Erinnerungen an einen Sommer…

Ein treues Gefährt beförderte mich und meine lieben Miturlauber in den vergangenen 16 Tagen über eine Strecke von exakt 3.333 Kilometern. Da sammelt sich auf den diversen Etappen einiges an. Als ich den Wagen heute ausräumte, zerrten diverse kleine und kleinste Fundstücke mich zurück in eine Traumwelt, die wie von Künstlerhand zusammengewoben wurde aus weiten Sonnenblumenfeldern, aus von Wegwarten gesäumten Landstraßen, aus weiß-blauem Frankenhimmel, aus regennassen Parkwegen, aus milde strahlendem Sandstein, aus fürstlichen und fürstlichsten Gemächern, aus lichtdurchfluteten Chorgestühlen, aus wohl bekannten und doch immer wieder gerne gesehenen Fürstbischofs-Portraits, aus wortreicher Seelenverwandschaft, aus klirrenden Weingläsern, aus schlendernder Vertrautheit, aus vielen Stunden in der besten aller Gesellschaften und aus unzähligen, wundervollen Eindrücken, die nie alleine gesammelt wurden, sondern stets in trauter Zwei-, Drei-, Vier- und Fünfsamkeit.

Ich entdeckte beim Ausräumen des Wagens:

  • Eine halb leergetrunkene Wasserflasche in der Innenverkleidung der Beifahrertüre
  • Eine leergetrunkene Cola-Flasche in der Innenverkleidung der rechten hinteren Türe
  • Ein einst kunstvoll eine ganze Daumenkuppe umhüllendes Pflastergebilde im hinteren Fußraum
  • Einen Parkscheinabriß von Schloß Seehof im Beifahrer-Fußraum
  • Einen Parkscheinabriß aus Gößweinstein unter dem Fahrersitz
  • Getrocknete Matschkrümel aus dem Park der Eremitage in Bayreuth in beiden vorderen Fußräumen
  • Zwei Eintrittskarten für Schloß Weißenstein ob Pommersfelden in der Innenverkleidung der Fahrertüre

Ich hielt all diese Gegenstände und Fetzen und Krümel in den Händen und starrte sie an wie ein französischer Aristokrat Ende Juli 1789 die qualmende Ruine seines einst stolzen Schlosses. Ich wußte nun, daß es wirklich vorbei ist. Und ich blickte mit einer Mischung aus Resignation, Verachtung und doch auch Einsicht herab auf die Zeit, die in diesem Moment auftrat als tobender Pöbel, der mir entreißt, worauf ich ein Anrecht zu haben meine. Und wie der Monsieur le Marquis/Comte/Duc/etc plane ich nun die Emigration. Zwar fliehe ich nicht ins Ausland, sondern in die einschlägige Schönborn-Literatur und die angehäuften Erinnerungs-Photos. Aber ebenso wie der Aristokrat hoffe ich auf eine Rückkehr unter DAS Dach über meinem Haupt, auf DEN Boden unter meinen Füßen und zu DEN Menschen an meiner Seite.