Schöner sparen (IV), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Nachdem Friedrich Karl von Schönborn im Jahre 1746 verstorben war, fiel die endgültige Fertigstellung der Residenz seinem Nachfolger, Anselm Franz von Ingelheim, in die Hände. Dieser hatte allerdings überhaupt kein Interesse an der Vollendung des Schlosses. Er entließ alle Hofkünstler und übertrug nur Balthasar Neumann den Bau des Käppele auf dem Nikolausberg. Würzburg hielt einmal kurz den Atem an: Nicht nur, weil es in der Residenz nicht voran ging, sondern auch, weil der gesundheitlich schwache Ingelheim sich mit diversen Scharlatanen an der Herstellung von Gold und lebensverlängernden Elixieren versuchte. Sein glücklicherweise in sicherer Entfernung von der Residenz untergebrachtes Labor flog dann auch prompt in die Luft und hätte aufgrund der leicht entflammbaren Materialien, die dort lagerten, fast einen Großbrand verursacht.

Der für Stadt und Residenz nicht ungefährliche Fürst verstarb bereits 1749. Die Würzburger schnauften durch und erkannten erleichtert, daß, wie bei der Bischofswahl im Jahre 1729, auf Stagnation nun wieder Aktivität folgte: Der neue Fürstbischof, Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, ruft Neumann und die Künstler der Schönborn-Regierung zurück, damit diese an Vestibül, Treppenhaus, Gartensaal und Kaisersaal weiterschaffen können. Und nicht nur dies: Greiffenclau stellt dem großen Baumeister einen großen Maler an die Seite: Aus Venedig wird Giovanni Battista Tiepolo gerufen bzw. mit einer riesenhaften Summe gelockt. Der bereits schwer umjubelte Freskenmeister reist mit seinen Söhnen Domenico und Lorenzo an und schafft in den Folgejahren zuerst im Kaisersaal (1751) und dann im Treppenhaus (während der Sommer 1752 und 1753) zwei seiner großartigsten Werke. Die Tiepolos reisen im November 1753 ab. Als Fürstbischof Greiffenclau ein Jahr später verstirbt, gilt die Residenz als so gut wie vollendet..

Der im Januar des Jahres 1755 einstimmig zum Fürstbischof gewählte Schönborn-Neffe Adam Friedrich von Seinsheim hatte einerseits das Glück, daß er sich im Grunde in das so gut wie gemachte Residenz-Nest setzen konnte, litt aber andererseits in seinen Bistümern (1757 kam noch Bamberg hinzu) erst einmal unter den Belastungen des Siebenjährigen Krieges, welcher ihm stellenweise so nahe kam, daß er 1758 sogar die Pferde anspannen ließ, um rechtzeitig aus der Stadt fliehen zu können. Jedoch: Fürst und Stadt und Residenz blieben verschont, und im Jahre 1763 konnte die Arbeit am Schloß wieder aufgenommen werden. Ebenso, wie die bereits verstorbenen, großen Meister der Residenz nun durch eine Generation neuer Künstler ersetzt wurden, so mußten auch die alten Pläne für die endgültige Fertigstellung weichen. Fürstbischof Seinsheim entschließt sich, mit der Mode zu gehen und läßt Vestibül und Treppenhaus entsprechend dem neuen „goût grecque“ in klassischer Einfachheit vollenden. Hatte Neumann noch – wie auf erhaltenen Entwürfen zu sehen – für das Treppenhaus ein blühendes Rokoko-Kleid im Stile des Weißen Saales vorgesehen, so wurde nun schlichter ausgestattet, wobei sogar bereits vorhandener Rokoko-Stuck zerstört wurde, um die Einheitlichkeit der Gestaltung zu wahren. Unter Seinsheim werden auch die beiden nördlichsten Paradezimmer umgebaut (eines davon zum wunderschönen, grünlackierten Kabinett) und die sogenannten Ingelheimzimmer klassizistisch umgestaltet.

VLNR:
Anselm Franz von Ingelheim, der Bischof, der nicht so recht wollte
Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, der den großen Tiepolo engagierte
Adam Friedrich von Seinsheim, unter dem vollendet und auch schon umgestaltet wurde

Man darf also durchaus behaupten, daß die Residenz während der Seinsheim-Jahre nicht nur vollendet wurde sondern an einigen Stellen sogar schon wieder ein wenig überreif erschien, wenn tatsächlich modische Fragen bereits zu Umgestaltungen führten. Als Seinsheim im Jahre 1779 als vielgeliebter „Vater des Vaterlandes“ stirbt, sind die Tage der Residenz als Zentrum glanzvoller Hofhaltung auch schon wieder gezählt. Seinsheims Nachfolger Erthal war ein wackerer Aufklärer, der mit Prunkentfaltung, Festivitäten und Jagden nichts am Hut hatte. Und mit der über den letzten Würzburger Fürstbischof Georg Karl von Fechenbach hereinbrechenden Säkularisation hatte sich die Sache dann eh erledigt.

1806 zieht Großherzog Ferdinand als Herrscher über das neu geschaffene, aber kurzlebige Großherzogtum Würzburg in die Residenz ein und läßt die seit der Schönbornzeit in feinstem Rokoko ausgestatteten Zimmer der Bischofswohung im Südtrakt im Stil des Empire zerstöpurifiz… umbauen.

Und schon sind wir am Ende meiner kleinen Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz. Natürlich fehlt noch ein wichtiges Kapitel, nämlich die Zerstörung 1945 und der lange und mühsame Wiederaufbau des grandiosen Baus. Ich will dazu nur anmerken, daß ich diesen gewaltigen „Block von unerbittlicher Symmetrie, in den edelsten Verhältnissen und von einem heiteren Umrisse“ (Max H. von Freeden) auch als aus der Asche emporgestiegenen Phönix immer herzlich gerne besuche, wenn ich auch hin und wieder das Gefühl habe, daß diese Mauern in bestimmten Momenten eher skeptisch auf die Besuchermassen schauen und sich nach ihren fürstlichen Bauherren und Bewohnern und deren eigentümlicher Mischung aus krachendem Hofleben und zeremonieller Käfighaltung zurücksehnen.

Schöner sparen (III), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wir verließen im zweiten Teil die Stadt Würzburg und die in ihrer Mitte heranwachsende Residenz zu dem Zeitpunkt, als Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn im Alter von nur 51 Jahren soeben überraschend verstorben war.

Zum Nachfolger des am Ende seiner Amtszeit nicht mehr besonders beliebten Schönborn wurde Christoph Franz von Hutten gewählt, der Anführer der Schönborn-Opposition im Domkapitel. Der neue Bischof ließ nun die Arbeit an der Residenz erst einmal ruhen. Erstens wollte er ein wenig sparsamer regieren als sein Vorgänger, zweitens hatte er durchaus verstanden, daß es sich bei dem Bau im Grunde um ein Familienprojekt handelte. Ob er bereits ahnte, daß die Leitung des Fürstbistums bald wieder in den Händen der weitverzweigten Schönborn-Familie liegen würde? Balthasar Neumann wurde die Leitung des Baus entzogen, sicherlich, um ihn für andere Aufträge einzusetzen, denn der neue Bischof war dem Architekten keineswegs feindlich gesinnt, beförderte ihn sogar zum Major.

An der Residenz wurde lediglich der bereits begonnene Nordflügel überdacht, um den Bau bezugsfertig zu machen. Hutten bewohnte in dieser Zeit den benachbarten Rosenbachpalais und verstarb nach nur fünf Regierungsjahren am 25. März 1729, ziemlich genau zu der Zeit, als die Arbeiten am Nordflügel ihrem Ende entgegengingen.

Und so wurde das Jahr 1729 sowohl für die Familie Schönborn als auch für die Würzburger Residenz zu einem Jahr von großer Bedeutung. Denn bereits im Jänner war in Mainz Familienchef und Kurfürst Lothar Franz im Alter von 74 Jahren gestorben. Lothar Franzens Lieblingsneffe Friedrich Karl war in Bamberg schon seit 1710 Koadjutor mit dem Recht auf Nachfolge und erhielt nun – nachdem es 1719 und 1724 nicht funktioniert hatte – auch den Würzburger Bischofssitz dazu. So erwies sich die Prophezeiung des Onkels als wahr. Dieser hatte 1718 im Marmorsaal seines Schlosses zu Pommersfelden das Portrait Friedrich Karls begutachtet und dem Neffen darauf schriftlich mitgeteilt, daß es trefflich ähnlich sei „und siehet aus, als wenn er schon Bischof zu Bamberg und Würzburg wäre!“

Ebenfalls im Jahre 1729 bestieg ein vierter Neffe des Lothar Franz einen bischöflichen Thron: Franz Georg wurde Kurfürst und Erzbischof von Mainz. Wohl nie zuvor war der generalstabsmäßige Angriff einer Familie auf die geistlichen Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches von solchem Erfolg gekrönt worden.

Friedrich Karl hielt sich nach seiner Wahl nur kurz in seinen neuen Fürstentümern auf, da ihn seine Stellung als Reichsvizekanzler noch einmal für zwei Jahre nach Wien rief. 1731 kehrte er endgültig nach Franken zurück und bezog die Residenz. Diese war bei der Wahl des Bischofs erst zu einem Fünftel vollendet. Auf einer getuschten Federzeichnung kann man den Zustand der Residenz in diesem Jahr betrachten. Zu sehen ist der Einzug des Bischofs. Der bereits fertiggestellte Nordflügel ist mit einem gewaltigen Schaugerüst dekoriert. Der Südflügel befindet sich im Bau. Die Verbindung durch den Mittelbau ist noch nicht in Angriff genommen worden.

Die Würzburger Residenz im Jahre 1731

Friedrich Karl war selbst nicht ganz unschuldig daran, daß der Würzburger Bischofsbau ins Große getrieben wurde, hatte er doch zusammen mit dem sicherlich noch hartnäckigeren Oheim Lothar Franz diesen Gedanken heftig unterstützt. Nun, da er selbst Bischof und somit für die Vollendung des Baus verantwortlich war, gestand er, daß dieser doch nach einer „allzu großen Idee“ begonnen worden war. Als waschechter Schönborn nahm er aber die Herausforderung an.

Der Fürstbischof bezieht seinen Wiener Hausarchitekten Johann Lucas von Hildebrandt mit ein, ohne aber Neumann zu entmachten. Die Pläne für den weiteren Bau stammen aus dem Büro Hildebrandts, aber die Bauleitung bleibt bei Neumann. Dieser kann ab 1741 sein wahres Genie unter Beweis stellen. Ihm verdanken wir die Kaisertreppe und auch das stützenlose Treppenhaus mit seinem Gewölbe, das eine Spannweite von 19 Metern aufweist. Im Jahre 1744 ist der gesamte Bau überdacht und fertig eingewölbt.

Der Bischof und seine Baumeister (vlnr):
Balthasar Neumann, Friedrich Karl von Schönborn, Johann Lucas von Hildebrandt

Unter Friedrich Karl von Schönborn beginnt ab 1735 auch die Ausstattungsgeschichte der Residenz. Diese ist vor allem deswegen interessant, weil der Fürst sich künstlerisch überhaupt nicht an Paris orientiert (ein Vorwurf, den seinem Vorgänger Hutten gemacht wurde), sondern die Hofkunst Wiens zum Maßstab macht und daher auch einen großen Teil seines Wiener Künstlerstabes an den Würzburger Hof mitnimmt. Es arbeiten fortan unter anderem der bereits erwähnte Johann Lucas von Hildebrandt als leitender Planer, der schon betagte Hofmaler Johann Rudolf Byss, von dem Fresken und Entwürfe für Gobelins stammen, der Stuckateur Giuseppe Antonio Bossi, der nicht nur aber vor allem im Weißen Saal ein schon fast unanständig friemeliges Monument Würzburger Rokoko-Herrlichkeit entstehen ließ, sowie der Bildhauer Wolfgang van der Auwera, der für die Plastiken der Portalfront und der Innenräume verantwortlich ist.

Als Friedrich Karl von Schönborn am 26. Juli 1746 in Würzburg stirbt, ist die Residenz fast vollendet. Lediglich Vestibül, Treppenhaus und Kaisersaal warten noch auf den vollständigen Ausbau.

Warum mit der Wahl des neuen Bischofs dann doch noch einmal kurz Furcht vor Stillstand aufkam, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Kapitel.

Schöner sparen (II), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wie im ersten Teil erwähnt, war der neue Würzburger Fürstbischof, Johann Philipp Franz von Schönborn, durchaus an einer modernen und repräsentativen Stadtresidenz interessiert, jedoch fehlten bei seinem Amtsantritt erst einmal die nötigen Gelder. Im Übermaß vorhanden waren hingegen die Luftschlösser, die Onkel Lothar Franz in Mainz und Bruder Friedrich Karl in Wien umgehend mit ihren Kavalierarchitekten errichteten. Johann Philipp Franz übernahm zuerst einmal von seinem Vorgänger den Ingenieur-Hauptmann Balthasar Neumann, dem er die barocke Umgestaltung der gesamten Stadt Würzburg auftrug, während er seinen Verwandten die Planungsleitung der neuen Residenz überließ.

Die Idee einer Vergrößerung des von Petrini bis 1704 errichteten Schlößchens wurde verworfen, als an dem Bau statische Mängel und Schäden im Mauerwerk offenbar wurden. So mußte der alte Palast weichen, und die Idee für einen grandiosen Neubau wuchs heran.

Und plötzlich stellte sich auch der benötigte Geldregen ein: Fürstbischof Schönborn hat schon als Domherr den Verwaltungsapparat seines Vorgängers stets kritisch im Auge gehabt und konnte nun einigen Beamten, allen voran dem Hofkammerdirektor Jakob von Holach, Bestechung und Veruntreuung nachweisen. Ein Prozeß brachte laut verschiedenen Quellen zwischen 500.000 fl. und 640.000 fl. ein. Diese Summe entsprach, so sagt man, ungefähr den Jahreseinnahmen des Hochstifts Würzburg, war also kein Kleingeld.

Kaum klingelte es in der Kasse, meldete sich auch schon der Kurfürst aus Mainz mit der trockenen Aufforderung „Nur wacker Bauconcepten her!“ und dem scherzhaften Rat, dem untreuen Beamten vor dem neuen Schloß ein Denkmal errichten zu lassen.

Auf Lothar Franzens Privat- und Familienschloß Weißenstein zu Pommersfelden kam es bald darauf zu einer für die fränkische Kunstgeschichte schicksalhaften Begegnung: Der Familienchef nahm dort im Jahre 1719 zusammen mit Reichsvizekanzler und Lieblingsneffen Friedrich Karl aus der Hand Balthasar Neumanns die ersten Pläne für die neue Residenz entgegen. Das Urteil fällt positiv aus: Der Kurfürst lobt die Persönlichkeit und den Sachverstand des noch unbekannten Baumeisters und empfiehlt seinem Würzburger Neffen, ihn auch unbedingt für den Neubau des Schlosses einzusetzen.

Und so fand am 22. Mai 1720 beim Rennweger Tor zu Würzburg die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Residenz statt. Johann Philipp Franz bezieht den Rosenbacher Hof am Rennweg, um den Bauplatz stets im Auge zu haben und den Arbeitern das Gefühl zu geben, vom Bauherrn beobachtet zu werden. Vielleicht kein feiner, aber ein wirksamer Trick, der zurückgeht auf die Erfahrung des Oheims, der während der Bauarbeiten am Schloß zu Pommersfelden bemerkt hatte, daß das „oculus domini“ die Künstler und Handwerker doch stets anzutreiben wußte.

Es kam nun zu unzähligen Bausitzungen und zu einer umfangreichen Korrespondenz zwischen Würzburg, Mainz und Bamberg/Pommersfelden. Lothar Franz sah sich als Chef der Familie natürlich berechtigt, immer ein Wörtchen mitzureden. Er schickte seinen Bamberger Oberbaudirektor Maximilian von Welsch und einige seiner Baudirigierungsgötter aus dem Kreis seiner bauverständigen Kavaliere, wie z.B. von Erthal und von Rothenhan, mit Ideen, Anregungen und Instruktionen nach Würzburg und wartete auf jede Nachricht so gepannt, wie ein Feldherr auf den Ausgang einer Schlacht.

Bereits 1723 erschien ein gewaltiger Kupferstich (145 x 115 cm) , der das neue, barocke Würzburg mit der fertiggestellten Residenz als sogenanntes Thesenblatt zeigte. Das Schloß befand sich zu diesem Zeitpunkt zwar noch in den Kinderschuhen, aber man wollte immerhin einen Gesamteindruck schaffen.

Ausschnitt aus dem Thesenblatt [Quelle]

Ebenfalls im Jahre 1723 wurde Balthasar Neumann nach Frankreich geschickt, um die Pläne der Residenz dem französischen Hofarchitekten vorzulegen. Ein weiterer Schönborn-Bruder, der Kardinal Damian Hugo, Fürstbischof zu Speyer und später auch zu Konstanz, ließ seine Beziehungen im Heiligen Kollegium spielen und vermittelte den Architekten an Kardinal de Rohan, der den Weg nach Paris ebnete. Von Boffrand nahm Neumann viele wertvolle Anregungen für die Ausstattung der Residenz mit. Es kam sogar zu einem Gegenbesuch: 1724 reiste der Franzose nach Franken, begutachtete die werdende Residenz in Würzburg, das Schönbornsche Familienschloß in Wiesentheid und Lothar Franzens Schmuckstück in Pommersfelden, wo ihn besonders und nachhaltig das Treppenhaus überzeugte: „Etwas so Großes und Herrliches kann man in ganz Frankreich nicht finden!“

Es lief also insgesamt alles nach Plan, bis am 18. August 1724 plötzlich Sand ins Getriebe kam: Fürstbischof Johann Philipp Franz erlag auf der Rückreise von einem Besuch beim Trierer Kurfürsten und Deutschordensmeister Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg auf dessen Schloß in Mergentheim einem Schlage.

Der wache und stets gut informierte Lothar Franz ahnte sofort, daß der Bau der Residenz nun ins Stocken geraten könnte. Sein Neffe hatte sich als Fürstbischof etwas zu selbstherrlich gegeben, war in der Bevölkerung nicht der Beliebteste und hatte sich schließlich auch mit dem Domkapitel überworfen. Er wird sich zweifellos während seiner Amtszeit den einen oder anderen Rüffel vom Oheim eingefangen haben, weil er dessen simple Grundregeln im Umgang mit den Leuten eher ignorierte: „… mit dem Domkapitel wohl zu stehen, alles nit so genau zu nehmen undt bisweilen 5 gerat sein zu lassen, jedermänniglich obligat zu begegnen und denen guets zu tun, die es meritieren, niemandt aber zu verfolgen, amen.“

Schuldig im Sinne des Gesamtkunstwerkes (vlnr):
Lothar Franz von Schönborn: Familenoberhaupt, Ideengeber, Protektor und manchmal Diktator seiner Neffen
Johann Philipp Franz von Schönborn: Unter ihm begann der Bau der Residenz
Friedrich Karl von Schönborn: Unter ihm wird der Bau fertiggestellt und die prachvolle Ausstattung begonnen

Die Aussichten auf einen weiteren Schönborn-Bischof in Würzburg waren somit gering, wenn auch mit Lothar Franz und Friedrich Karl die beiden hervorragendsten Köpfe des Hauses Mitglieder des dortigen Domkapitels waren.

Wie bzw. daß es mit dem Bau der Residenz nun dennoch weiterging, das erfährt der geneigte Leser im dritten Teil.

Wenn der Kardinal plötzlich zum Papst wird

Im Jahre 1739 gab der damalige Erzbischof von Bologna, Prospero Kardinal Lambertini, beim Maler Giuseppe Maria Crespi ein lebensgroßes Portrait in Auftrag. Die Arbeit an diesem Werk war bereits gut fortgeschritten, als der Kardinal im Februar 1740, nach dem Tode Papst Klemens XII, zum Konklave nach Rom abberufen wurde.

Lambertini: „Wir machen dann später weiter…“
Crespi: „Okay…“

Es tritt auf: Das Schicksal in Form von 55 Kardinälen und einem Heiligen Geist. Lambertini verläßt nach über einem halben Jahr überrascht und überraschend das Konklave als Papst Benedikt XIV, und Crespi sitzt in Bologna mit einem so gut wie fertigen Kardinalsportrait. Guter Rat war aber nur für kurze Zeit teuer, entschloß Benedikt XIV sich doch, die päpstlichen Gewänder und Insignien in das Portrait einfügen zu lassen. Vom Kardinalsportrait existiert eine vorbereitende Studie, die Crespi dem Kardinal als Entwurf vorlegte und die dieser genehmigte. Somit ist es möglich, die beiden Werke zu vergleichen.

Neben der veränderten Kleidung fällt die Übereinstimmung in kleinen Details auf, wie z.B. den beiden Tintengefäßen auf dem Tisch oder dem in der oberen Regalreihe zwischen den Büchern steckenden, versiegelten Umschlag. Auch sieht man auf dem Portrait des Papstes die weiß übermalten Kardinalsgewänder wieder rot durchscheinen, was wohl der Alterung der weißen Pigmente zuzuschreiben ist (vermute ich mal; befreundete Künstler mögen mich hier verbessern oder ergänzen).

Benedikt XIV ging übrigens als einer der eher umjubelten Päpste in die Geschichte ein. Er war ausgesprochen gelehrt, erfreute sich sogar außerhalb der katholischen Welt einer gewissen Beliebtheit, betrieb keinen Nepotismus, galt als uneitel, volksnah und unbestechlich. Verewigt wurde er als Papst in diversen Portraits, unter anderem in diesem atemberaubend intensiven Frontalangriff des Franzosen Pierre Subleyras aus dem Jahre 1746:

Der Nachwelt erhalten blieb er aber auch als Kardinal in Alfredo Testonis Theaterstück „Il Cardinale Lambertini“ aus dem Jahre 1905, verfilmt 1934 und 1954 mit Ermete Zacconi bzw. Gino Cervi in der Titelrolle.

Über Benedikt XIV gibt es noch die eine oder andere Anekdote zu berichten. Es kann also sein, daß er hier auf dem Blog noch einmal auftaucht.

Ein etwas anderer Spaziergang durch Paris

Eine nicht zu unterschätzende Nebenwirkung meiner momentanen Arbeit: Ich finde im Internet die tollsten Sachen. Zum Beispiel den „Plan de Turgot“, von dem ich bisher nicht einmal gehört hatte, der sich aber für die nächsten Kapitel meiner Übersetzung als überaus nützlich erweisen dürfte.

Besagter Plan ist eine irrsinnig detaillierte Darstellung der Stadt Paris zu Beginn des zweiten Drittels des 18. Jahrhunderts. Der französische Architekt und Kartograph Louis Bretez besorgte die Maße, indem er – selbstverstänlich mit Erlaubnis der Besitzer – zwischen 1734 und 1736 alle möglichen Häuser und Gärten betrat, um dort das Notwendige zu erfassen. Ab 1736 stach dann der Graveur Claude Lucas die 20 Tafeln des Planes, die aneinandergelegt eine Stadtkarte mit den Ausmaßen von 2,5 x 3,0 Metern ergeben. Die einzelnen Tafeln (und auch den Gesamtplan) könnt Ihr auf Wikipedia bestaunen. Warnung: Der Gesamtplan ist dort in der Originalgröße abrufbar, wird also als jpeg mit 2,08 GB Größe in Euren Rechner einschlagen.

Die Ausrichtung der Karte ist etwas gewöhnungsbedürftig, wird die Stadt doch in der Sicht nach Südosten dargestellt. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Ich werde mir jetzt erst einmal einen Kaffee machen und dann ein wenig in Paris spazieren gehen…

Wein statt Wasser

Der Verduner Altar hat seinen Namen nicht von der Stadt, sondern von dem Künstler, der diesen bedeutenden Schatz des Stiftes Klosterneuburg in zehnjähriger Arbeit fertigstellte: Nikolaus von Verdun (*ca 1135, + nach 1205).

Der Klosterneuburger Altar ist das einzige Werk, welches den Namen des Künstlers trägt. Zugeschrieben werden ihm noch der Dreikönigsschrein im Kölner Dom und der Marienschrein in Notre-Dame in Tournai.

Das inhaltliche Programm des Altars ist überaus lehrreich und fesselnd. Es vergleicht in drei Reihen die heilsgeschichtlichen Zeitalter ante legem (vor dem Gesetz: von Adam bis Mose), sub lege (unter dem Gesetz: von Mose bis Christus) und sub gratia (seit der Elösung durch Christus) in Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament.

Der Altar war nicht immer Altar, sondern diente zuerst als Kanzelverkleidung in der romanischen Stiftskirche. Eine Katastrophe führte zur Umwidmung: Im Jahre 1330 stand das Stift in Flammen. Das Löschwasser war bereits ausgegangen, aber man war ja im Stift Klosterneuburg. Der Verduner Altar wurde gerettet, indem man ihn mit weingetränkten Tüchern schützte. Im Rahmen des Wiederaufbaus ließ Propst Stefan von Sierndorf die Kanzelverkleidung zu einem Flügelaltar umbauen, wobei die 45 Emailplatten um sechs ergänzt wurden, damit man die Flügel auch schließen konnte. Man erkennt, daß die neuen Tafeln Nikolaus von Verdun kopieren wollen. Man erkennt aber auch, wer der Meister war.

Der Altar befindet sich heute in der Leopoldikapelle des Stiftes.

Lieber gut geklaut, als schlecht selbst gemacht

Dies ist ein Repost eines etwas älteren Gesichtsbuch-Beitrags. Auf facebook verschwinden die Sachen immer so schnell in der Timeline, also bewahre ich diese kleine Perle nun – in einer längeren Version – hier auf.

Jacint Rigau-Ros i Serra (1659 – 1743) hat sich in der Welt der Kunst als Hyacinthe Rigaud verewigt. Er war der unumstrittene Portraitköing seiner Zeit und hat so ziemlich alles auf Leinwand gebracht, was Rang und Namen hatte, war sich aber auch keineswegs für bürgerliche Portraits zu schade.

Eines seiner ganz bekannten Werke ist das Portrait des Kardinals Armand Gaston Maximilian de Rohan-Soubise (1674 – 1749), Fürstbischof von Straßburg, Großalmosenier von Frankreich. Das Gemälde stammt laut Rigaudschem Rechnungsbuch aus dem Jahr 1710, enstand also noch vor der Ernennung zum Kardinal, die im Jahre 1712 erfolgte. Die roten Gewänder sind möglicherweise eine Auszeichnung des Königs, verliehen zwei Jahre vor der offiziellen Kreation durch den Papst.

Man sieht den 36-jährigen Prälaten auf dem Höhepunkt seiner Manneskraft (oder wie sagt man das?) und erhält einen Einblick in das Schönheitsideal jener Zeit, wenn man den Marquis d’Argenson seufzen hört (oder liest): „Der Kardinal de Rohan ist der schönste Prälat der Welt!“

„Vraiment? Nun gut. Ich werde diese Bürde tragen.“

Hochgelobt wurde aber auch der Charakter des Kardinals, seine Unkompliziertheit, seine Ehrlichkeit, sein Charme und seine Fähigkeit, all jene Eigenschaften so zu dosieren, wie es die jeweilige Situation verlangte.

Pfründen- und ehrenüberhäuft entschloß er sich im Jahre 1727 zum Bau des prächtigen Palais Rohan in Strasbourg, der für Jahrzehnte auch Familienresidenz war, besetzten doch Bischöfe aus dem Hause Rohan von 1704 bis 1801 den Thron des Bistums.

Ich staunte nun nicht schlecht, als ich vor einiger Zeit im Internet über das folgende Portrait stolperte und feststellte, daß es sich bei dem Abgebildeten nicht um den Kardinal de Rohan handelte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand…“

Aus diesem Bild sehen wir den Kardinal Dominique de La Rochefoucauld-Langeac (1712 – 1800), Erzbischof von Rouen, Abt von Cluny, portraitiert von einem Maler der „französischen Schule des 18. Jhdts“ (mehr konnte ich bisher nicht herausfinden).

Rigaud jedenfalls hat das zweite Portrait nicht erschaffen, da er 35 Jahre vor der Kardinalskreation Rochefoucaulds starb. Immerhin: Sein Ruf und Können haben dafür gesorgt, daß Rouchfoucauld zum „Maler der französischen Schule“ wahrscheinlich einfach nur sagte: „Keine Experimente: Kopiere einen Rigaud und mach mein Gesicht drauf“.

Kunst (und wie man sie geziemend präsentiert)

Kardinalstaatssekretär Silvio Valenti Gonzaga (1690 – 1756) war nicht nur ein schwerst barocker Prälat (besaß also somit die Eintrittskarte zu diesem Blog), sondern zeichnete sich auch aus als großer Liebhaber und Sammler von Kunstwerken und legte als solcher die Grundlage für die Kapitolinische Pinakothek. Er förderte neben anderen Künstlern den französischen Maler Pierre Subleyras, vom dem dieses Portrait des Kardinal stammt:

Brutal-Barock in Perfektion: „Dove sono le dolci?!“

Der Kardinal war zudem Pannini-Kunde und beauftragte den bekannten Vedutista damit, ihn umgeben von seinen gesammelten Malerei-Schätzen in einer fiktiven Galerie abzubilden:

Pinterest alla Settecento, ein frühes „Where’s Waldo?“ oder das erste Pa(n)nini-Sammelalbum?

Auch lediglich entfernt Kunstinteressierte werden hier sicherlich das eine oder andere Werk wiedererkennen, wenn auch die barocke Rahmen-an-Rahmen-Anordnung für die Augen der Besucher moderner Galerien etwas ungewöhnlich sein mag.

Besonderes Problem + clevere Lösung = Einzigartiger Kirchenbau

„Wir seyn die viertzehn nothhelffer und wöllen ein Cappellen haben und auch gnediglich hie rasten und biß unser diener so wöllen wir dein diener wieder seyn.“

Mit diesen Worten begann die Geschichte des Wallfahrtsortes Vierzehnheiligen. Ein Schäfer des zwischen Coburg und Bamberg liegenden Klosters Langheim bei Lichtenfels sah am 24. September des Jahres 1445 auf einem Acker ein kleines Kind sitzen. Als er es auf den Arm nehmen wollte, verschwand es. Kurze Zeit darauf sah er das Kind erneut, an derselben Stelle, dieses Mal zwischen zwei brennenden Kerzen. Wieder verschwand das Kind, als der Schäfer sich ihm näherte. Ein Priester, dem er davon berichtete, riet ihm, das Kind nach seinen Wünschen zu fragen, sollte er es noch einmal erblicken. Es dauerte bis zum 28. Juni 1446, bis der Schäfer den Knaben erneut sah, dieses Mal im Kreise von 14 weiteren Kindern. Er beschwor ihn im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit und fragte nach seinem Verlangen. Als Antwort hörte er den oben zitierten Satz. Auf Bericht des Schäfers errichtete man an der Stelle ein Kreuz, und kurze Zeit später wurde das erste Wunder bekannt: Eine todkranke Langheimer Magd wurde nach Anrufung der 14 Nothelfer gesund. Der Ort wurde bekannt, gewann aufgrund weiterer Wunderheilungen an Popularität, und das Kloster entschied sich zur Errichtung einer Kapelle, die 1448 geweiht wurde. Die durch Ablässe geförderte Wallfahrt zog bald Tausende aus Franken, Bayern und Thüringen an. Die Kapelle wurde im Bauernkrieg 1525 zerstört, die daraufhin errichtete, größere Kirche im Dreißigjährigen Krieg. Die dritte Kirche wurde im 18. Jahrhundert zu klein für den Andrang.

Und so holte sich der Abt des Klosters Langheim im Jahre 1735 beim Bamberger Fürstbischof, Friedrich Karl von Schönborn, die Erlaubnis, eine größere Kirche zu errichten. Nach einigem Hin und Her einigten sich Abt und Bischof 1742, die Planung der Kirche dem bischöflichen Architekten Balthasar Neumann zu überlassen und die Bauleitung dem vom Abte bevorzugten Weimarer Landbaumeister Gottfried Heinrich Krohne zu übertragen.

Neumann erkannte bald, daß Krohne von den ursprünglichen Plänen abgewichen war und den Bau etwas nach Osten versetzt hatte. Dies führte dazu, daß die Erscheinungsstelle mit dem Gnadenaltar nicht mehr in der überkuppelten Vierung der Kirche stand, sondern sich im Langhaus wiederfand. Ob Krohne Planierungsarbeiten vermeiden und so die Kosten niedrig halten wollte, oder ob ihm als Protestant schlicht die Erfordernisse einer katholischen Wallfahrt unbekannt waren (oder beides), ist nicht geklärt.

Fürstbischof Schönborn jedenfalls war unbegeistert und verkündete, daß „alle gamachten lutherischen nebensprüng müssen beseitigt werden…“ und beauftragte Neumann, den Bau „nach dem wahren katholischen Erfordernuss gantz zu machen“.

Neumann, für den ein kompletter Neubau (also ein Abriß der bereits stehenden Außenmauern im Ostteil) nicht in Frage kam, half sich mit einem genialen Trick, den man auf dem Grundriß der Kirche sehr schön einsehen kann: Er blähte den Innenraum der Basilika durch runde Formen auf letztmögliche Weise gegen die Kirchenmauern, um so den erforderlichen Raum für Prozessionen zu schaffen.

Ein hübscher Nebeneffekt ist die Tatsache, daß so nicht nur einer der ungewöhnlichsten, sondern auch einer der schönsten spätbarocken Kirchenräume entstand, wie jedermann weiß, der einmal in der lichtdurchfluteten Kirche langsam am Gnadenaltar vorbeischritt.