Schöner sparen (IV), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Nachdem Friedrich Karl von Schönborn im Jahre 1746 verstorben war, fiel die endgültige Fertigstellung der Residenz seinem Nachfolger, Anselm Franz von Ingelheim, in die Hände. Dieser hatte allerdings überhaupt kein Interesse an der Vollendung des Schlosses. Er entließ alle Hofkünstler und übertrug nur Balthasar Neumann den Bau des Käppele auf dem Nikolausberg. Würzburg hielt einmal kurz den Atem an: Nicht nur, weil es in der Residenz nicht voran ging, sondern auch, weil der gesundheitlich schwache Ingelheim sich mit diversen Scharlatanen an der Herstellung von Gold und lebensverlängernden Elixieren versuchte. Sein glücklicherweise in sicherer Entfernung von der Residenz untergebrachtes Labor flog dann auch prompt in die Luft und hätte aufgrund der leicht entflammbaren Materialien, die dort lagerten, fast einen Großbrand verursacht.

Der für Stadt und Residenz nicht ungefährliche Fürst verstarb bereits 1749. Die Würzburger schnauften durch und erkannten erleichtert, daß, wie bei der Bischofswahl im Jahre 1729, auf Stagnation nun wieder Aktivität folgte: Der neue Fürstbischof, Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, ruft Neumann und die Künstler der Schönborn-Regierung zurück, damit diese an Vestibül, Treppenhaus, Gartensaal und Kaisersaal weiterschaffen können. Und nicht nur dies: Greiffenclau stellt dem großen Baumeister einen großen Maler an die Seite: Aus Venedig wird Giovanni Battista Tiepolo gerufen bzw. mit einer riesenhaften Summe gelockt. Der bereits schwer umjubelte Freskenmeister reist mit seinen Söhnen Domenico und Lorenzo an und schafft in den Folgejahren zuerst im Kaisersaal (1751) und dann im Treppenhaus (während der Sommer 1752 und 1753) zwei seiner großartigsten Werke. Die Tiepolos reisen im November 1753 ab. Als Fürstbischof Greiffenclau ein Jahr später verstirbt, gilt die Residenz als so gut wie vollendet..

Der im Januar des Jahres 1755 einstimmig zum Fürstbischof gewählte Schönborn-Neffe Adam Friedrich von Seinsheim hatte einerseits das Glück, daß er sich im Grunde in das so gut wie gemachte Residenz-Nest setzen konnte, litt aber andererseits in seinen Bistümern (1757 kam noch Bamberg hinzu) erst einmal unter den Belastungen des Siebenjährigen Krieges, welcher ihm stellenweise so nahe kam, daß er 1758 sogar die Pferde anspannen ließ, um rechtzeitig aus der Stadt fliehen zu können. Jedoch: Fürst und Stadt und Residenz blieben verschont, und im Jahre 1763 konnte die Arbeit am Schloß wieder aufgenommen werden. Ebenso, wie die bereits verstorbenen, großen Meister der Residenz nun durch eine Generation neuer Künstler ersetzt wurden, so mußten auch die alten Pläne für die endgültige Fertigstellung weichen. Fürstbischof Seinsheim entschließt sich, mit der Mode zu gehen und läßt Vestibül und Treppenhaus entsprechend dem neuen „goût grecque“ in klassischer Einfachheit vollenden. Hatte Neumann noch – wie auf erhaltenen Entwürfen zu sehen – für das Treppenhaus ein blühendes Rokoko-Kleid im Stile des Weißen Saales vorgesehen, so wurde nun schlichter ausgestattet, wobei sogar bereits vorhandener Rokoko-Stuck zerstört wurde, um die Einheitlichkeit der Gestaltung zu wahren. Unter Seinsheim werden auch die beiden nördlichsten Paradezimmer umgebaut (eines davon zum wunderschönen, grünlackierten Kabinett) und die sogenannten Ingelheimzimmer klassizistisch umgestaltet.

VLNR:
Anselm Franz von Ingelheim, der Bischof, der nicht so recht wollte
Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, der den großen Tiepolo engagierte
Adam Friedrich von Seinsheim, unter dem vollendet und auch schon umgestaltet wurde

Man darf also durchaus behaupten, daß die Residenz während der Seinsheim-Jahre nicht nur vollendet wurde sondern an einigen Stellen sogar schon wieder ein wenig überreif erschien, wenn tatsächlich modische Fragen bereits zu Umgestaltungen führten. Als Seinsheim im Jahre 1779 als vielgeliebter „Vater des Vaterlandes“ stirbt, sind die Tage der Residenz als Zentrum glanzvoller Hofhaltung auch schon wieder gezählt. Seinsheims Nachfolger Erthal war ein wackerer Aufklärer, der mit Prunkentfaltung, Festivitäten und Jagden nichts am Hut hatte. Und mit der über den letzten Würzburger Fürstbischof Georg Karl von Fechenbach hereinbrechenden Säkularisation hatte sich die Sache dann eh erledigt.

1806 zieht Großherzog Ferdinand als Herrscher über das neu geschaffene, aber kurzlebige Großherzogtum Würzburg in die Residenz ein und läßt die seit der Schönbornzeit in feinstem Rokoko ausgestatteten Zimmer der Bischofswohung im Südtrakt im Stil des Empire zerstöpurifiz… umbauen.

Und schon sind wir am Ende meiner kleinen Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz. Natürlich fehlt noch ein wichtiges Kapitel, nämlich die Zerstörung 1945 und der lange und mühsame Wiederaufbau des grandiosen Baus. Ich will dazu nur anmerken, daß ich diesen gewaltigen „Block von unerbittlicher Symmetrie, in den edelsten Verhältnissen und von einem heiteren Umrisse“ (Max H. von Freeden) auch als aus der Asche emporgestiegenen Phönix immer herzlich gerne besuche, wenn ich auch hin und wieder das Gefühl habe, daß diese Mauern in bestimmten Momenten eher skeptisch auf die Besuchermassen schauen und sich nach ihren fürstlichen Bauherren und Bewohnern und deren eigentümlicher Mischung aus krachendem Hofleben und zeremonieller Käfighaltung zurücksehnen.

Schöner sparen (III), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wir verließen im zweiten Teil die Stadt Würzburg und die in ihrer Mitte heranwachsende Residenz zu dem Zeitpunkt, als Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn im Alter von nur 51 Jahren soeben überraschend verstorben war.

Zum Nachfolger des am Ende seiner Amtszeit nicht mehr besonders beliebten Schönborn wurde Christoph Franz von Hutten gewählt, der Anführer der Schönborn-Opposition im Domkapitel. Der neue Bischof ließ nun die Arbeit an der Residenz erst einmal ruhen. Erstens wollte er ein wenig sparsamer regieren als sein Vorgänger, zweitens hatte er durchaus verstanden, daß es sich bei dem Bau im Grunde um ein Familienprojekt handelte. Ob er bereits ahnte, daß die Leitung des Fürstbistums bald wieder in den Händen der weitverzweigten Schönborn-Familie liegen würde? Balthasar Neumann wurde die Leitung des Baus entzogen, sicherlich, um ihn für andere Aufträge einzusetzen, denn der neue Bischof war dem Architekten keineswegs feindlich gesinnt, beförderte ihn sogar zum Major.

An der Residenz wurde lediglich der bereits begonnene Nordflügel überdacht, um den Bau bezugsfertig zu machen. Hutten bewohnte in dieser Zeit den benachbarten Rosenbachpalais und verstarb nach nur fünf Regierungsjahren am 25. März 1729, ziemlich genau zu der Zeit, als die Arbeiten am Nordflügel ihrem Ende entgegengingen.

Und so wurde das Jahr 1729 sowohl für die Familie Schönborn als auch für die Würzburger Residenz zu einem Jahr von großer Bedeutung. Denn bereits im Jänner war in Mainz Familienchef und Kurfürst Lothar Franz im Alter von 74 Jahren gestorben. Lothar Franzens Lieblingsneffe Friedrich Karl war in Bamberg schon seit 1710 Koadjutor mit dem Recht auf Nachfolge und erhielt nun – nachdem es 1719 und 1724 nicht funktioniert hatte – auch den Würzburger Bischofssitz dazu. So erwies sich die Prophezeiung des Onkels als wahr. Dieser hatte 1718 im Marmorsaal seines Schlosses zu Pommersfelden das Portrait Friedrich Karls begutachtet und dem Neffen darauf schriftlich mitgeteilt, daß es trefflich ähnlich sei „und siehet aus, als wenn er schon Bischof zu Bamberg und Würzburg wäre!“

Ebenfalls im Jahre 1729 bestieg ein vierter Neffe des Lothar Franz einen bischöflichen Thron: Franz Georg wurde Kurfürst und Erzbischof von Mainz. Wohl nie zuvor war der generalstabsmäßige Angriff einer Familie auf die geistlichen Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches von solchem Erfolg gekrönt worden.

Friedrich Karl hielt sich nach seiner Wahl nur kurz in seinen neuen Fürstentümern auf, da ihn seine Stellung als Reichsvizekanzler noch einmal für zwei Jahre nach Wien rief. 1731 kehrte er endgültig nach Franken zurück und bezog die Residenz. Diese war bei der Wahl des Bischofs erst zu einem Fünftel vollendet. Auf einer getuschten Federzeichnung kann man den Zustand der Residenz in diesem Jahr betrachten. Zu sehen ist der Einzug des Bischofs. Der bereits fertiggestellte Nordflügel ist mit einem gewaltigen Schaugerüst dekoriert. Der Südflügel befindet sich im Bau. Die Verbindung durch den Mittelbau ist noch nicht in Angriff genommen worden.

Die Würzburger Residenz im Jahre 1731

Friedrich Karl war selbst nicht ganz unschuldig daran, daß der Würzburger Bischofsbau ins Große getrieben wurde, hatte er doch zusammen mit dem sicherlich noch hartnäckigeren Oheim Lothar Franz diesen Gedanken heftig unterstützt. Nun, da er selbst Bischof und somit für die Vollendung des Baus verantwortlich war, gestand er, daß dieser doch nach einer „allzu großen Idee“ begonnen worden war. Als waschechter Schönborn nahm er aber die Herausforderung an.

Der Fürstbischof bezieht seinen Wiener Hausarchitekten Johann Lucas von Hildebrandt mit ein, ohne aber Neumann zu entmachten. Die Pläne für den weiteren Bau stammen aus dem Büro Hildebrandts, aber die Bauleitung bleibt bei Neumann. Dieser kann ab 1741 sein wahres Genie unter Beweis stellen. Ihm verdanken wir die Kaisertreppe und auch das stützenlose Treppenhaus mit seinem Gewölbe, das eine Spannweite von 19 Metern aufweist. Im Jahre 1744 ist der gesamte Bau überdacht und fertig eingewölbt.

Der Bischof und seine Baumeister (vlnr):
Balthasar Neumann, Friedrich Karl von Schönborn, Johann Lucas von Hildebrandt

Unter Friedrich Karl von Schönborn beginnt ab 1735 auch die Ausstattungsgeschichte der Residenz. Diese ist vor allem deswegen interessant, weil der Fürst sich künstlerisch überhaupt nicht an Paris orientiert (ein Vorwurf, den seinem Vorgänger Hutten gemacht wurde), sondern die Hofkunst Wiens zum Maßstab macht und daher auch einen großen Teil seines Wiener Künstlerstabes an den Würzburger Hof mitnimmt. Es arbeiten fortan unter anderem der bereits erwähnte Johann Lucas von Hildebrandt als leitender Planer, der schon betagte Hofmaler Johann Rudolf Byss, von dem Fresken und Entwürfe für Gobelins stammen, der Stuckateur Giuseppe Antonio Bossi, der nicht nur aber vor allem im Weißen Saal ein schon fast unanständig friemeliges Monument Würzburger Rokoko-Herrlichkeit entstehen ließ, sowie der Bildhauer Wolfgang van der Auwera, der für die Plastiken der Portalfront und der Innenräume verantwortlich ist.

Als Friedrich Karl von Schönborn am 26. Juli 1746 in Würzburg stirbt, ist die Residenz fast vollendet. Lediglich Vestibül, Treppenhaus und Kaisersaal warten noch auf den vollständigen Ausbau.

Warum mit der Wahl des neuen Bischofs dann doch noch einmal kurz Furcht vor Stillstand aufkam, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Kapitel.

Schöner sparen (II), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wie im ersten Teil erwähnt, war der neue Würzburger Fürstbischof, Johann Philipp Franz von Schönborn, durchaus an einer modernen und repräsentativen Stadtresidenz interessiert, jedoch fehlten bei seinem Amtsantritt erst einmal die nötigen Gelder. Im Übermaß vorhanden waren hingegen die Luftschlösser, die Onkel Lothar Franz in Mainz und Bruder Friedrich Karl in Wien umgehend mit ihren Kavalierarchitekten errichteten. Johann Philipp Franz übernahm zuerst einmal von seinem Vorgänger den Ingenieur-Hauptmann Balthasar Neumann, dem er die barocke Umgestaltung der gesamten Stadt Würzburg auftrug, während er seinen Verwandten die Planungsleitung der neuen Residenz überließ.

Die Idee einer Vergrößerung des von Petrini bis 1704 errichteten Schlößchens wurde verworfen, als an dem Bau statische Mängel und Schäden im Mauerwerk offenbar wurden. So mußte der alte Palast weichen, und die Idee für einen grandiosen Neubau wuchs heran.

Und plötzlich stellte sich auch der benötigte Geldregen ein: Fürstbischof Schönborn hat schon als Domherr den Verwaltungsapparat seines Vorgängers stets kritisch im Auge gehabt und konnte nun einigen Beamten, allen voran dem Hofkammerdirektor Jakob von Holach, Bestechung und Veruntreuung nachweisen. Ein Prozeß brachte laut verschiedenen Quellen zwischen 500.000 fl. und 640.000 fl. ein. Diese Summe entsprach, so sagt man, ungefähr den Jahreseinnahmen des Hochstifts Würzburg, war also kein Kleingeld.

Kaum klingelte es in der Kasse, meldete sich auch schon der Kurfürst aus Mainz mit der trockenen Aufforderung „Nur wacker Bauconcepten her!“ und dem scherzhaften Rat, dem untreuen Beamten vor dem neuen Schloß ein Denkmal errichten zu lassen.

Auf Lothar Franzens Privat- und Familienschloß Weißenstein zu Pommersfelden kam es bald darauf zu einer für die fränkische Kunstgeschichte schicksalhaften Begegnung: Der Familienchef nahm dort im Jahre 1719 zusammen mit Reichsvizekanzler und Lieblingsneffen Friedrich Karl aus der Hand Balthasar Neumanns die ersten Pläne für die neue Residenz entgegen. Das Urteil fällt positiv aus: Der Kurfürst lobt die Persönlichkeit und den Sachverstand des noch unbekannten Baumeisters und empfiehlt seinem Würzburger Neffen, ihn auch unbedingt für den Neubau des Schlosses einzusetzen.

Und so fand am 22. Mai 1720 beim Rennweger Tor zu Würzburg die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Residenz statt. Johann Philipp Franz bezieht den Rosenbacher Hof am Rennweg, um den Bauplatz stets im Auge zu haben und den Arbeitern das Gefühl zu geben, vom Bauherrn beobachtet zu werden. Vielleicht kein feiner, aber ein wirksamer Trick, der zurückgeht auf die Erfahrung des Oheims, der während der Bauarbeiten am Schloß zu Pommersfelden bemerkt hatte, daß das „oculus domini“ die Künstler und Handwerker doch stets anzutreiben wußte.

Es kam nun zu unzähligen Bausitzungen und zu einer umfangreichen Korrespondenz zwischen Würzburg, Mainz und Bamberg/Pommersfelden. Lothar Franz sah sich als Chef der Familie natürlich berechtigt, immer ein Wörtchen mitzureden. Er schickte seinen Bamberger Oberbaudirektor Maximilian von Welsch und einige seiner Baudirigierungsgötter aus dem Kreis seiner bauverständigen Kavaliere, wie z.B. von Erthal und von Rothenhan, mit Ideen, Anregungen und Instruktionen nach Würzburg und wartete auf jede Nachricht so gepannt, wie ein Feldherr auf den Ausgang einer Schlacht.

Bereits 1723 erschien ein gewaltiger Kupferstich (145 x 115 cm) , der das neue, barocke Würzburg mit der fertiggestellten Residenz als sogenanntes Thesenblatt zeigte. Das Schloß befand sich zu diesem Zeitpunkt zwar noch in den Kinderschuhen, aber man wollte immerhin einen Gesamteindruck schaffen.

Ausschnitt aus dem Thesenblatt [Quelle]

Ebenfalls im Jahre 1723 wurde Balthasar Neumann nach Frankreich geschickt, um die Pläne der Residenz dem französischen Hofarchitekten vorzulegen. Ein weiterer Schönborn-Bruder, der Kardinal Damian Hugo, Fürstbischof zu Speyer und später auch zu Konstanz, ließ seine Beziehungen im Heiligen Kollegium spielen und vermittelte den Architekten an Kardinal de Rohan, der den Weg nach Paris ebnete. Von Boffrand nahm Neumann viele wertvolle Anregungen für die Ausstattung der Residenz mit. Es kam sogar zu einem Gegenbesuch: 1724 reiste der Franzose nach Franken, begutachtete die werdende Residenz in Würzburg, das Schönbornsche Familienschloß in Wiesentheid und Lothar Franzens Schmuckstück in Pommersfelden, wo ihn besonders und nachhaltig das Treppenhaus überzeugte: „Etwas so Großes und Herrliches kann man in ganz Frankreich nicht finden!“

Es lief also insgesamt alles nach Plan, bis am 18. August 1724 plötzlich Sand ins Getriebe kam: Fürstbischof Johann Philipp Franz erlag auf der Rückreise von einem Besuch beim Trierer Kurfürsten und Deutschordensmeister Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg auf dessen Schloß in Mergentheim einem Schlage.

Der wache und stets gut informierte Lothar Franz ahnte sofort, daß der Bau der Residenz nun ins Stocken geraten könnte. Sein Neffe hatte sich als Fürstbischof etwas zu selbstherrlich gegeben, war in der Bevölkerung nicht der Beliebteste und hatte sich schließlich auch mit dem Domkapitel überworfen. Er wird sich zweifellos während seiner Amtszeit den einen oder anderen Rüffel vom Oheim eingefangen haben, weil er dessen simple Grundregeln im Umgang mit den Leuten eher ignorierte: „… mit dem Domkapitel wohl zu stehen, alles nit so genau zu nehmen undt bisweilen 5 gerat sein zu lassen, jedermänniglich obligat zu begegnen und denen guets zu tun, die es meritieren, niemandt aber zu verfolgen, amen.“

Schuldig im Sinne des Gesamtkunstwerkes (vlnr):
Lothar Franz von Schönborn: Familenoberhaupt, Ideengeber, Protektor und manchmal Diktator seiner Neffen
Johann Philipp Franz von Schönborn: Unter ihm begann der Bau der Residenz
Friedrich Karl von Schönborn: Unter ihm wird der Bau fertiggestellt und die prachvolle Ausstattung begonnen

Die Aussichten auf einen weiteren Schönborn-Bischof in Würzburg waren somit gering, wenn auch mit Lothar Franz und Friedrich Karl die beiden hervorragendsten Köpfe des Hauses Mitglieder des dortigen Domkapitels waren.

Wie bzw. daß es mit dem Bau der Residenz nun dennoch weiterging, das erfährt der geneigte Leser im dritten Teil.

Schöner sparen (I), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts war die über der Stadt thronende Festung Marienberg die Residenz der Würzburger Fürstbischöfe. Trotz vieler Erweiterungen, Umbauten und Modernisierungen erwies es sich spätestens im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, daß diese Anlage den Ansprüchen barocker Fürsten bezüglich sowohl der Lage als auch der Bequemlichkeit nicht mehr entsprach. So kam es, daß neu gewählte Bischöfe immer wieder einmal mit dem Gedanken einer neuen Residenz spielten und sich hin und wieder lieber in ihren städtischen Domherrenhöfen als auf der Festung aufhielten.

Die Festung Marienberg in Würzburg

Es entstand so mit der Zeit eine doppelte Hofhaltung, die zu viel Geld kostete. Es waren anfangs tatsächlich Gründe der Sparsamkeit, die zum Bau einer neuen Stadtresidenz führten (damals ahnte man natürlich noch nicht, daß das Gesamtprojekt letztlich den Schönborn-Bischöfen in die Hände fallen sollte, unter denen dann besonders Lothar Franz – selbst Domherr in Würzburg – die Gelegenheit gekommen sah, der Familie das endgültige Baudenkmal errichten zu lassen). Als das Domkapitel im Jahre 1699 Johann Philipp von Greiffenclau zu Vollraths zum Bischof wählte, wurde dem neuen Fürsten in der Wahlkapitulation aufgetragen, in der Stadt einen neuen Palast zu bauen.

[Interessanter Einschub: Greiffenclau gewann gegen den von Wien favorisierten Lothar Franz von Schönborn, welchem bei seiner Wahl zum Bamberger Fürstbischof im Jahre 1693 zur Auflage gemacht worden war keine neuen Bauunternehmungen zu starten. Hätte man den vom bauwurmb befallenen Schönborn auch zum Würzburger Bischof gewählt, hätte sich der Palast-Neubau ohnehin von selbst verstanden. Andererseits fürchtete man aber eine zu gewaltige Ämteranhäufung – Lothar Franz war auch noch Kurfürst und Erzbischof von Mainz und Erzkanzler – und einen zu machtvollen Schönborn-Block in diversen Kapiteln, denen bereits einige von Schönborns Neffen angehörten.]

Auf dem Rennweg wuchs unter Greiffenclau bis 1704 nach Plänen von Petrini das sogenannte „Schlößlein“ empor. In den ersten Jahren wurde der Bau fremden Besuchern stolz präsentiert. Bald jedoch legte sich der Schleier des Vergessens über den neuen Bischofssitz, wies er doch statische Mängel und Schäden im Mauerwerk auf. Greiffenclau bezog also nicht das neue bischöfliche Palais (welches 1720 schon wieder abgerissen werden mußte, ohne jemals als Residenz gedient zu haben), sondern stieg im „Roten Bau“ ab, dem zwischen 1708 und 1712 errichteten Familienpalais am Rennweg.

Da die Residenz-Frage vorübergehend offen blieb, regte der Fürstbischof andere Bautätigkeiten in Würzburg an und stieß die Türe für barocke Freuden und glanzvolles Leben schon so weit auf, daß die Schönborn-Bischöfe schließlich in vollem Galopp hindurchpreschen konnten: Zum Nachfolger Greiffenclaus wurde 1719 sein (und Lothar Franzens) Neffe Johann Philipp Franz von Schönborn gewählt. Der neue Fürstbischof war vorzüglich erzogen und gebildet, aufgrund diverser Botschaftsanstellungen weltgewandt, und von barocker Prunkfreude ebenso angesteckt wie von großzügigem Mäcenatensinn. Und da er nun mal ein Schönborn war, bewog ihn nicht nur seine Stellung als einer der ersten geistlichen Fürsten im Reich sondern auch sein Familiensinn, in Würzburg etwas Großes zu schaffen.

Warum es nicht beim Großen blieb, sondern der Bau trotz anfänglich nicht im Übermaß vorhandener Gelder ins Atemberaubende wachsen konnte, das erfährt der geneigte Leser im zweiten Teil.

Schöner verbannt sein

Wenn das Schicksal irgendetwas zu vergeben hatte, dann stand der Kardinal de Bernis häufig mit erhobener Hand in der ersten Reihe und rief „Hier!“

Zu seiner reichen Biographie gehören somit auch einige Jahre der Verbannung (1758 – 1764), nachdem er am königlichen Hofe in Ungnade gefallen war. Ludwig XV gewährte dem damals frisch ernannten Kardinal immerhin die Gande, sich aus seinen diversen Abteien selbst diejenige auszusuchen, auf welche er sich zurückzuziehen gedachte. De Bernis entschloß sich zum Exil auf Schloß Vic-sur-Aisne, welches zu seiner Abtei Saint-Médard gehörte. Dort diktierte er nicht nur seiner Nichte die „Mémoires“, sondern legte auch einen Gemüsegarten an, den er gerne persönlich hegte und pflegte. Das Zipperlein hatte ihn zu fleischloser Kost gezwungen, und so kümmerte sich der Kardinal zum Teil selbst um seinen Speiseplan.

Ich habe neulich einige Postkarten vom Anfang des 20. Jahrhunderts gefunden, auf denen man nicht nur das Schloß selbst, sondern auch einige Innenräume sieht, welche zur Zeit der Aufnahmen offenbar immer noch nach ihrem berühmtesten Bewohner benannt waren. So können wir das „Cabinet du Cardinal de Bernis“ und auch das „Chambre du Cardinal de Bernis“ bestaunen. Wie viel von der Einrichtung noch aus der Zeit des Kardinals stammt, das kann man bestenfalls erahnen. Aber dennoch ist der Einblick interessant, allein schon wegen des ziemlich abgefahrenen Betts. Links oben neben diesem sieht man übrigens ein Portrait des Kardinals de Fleury, also jenes Kirchenfürsten, der dem Abbé während seiner frühen Pariser Jahre das Leben reichlich schwer gemacht hat.

Hier sind die Bilder:

Wie Ihr seht: Selbst nach meiner Neuorganisation der Arbeit an der Kardinalsbiographie geht es auf diesem Blog nicht ganz ohne de Bernis.

Phantomschmerzen (II)

„Hier stehe ich alle Morgen um 5 Uhr auf, gehe ein paar Stunden im Garten herum, ebenso nachmittags und abends, und zwar mit dem größten Vergnügen von der Welt, von Herzen wünschend, daß der Herr Vetter (d.h. der Neffe) vierzehn Tage bei mir wäre“. Diese Zeilen schrieb Lothar Franz von Schönborn (1655 – 1729), Fürstbischof von Bamberg (ab 1693), Kurfürst und Erzbischof von Mainz sowie Erzkanzler (ab 1695), an seien Lieblingsneffen Friedrich Karl von Schönborn (1674 – 1746), damals Reichsvizekanzler in Wien. Mit „hier“ ist ist das Lustschloß Favorite gemeint, welches einst südlich von Mainz, außerhalb des alten Festungsrings, gegenüber der Mainmündung am Rheinufer lag.

Der Kurfürst hatte das Gelände, einen ehemalingen Stifts- bzw. Abtsgarten, im Jahre 1700 von den Erben des Reichsfreiherrn von Stadion erworben. Ihm stand nun eine Fläche von ca. 400m x 140m zur Verfügung, auf welcher er einen schon länger geplanten, repräsentativen Lustgarten verwirklichen konnte.

In der ersten Phase entstand ein direkt am Ufer liegendes, nur durch einen Fahrweg vom Rhein getrenntes, zweiflügeliges Schlößchen. 1708/1710 wird der kurfürstliche Festungsbaumeister Maximilian von Welsch in das Projekt einbezogen.

Zu der Beziehung zwischen dem Kurfürten und dem Architekten schreibt Max H. von Freeden:

Der Kurfürst hatte einen guten Blick für junge Talente, und so zieht er 1704 den aus Kronach gebürtigen Ingenieur Maximilian von Welsch an sich; da der fränkische Kreistag das von Lothar Franz als Mitdirektor vorgeschlagene Engagement ablehnt, übernimmt er ihn kurzerhand in seine Mainzischen Dienste, um ihm bald darauf auch die Baudirektion im Bambergischen zu übertragen. Welsch verkörpert den damals an allen Höfen auftretenden Typ des Ingenieurarchitekten, der durch Studium und Kriegsdienst das zivile und Militärbauwesen beherrscht und natürlich bei Hofe als Offizier eine ganz andere Stellung einnimmt als die handwerklichen, noch aus der Hüttentradition hervorgewachsenen, bürgerlichen Baumeister. Wie sehr Lothar Franz auch den beiden Brüdern Dientzenhofer wohlgesonnen war und ihren Eintritt in bürgerliche Ehrenämter befürwortete, so wenig hat sich doch ein persönliches Verhältnis zwischen dem Landesherrn und den beiden Baumeistern entwickelt. Ganz anders bei Welsch, der es schließlich bis zum General brachte und unter dem sich die Oberbaudirektion fast zu einer Hofcharge entwickelte. Lothar Franz ist in geradezu rührender Weise stolz auf dieses Bamberger Landeskind, nimmt ihn überall in Schutz und verschafft ihm beim Kaiser eine Erhebung in den Adelsstand; er hat an ihm allerdings auch den Mann gefunden, der seinen eigenen hochfliegenden Ideen in allem, was Bau- und Gartenkunst heißt, zu folgen vermochte.

Max H. von Freeden, Kunst und Künstler am Hofe des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn, Mainfränkische Hefte, Heft 3, Freunde mainfränkischer Kunst und Geschichte e.v., Würzburg (Hrsg.), Buchdruckerei Karl Hart, Volkach, 1949

Bis 1722 wächst, anfangs verschleppt durch den Spanischen Erbfolgekrieg, die komplette Anlage. Auf dem unteren, rheinnahen und dem oberen Parterre entstehen die prunkvolle, auch als Festsaal genutzte Orangerie, die ihr vorgelagerten, halbkreisfömig angeordneten, sechs terrassierten Kavaliershäuser (Vorbild war auf ausdrücklichen Wunsch des Kurfürsten das Schloß Marly), die Wasserspiele, die Becken, die Grotten, die Beete, die Hecken und Alleen.

Salomon Kleiner hat im Jahre 1726 die Favorite in einer Serie von Stichen eingefangen.

Die Favorite wurde bald zu einem (wahrscheinlich zu dem) Lieblingsort des Kurfürsten, und er ließ sich sogleich in einem der sechs Kavallierhäuser ein Schlafgemach einrichten. Diese Pavillons waren übrigens nicht aus Stein, sondern aus Holz gefertigt und ihre Fassade nur mit einer Scheinarchtektur bemalt. Einerseits mag Lothar Franz der Gesamteindruck der Anlage mehr am Herzen gelegen haben als luxuriöse Details der Baulichkeiten. Andererseits hatte er möglicherweise auch genug Voraussicht und Erfahrung, um zu ahnen, daß außerhalb einer befestigten Stadt liegende Frivolarchitektur im Falle einer Belagerung oder eines irgendwie gearteten Aufruhrs nur geringe Überlebenschancen hat. Unserem von „bauwurmb“ befallenen Kurfürsten war es jedenfalls noch vergönnt, die überall gerühmte Pracht und Schönheit der Anlage bis zu seinem Tode zu genießen.

Unter seinem Nachfolger, dem Kurfürsten Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1729-1732) entsteht das wohl noch auf eine Idee von Lothar Franz zurückgehende Porzellanhaus im oberen, nördlichsten Gartenteil. Vorbild war hier das Trianon de Porcelaine in Versailles. Geplant und ausgeführt wurde es von Amselm Franz Freiherr von Ritter zu Groensteyn, der mit diesem Bau erstmals den klassizistischen Stil in das Kurfürstentum einführte.

Die Villa Favorite im Jahre 1726 (oben) und im Jahre 1779 (unten).

Unter den nächsten Fürsten auf dem Mainzer Thron, Philipp Karl von Eltz-Kempenich (1732–1743), Johann Friedrich Karl von Ostein (1743–1763) und Emmerich Josef Freiherr von Breidbach zu Bürresheim (1763–1774) wurde die Favorite eher genutzt als verändert. Während der Regierungszeit des Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal (1774 – 1802), fand im Anschluß an die Kaiserkrönung Franz II. in Mainz vom 19. bis 21. Juli 1792 der sogenannte Fürstentag statt. Ort der Tagungen (und der damit einhergehenden, prunkvollen Festlichkeiten) war die Favorite. Anlaß des Zusammentreffens von Franz II., Friedrich Wilhelm II. sowie zahlreichen anderen deutschen Fürsten und Diplomaten war die Absprache eines Vorgehens gegen das revolutionäre Frankreich. Das Vorgehen – so zeigte sich bald – bewegte sich aber nicht in richtung Frankreich sondern zielte auf die rheinischen Bischofssitze und Fürstentümer. Nachdem im ersten Koalitionskrieg die Revolutionsarmee einen eindeutigen Sieg errungen hatte, besetzte sie schon am 21. Oktober unter General Custine die Stadt Mainz. Die Mainzer Republik wiederum fand sich ab April 1793 von preußischen und österreichischen Truppen eingeschlossen, die einen Gegenvorstoß gewagt hatten.

Für die Favorite war damit jegliche Hoffnung verloren. Zuerst mußten zur Einebnung des Geländes vor der Festungsmauer die Kavalierhäuser verschwinden und eine Anzahl von Bäumen gefällt werden. Und dann wurde während der insgesamt vierwöchigen Bombardierung der Stadt die in der Frontlinie liegende Anlage komplett zerstört. Auch in der Stadt selbst ging vieles für immer verloren. Goethe klagt 1793:

Den 26. und 27. Juli. Den 26sten gelang es uns schon, mit einigen Freunden zu Pferd in die Stadt einzudringen; dort fanden wir den bejammernswertesten Zustand. In Schutt und Trümmer war zusammengestürzt, was Jahrhunderten aufzubauen gelang, wo in der schönsten Lage der Welt Reichtümer von Provinzen zusammenflossen und Religion das, was ihre Diener besaßen, zu befestigen und zu vermehren trachtete. Die Verwirrung, die den Geist ergriff, war höchst schmerzlich, viel trauriger, als wäre man in eine durch Zufall eingeäscherte Stadt geraten.



Bei unserm folgenden Hin- und Herwandern wußten wir den Platz, wo die Favorite gestanden, kaum zu unterscheiden. Im August vorigen Jahrs erhub sich hier noch ein prächtiger Gartensaal, Terrassen, Orangerie, Springwerke machten diesen unmittelbar am Rhein liegenden Lustort höchst vergnüglich. Hier grünten die Alleen, in welchen, wie der Gärtner mir erzählte, sein gnädigster Kurfürst die höchsten Häupter mit allem Gefolge an unübersehbaren Tafeln bewirtet; und was der gute Mann nicht alles von damastnen Gedecken, Silberzeug und Geschirr zu erzählen hatte. Geknüpft an jene Erinnerung, machte die Gegenwart nur noch einen unerträglichern Eindruck.

Johann Wolfgang von Goethe, Die Belagerung von Mainz

Ach, meine geliebte Villa Favorite, die ich nie betrat, die mich nie verzaubern und erstaunen durfte, in deren Gärten ich weder Sonne noch Schatten und am wenigsten die Gesellschaft eines aufgeregt und erfreut herumhummelnden Lothar Franz von Schönborn genoß, der nicht ohne Stolz aber vor allem mit Liebe und Leidenschaft sein Lustschloß und seinen Barockgarten vorführt.

Lothar Franz von Schönborn, Barockfürst extraordinaire: „Hussah! Die Favorite ist bezugsfertig!“

Hätte Salomon Kleiner die Anlage nicht in seinen Stichen festgehalten, so wäre der Schmerz für mich noch unerträglicher. Denn zu beweinen, was ich mir nur in der Phantasie ausmalen kann, führt auf gefährliche Wege.

Hinweisen möchte und muß ich an dieser Stelle noch auf den 3D-Künstler Mark Pieters, der die Favorite in höchst ansprechender Art und Weise rekonstruiert hat. Schaut mal vorbei! Es lohnt sich.

**seufz**

P.S.: Jetzt weiß der interessierte Leser auch, was auf dem Titelbild dieses Blogs zu sehen ist.

Phantomschmerzen (I)

Das Schloß Schönbornslust war der letzte ausgeführte Schloßbau Balthasar Neumanns und gilt als dessen großes, reifes Alterswerk. Erbaut wurde es bei Koblenz-Kesselheim von 1748 bis 1752 im Auftrag des Trierer Kurfürsten, Franz Georg von Schönborn (1682 – 1756). Das Jagd- und Lustschloß war angelegt als Einflügelanlage aus grau-gelbem Sandstein mit fünfachsigem Mittelrisalit und zwei dreiachsigen Eckrisaliten aus rotem Sandstein. In den wenigen schriftlichen Zeugnissen, die ich finden konnte, wurde die Innenausstattung als überaus kostbar und edel besungen. Grundsätzlich ist die Quellenlage zum Schloß eher dünn. Bildmaterial ist ebenfalls kaum vorhanden. Es existiert eine Kreidezeichnung, die das Schloß aus weiter Entfernung zeigt. Ansonsten gibt es einige Pläne und Entwürfe sowie eine Handvoll von Rekonstruktionsversuchen.

Schloß Schönbornslust: Kreidezeichnung, Entwurf, Rekonstruktionsversuch (von oben nach unten)

Der Grund für die mangelhafte Dokumentation: Das Schloß existierte nur für 54 Jahre. Nach dem Tode Franz Georgs nutzen seine Nachfolger, Johann Phillip von Walderdorff (1756 – 1768) und Clemens Wenzelaus von Sachsen (1768 – 1801) den Bau als Jagdschloß. Als nach dem Ausbruch der französischen Revolution Emigranten an Rhein Unterschlupf suchten, überließ Clemens Wenzeslaus seinen königlichen Neffen, dem Comte d’Artois und dem Comte de Provence, im Jahre 1791 das Schloß Schönbornslust. Diese rückten mit keinem ganzen Hofstaat an, der ihnen die Zeit der Planung des großen Gegenangriffs auf die Revolution erleichtern und versüßen sollte.

Koblenz wurde nach kurzer Zeit in Frankreich als der Hort aller gegenrevolutionären Unruhen und Verschwörungen angesehen. Tatsächlich empfahl der Girondist Jacques Pierre Brissot bereits am 15. Dezember 1791 in einer Rede im Jakobinerclub die Zerstörung Koblenz‘, denn „ist Koblenz einmal zerstört, herrscht außerhalb Frankreichs Ruhe, und damit herrscht auch in Frankreich Ruhe“.

Nachdem die Franzosen am 20. September 1792 die Kanonade von Valmy für sich entschieden hatten, schluckten sie einen Bischofssitz nach dem anderen, nahmen Speyer, Worms und Mainz und standen im Oktober 1794 vor Koblenz. Die „Pariser Eleganz“ war bereits aus der Stadt entflohen, die Schönbornsluster Allee zu Verteidigungszwecken gefällt und im Schloß war das Lazarett der kaiserlichen Armee untergebracht. Am 24. Oktober 1974 hatte die französische Armee Schönbornslust erreicht. Sie zog ihre Kavallerie zusammen und marschierte gegen Koblenz. Bis zum Februar 1795 nutzen die Franzosen das Schloß als Lazarett. Sie versäumten es nicht, in diesen Monaten übelste Rache an dem Bau zu nehmen, der für lange Zeit ihre Todfeinde beherbergte. Das Schloß wurde so sehr verwüstet und zerstört, daß es am 1. Juli 1806 auf Abriß an den ehemaligen Schloßverwalter Münzel verkauft wurde. Vom ehemaligen Prachtbau blieb rein gar nichts erhalten. Nur zwei Wirtschaftgebäude überdauerten die Zeit und stehen heute noch an Ort und Stelle.

Ich bin nicht nur ein großer Freund der Schönbornbischöfe des 18. Jahrhunderts, sondern auch ein Bewunderer von Balthasar Neumann. Zu wissen, daß dieses Schloß einst existierte und ein so schmähliches Ende fand, das erfüllt mich immer wieder mit großen Verlustschmerzen.

Der Meister und sein Kunde: Balthasar Neumann (l.) und Franz Georg von Schönborn

Es trieb mich lange eine Frage um, die ich mir mittlerweile beantworten kann (diese Antwort folgt demächst, in einem Beitrag über ein weiteres Stück verlorener Schönborn-Herrlichkeit): Ist es ein Glück, daß vom Schloß nicht mehr Bildmaterial zu Verfügung steht und keine detaillierteren Beschreibungen, vor allem auch der Innenausstattung und Möblierung, existieren? Oder ist es besonders grausam, daß ich nie erfahren werde, was genau mir eigentlich genommen wurde und ich dennoch den Schmerz verspüre?