Welche Welt?

Klügere Köpfe haben es wahrscheinlich schon längst entdeckt und schon immer gewußt. Mir ist neulich erst aufgefallen, was ich an facebook so verstörend finde: Dieses vollkommen willkürliche Durcheinander der Informationen und Eindrücke, die aufgrund ihrer Präsentationsform irgendwie alle gleichwertig zu sein scheinen und daher oft so lächerlich und deplaziert wirken, wenn sie aufeinander folgen.

Auf eine Katastrophenmeldung folgt ein total cooler Lifehack, auf ein Weltuntergangs-Szenario ein Foodporn, auf eine Gebetsbitte für einen verstorbenen Freund ein knüffiges Panda-Video, auf ein schönes Photo eine viel zu persönliche Information, auf ein kommentarlos geteiltes Musikvideo eine öffentliche Schlammschlacht, auf eine moralische Entrüstungsarie ein flapsiges Meme. Und dann geben sich natürlich ständig Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen aus allen extremistischen Windrichtungen die Klinke in die Hand.

Die sich aufdrängende Frage lautet: Wo und wie positioniere ich mich bzw meine Beiträge in diesem Strom von Informationen, der zugleich so rein und erfreulich und doch auch so schmuddelig und deprimierend ist? Oder anders: Welche Welt will ich auf meiner facebook-Wall zeigen?

Ich habe mich letztlich dazu entschlossen (und dies schon vor geraumer Zeit), den Leuten da draußen nicht DIE Welt zu erklären, sondern ihnen MEINE Welt zu zeigen (so sie sich überhaupt darstellen und vermitteln läßt). Das mache ich nicht, weil ich zum Tages- und Weltgeschehen keine Meinung habe oder nichts darüber weiß, sondern eher, weil sich das Tages- und Weltgeschehen in meinem Geist und meiner Seele seit Jahren einfach nicht als das niederläßt, was mich bewegt und von mir bewegt wird. Ich meine, die Welt geht auch unter, wenn ich vorher nicht Durchblickertum simuliere und kreischend davor warne. Soviel Vertrauen habe ich schon in meinen Gott, daß er das auch ohne meine Stimme durchzieht. Aber bis es soweit ist, murmele ich lieber leise und vielleicht manchmal auch unbemerkt mit meiner eigenen Stimme, als laut in irgendeinem Chor mitzusingen.

Nur eine weitere Liebeserklärung

Für alle, die es nicht mitgekriegt haben: Ich bin momentan in Bamberg und mache Urlaub mit Familie und Freunden. Im Corona-Jahr ist natürlich alles etwas anders, aber selbst, wenn die Gesamtsituation des Jahres 2020 nicht grundsätzlich schwer verbesserungswürdig wäre, stächen diese Tage doch als sehr schön, erholsam und prächtig heraus. Meine tiefe Verbundenheit mit und Liebe zu Bamberg habe ich in der Vergangenheit oft genug schriftlich festgehalten. Auch andere Orte, wie die Würzburger Residenz, das Schloß Werneck, die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen, die Abtei Ebrach und – natürlich – das Schloß Weißenstein ob Pommersfelden wurden bereits geziemend besungen.

Meine Faszination mit dem Garten des Schlosses Seehof bei Bamberg habe ich ebenfalls bereits beschrieben. Aber nach dem gestrigen Aufenthalt dort muß ich heute noch mal einen drauflegen. Zuerst einmal ein alter facebook-Eintrag zum Warmlaufen:

Schloß Seehof hat sich im Laufe der letzten Jahre bei mir zu einem weiteren echten Sehnsuchtsort entwickelt. Ich war heute dort und bin fast drei Stunden lang durch Schloß und Garten spaziert. Der Ort wirkt an vielen Stellen wie aus der Zeit gefallen. Stille im eigentlichen Sinne herrscht dort nicht, da das Gezwitscher und Gegurre der Vögel ebenso kein Ende zu haben scheint, wie die Laubengänge, Hecken, Alleen und Wege der weitläufigen Anlage. Aber wenn man außer Schloß und Natur nichts sieht und außer dem Vogelgezwitscher und dem selten genug zu vernehmenden Geknirsche des Kies unter den Füßen der angemessen träge schreitenden Besucher nichts hört, dann empfindet man nach kurzer Zeit schon den Anblick eines mit angestrengt-dringlicher, schweißbedeckter Miene vorbeijoggenden Körpers wie einen Drohboten aus einer ungewissen Zukunft. Während der Schloßführung (nicht meine erste, versteht sich) geschah nach wenigen Minuten das, was an diesen Orten immer geschieht: Die Stimme der Erklärdame drang wie durch einen Nebel zu mir, ich hing meinen Gedanken nach, verirrte mich beinahe auf meine eigenen Wege, die dann doch nicht ganz die Meinen sind, weil sie vor langer Zeit von Anderen zuerst beschritten wurden. Eine ganz spezielle Art des Behütet-Seins wirft sich jedes Mal sanft über mich, wenn ich die Anlage betrete. Entsprechend zäh fällt dann der Abschied aus, welcher immerhin erleichtert wird durch die Hoffnung auf eine Rückkehr an einen dieser Orte, die ich gerne beschreibe, obwohl ich nie angemessen über sie sprechen kann.

Gestern nun setzte ich mich nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den Schloßgarten auf eine Parkbank und schrieb dies in mein Reisetagebuch:

Die Liebe zu diesem Ort scheint mir von Besuch zu Besuch schwerer zu wiegen. Das Dach über meinem Kopf, das ist unbestritten und unangefochten Schloß Weißenstein ob Pommersfelden. Doch der Boden unter meinen Füßen ist ganz offenbar der Garten des Schlosses Seehof. An einem Tag wie diesem könnte ich mich hier, unter dem weiß-blauen „Seehofer Himmel“ (wie ich ihn mittlerweile wegen seines verläßlichen Auftretens anläßlich eines jeden meiner Besuche nenne), eigentlich seufzend und lächelnd ins Gras legen und sterben, vorausgesetzt die richtige Person/die richtigen Personen ist/sind anwesend und hält/halten mein Hand/Hände. Wenn ich auf der Kreuzung zweier Heckenwege stehe, nichts höre außer dem Gesang der Vögel, keinen Menschen sehe und keinen Wunsch hege, dann bin ich dieser Welt und dieser Existenz plötzlich so entzogen, so entrückt, so fremd, daß ich eigentlich auch verschwinden könnte. Zwar ist von der einstigen Herrlichkeit der Seehofer Gärten außer den mühsam rekonstruierten Wasserspielen der Kaskaden wenig bis nichts erhalten. Aber das Gedächtnis dieses Ortes spricht zu mir in bewegender Vertrautheit, die mir zwar nicht den Glanz vergangener Zeiten vor das innere Auge rufen kann, aber meine Seele jauchzen läßt, als erblickte ich erneut, was ich niemals sah.

Sehnsuchtsort, fürwahr…