Kein Tagebuch

Der starrköpfige Unwillen, etwas anderes zu betrachten, als einen Geist in Deinen Farben: Er ist es, der mich immer wieder über die Schwellen trägt, wenn sonst nichts mehr hilft, wenn sonst alles fehlschlägt.

Ein Herz, zugleich eingeklemmt und vogelfrei. Das Blut rast, aber die Schönheit lindert und die Erhabenheit besänftigt. Zwischen den Gärten der Erleuchtung und den Kerkern der Schreckensherrschaft schmelzen Dutzende von Lebensberichten und Lebensgerüchten, umspielen mich in farbenreichen Strömen und fließen auf der Leinwand meiner Ohnmacht zusammen. Ein Bild entsteht und sprengt den Rahmen, sprengt das Spektrum, sprengt den Verstand so geschwind, daß ich kaum die Hände schützend vor das innere Auge legen kann.

Ich werde stiller und trete langsam zurück. Einen Blick! Nur einmal einen Blick auf das Ganze werfen zu dürfen… Zu spät:

Von den Hügeln kommt der Regen auf mich herab in tausend Rinnsalen, die sich zum Strom zusammenrotten. Er braust durch meinen Park, vorbei an meiner Terrasse und zeigt mir höhnisch, was er sich gerissen, was er Dir entrissen, was er mir zerrissen hat. In qualvoll kurzen Blitzen leuchten auf die Fragmente eines meisterlichen Werks. Doch ach! Zu wenige: Ich kann aus ihnen keinen Sinn erdichten. Und doch! Zu viele: Ich kann von ihnen nicht unberührt bleiben.

Und so ist das Eine immer zu fern, das Andere immer zu nah. So bin ich zu verarmt und doch viel zu reich. So gebe ich mich der Verzweiflung hin und bin doch stets fröhlich: Ich trage die Asche durch die Welt, und wo ich sie verstreue, dort beginnt es zu blühen.

Ganze Arbeit, halber Abschied

Wenn ich einen Blick auf meine Hobbies werfe, dann fällt mir auf, daß „multum, non multa“ nie mein Motto war. Eher schon bin ich ein Geselle in vielen Gewerben, wenn auch in keinem ein Meister. Hier ein wenig Photographie, dort ein paar Zeilen Lyrik, hier eine Handvoll humoriger Comic-Strips, dort ein paar eigene Klänge. Angefeuert das alles durch einen etwas weniger breit gestreuten Mix aus Interessen und Leidenschaften: Geschichte (besonders die Europas), Sprache (bis hin zu der des Körpers), Kunst (nicht nur, aber besonders Barock und Rokoko), Musik (Kind der 80er), Religion (natürlich vor allem die Katholische).

Man sagt mir nach, daß ich – wenn ich will – extrem schnell lerne. Ich sage mir nach, daß ich zwar oft will, aber nie ausdauernd und nie zielgerichtet genug. Hätte ich mich auf eine meiner Spielwiesen konzentriert, so wäre ich heute möglicherweise nicht nur Pfarrer in Floridsdorf sondern auch Komponist für kleine Indie-Filme, veröffentlichter Autor oder auch ein Photograph, dessen Bilder es bis in Galerien schaffen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich trauere hier keinen Nebenverdiensten oder Lorbeeren nach. Ich habe mich in meinen kleinen Nischen eingerichtet, und all die diversen Aktivitäten bringen mir immer wieder viel Freude, und sei es nur die, daß ich selbst mit einem meiner Werke uneingeschränkt zufrieden bin.

Den Boden bereiten will ich eigentlich für diese Information: Ich werde vorerst und für lange Zeit keine weiteren Kapitel der De-Bernis-Biographie veröffentlichen. Ich habe – gefühlt zum ersten Mal in meinem Leben – ein Hobby-Projekt begonnen, das ich nicht halbärschig angehen will, sondern welches ich auf professionellst-mögliche Weise zu Ende bringen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, muß ich vorarbeiten. Das bedeutet konkret, daß ich mich zuerst einmal mit der französischen Sprache zumindest so weit vertraut machen muß, daß ich Texte möglichst exakt ins Deutsche übersetzen kann und nicht nur von dem lebe, was ich zur Hälfte wörtlich und zur Hälfte sinngemäß verstehe. Spätestens nach dem Sommerurlaub werde ich also mit Sprachunterricht beginnen. Dann möchte ich mein Wissen über die fragliche Zeit vertiefen, werde also nicht nur die bereits existierenden Biografien des Kardinals sondern auch das eine oder andere Geschichtsbuch erneut oder zum ersten Mal durchackern müssen.

Wenn da draußen jetzt die De-Bernis-Junkies aufjammern, weil der Stoff erst einmal ausbleibt, so gibt es diesen Trost: Wenn ich im Laufe der Arbeit über eine Anekdote stolpere, die aus irgendeinem Grund massiv mitteilenswert ist, dann werde ich die hier auch preisgeben.

Bedeutet das nun, daß dieses Blog nach nur drei Monaten bereits wieder eingestellt wird? Nö. Es wird wie bisher weitergehen, leider nur ohne unseren Abbé. Aber WENN der dann wiederkommt (und ich hoffe wirklich, daß ich es so weit schaffe), dann wahrscheinlich im Rahmen der ersten, halbamtlichen, deutschsprachigen Biografie des Kardinal de Bernis.

Also dann…

Würstelstandpastoral

Direkt gegenüber der Kirche gibt es in Floridsdorf das „Stehbuffet“, eine Art nicht freistehender Würstelstand. Seit ich in der Pfarre arbeite, komme ich dort immer wieder vorbei. In den ersten Jahren war einer der Stammkunden ein Opa, der den „Herrn Forra“ hin und wieder auf einen Kaffe eingeladen hat, um ein Schwätzchen zu halten. Mit der Zeit gesellten sich andere Leute dazu und schwatzten mit. Ich ließ meinen rheinischen Charme spielen, riß dort ein Witzchen, machte dort ein Kompliment, schnorrte mir dort einen Tschik, kippte mir hier ein spendiertes Seidl hinter die Binde (ohwohl’s erst 9:00 Uhr war, aber ich komme ja aus Düsseldorf, also easy) und kam in kürzester Zeit mit all den verschiedenen Gestalten und Charakteren bestens klar.

Und irgendwann fingen sie dann an, Fragen zu stellen.

„Was muß ich denn machen, wenn ich wieder mal zur Kommunion gehen möchte?“
„Kann ich mal bei Ihnen beichten?“
„Wenn Gott uns liebt, warum will er dann, daß…?“
„Stimmt es, daß die Kirche…?“
„Wie ist das eigentlich genau mit Jesus…?“

Und ist stand natürlich immer gerne Rede und Antwort.

Neulich fragte ich dann mal in die Runde: „Wer von Euch hätte in der Pfarrkanzlei angerufen oder wäre mit seiner Frage in die Pfarrkanzlei gekommen, um eine Antwort zu erhalten ?“

Niemand.

„Warum eigentlich nicht?“

„Naja… Eigentlich finden wir Kirche und Pfaffen ja scheiße, so von wegen Kindesmißbrauch und Hexenverbrennung und Kreuzzügen undundund…“

„Okay!? Sollte ich mich jetzt besser in Sicherheit bringen?“

„Naaaa. Blos net! Sie sind ja eh urleiwand. Es ist noch nie ein Pfarrer einfach so zu uns gekommen, um mit uns einen Frühschoppen zu heben, mit uns zu reden und uns zuzuhören.“

Und da fiel mir auf, daß ich als Priester bei ganz vielen Leuten ganz anders ansetzen muß, um da auch nur ein itzi-bitzi-winziges Miniwenigbißchen zu bewegen. Viele wissen über unseren (und ihren) Glauben so gut wie nichts und über die Kirche noch etwas weniger. Die wollen zwar oft etwas wissen, aber die kommen nicht von sich aus in die Puschen. Wenn ich nicht zufällig in diesen Würstelstand-Kosmos hineingeraten wäre, dann wären heute noch viele Fragen unbeantwortet, viele Vorurteile nicht aufgeklärt und viele Chancen nicht genutzt.

Es ist jetzt nicht so, daß ich aus diesen Leuten fleißige Kirchgänger gemacht habe. Aber alleine die Tatsache, daß sie mir zuhören – und dies in wichtigen Momenten auch aufmerksam und widerspruchslos – ist nicht zu unterschätzen. Jetzt könnte man natürlich einwenden, daß das ja totaler Personenkult ist, weil die Würstelstandeinwohner sich vom Herrn Alipius eifrig becircen lassen und dann halt der Meinung sind, daß es wohl auch Priester gibt, die ganz okay zu sein scheinen, daß sich aber eigentlich im Hinblick auf den praktizierten Glauben dieser Leute erst einmal nichts oder nicht viel ändert. Auf der anderen Seite überlege ich mir, was geschehen wäre, wenn ich nicht irgendwann den Entschluß gefaßt hätte, daß diese Leute die eine oder andere Stunde meiner Zeit wert sind.

Eines Tages kam ein Gemeindemitglied nach einer Messe auf mich zu und sagte mir, daß ich mich nicht „mit diesen Leuten abgeben“ soll, weil die schlecht über die Kirche und die Priester denken und reden. Ich habe dann nicht sofort die fette „What would Jesus do?“-Keule ausgepackt, habe aber zu bedenken gegeben, daß nicht wenige dieser Leute jetzt besser über die Kirche und die Priester sprechen, was ich nicht weiß, weil ich da eine Wanze installiert habe, sondern weil mir mal eine der Würstelbudendamen davon berichtet hat.

Ich denke schon, daß die Kirche die Angst der Leute vor Eigeninitiative nicht unterschätzen sollte, und daß an den Würstelständen unserer Gesellschaft interessante Früchte vom Baum fallen können, wenn man sich als Priester die Zeit nimmt, das Herz faßt und die Lust mitbringt, ihn mit der richtigen Technik zu schütteln.

Wien und MCU

Ich war heute Morgen zum ersten Mal seit langer, langer, langer Zeit wieder so richtig in Wien. Bei ausgesprochen angenehmem Frühlingswetter habe ich mich drei Stunden lang zwischen Oper und Schwedenplatz, zwischen Freyung und Stadtpark herumgetrieben. Ich habe ein wenig Window Shopping gemacht, habe auf dem Hohen Markt im Freien ein kleines Frühstück zu mir genommen, habe dabei etwas gelesen und geschrieben und habe während der ganzen Zeit immer auch ein Auge auf die Leute geworfen. Es kam mir bald so vor, als seien viele der Menschen, die sich an diesem Morgen und Vormittag mit mir in die Innenstadt gewagt hatten, zögerliche Schwimmer, die erst einmal einen Zeh in das Wasser stecken, um die Temparatur zu prüfen. Wenn wir um der Argumentation willen mal die Zeit vor Corona als „normal“ bezeichnen wollen, dann war das, was ich heute in Wien gesehen habe, noch ziemlich weit vom Normalzustand entfernt. Immerhin füllen sich die Straßencafés langsam. Die natürlichen Lebensräume der Botox-Busserlria sind in diesen Tagen entweder noch nicht zugänglich oder noch nicht bevölkert. Die wenigen Exemplare, die sich hinaustrauten, wirkten außerhalb des Rudels eher verunsichert.

Ich schlenderte also so durch den Sonnenschein, und irgendwann erinnerte ich mich an die vergangenen sieben Monate, in denen ich das Glück hatte, in Wien gleich zweimal von mir besonders lieben Menschen besucht zu werden. Gleich merkte ich, was mir in diesen Wochen am meisten fehlt: Eben diese Besuche bzw. dieser Kontakt und die damit stets einhergehenden Erlebnisse. Wenn ich „Erlebnisse“ schreibe, dann meine ich keineswegs irgendwelche haarsträubenden Abenteuer. Aber selbst ein zwangloses Schlendern durch die Wiener Innenstadt, ein zweites Frühstück beim Demel oder ein Marathon durch das mumok wird mit der richtigen Begleitung zu einem unvergeßlichen Highlight.


Es kristallisiert sich langsam heraus, daß mir unter den mittlerweile 23 Marvel Cinematic Universe-Filmen auf Dauer (und nach mehrmaligem Sehen) jene am besten gefallen, die von den Kritikern nicht unbedingt allesamt geliebt wurden oder nicht immer die ganz offensichtlichen Helden zeigen oder sich manchmal anfühlen, als seien sie ein wenig losgelöst vom Rest des großen Erzählbogens. Ich liebe Ant-Man, die Guardians und auch Captain Marvel. Deal with it. Ob ich dem MCU nach dem Black Widow-Film, den ich mir natürlich noch geben werde, weiterhin treu bleiben kann, daß ist jetzt noch nicht abzuschätzen.

Geister (k)einer Vergangenheit

So wie Ihr niemals enden könnt, so kann ich nur beginnen, jeden Tag einmal mehr.

Ich erkenne, mit Sinnen, die sich immer noch überraschen lassen wollen, in der Glut eine Geschichte und werde mit jedem Funken, der mich anspringt, selbst zur Asche.

Eine Hand, hell und glatt und fleischig, bequem ruhend auf einer Armlehne, verkümmert langsam zu Haut und Knochen, bis der Ring endlich vom Finger rutscht und mit leuchtendem Klang auf den marmornen Boden trifft. Eine Melodie, süß und schwer und ahnend, erklingt von der Empore. Töne wie Flocken aus Blei fallen herab, und ich stehe bis zu den Knöcheln zuerst in Noten, bald darauf in gierig schluckendem Morast, der mir furzend und schmatzend hinterherhöhnt, während ich mühsam hinüberstapfe zu der aufgebrochenen Türe, hinter der stets etwas endet. Die Melodie ist nun ein Orchester, krachend und kreischend und splitternd. Hinter jedem Spiegel, der in Stücke geht, finden sie doch immer wieder nur ihre eigenen Fratzen und somit noch ein wenig mehr Zorn. Im Schrei der heiligen Seide versteckt sich der Fluch, der über das gesalbte Fleisch gesprochen wird. Wie ein Insektenschwarm fliegen die kleinen und kleinsten Fetzen, Gravitation ignorierend, Gravität ruinierend, aus den scheibenlosen Fenstern hinauf zu den ungerührten Wolken. Ich habe damit nichts zu tun.

Ich habe damit alles zu tun. Flehen diese Hände, die sich mir entgegenstrecken, oder klagen sie an? Nein. Sie greifen und sie zerren. Mit dem letzten Atem, der mit bleibt, puste ich den Staub von Euren Rosenwangen. Der Boden schluckt mich, ein kurzer Fall. Ich lande weich, sinke in die Polster und Kissen einer gemächlich schaukelnden Kutsche. Schon wird der Schlag aufgerissen. Hände kommen über mich wie tollwütige Fledermäuse, greifen Fetzen aus dem Nichts und fügen sie an mir zusammen zu prachtvollen Gewändern. Man steckt mir einen Ring an den Finger. Ich betrachte meine Hand, hell und glatt und fleischig.

So wie Ihr niemals enden könnt, so kann ich nur beginnen, jeden Tag einmal mehr.

Zum Aufwärmen oder „Liebe in den Zeiten des Coronavirus“

Wie das strahlende Licht eines lange erloschenen Sterns, der sich noch ein letztes Mal mitteilen möchte, nicht verzweifelt, nicht bettelnd, aber doch mit aller Dringlichkeit, aller Gewichtigkeit und aller Bedeutsamkeit, so fiel mit das Gesicht des Kardinals de Bernis vor vielen Jahren in Form einer Radierung in die Hände. Nach kurzer Recherche erwies sich eine Beschäftigung mit diesem Charakter als zwingend notwendig, wurde aber aufgrund der sprachlichen Barriere (meine Französischkenntnisse waren und sind spärlichst) erst einmal auf die To-Do-Liste gesetzt. Ich hatte kurz zuvor erst die Grafen von Schönborn und den Fränkischen Barock entdeckt, und dies war ein Feld, welches ebefalls anständig abgeerntet werden wollte.

Immer wieder zog es meinen Verstand und mein Herz in den folgenden Jahren an die Seite des Kardinals, ohne daß zu einer wirklich fruchtbaren Auseinandersetzung mit seinem Leben und Werk gekommen wäre.

Er begegnete mir in Casanovas Memoiren, in etwas ausführlicheren oder thematisch fokussierten Geschichtsbüchern, in Zeitungsartikeln vor allem aus dem 19. Jahrhundert und – natürlich – im Internet, wo eine Suche nach ihm nicht selten interessante Details, amüsante Anekdoten oder auch neues Bildmaterial einbrachte.

Und so füllte sich die Schale dieser seltsamen Vernarrtheit und floß nun endlich über. Liebe in den Zeiten des Coronavirus mag oft einhergehen mit durch Reiseverbot verursachtem Trennungsschmerz. Mir haben diese Tage und Wochen der Abgeschiedenheit den Weg bereitet und die Türen bzw die Bücher geöffnet. Ich pfiff auf die Verständigungsschwierigkeiten und machte mich an die Arbeit, die immer noch wie ein Berg vor mir liegt. Erst 113 von insgesamt 1.280 zu übersetztenden Seiten habe ich überwunden. Aber auf die mühevolle Arbeit folgt, wie beim Bergsteigen, der süße Lohn: Am Ende jedes Abschnitts atme ich zufrieden und glücklich durch, genieße den sich mir bietenden Ausblick und danke Gott für seine Schöpfung.

Nun ist also geklärt, daß ich den Kardinal de Bernis, der mich soeben durch die Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts führt, für eine der faszinierendsten historischen Persönlichkeiten überhaupt halte, aber das bedeutet nicht, daß der geneigte Leser sofort nickt und wissend raunzt, wenn dieser Name fällt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: De Bernis war und ist eine dieser Indie-Bands der Geschichte, deren Namen zwar fast jeder schon einmal gehört hat, mit deren Musik aber dennoch nur die Liebhaber vertraut sind. Er war keiner der ganz Großen, sein Name fällt nur in wenigen Fällen dort, wo Welt- oder zumindest europäische Geschichte für die Schulbücher geschrieben wird. Sprich: Er tauchte nicht überall in den Charts auf, aber er machte – wie man heute so sagt – stets sein Ding. Dies mit Leidenschaft und – wo es nötig war – auch meisterlich, so daß er immerhin im Laufe der Zeit eine treue Fangemeinde um sich scharen konnte, die ihm, so wie ich in diesen Wochen, von Auftritt zu Auftritt hinterherreist.

Ich veröffentliche die kommenden Beiträge also nicht nur, um mir die eigene Leidenschaft von der Seele zu schreiben, sondern auch, um in Ausschnitten, Anekdoten, manchmal in Übertreibungen, hin und wieder vielleicht auch in Ahnungslosigkeit dem geneigten Leser ein Bild zu malen von einem Menschen, der ganz weit oben auf meiner „Wenn Du mit einer historischen Persönlichkeit einen Kaffee trinken könntest“-Liste steht.

Packen wir’s an.

Geburtswehen

Ich schleppe schon seit vielen Jahren die Idee mit mir herum, mich schreibend mit dem Kardinal de Bernis zu beschäftigen. Zu interessant erschien mir diese historische Persönlichkeit auf den ersten Blick und während der ersten, flüchtigen Zeilen, die ich über sie las.

Das Problem: Meine Französisch-Kenntnisse sind im Grunde nicht existent, beschränken sich auf das, was ich aus dem Lateinischen ableiten kann, und auf einzelne Worte oder Phrasen, die sich mir im Laufe der Jahre eingeprägt haben. Der Übersetzungsservice von Google wird glücklicherweise immer besser, und wenn dieser nicht hilft, versuche ich auf andere Art, dem Internet die Bedeutung des fraglichen Wortes bzw. der fraglichen Wendung abzuringen. Bekloppt wie ich bin, tippe ich nun abwechselnd gleich drei französche Kardinalsbiographien in das Übersetzungsfenster und stehe kurz davor, mir über einen Amazonkunden eine vierte, erst im vorigen Jahr erschienene, zuzulegen. Insgesamt läßt sich die Arbeit im Moment ganz gut an. Ich nehme die kürzeste der Biograhpien als Basis, und wandere von dort in diverse Kapitel der etwas ausschweifenderen Bücher, um einer interessanten Begebenheit vielleicht etwas mehr Fleisch auf die Rippen geben zu können.

Zu den sprachlichen Problemen kommen zwei weitere hinzu: Erstens kann ich kaum drei Zeilen – und seien es noch so banale – aus einem der Bücher übersetzen, ohne daß ein Teil von mir, der offenbar auf besonders schräge Art empfindsam ist, mit Gewalt nicht nur in eine andere Zeit, sondern auch an andere Orte zurückgezerrt wird. Jeder Schritt, den de Bernis in Saint-Marcel-d’Ardèche als Bub, in Paris als armer Student und Verseschmied, in Versailles als Pompadour-Berater, in Venedig als Botschafter oder in Rom als Kardinal macht, ist ein Schritt, den ich selbst schon einmal getan habe. Jeder Name, der fällt, klingt vertraut. Jedes Gebäude, das erwähnt wird, ist bekannt. An jedem Blumenduft und an jedem Vogelgesang, möchte ich fast behaupten, habe ich mich selbst erfreut, jeden Bissen eines jeden Mahls selbst gekostet. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es anders beschreiben soll.

Zweitens: Die Übersetzung könnte viel schneller vorangehen, sähe ich den Kardinal nicht ständig vor meinem inneren Auge, zum Anfassen klar. Und weil ich ihn sehe, kann ich um so mehr mit ihm fühlen, über seine Bonmonts schmunzeln, mich über seine Erfolge freuen, mich über seine Torheiten ärgern und – nicht zuletzt – bis zur Herzenseinäscherung mit ihm lieben, treu sein, loyal sein.

Da ich nun aber auch weiß, wie die Geschichte endet, zittern mir nach jeder weiteren übersetzten Seite die Hände immer stärker, protestiert der Magen immer vernehmlicher, steht der Schweiß immer dichter auf der Stirne. Bald muß ich hilflos dem Ende der Welt, die ich kenne und liebe, zusehen und mich selbst von der Höhe gewaltigen Reichtums, prachtvollen Glanzes und sprudelnder Geselligkeit herabstürzen in die Grube finanziellen Ruins, leerer Gemächer und trister Einsamkeit.

Die abgebrühten Asketen werde mich jetzt auslachen und mir vorwerfen, als Priester viel zu sehr an den Dingen der Welt zu hängen. Sollen sie’s. Ich kann nicht mit de Bernis reimen, schuften, lieben, lachen, klettern, straucheln, feiern nur, um ihn dann alleine und teilnahmslos fallen zu lassen. Am Ende kann ich immerhin sinngemäß mit ihm klagen: „Ich sah es kommen und konnte es nicht verhindern“.

Ich kann jetzt noch nicht genau sagen, wann ich zum ersten Mal einen eigentlichen Beitrag über den Kardinal schreibe. Aber ich weiß, daß ich nicht einfach sein Leben nacherzählen werde. Das haben andere getan. Bei mir wird es wahrscheinlich eine Mischung sein aus Andekdoten und „Das Leben des Francois Joachim de Pierre, Kardinal de Bernis, wie es sich gemäß Herrn Alipius gefälligst abgespielt hat“. Oder so.

Noch was…

Für all diejenigen Leser, die meinen alten Blogs eifrig folgten und mir vorübergehend schwindelerregende (zumindest für ein deutschsprachiges, dezidiert katholisches Blog) Besucherzahlen bescherten, habe ich zwei Nachrichten:

  • Erstens: Ein simples, aber breites „Vergelt’s Gott!“ für Euer Interesse.
  • Zweitens: Das hier wird kein „totaliter aliter 2.0“, kaum ein „rom, römer, am römsten 2.0“ und sicherlich kein „Klosterneuburger Marginalien 2.0“. Sprich: Es wird keine Robusta-Wiedergeburt gefeiert, es wird keine spitzfindigen Kommentare zum kirchenpolitischen Geschehen geben, es wird nicht die eigene Lehramtstreue demonstriert, noch die vermeintlich mangelnde der Anderen angeprangert. Es wird höchstwahrscheinlich nicht einmal mehr smugge „alipius iocans“-Nummern geben. Das ist nicht mehr mein Spiel.

Dies hier ist eine klitzekleine, verstaubte Nische, in der ich mich im unüberschaubaren Angebot des weltweiten Netzes eingerichtet habe, um die Wartezeit auf die Lockerungen der corona-bedingten Einschränkungen für mich selbst etwas interessaner zu gestalten und meinen persönlichen Leidenschaften, Liebhabereien und Spinnereien nachzugehen und vielleicht – wenn der Corona-Irrsinn vorüber ist – sogar noch weiterzumachen.

Im Internet offensiv und begeistert katholisch zu sein, war eine Zeit lang okay. Mehr als okay sogar. Aber es rief dann doch irgendwann zu viele Combox-Akademiker auf den Plan, die ermüdende Diskussionen anzettelten, weil sie eine andere „Meinung“ hatten. Ich bin mittlerweile alt genug, um nicht mehr nur „Meinungen“ haben zu müssen. Ich kann mir Urteile erlauben.

Und eines dieser Urteile lautet: Mir geht es bloggenderweise viel besser, wenn ich einfach einen Kopfsprung in ein Becken voller jubelnder Putten, prachtvoller Schlösser, wohlbeleibter Kirchenfürsten, farbenfroher Lustgärten und grundsätzlich barocker/rokokoiger (?) Lebensfreude mache, dieser hier und da auch ein paar Tränen hinterherweine und alles mit ein paar Sprenkeln von mir komponierter Musikstücke, geschossener Photos und geschriebener Lyrik verziere.

Das Blog wird über längere Zeit nur einen winzigen Kreis von Lesern interessieren und halten können. Aber wenn es nur fünf Leute gibt, die hier regelmäßig mitlesen, weil ich exakt das mache, was ich mache, dann bedeutet mir das zu diesem Zeitpunkt meines Schaffens nicht wenig.

Meine Kirchenfürsten

Es kann ja geschehen, daß sich Leser auf diese Seite verirren, die noch keine Bekanntschaft mit meinen älteren Internetaktivitäten gemacht haben. Diesen Beitrag schreibe ich für diese Neuankömmlinge (Servus!), aber auch für routinierte Alipius-Adepten, um ein etwas helleres Licht auf ein Phänomen zu werfen, welches mich seit frühester Jugend mit prickelnder Neugierde, zaghaftem Forscherdrang und kindlicher Freude erfüllt: Der Prälat des 18. Jahrhunderts.

Warum überhaupt dieser Crash-Kurs? Weil es auf dieser Seite mit ziemlicher Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft von seidenumhüllten, pfingstrosenwangigen, entrückt blickenden Exzellenzen und Eminenzen einigermaßen wimmeln wird und Ihr, liebe Leser, Euch dann nicht fragen müßt „Was ist denn mit dem los?“

Es begann – ich weiß nicht wann, aber sicherlich vor meinem 14. Geburtstag – mit dem Portrait eines Kardinals (Fleury? Rohan? Noailles? Rochefoucauld? – es ist so lange her…). Erinnern kann ich mich an diesen eigenartigen Gedanken, der mir durch den Kopf schoß: ‚Kann doch nicht sein, oder?‘, der schriftlich ausformuliert etwa bedeuten sollte: Soll es wirklich einmal möglich gewesen sein, daß sich Männer so kleideten? So unpraktisch eingehüllt, so amüsant erhaben, so grandios leuchtend, so selbstverständlich damenhaft (das Konzept eines Mannes im Fummel war mir bekannt, noch bevor ich lernte, wie Prälaten sich einst kleideten)? Diese Fragen gingen keineswegs mit dem Gefühl der Ablehnung oder des Unwillens einher, sondern – im Gegenteil – mit heftiger Befürwortung selbstbewußt zur Schau gestellter, textiler Eskapaden im Rahmen kirchenfürstlicher Repräsentation.

Randnotiz: Meine Oma seligen Andenkens arbeitete viele Jahre in der Stoffabteilung des Seidenhauses Schmitz auf der Düsseldorfer Königsallee. Daher konnte sie kostbare Stoffe zu reduziertem Preis abgreifen und durfte Reste sogar kostenlos mitnehmen. In ihrem Wohnzimmer hatte sie Vorhänge aus reinem, goldbesticktem Seidenatlas von einer Farbe, die ich bis heute nicht definieren kann (ein Rest des Stoffes hängt bei mir im Stift um einen barocken Bilderrahmen drapiert), die ich aber mal als „das denkbar dunkelste Lachsrosa“ bezeichnen werde, um dem Leser eine Idee zu geben. Als kleiner Bub, also noch lange vor meinem ersten Kardinalsportrait, schlug dieser Stoff mich heftig in seinen Bann. Mich faszinierte sowohl der Glanz als auch die glatte Oberfläche und ich war irgendwie empört, als ich im Laufe der Jahre herausfand, daß sogar Männer sich einst – so sie den entsprechenden Geldbeutel mitbrachten – in solche Stoffe kleideten. Wie jetzt? Und da lauft Ihr heute in grauen Dreiteilern rum? Schande! Ich wurde ein ganz großer Seidenliebhaber, und zwar nicht, weil Seide teuer ist, sondern weil sie aufgrund ihrer Eigenschaften schlicht die logische Hülle ist zumindest für den Teil der Erdbewohner, der irgendwie zu repräsentieren hat oder der ohnehin schon so reich und banane ist, daß er im Bad Waschtischarmaturen aus Gold installieren läßt. Will sagen: Ich wollte und will die Seide weniger für mich, sondern eher an anderen Leuten, wo ich sie besser sehen kann. Es versteht sich von selbst, daß dann so ein Kardinal in wasweißichwieviel Metern Moirée bei mir leicht den Sprung an die Spitze schaffte.

Ich weiß nicht genau, in welchem Bereich meines Verstandes ich welche Menge an Therapie brauche, aber ich weiß, daß in den folgenden Tagen, Wochen, Jahren alleine der Eindruck meines ersten Kardinalsportraits mich den Duft von Pferdeäpfeln dem von Raumsprays vorziehen ließ, mir Sandstein, Holz, Naturstoffe kostbarer machte als Beton, Plexiglas, Polyester und mich auf dem Rücksitz eines Automobils wünschen ließ, ich säße in einer Kutsche und die Landschaft bewegte sich langsamer am Fenster vorbei. Meine Leidenschaften und mein Forscherdrang wurden also Stück für Stück zurückgesaugt in eine Zeit, die sich mir nur noch in Dokumenten und Monumenten verständlich machen konnte.

Kein Jugendlicher möchte parallel zum Pubertäts-, Cliquen- und Schulstreß auch noch moireeseideninduzierte Identitätsfragen beantworten müssen, also schleppte ich meine Prälaten für einige Jahre an der Hand hinter mir her wie kleine Brüder, die quengelnd Aufmerksamkeit einfordern, bis dann das Ende der Schulzeit, die Volljährigkeit und der Führerschein mir so viel Unabhängigkeit gaben, daß ich solide weiterforschen konnte.

Dies führte im Sommer 1990 zu einem „Liebe auf den ersten Blick“-Moment, als mich in Franken die Schönborn-Bischöfe – allen voran der Erzbaumeister Lothar-Franz – nicht nur mit ihren formidablen Portraits sondern auch mit ihren steingewordenen Leidenschaften aus den Socken hauten. Die Epizentren des Bewunderungsbebens liegen in Würzburg (Residenz), in Pommersfelden (Schloß Weißenstein) und in Bamberg (so ziemlich alles, was vor dem Ende des 18. Jahrhunderts entstand). Während das fürstbischöfliche Schloß am Main – aus Ruinen wiedererstanden – sich mit seiner Eleganz, seiner Pracht und seiner Schönheit als Schönborn-Familiendenkmal höflichst aber bestimmt jegliche Kritik verbietet, liegt das Schloß in Pommersfelden – von den Schlaglöchern der Geschichte weitestgehend verschont – schwer und doch vollkommen unbedrohlich da, wie ein übergewichtiger Freund auf der Hängematte, der mir mit ausgebreiteten Armen zuruft „Endlich! Ich dachte schon, Du kommst gar nicht mehr!“

Parallel zu den ab August 1990 unermüdlich weitergeführten Schönborn-Begegnungen und -Forschungen vergaß ich auch die Kardinäle nicht. Hier stellte sich bald heraus, daß ganz besonders die Franzosen des späten 18. Jahrhunderts mir etwas mitzuteilen hatten, und daß in ihren Botschaften nicht immer die Sonne schien. Mehr dazu in einem bald erscheinenden Beitrag über den Kardinal de Bernis.

So. Ob und in welchem Maße dies nun eine Verständnishilfe ist, das werdet Ihr wahrscheinlich besser beurteilen können als ich. Aber ich hoffe, daß Ihr Euch wenigstens beim Lesen nicht gelangweilt habt.

Hoffnung

Mitten unter den Gläubigen und den Heiligen vieler Jahrhunderte stehe ich knöcheltief in einer Geschichte, einer Tradition, aus der ich mit meinen Füßen wie mit Wurzeln Kraft zu ziehen scheine und die Gewißheit, nie alleine gewesen zu sein und nie alleine sein zu werden, auch wenn der Schrei des Flehens jetzt noch in eine gestaltenleere Zukunft schallt, die keine Gewißheit schenkt, an der ich mich nicht festhalten kann.

Halt gibt es jenseits der Zukunft, in der Ewigkeit, wo ein Gott, der in die Geschichte eintrat, der Mensch wurde, der mit uns litt, seine Hände aufhält, die so groß sind und so stark und so bereit, den Sünder aufzufangen, wenn er nicht stolz fällt und dennoch mit der schlecht verborgenen Angst des Knechts vor dem blind dreinschlagenden Herrn, sondern bußfertig und gleichzeitig erfüllt von der hoffnungsvollen Furcht des Sohnes vor dem liebenden Vater.