ich nehme „Barockprälaten“ für 1.000,-

Da in meinem gestrigen Beitrag der Name „Johann Friedrich Karl von Ostein“ fiel, möchte ich dem geneigten Leser diesen Herrn heute gleich einmal vorstellen, und sei es nur, weil er einer dieser Fürsten war, für die der Begriff „Barockprälat“ erfunden worden ist.

„Barockprälat…? Wo?“

Johann Friedrich Karl (* 6. Juli 1689 in Amorbach; † 4. Juni 1763 in Mainz), war von 1743 bis zu seinem Tode Kurfürst und Erzbischof von Mainz, dazu ab 1756 Fürstbischof von Worms. Er war – wer hätt’s gedacht? – mit Lothar Franz von Schönborn verwandt, seinem Vor-Vor-Vorgänger auf dem Mainzer Bischofsstuhl. Während seiner Amtszeit wurde das Erzstift Mainz in den Siebenjährigen Krieg hineingezogen, was sich äßerst negativ auf die Finanzen auswirkte. Ostein verzichtete darauf auf Einfluß in der Reichspolitik und entschied sich zur Neutralität. Die unter seinem Nachfolger, Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim, ernsthaft verfolgten Aufklärungsbestrebungen innerhalb des Erzstifts wurden bereit unter Ostein angestoßen. Zwar drängte er den damals von allen Aufklärern mindestens kritisch betrachteten Einfluß der Jesuiten nicht zurück (was ihm prompt den Ruf eines dünkelhaften Reaktionärs einbrachte), aber er senkte die Zahl der kirchlichen Feiertage und stieß Reformen der Verwaltung, der Wirtschaft, des Messe- und des Schulwesens an.

Auch äußerlich veränderte sich Mainz während seiner Amtszeit. Balthasar Neumann errichtete die Jesuitenkirche und die Kirche St. Peter, das kurfürstliche Schloß wurde weitgehend fertiggestellt, der edle Osteiner Hof entstand für die Familie, für die verwitwete Schwester der Bassenheimer Hof.

Der Osteiner Hof in Mainz

Ostein wird als väterlich und gütig beschrieben. Wenn ich mir die Bambiaugen und das gemütlich-fette Gesicht mit den unverschämt roten Wangen anschaue, kann ich mir das ganz gut vorstellen. Wie die Jungs das mit der theatralisch-eleganten Fingerhaltung immer hingekriegt haben, ohne sich derbe Krämpfe einzufangen, das versuche ich seit Jahren herauszufinden.

Meine Kirchenfürsten

Es kann ja geschehen, daß sich Leser auf diese Seite verirren, die noch keine Bekanntschaft mit meinen älteren Internetaktivitäten gemacht haben. Diesen Beitrag schreibe ich für diese Neuankömmlinge (Servus!), aber auch für routinierte Alipius-Adepten, um ein etwas helleres Licht auf ein Phänomen zu werfen, welches mich seit frühester Jugend mit prickelnder Neugierde, zaghaftem Forscherdrang und kindlicher Freude erfüllt: Der Prälat des 18. Jahrhunderts.

Warum überhaupt dieser Crash-Kurs? Weil es auf dieser Seite mit ziemlicher Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft von seidenumhüllten, pfingstrosenwangigen, entrückt blickenden Exzellenzen und Eminenzen einigermaßen wimmeln wird und Ihr, liebe Leser, Euch dann nicht fragen müßt „Was ist denn mit dem los?“

Es begann – ich weiß nicht wann, aber sicherlich vor meinem 14. Geburtstag – mit dem Portrait eines Kardinals (Fleury? Rohan? Noailles? Rochefoucauld? – es ist so lange her…). Erinnern kann ich mich an diesen eigenartigen Gedanken, der mir durch den Kopf schoß: ‚Kann doch nicht sein, oder?‘, der schriftlich ausformuliert etwa bedeuten sollte: Soll es wirklich einmal möglich gewesen sein, daß sich Männer so kleideten? So unpraktisch eingehüllt, so amüsant erhaben, so grandios leuchtend, so selbstverständlich damenhaft (das Konzept eines Mannes im Fummel war mir bekannt, noch bevor ich lernte, wie Prälaten sich einst kleideten)? Diese Fragen gingen keineswegs mit dem Gefühl der Ablehnung oder des Unwillens einher, sondern – im Gegenteil – mit heftiger Befürwortung selbstbewußt zur Schau gestellter, textiler Eskapaden im Rahmen kirchenfürstlicher Repräsentation.

Randnotiz: Meine Oma seligen Andenkens arbeitete viele Jahre in der Stoffabteilung des Seidenhauses Schmitz auf der Düsseldorfer Königsallee. Daher konnte sie kostbare Stoffe zu reduziertem Preis abgreifen und durfte Reste sogar kostenlos mitnehmen. In ihrem Wohnzimmer hatte sie Vorhänge aus reinem, goldbesticktem Seidenatlas von einer Farbe, die ich bis heute nicht definieren kann (ein Rest des Stoffes hängt bei mir im Stift um einen barocken Bilderrahmen drapiert), die ich aber mal als „das denkbar dunkelste Lachsrosa“ bezeichnen werde, um dem Leser eine Idee zu geben. Als kleiner Bub, also noch lange vor meinem ersten Kardinalsportrait, schlug dieser Stoff mich heftig in seinen Bann. Mich faszinierte sowohl der Glanz als auch die glatte Oberfläche und ich war irgendwie empört, als ich im Laufe der Jahre herausfand, daß sogar Männer sich einst – so sie den entsprechenden Geldbeutel mitbrachten – in solche Stoffe kleideten. Wie jetzt? Und da lauft Ihr heute in grauen Dreiteilern rum? Schande! Ich wurde ein ganz großer Seidenliebhaber, und zwar nicht, weil Seide teuer ist, sondern weil sie aufgrund ihrer Eigenschaften schlicht die logische Hülle ist zumindest für den Teil der Erdbewohner, der irgendwie zu repräsentieren hat oder der ohnehin schon so reich und banane ist, daß er im Bad Waschtischarmaturen aus Gold installieren läßt. Will sagen: Ich wollte und will die Seide weniger für mich, sondern eher an anderen Leuten, wo ich sie besser sehen kann. Es versteht sich von selbst, daß dann so ein Kardinal in wasweißichwieviel Metern Moirée bei mir leicht den Sprung an die Spitze schaffte.

Ich weiß nicht genau, in welchem Bereich meines Verstandes ich welche Menge an Therapie brauche, aber ich weiß, daß in den folgenden Tagen, Wochen, Jahren alleine der Eindruck meines ersten Kardinalsportraits mich den Duft von Pferdeäpfeln dem von Raumsprays vorziehen ließ, mir Sandstein, Holz, Naturstoffe kostbarer machte als Beton, Plexiglas, Polyester und mich auf dem Rücksitz eines Automobils wünschen ließ, ich säße in einer Kutsche und die Landschaft bewegte sich langsamer am Fenster vorbei. Meine Leidenschaften und mein Forscherdrang wurden also Stück für Stück zurückgesaugt in eine Zeit, die sich mir nur noch in Dokumenten und Monumenten verständlich machen konnte.

Kein Jugendlicher möchte parallel zum Pubertäts-, Cliquen- und Schulstreß auch noch moireeseideninduzierte Identitätsfragen beantworten müssen, also schleppte ich meine Prälaten für einige Jahre an der Hand hinter mir her wie kleine Brüder, die quengelnd Aufmerksamkeit einfordern, bis dann das Ende der Schulzeit, die Volljährigkeit und der Führerschein mir so viel Unabhängigkeit gaben, daß ich solide weiterforschen konnte.

Dies führte im Sommer 1990 zu einem „Liebe auf den ersten Blick“-Moment, als mich in Franken die Schönborn-Bischöfe – allen voran der Erzbaumeister Lothar-Franz – nicht nur mit ihren formidablen Portraits sondern auch mit ihren steingewordenen Leidenschaften aus den Socken hauten. Die Epizentren des Bewunderungsbebens liegen in Würzburg (Residenz), in Pommersfelden (Schloß Weißenstein) und in Bamberg (so ziemlich alles, was vor dem Ende des 18. Jahrhunderts entstand). Während das fürstbischöfliche Schloß am Main – aus Ruinen wiedererstanden – sich mit seiner Eleganz, seiner Pracht und seiner Schönheit als Schönborn-Familiendenkmal höflichst aber bestimmt jegliche Kritik verbietet, liegt das Schloß in Pommersfelden – von den Schlaglöchern der Geschichte weitestgehend verschont – schwer und doch vollkommen unbedrohlich da, wie ein übergewichtiger Freund auf der Hängematte, der mir mit ausgebreiteten Armen zuruft „Endlich! Ich dachte schon, Du kommst gar nicht mehr!“

Parallel zu den ab August 1990 unermüdlich weitergeführten Schönborn-Begegnungen und -Forschungen vergaß ich auch die Kardinäle nicht. Hier stellte sich bald heraus, daß ganz besonders die Franzosen des späten 18. Jahrhunderts mir etwas mitzuteilen hatten, und daß in ihren Botschaften nicht immer die Sonne schien. Mehr dazu in einem bald erscheinenden Beitrag über den Kardinal de Bernis.

So. Ob und in welchem Maße dies nun eine Verständnishilfe ist, das werdet Ihr wahrscheinlich besser beurteilen können als ich. Aber ich hoffe, daß Ihr Euch wenigstens beim Lesen nicht gelangweilt habt.

„Stüfchen, Eminenz!“…

… oder: Warum das Internet doch nicht so übel ist.

Vor einigen Wochen nahm ich wieder einmal den Dienst diverser Bildsuchmaschinen in Anspruch, um Nachschub für meine Sammlung von Prälaten-Szenen zu finden. Ins Auge sprang sofort dieses Gemälde:

Rámon Tusquets y Maignon, „Después del Oficio del Pontificado“ (?), (1888)

Geschaffen wurde es von Ramón Tusquets y Maignon, einem 1834 in Barcelona geborenen Kaufmannssohn, den es nach dem Tod des Vaters nach Italien und zur Malerei zog. Die erste Version dieses Bildes, die ich online fand, kam noch ohne Titel daher. Also bemühte ich die Suchmaschine erneut, dieses Mal mit dem Namen des Künstlers. Schnell fand ich den englischen Titel „Venice, the patriarch in Capa Magna leaving San Giovanni e Paolo“. Das kam mir ein wenig unspanisch bzw unitalienisch vor. Und es klang zudem wegen der in diesem Genre absolut unüblichen Nennung der Cappa Magna im Gemäldetitel schwer nach Trad-Bait.

Der nächste Titel, den ich aufspüren konnte, lautete “Auszug eines Kardinals aus San Zanipolo in Venedig”. Deutsch klang zwar immer noch nich ganz korrekt. Aber der Titel gefiel mir trotzdem schon ein wenig besser, weil er immerhin das hübsche venezianische Schmelzwort „Zanipolo“ (= Giovanni e Paolo) enthielt. Die Patrone dieser Dominikanerkirche sind zwei römische Märtyrer aus der Zeit Konstantins des Großen.

Schließlich versuchte ich es dann mit dem ganz offensichtlichen Weg und schaute mir den Wiki-Eintrag zu Tusquets y Maignon an. Und dort steht geschrieben, daß eines seiner Werke den Titel „Después del Oficio del Pontificado“ (nach dem Pontifikalamt) trägt und im Jahre 1888 gemalt wurde. Jedoch findet man diesen Titel bei einer Google-Suche tatsächlich nur acht Mal und nur im Zusammenhang mit besagtem Wiki-Artikel.

Das war mir dann aber letztlich wumpe. Denn der Titel paßt natürlich hervorragend zur dargestellten Szene, bei der mir drei Dinge besonders auffielen: Erstens mußte ich, als ich das Bild sah, sofort an eine zumindest im Rheinland einigermaßen bekannte Andekdotensammlung denken, welche den schönen Titel „Stüfchen, Eminenz!“ trägt. Zweitens ist die Fassade der Kirche modifiziert, um noch ein wenig Himmel mit ins Bild zu bekommen. Drittens scheint das Werk für einen spanischen Auftraggeber oder zumindest für den spanischen Markt angefertigt worden zu sein. Denn die Art, wie der Kleriker rechts des hellblau gekleideten Mädchens sein schwarzes Ferraiolo über den Unterarm geschlungen trägt, ist mir so nur von spanischen Photos bekannt. Zweitens ist Blau als liturgische Farbe auch ein Phänomen, das ich zuerst mit Spanien in Verbindung bringe. Nun handelt es sich bei den blauen Klerikerkleidern streng genommen nicht um liturgische Gewänder, sondern um eine Chorherren-Cappa und eine Mozzetta, aber ich lasse meinen Eindruck dennoch mal so stehen.

Und warum ist nun also das Internet doch nicht so übel? Weil es mir erstens nach sehr kurzer Suche dieses Werk präsentierte und ich zweitens mit relativ geringem Aufwand einiges über den Künstler und das Werk in Erfahrung bringen konnte (die Kirche kannte ich vorher schon ganz gut, weil sie mir im Rahmen einer größeren Recherche mehrmals über den Weg lief).