Erinnerungen an einen Sommer…

Ein treues Gefährt beförderte mich und meine lieben Miturlauber in den vergangenen 16 Tagen über eine Strecke von exakt 3.333 Kilometern. Da sammelt sich auf den diversen Etappen einiges an. Als ich den Wagen heute ausräumte, zerrten diverse kleine und kleinste Fundstücke mich zurück in eine Traumwelt, die wie von Künstlerhand zusammengewoben wurde aus weiten Sonnenblumenfeldern, aus von Wegwarten gesäumten Landstraßen, aus weiß-blauem Frankenhimmel, aus regennassen Parkwegen, aus milde strahlendem Sandstein, aus fürstlichen und fürstlichsten Gemächern, aus lichtdurchfluteten Chorgestühlen, aus wohl bekannten und doch immer wieder gerne gesehenen Fürstbischofs-Portraits, aus wortreicher Seelenverwandschaft, aus klirrenden Weingläsern, aus schlendernder Vertrautheit, aus vielen Stunden in der besten aller Gesellschaften und aus unzähligen, wundervollen Eindrücken, die nie alleine gesammelt wurden, sondern stets in trauter Zwei-, Drei-, Vier- und Fünfsamkeit.

Ich entdeckte beim Ausräumen des Wagens:

  • Eine halb leergetrunkene Wasserflasche in der Innenverkleidung der Beifahrertüre
  • Eine leergetrunkene Cola-Flasche in der Innenverkleidung der rechten hinteren Türe
  • Ein einst kunstvoll eine ganze Daumenkuppe umhüllendes Pflastergebilde im hinteren Fußraum
  • Einen Parkscheinabriß von Schloß Seehof im Beifahrer-Fußraum
  • Einen Parkscheinabriß aus Gößweinstein unter dem Fahrersitz
  • Getrocknete Matschkrümel aus dem Park der Eremitage in Bayreuth in beiden vorderen Fußräumen
  • Zwei Eintrittskarten für Schloß Weißenstein ob Pommersfelden in der Innenverkleidung der Fahrertüre

Ich hielt all diese Gegenstände und Fetzen und Krümel in den Händen und starrte sie an wie ein französischer Aristokrat Ende Juli 1789 die qualmende Ruine seines einst stolzen Schlosses. Ich wußte nun, daß es wirklich vorbei ist. Und ich blickte mit einer Mischung aus Resignation, Verachtung und doch auch Einsicht herab auf die Zeit, die in diesem Moment auftrat als tobender Pöbel, der mir entreißt, worauf ich ein Anrecht zu haben meine. Und wie der Monsieur le Marquis/Comte/Duc/etc plane ich nun die Emigration. Zwar fliehe ich nicht ins Ausland, sondern in die einschlägige Schönborn-Literatur und die angehäuften Erinnerungs-Photos. Aber ebenso wie der Aristokrat hoffe ich auf eine Rückkehr unter DAS Dach über meinem Haupt, auf DEN Boden unter meinen Füßen und zu DEN Menschen an meiner Seite.

Wer das nicht liest, wird sofort entfreundet

Es ist eigentlich seit Tagen viel zu heiß zum Bloggen. Aber eine Frage drängt mich jetzt dennoch an die Tastatur:

Warum schreiben Leute auf facebook immer wieder mal „Wer ‚xyz‘ gut findet oder ‚abc‘ sagt, der wird sofort entfreundet“?

Wenn die Beiträge irgendeines Gesichtsbuch-Kontaktes mich dauerhaft anwidern, dann fliegt diese Person einfach raus und basta. Keine Vorwarnung. Keine Drohung. Einfach tschö. Das betraf bisher ohnehin immer nur Leute, die ich außerhalb von facebook nie kennengelernt habe und mit denen ich auch auf dieser Seite eigentlich keinen Austausch hatte, der über ein gelegentlich unter einem meiner Beiträge hinterlassenes Emoji-Duftmärkchen hinausging.

Warum also sollte ich eine vage, verallgemeinerte, nicht an eine einzelne Person gerichtete Nachricht absetzen, die soviel bedeutet wie „Hallo, x-beliebige Zufallsbekanntschaft aus einem sozialen Medium, in die ich emotional nichts investiert habe und mit der mich außerhalb dieser Seite nichts verbindet. Wenn Du weiterhin die Vorzüge dieser Beziehung genießen willst, die auf gegenseitiger Kenntnisnahme die Welt in keiner Weise beeinflussender Beiträge beruht, dann versuche bitte, auf meiner Timeline nicht Du zu sein“?

Von all den Leuten, die ich bisher auf facebook rausgeworfen habe, hat sich ohnehin bisher nur ein einziger Kontakt danach gemeldet und ein wenig rumgenölt. Alle anderen haben es entweder schweigend akzeptiert oder – wovon ich bei über 500 Leuten in meiner Liste eher ausgehe – gar nicht mitbekommen. Ich mag der Mittelpunkt meiner eigenen facebook-Seite sein, aber das bedeutet nicht, daß diese Seite dadurch zum Mittelpunkt der Online-Aktivitäten aller meiner Kontakte wird. Ich finde die oben angesprochene Drohung daher ausgesprochen seltsam und irgendwie auch von einem Hautgout der Selbstüberschätzung umweht, drückt sie doch soviel aus wie die Annahme, daß alle potentiell vom Rauswurf bedrohten Gesichtsbüchler, die das lesen, sich sofort wie auf Knopfdruck ändern, weil sie kaltschweißig krampfen beim Gedanken an ein facebook-Leben ohne mich.

In die gleiche „Hä?“-Kategorie gehören natürlich auch Beiträge wie „Ich habe diesen und jenen entfreundet, weil…“ oder „Boah ey! Dieser und jener ist so dünnhäutig! Hat mich einfach entfreundet, obwohl ich nur…“.

Es ist ein #%*¿&†≠¡ „soziales“ Medium. Deal with it.

Welche Welt?

Klügere Köpfe haben es wahrscheinlich schon längst entdeckt und schon immer gewußt. Mir ist neulich erst aufgefallen, was ich an facebook so verstörend finde: Dieses vollkommen willkürliche Durcheinander der Informationen und Eindrücke, die aufgrund ihrer Präsentationsform irgendwie alle gleichwertig zu sein scheinen und daher oft so lächerlich und deplaziert wirken, wenn sie aufeinander folgen.

Auf eine Katastrophenmeldung folgt ein total cooler Lifehack, auf ein Weltuntergangs-Szenario ein Foodporn, auf eine Gebetsbitte für einen verstorbenen Freund ein knüffiges Panda-Video, auf ein schönes Photo eine viel zu persönliche Information, auf ein kommentarlos geteiltes Musikvideo eine öffentliche Schlammschlacht, auf eine moralische Entrüstungsarie ein flapsiges Meme. Und dann geben sich natürlich ständig Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen aus allen extremistischen Windrichtungen die Klinke in die Hand.

Die sich aufdrängende Frage lautet: Wo und wie positioniere ich mich bzw meine Beiträge in diesem Strom von Informationen, der zugleich so rein und erfreulich und doch auch so schmuddelig und deprimierend ist? Oder anders: Welche Welt will ich auf meiner facebook-Wall zeigen?

Ich habe mich letztlich dazu entschlossen (und dies schon vor geraumer Zeit), den Leuten da draußen nicht DIE Welt zu erklären, sondern ihnen MEINE Welt zu zeigen (so sie sich überhaupt darstellen und vermitteln läßt). Das mache ich nicht, weil ich zum Tages- und Weltgeschehen keine Meinung habe oder nichts darüber weiß, sondern eher, weil sich das Tages- und Weltgeschehen in meinem Geist und meiner Seele seit Jahren einfach nicht als das niederläßt, was mich bewegt und von mir bewegt wird. Ich meine, die Welt geht auch unter, wenn ich vorher nicht Durchblickertum simuliere und kreischend davor warne. Soviel Vertrauen habe ich schon in meinen Gott, daß er das auch ohne meine Stimme durchzieht. Aber bis es soweit ist, murmele ich lieber leise und vielleicht manchmal auch unbemerkt mit meiner eigenen Stimme, als laut in irgendeinem Chor mitzusingen.

Nur eine weitere Liebeserklärung

Für alle, die es nicht mitgekriegt haben: Ich bin momentan in Bamberg und mache Urlaub mit Familie und Freunden. Im Corona-Jahr ist natürlich alles etwas anders, aber selbst, wenn die Gesamtsituation des Jahres 2020 nicht grundsätzlich schwer verbesserungswürdig wäre, stächen diese Tage doch als sehr schön, erholsam und prächtig heraus. Meine tiefe Verbundenheit mit und Liebe zu Bamberg habe ich in der Vergangenheit oft genug schriftlich festgehalten. Auch andere Orte, wie die Würzburger Residenz, das Schloß Werneck, die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen, die Abtei Ebrach und – natürlich – das Schloß Weißenstein ob Pommersfelden wurden bereits geziemend besungen.

Meine Faszination mit dem Garten des Schlosses Seehof bei Bamberg habe ich ebenfalls bereits beschrieben. Aber nach dem gestrigen Aufenthalt dort muß ich heute noch mal einen drauflegen. Zuerst einmal ein alter facebook-Eintrag zum Warmlaufen:

Schloß Seehof hat sich im Laufe der letzten Jahre bei mir zu einem weiteren echten Sehnsuchtsort entwickelt. Ich war heute dort und bin fast drei Stunden lang durch Schloß und Garten spaziert. Der Ort wirkt an vielen Stellen wie aus der Zeit gefallen. Stille im eigentlichen Sinne herrscht dort nicht, da das Gezwitscher und Gegurre der Vögel ebenso kein Ende zu haben scheint, wie die Laubengänge, Hecken, Alleen und Wege der weitläufigen Anlage. Aber wenn man außer Schloß und Natur nichts sieht und außer dem Vogelgezwitscher und dem selten genug zu vernehmenden Geknirsche des Kies unter den Füßen der angemessen träge schreitenden Besucher nichts hört, dann empfindet man nach kurzer Zeit schon den Anblick eines mit angestrengt-dringlicher, schweißbedeckter Miene vorbeijoggenden Körpers wie einen Drohboten aus einer ungewissen Zukunft. Während der Schloßführung (nicht meine erste, versteht sich) geschah nach wenigen Minuten das, was an diesen Orten immer geschieht: Die Stimme der Erklärdame drang wie durch einen Nebel zu mir, ich hing meinen Gedanken nach, verirrte mich beinahe auf meine eigenen Wege, die dann doch nicht ganz die Meinen sind, weil sie vor langer Zeit von Anderen zuerst beschritten wurden. Eine ganz spezielle Art des Behütet-Seins wirft sich jedes Mal sanft über mich, wenn ich die Anlage betrete. Entsprechend zäh fällt dann der Abschied aus, welcher immerhin erleichtert wird durch die Hoffnung auf eine Rückkehr an einen dieser Orte, die ich gerne beschreibe, obwohl ich nie angemessen über sie sprechen kann.

Gestern nun setzte ich mich nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den Schloßgarten auf eine Parkbank und schrieb dies in mein Reisetagebuch:

Die Liebe zu diesem Ort scheint mir von Besuch zu Besuch schwerer zu wiegen. Das Dach über meinem Kopf, das ist unbestritten und unangefochten Schloß Weißenstein ob Pommersfelden. Doch der Boden unter meinen Füßen ist ganz offenbar der Garten des Schlosses Seehof. An einem Tag wie diesem könnte ich mich hier, unter dem weiß-blauen „Seehofer Himmel“ (wie ich ihn mittlerweile wegen seines verläßlichen Auftretens anläßlich eines jeden meiner Besuche nenne), eigentlich seufzend und lächelnd ins Gras legen und sterben, vorausgesetzt die richtige Person/die richtigen Personen ist/sind anwesend und hält/halten mein Hand/Hände. Wenn ich auf der Kreuzung zweier Heckenwege stehe, nichts höre außer dem Gesang der Vögel, keinen Menschen sehe und keinen Wunsch hege, dann bin ich dieser Welt und dieser Existenz plötzlich so entzogen, so entrückt, so fremd, daß ich eigentlich auch verschwinden könnte. Zwar ist von der einstigen Herrlichkeit der Seehofer Gärten außer den mühsam rekonstruierten Wasserspielen der Kaskaden wenig bis nichts erhalten. Aber das Gedächtnis dieses Ortes spricht zu mir in bewegender Vertrautheit, die mir zwar nicht den Glanz vergangener Zeiten vor das innere Auge rufen kann, aber meine Seele jauchzen läßt, als erblickte ich erneut, was ich niemals sah.

Sehnsuchtsort, fürwahr…

Kein Tagebuch

Der starrköpfige Unwillen, etwas anderes zu betrachten, als einen Geist in Deinen Farben: Er ist es, der mich immer wieder über die Schwellen trägt, wenn sonst nichts mehr hilft, wenn sonst alles fehlschlägt.

Ein Herz, zugleich eingeklemmt und vogelfrei. Das Blut rast, aber die Schönheit lindert und die Erhabenheit besänftigt. Zwischen den Gärten der Erleuchtung und den Kerkern der Schreckensherrschaft schmelzen Dutzende von Lebensberichten und Lebensgerüchten, umspielen mich in farbenreichen Strömen und fließen auf der Leinwand meiner Ohnmacht zusammen. Ein Bild entsteht und sprengt den Rahmen, sprengt das Spektrum, sprengt den Verstand so geschwind, daß ich kaum die Hände schützend vor das innere Auge legen kann.

Ich werde stiller und trete langsam zurück. Einen Blick! Nur einmal einen Blick auf das Ganze werfen zu dürfen… Zu spät:

Von den Hügeln kommt der Regen auf mich herab in tausend Rinnsalen, die sich zum Strom zusammenrotten. Er braust durch meinen Park, vorbei an meiner Terrasse und zeigt mir höhnisch, was er sich gerissen, was er Dir entrissen, was er mir zerrissen hat. In qualvoll kurzen Blitzen leuchten auf die Fragmente eines meisterlichen Werks. Doch ach! Zu wenige: Ich kann aus ihnen keinen Sinn erdichten. Und doch! Zu viele: Ich kann von ihnen nicht unberührt bleiben.

Und so ist das Eine immer zu fern, das Andere immer zu nah. So bin ich zu verarmt und doch viel zu reich. So gebe ich mich der Verzweiflung hin und bin doch stets fröhlich: Ich trage die Asche durch die Welt, und wo ich sie verstreue, dort beginnt es zu blühen.

Ganze Arbeit, halber Abschied

Wenn ich einen Blick auf meine Hobbies werfe, dann fällt mir auf, daß „multum, non multa“ nie mein Motto war. Eher schon bin ich ein Geselle in vielen Gewerben, wenn auch in keinem ein Meister. Hier ein wenig Photographie, dort ein paar Zeilen Lyrik, hier eine Handvoll humoriger Comic-Strips, dort ein paar eigene Klänge. Angefeuert das alles durch einen etwas weniger breit gestreuten Mix aus Interessen und Leidenschaften: Geschichte (besonders die Europas), Sprache (bis hin zu der des Körpers), Kunst (nicht nur, aber besonders Barock und Rokoko), Musik (Kind der 80er), Religion (natürlich vor allem die Katholische).

Man sagt mir nach, daß ich – wenn ich will – extrem schnell lerne. Ich sage mir nach, daß ich zwar oft will, aber nie ausdauernd und nie zielgerichtet genug. Hätte ich mich auf eine meiner Spielwiesen konzentriert, so wäre ich heute möglicherweise nicht nur Pfarrer in Floridsdorf sondern auch Komponist für kleine Indie-Filme, veröffentlichter Autor oder auch ein Photograph, dessen Bilder es bis in Galerien schaffen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich trauere hier keinen Nebenverdiensten oder Lorbeeren nach. Ich habe mich in meinen kleinen Nischen eingerichtet, und all die diversen Aktivitäten bringen mir immer wieder viel Freude, und sei es nur die, daß ich selbst mit einem meiner Werke uneingeschränkt zufrieden bin.

Den Boden bereiten will ich eigentlich für diese Information: Ich werde vorerst und für lange Zeit keine weiteren Kapitel der De-Bernis-Biographie veröffentlichen. Ich habe – gefühlt zum ersten Mal in meinem Leben – ein Hobby-Projekt begonnen, das ich nicht halbärschig angehen will, sondern welches ich auf professionellst-mögliche Weise zu Ende bringen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, muß ich vorarbeiten. Das bedeutet konkret, daß ich mich zuerst einmal mit der französischen Sprache zumindest so weit vertraut machen muß, daß ich Texte möglichst exakt ins Deutsche übersetzen kann und nicht nur von dem lebe, was ich zur Hälfte wörtlich und zur Hälfte sinngemäß verstehe. Spätestens nach dem Sommerurlaub werde ich also mit Sprachunterricht beginnen. Dann möchte ich mein Wissen über die fragliche Zeit vertiefen, werde also nicht nur die bereits existierenden Biografien des Kardinals sondern auch das eine oder andere Geschichtsbuch erneut oder zum ersten Mal durchackern müssen.

Wenn da draußen jetzt die De-Bernis-Junkies aufjammern, weil der Stoff erst einmal ausbleibt, so gibt es diesen Trost: Wenn ich im Laufe der Arbeit über eine Anekdote stolpere, die aus irgendeinem Grund massiv mitteilenswert ist, dann werde ich die hier auch preisgeben.

Bedeutet das nun, daß dieses Blog nach nur drei Monaten bereits wieder eingestellt wird? Nö. Es wird wie bisher weitergehen, leider nur ohne unseren Abbé. Aber WENN der dann wiederkommt (und ich hoffe wirklich, daß ich es so weit schaffe), dann wahrscheinlich im Rahmen der ersten, halbamtlichen, deutschsprachigen Biografie des Kardinal de Bernis.

Also dann…

Würstelstandpastoral

Direkt gegenüber der Kirche gibt es in Floridsdorf das „Stehbuffet“, eine Art nicht freistehender Würstelstand. Seit ich in der Pfarre arbeite, komme ich dort immer wieder vorbei. In den ersten Jahren war einer der Stammkunden ein Opa, der den „Herrn Forra“ hin und wieder auf einen Kaffe eingeladen hat, um ein Schwätzchen zu halten. Mit der Zeit gesellten sich andere Leute dazu und schwatzten mit. Ich ließ meinen rheinischen Charme spielen, riß dort ein Witzchen, machte dort ein Kompliment, schnorrte mir dort einen Tschik, kippte mir hier ein spendiertes Seidl hinter die Binde (ohwohl’s erst 9:00 Uhr war, aber ich komme ja aus Düsseldorf, also easy) und kam in kürzester Zeit mit all den verschiedenen Gestalten und Charakteren bestens klar.

Und irgendwann fingen sie dann an, Fragen zu stellen.

„Was muß ich denn machen, wenn ich wieder mal zur Kommunion gehen möchte?“
„Kann ich mal bei Ihnen beichten?“
„Wenn Gott uns liebt, warum will er dann, daß…?“
„Stimmt es, daß die Kirche…?“
„Wie ist das eigentlich genau mit Jesus…?“

Und ist stand natürlich immer gerne Rede und Antwort.

Neulich fragte ich dann mal in die Runde: „Wer von Euch hätte in der Pfarrkanzlei angerufen oder wäre mit seiner Frage in die Pfarrkanzlei gekommen, um eine Antwort zu erhalten ?“

Niemand.

„Warum eigentlich nicht?“

„Naja… Eigentlich finden wir Kirche und Pfaffen ja scheiße, so von wegen Kindesmißbrauch und Hexenverbrennung und Kreuzzügen undundund…“

„Okay!? Sollte ich mich jetzt besser in Sicherheit bringen?“

„Naaaa. Blos net! Sie sind ja eh urleiwand. Es ist noch nie ein Pfarrer einfach so zu uns gekommen, um mit uns einen Frühschoppen zu heben, mit uns zu reden und uns zuzuhören.“

Und da fiel mir auf, daß ich als Priester bei ganz vielen Leuten ganz anders ansetzen muß, um da auch nur ein itzi-bitzi-winziges Miniwenigbißchen zu bewegen. Viele wissen über unseren (und ihren) Glauben so gut wie nichts und über die Kirche noch etwas weniger. Die wollen zwar oft etwas wissen, aber die kommen nicht von sich aus in die Puschen. Wenn ich nicht zufällig in diesen Würstelstand-Kosmos hineingeraten wäre, dann wären heute noch viele Fragen unbeantwortet, viele Vorurteile nicht aufgeklärt und viele Chancen nicht genutzt.

Es ist jetzt nicht so, daß ich aus diesen Leuten fleißige Kirchgänger gemacht habe. Aber alleine die Tatsache, daß sie mir zuhören – und dies in wichtigen Momenten auch aufmerksam und widerspruchslos – ist nicht zu unterschätzen. Jetzt könnte man natürlich einwenden, daß das ja totaler Personenkult ist, weil die Würstelstandeinwohner sich vom Herrn Alipius eifrig becircen lassen und dann halt der Meinung sind, daß es wohl auch Priester gibt, die ganz okay zu sein scheinen, daß sich aber eigentlich im Hinblick auf den praktizierten Glauben dieser Leute erst einmal nichts oder nicht viel ändert. Auf der anderen Seite überlege ich mir, was geschehen wäre, wenn ich nicht irgendwann den Entschluß gefaßt hätte, daß diese Leute die eine oder andere Stunde meiner Zeit wert sind.

Eines Tages kam ein Gemeindemitglied nach einer Messe auf mich zu und sagte mir, daß ich mich nicht „mit diesen Leuten abgeben“ soll, weil die schlecht über die Kirche und die Priester denken und reden. Ich habe dann nicht sofort die fette „What would Jesus do?“-Keule ausgepackt, habe aber zu bedenken gegeben, daß nicht wenige dieser Leute jetzt besser über die Kirche und die Priester sprechen, was ich nicht weiß, weil ich da eine Wanze installiert habe, sondern weil mir mal eine der Würstelbudendamen davon berichtet hat.

Ich denke schon, daß die Kirche die Angst der Leute vor Eigeninitiative nicht unterschätzen sollte, und daß an den Würstelständen unserer Gesellschaft interessante Früchte vom Baum fallen können, wenn man sich als Priester die Zeit nimmt, das Herz faßt und die Lust mitbringt, ihn mit der richtigen Technik zu schütteln.

Wien und MCU

Ich war heute Morgen zum ersten Mal seit langer, langer, langer Zeit wieder so richtig in Wien. Bei ausgesprochen angenehmem Frühlingswetter habe ich mich drei Stunden lang zwischen Oper und Schwedenplatz, zwischen Freyung und Stadtpark herumgetrieben. Ich habe ein wenig Window Shopping gemacht, habe auf dem Hohen Markt im Freien ein kleines Frühstück zu mir genommen, habe dabei etwas gelesen und geschrieben und habe während der ganzen Zeit immer auch ein Auge auf die Leute geworfen. Es kam mir bald so vor, als seien viele der Menschen, die sich an diesem Morgen und Vormittag mit mir in die Innenstadt gewagt hatten, zögerliche Schwimmer, die erst einmal einen Zeh in das Wasser stecken, um die Temparatur zu prüfen. Wenn wir um der Argumentation willen mal die Zeit vor Corona als „normal“ bezeichnen wollen, dann war das, was ich heute in Wien gesehen habe, noch ziemlich weit vom Normalzustand entfernt. Immerhin füllen sich die Straßencafés langsam. Die natürlichen Lebensräume der Botox-Busserlria sind in diesen Tagen entweder noch nicht zugänglich oder noch nicht bevölkert. Die wenigen Exemplare, die sich hinaustrauten, wirkten außerhalb des Rudels eher verunsichert.

Ich schlenderte also so durch den Sonnenschein, und irgendwann erinnerte ich mich an die vergangenen sieben Monate, in denen ich das Glück hatte, in Wien gleich zweimal von mir besonders lieben Menschen besucht zu werden. Gleich merkte ich, was mir in diesen Wochen am meisten fehlt: Eben diese Besuche bzw. dieser Kontakt und die damit stets einhergehenden Erlebnisse. Wenn ich „Erlebnisse“ schreibe, dann meine ich keineswegs irgendwelche haarsträubenden Abenteuer. Aber selbst ein zwangloses Schlendern durch die Wiener Innenstadt, ein zweites Frühstück beim Demel oder ein Marathon durch das mumok wird mit der richtigen Begleitung zu einem unvergeßlichen Highlight.


Es kristallisiert sich langsam heraus, daß mir unter den mittlerweile 23 Marvel Cinematic Universe-Filmen auf Dauer (und nach mehrmaligem Sehen) jene am besten gefallen, die von den Kritikern nicht unbedingt allesamt geliebt wurden oder nicht immer die ganz offensichtlichen Helden zeigen oder sich manchmal anfühlen, als seien sie ein wenig losgelöst vom Rest des großen Erzählbogens. Ich liebe Ant-Man, die Guardians und auch Captain Marvel. Deal with it. Ob ich dem MCU nach dem Black Widow-Film, den ich mir natürlich noch geben werde, weiterhin treu bleiben kann, daß ist jetzt noch nicht abzuschätzen.

Geister (k)einer Vergangenheit

So wie Ihr niemals enden könnt, so kann ich nur beginnen, jeden Tag einmal mehr.

Ich erkenne, mit Sinnen, die sich immer noch überraschen lassen wollen, in der Glut eine Geschichte und werde mit jedem Funken, der mich anspringt, selbst zur Asche.

Eine Hand, hell und glatt und fleischig, bequem ruhend auf einer Armlehne, verkümmert langsam zu Haut und Knochen, bis der Ring endlich vom Finger rutscht und mit leuchtendem Klang auf den marmornen Boden trifft. Eine Melodie, süß und schwer und ahnend, erklingt von der Empore. Töne wie Flocken aus Blei fallen herab, und ich stehe bis zu den Knöcheln zuerst in Noten, bald darauf in gierig schluckendem Morast, der mir furzend und schmatzend hinterherhöhnt, während ich mühsam hinüberstapfe zu der aufgebrochenen Türe, hinter der stets etwas endet. Die Melodie ist nun ein Orchester, krachend und kreischend und splitternd. Hinter jedem Spiegel, der in Stücke geht, finden sie doch immer wieder nur ihre eigenen Fratzen und somit noch ein wenig mehr Zorn. Im Schrei der heiligen Seide versteckt sich der Fluch, der über das gesalbte Fleisch gesprochen wird. Wie ein Insektenschwarm fliegen die kleinen und kleinsten Fetzen, Gravitation ignorierend, Gravität ruinierend, aus den scheibenlosen Fenstern hinauf zu den ungerührten Wolken. Ich habe damit nichts zu tun.

Ich habe damit alles zu tun. Flehen diese Hände, die sich mir entgegenstrecken, oder klagen sie an? Nein. Sie greifen und sie zerren. Mit dem letzten Atem, der mit bleibt, puste ich den Staub von Euren Rosenwangen. Der Boden schluckt mich, ein kurzer Fall. Ich lande weich, sinke in die Polster und Kissen einer gemächlich schaukelnden Kutsche. Schon wird der Schlag aufgerissen. Hände kommen über mich wie tollwütige Fledermäuse, greifen Fetzen aus dem Nichts und fügen sie an mir zusammen zu prachtvollen Gewändern. Man steckt mir einen Ring an den Finger. Ich betrachte meine Hand, hell und glatt und fleischig.

So wie Ihr niemals enden könnt, so kann ich nur beginnen, jeden Tag einmal mehr.

Zum Aufwärmen oder „Liebe in den Zeiten des Coronavirus“

Wie das strahlende Licht eines lange erloschenen Sterns, der sich noch ein letztes Mal mitteilen möchte, nicht verzweifelt, nicht bettelnd, aber doch mit aller Dringlichkeit, aller Gewichtigkeit und aller Bedeutsamkeit, so fiel mit das Gesicht des Kardinals de Bernis vor vielen Jahren in Form einer Radierung in die Hände. Nach kurzer Recherche erwies sich eine Beschäftigung mit diesem Charakter als zwingend notwendig, wurde aber aufgrund der sprachlichen Barriere (meine Französischkenntnisse waren und sind spärlichst) erst einmal auf die To-Do-Liste gesetzt. Ich hatte kurz zuvor erst die Grafen von Schönborn und den Fränkischen Barock entdeckt, und dies war ein Feld, welches ebefalls anständig abgeerntet werden wollte.

Immer wieder zog es meinen Verstand und mein Herz in den folgenden Jahren an die Seite des Kardinals, ohne daß zu einer wirklich fruchtbaren Auseinandersetzung mit seinem Leben und Werk gekommen wäre.

Er begegnete mir in Casanovas Memoiren, in etwas ausführlicheren oder thematisch fokussierten Geschichtsbüchern, in Zeitungsartikeln vor allem aus dem 19. Jahrhundert und – natürlich – im Internet, wo eine Suche nach ihm nicht selten interessante Details, amüsante Anekdoten oder auch neues Bildmaterial einbrachte.

Und so füllte sich die Schale dieser seltsamen Vernarrtheit und floß nun endlich über. Liebe in den Zeiten des Coronavirus mag oft einhergehen mit durch Reiseverbot verursachtem Trennungsschmerz. Mir haben diese Tage und Wochen der Abgeschiedenheit den Weg bereitet und die Türen bzw die Bücher geöffnet. Ich pfiff auf die Verständigungsschwierigkeiten und machte mich an die Arbeit, die immer noch wie ein Berg vor mir liegt. Erst 113 von insgesamt 1.280 zu übersetztenden Seiten habe ich überwunden. Aber auf die mühevolle Arbeit folgt, wie beim Bergsteigen, der süße Lohn: Am Ende jedes Abschnitts atme ich zufrieden und glücklich durch, genieße den sich mir bietenden Ausblick und danke Gott für seine Schöpfung.

Nun ist also geklärt, daß ich den Kardinal de Bernis, der mich soeben durch die Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts führt, für eine der faszinierendsten historischen Persönlichkeiten überhaupt halte, aber das bedeutet nicht, daß der geneigte Leser sofort nickt und wissend raunzt, wenn dieser Name fällt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: De Bernis war und ist eine dieser Indie-Bands der Geschichte, deren Namen zwar fast jeder schon einmal gehört hat, mit deren Musik aber dennoch nur die Liebhaber vertraut sind. Er war keiner der ganz Großen, sein Name fällt nur in wenigen Fällen dort, wo Welt- oder zumindest europäische Geschichte für die Schulbücher geschrieben wird. Sprich: Er tauchte nicht überall in den Charts auf, aber er machte – wie man heute so sagt – stets sein Ding. Dies mit Leidenschaft und – wo es nötig war – auch meisterlich, so daß er immerhin im Laufe der Zeit eine treue Fangemeinde um sich scharen konnte, die ihm, so wie ich in diesen Wochen, von Auftritt zu Auftritt hinterherreist.

Ich veröffentliche die kommenden Beiträge also nicht nur, um mir die eigene Leidenschaft von der Seele zu schreiben, sondern auch, um in Ausschnitten, Anekdoten, manchmal in Übertreibungen, hin und wieder vielleicht auch in Ahnungslosigkeit dem geneigten Leser ein Bild zu malen von einem Menschen, der ganz weit oben auf meiner „Wenn Du mit einer historischen Persönlichkeit einen Kaffee trinken könntest“-Liste steht.

Packen wir’s an.