Down and Out in Paris

Wir erinnern uns: Der Abbé de Bernis hatte sich am Seminar Saint-Sulpice den Ruf eines gefährlichen Freigeistes ohne echte Berufung erworben und stand nun auf der Abschußliste der Oberen.

Als François im März 1735 von einem verordneten Heimaturlaub zurückkehrte, nahm der Generalsuperieur Couturier ihn nicht – wie vereinbart und versprochen – wieder ins Haus auf, sondern wimmelte ihn mit der Ausrede ab, es seien im Moment zu viele Studenten im Haus, und der Herr Abbé möge doch bitte in acht Tagen noch einmal nachfragen. Dieses Spielchen wiederholte sich während der nächsten Wochen. Der Abbé Couturier versicherte François in dieser Zeit, daß er ihn gerne wieder aufnähme, daß aber alle anderen Mitglieder der Fakultät gegen ihn eingestellt seien. Ein Plan mußte her und wurde geschmiedet: Der junge Abbé sollte einstweilen am Collège de Bourgogne unterkommen (an welchem er auf weitere Saint-Sulpice-Flüchtlinge traf), während die Verhandlungen über seine Zukunft – also über einen Sitz in einem Kapitel oder die Verleihung einer Abtei – zügig voranschreiten sollten.

François war von seinem Heimaturlaub geheilt zurückgekehrt, denn er fürchtete dank einer gespenstischen Erscheinung im elterlichen Garten, die sich als rindenloser Baum entpuppte, nichts Übernatürliches mehr und entwickelte sich zu einem entschiedenen Gegner des Aberglaubens. Dieses Gefühl steigerte sich in den Wochen der Unsicherheit dergestalt, daß er nicht die Religion als solche abzulehnen begann, aber der gesamten, mit ihr zusammenhägenden irdischen Maschinerie mit wachsender Skepsis begegnete. Dies wurde ihm leicht gemacht, da ihm erstens die Atmosphäre in der neuen Unterkunft noch zickiger und heuchlerischer erschien und er zweitens seine erzwungene Freizeit im Theater oder in der Oper verbrachte, wo sein zugleich berstendes und doch hungerndes Poetenherz und seine alles aufsaugenden Sinne von einer Verführung in die nächste Verwirrung geworfen wurden.

Über das Collège de Bourgogne schreibt er: „Ich erfuhr in sechs Monaten so viel Dunkelheit und Falschheit, daß ich mit der Zeit alles verabscheute, was in der Welt allgemein als Mitraille [wörtlich: „Kleingeld“] bezeichet wird“

In Saint-Marcel-d’Ardèche hatte der Abbé begonnen, eines seiner bekanntesten Werke zu verfassen, den „Epître aux dieux pénates“, mit dem er seine Rückkehr in die Heimat zelebriert und wohl auch seinen eigentlichen Eintritt in das Poeten-Dasein feiert.

Protecteurs de mon toit rustique,
C’est à vous qu’aujourd’hui j’écris,
Vous qui, sous ce foyer antique,
Bravez les fastes de Paris
Et la mollesse asiatique
Des alcôves et des lambris

schreibt er, ohne den Pomp oder die Alkoven bisher jemals gesehen zu haben. Eigenartige Ironie, daß das Schicksal ihn nun in deren Arme trieb, während seine Heimat ihn fallen ließ: François drängte seinen Vater, alle möglichen Kontakte anzuzapfen, um ihm endlich ein Einkommen zu verschaffen. Zwar kam Monsieur de Bernis der Bitte des Sohnes nach, das Ergebnis jedoch ensprach überhaupt nicht den Erwartungen. Der Kardinal de Fleury fällte, nach Durchsicht aller Bittschreiben, die vom Marschall de La Fare, einem Cousin des Monsieur de Bernis, vom Kardinal de Polignac, einem weiteren, entfernten Verwandten der Familie und dem neuen Bischof von Viviers an ihn gerichtet wurden, dieses Urteil: „Ich hatte die Absicht, diesem jungen Mann eine beträchtliche Pfründe zukommen zu lassen, habe aber nach reiflicher Überlegung beschlossen, daß er, so lange ich lebe, von mir nichts erhalten soll“. Ohne Zweifel hatte der Abbé Couturier dem Kardinal, einem alten Sulpizianer, hier entscheidend zugeflüstert („Freigeist… Belletristik… Theater… Oper…“).

Der Hammer fiel kurz darauf: Der Vater entzog dem jungen Abbé die finanzielle Unterstützung, da er im Treiben des Sohnes den Grund für Schande und Ruin der Familie sah. François reagierte wie üblich ohne Groll, ohne Schmollen und mit viel Optimismus: „Man stelle sich die Situation eines Neunzehnjährigen vor, ohne Geld, ohne Rat, in einer Stadt wie Paris. Hätte ich echte Laster, sie hätten sich unter diesen Umständen ausgebildet. Aber ich faßte mir ein Herz. Ich wußte, wie ich meinen Teil zu erledigen hatte und wie ich profitieren konnte von der Widrigkeit, die eine gute Lehrerin ist“.

Sein Entschluß war schnell gefaßt: „Reduziert auf die Ressourcen meiner Seele entwarf ich meinen Plan, und dieser Plan war sehr ehrlich: Ich verschrieb mich der größtmöglichen Redlichkeit, der Geduld und der Courage. Ich sah in der Literatur eine Einkommensquelle und einen Zeitvertreib. Ich hängte die Studien an den Nagel, da meine Finanzmittel mir nicht mehr erlaubten, sie weiter zu verfolgen.“

François lebte fortan in preiswerten, möblierten Zimmern, dinierte für ein paar Groschen in ärmlichen Lokalen und verdiente sich sein Geld als Schreiber und Korrekturleser. Er fand eine Anstellung in Didots Buchhandlung „À la Bible d’or“ am Quai des Grands-Augustins. Nachts schrieb er an seinen eigenen Werken. Mit wie viel Ernst? Es läßt sich schwer sagen. Einerseits war die Dichtung für ihn – wir erinnern uns – lediglich der Stab, mit dem er die Gräben überspringen wollte, andererseits wurde er sicherlich auch bei seinem Stolz und seiner Ehre gepackt, als man ihm eines Tages sagte, er könne wahrscheinlich noch besser schreiben als Gresset, jener Dichter, der den jungen Abbé mit seinem Vert-Vert so verzaubert hatte.

François begnügte sich damit, ebenso gut zu schreiben, wie sein Vorbild: Bereits 1733 hatte er, beeinflußt von einem Gedicht des Abbé La Fare, seinen „Épître sur la paresse“ verfaßt, das früheste überlieferte Werk de Bernis‘. Als dieses ohne sein Dazutun und ohne Nennung des Autors veröffentlicht wurde, hielt man es für ein Werk Gressets, da der Fluß und die Leichtigkeit an diesen erinnerten:

Censeur de ma chère paresse
Pourquoi viens-tu me réveiller
Au sein de l’aimable mollesse
Où j’aime tant à sommeiller?
Laisse-moi, philosophe austère,
Goûter voluptueusement
Le doux plaisir de ne rien faire
Et de penser tranquillement.

Im Jahre 1736 wurde der „Epître aux dieux pénates“ veröffentlicht, erneut ohne Angabe des Autors. Auch dieses Werk wurde zuerst Gresset zugeschrieben. Es war ein allgemeiner Erfolg, und man sah sich nun genötigt, Klarheit zu schaffen: „Der mich bedeckende Schleier wurde gelüftet und mein Name flog von Mund zu Mund, war sogar Fremden bekannt, und so erweist sich, daß ein paar glückliche Verse schneller Berühmtheit bringen als ein wirklich nützliches Werk“.

Der erste Schritt in die große Welt war getan.


Teil I: Die ersten Schritte

Salonlöwenmamas

Die Salonnière war im Paris des 18. Jahrhunderts eine der wichtigsten Rollen überhaupt. Diese Damen, die in ihren Hôtels und auf ihren Châteaus das Zusammentreffen von Philosophen, Schriftstellern, Aufklärern, Schöngeistern, Enzyklopädisten etc organisierten, moderierten und überwachten, haben sich zum Teil einen Ruf erworben, der heute noch nachklingt. Neben der mindestens so berüchtigten wie berühmten Claudine Alexandrine Guérin, Marquise de Tencin (welche die Köpfe der Männer so weit verdrehen konnte, daß einer ihrer Liebhaber sich in ihrem Haus erschoß), der naturwissenschaftlich versierten Émilie du Châtelet (die es fertigbrachte, daß an ihrem Totenbett ein polnischer Ex-König, zwei ihrer Liebhaber und ihr Ehemann gemeinsam Tränen vergossen), der schönen und geistreichen Louise Marie Dupin (die fast das gesamte 18. Jahrhundert durchlebte und 1799 im Alter von 93 Jahren auf ihrem Schloß Chenonceaux verstarb) fällt besonders häufig der Name Marie Thérèse Rodet Geoffrin.

Madame Geoffrin gilt als eine der führenden Damen der Französischen Aufklärung, und ihr Salon war spätestens, nachdem sie im Jahre 1749 die Gäste der verstorbenen Madame Tencin „geerbt“ hatte, der angesagteste Ort, an dem sich auch tatsächlich alles und jeder traf: D’Alembert, Rousseau, Fontenelle, Diderot, Montesquieu, Choiseul, Gresset, Crébillon, um mal nur die Namen zu nennen, die auch heute noch den meisten Lesern bekannt sein dürften.

Und – na klar – unser Abbé de Bernis trieb sich ebenfalls in diversen französischen Salons herum, nachdem er das Seminar verlassen hatte. Dazu mehr in einem anderen Artikel. Was es heute schon gibt, das ist das Gemälde einer (fiktiven) Zusammenkunft im Salon der Madame Geoffrin: Der Schauspieler Lekain liest Voltaire, und die versammelten Lumières lauschen. Voltaire selbst ist als Büste anwesend. Aber auch unser Abbé ist mit von der Partie. Und den dürft Ihr jetzt mal suchen:

Wenn Ihr ihn nicht finden könnt, keine Bange: Die Auflösung gibt’s in den nächsten Tagen.

aureo atro – the year that was not

Ein kleines Musikprojekt, das ich so nebenher betreibe, möchte ich nun auch auf diesem Blog vorstellen, für all jene Leser, mit denen ich sonst keine Online-Berührungspunkte teile. Das Projekt heißt „aureo atro„, und die letzte Komposition – the year that was not – ist ein Stück, das ich für die Corona-Zeit geschrieben habe. Nicht absichtlich. Es klang nur irgendwann so nach Soundtrack für 2020. Anfangs etwas düster, minimal, gespenstisch, ahnend, aber dann auch mit einer ruhig-verheißenden Melodie, die im Schlußteil des Stückes krachig mit Streichern, Glöckchen und Schlagwerk unterlegt wird, damit am Ende die Hoffnung siegt.

Viel Vergnügen!

Würstelstandpastoral

Direkt gegenüber der Kirche gibt es in Floridsdorf das „Stehbuffet“, eine Art nicht freistehender Würstelstand. Seit ich in der Pfarre arbeite, komme ich dort immer wieder vorbei. In den ersten Jahren war einer der Stammkunden ein Opa, der den „Herrn Forra“ hin und wieder auf einen Kaffe eingeladen hat, um ein Schwätzchen zu halten. Mit der Zeit gesellten sich andere Leute dazu und schwatzten mit. Ich ließ meinen rheinischen Charme spielen, riß dort ein Witzchen, machte dort ein Kompliment, schnorrte mir dort einen Tschik, kippte mir hier ein spendiertes Seidl hinter die Binde (ohwohl’s erst 9:00 Uhr war, aber ich komme ja aus Düsseldorf, also easy) und kam in kürzester Zeit mit all den verschiedenen Gestalten und Charakteren bestens klar.

Und irgendwann fingen sie dann an, Fragen zu stellen.

„Was muß ich denn machen, wenn ich wieder mal zur Kommunion gehen möchte?“
„Kann ich mal bei Ihnen beichten?“
„Wenn Gott uns liebt, warum will er dann, daß…?“
„Stimmt es, daß die Kirche…?“
„Wie ist das eigentlich genau mit Jesus…?“

Und ist stand natürlich immer gerne Rede und Antwort.

Neulich fragte ich dann mal in die Runde: „Wer von Euch hätte in der Pfarrkanzlei angerufen oder wäre mit seiner Frage in die Pfarrkanzlei gekommen, um eine Antwort zu erhalten ?“

Niemand.

„Warum eigentlich nicht?“

„Naja… Eigentlich finden wir Kirche und Pfaffen ja scheiße, so von wegen Kindesmißbrauch und Hexenverbrennung und Kreuzzügen undundund…“

„Okay!? Sollte ich mich jetzt besser in Sicherheit bringen?“

„Naaaa. Blos net! Sie sind ja eh urleiwand. Es ist noch nie ein Pfarrer einfach so zu uns gekommen, um mit uns einen Frühschoppen zu heben, mit uns zu reden und uns zuzuhören.“

Und da fiel mir auf, daß ich als Priester bei ganz vielen Leuten ganz anders ansetzen muß, um da auch nur ein itzi-bitzi-winziges Miniwenigbißchen zu bewegen. Viele wissen über unseren (und ihren) Glauben so gut wie nichts und über die Kirche noch etwas weniger. Die wollen zwar oft etwas wissen, aber die kommen nicht von sich aus in die Puschen. Wenn ich nicht zufällig in diesen Würstelstand-Kosmos hineingeraten wäre, dann wären heute noch viele Fragen unbeantwortet, viele Vorurteile nicht aufgeklärt und viele Chancen nicht genutzt.

Es ist jetzt nicht so, daß ich aus diesen Leuten fleißige Kirchgänger gemacht habe. Aber alleine die Tatsache, daß sie mir zuhören – und dies in wichtigen Momenten auch aufmerksam und widerspruchslos – ist nicht zu unterschätzen. Jetzt könnte man natürlich einwenden, daß das ja totaler Personenkult ist, weil die Würstelstandeinwohner sich vom Herrn Alipius eifrig becircen lassen und dann halt der Meinung sind, daß es wohl auch Priester gibt, die ganz okay zu sein scheinen, daß sich aber eigentlich im Hinblick auf den praktizierten Glauben dieser Leute erst einmal nichts oder nicht viel ändert. Auf der anderen Seite überlege ich mir, was geschehen wäre, wenn ich nicht irgendwann den Entschluß gefaßt hätte, daß diese Leute die eine oder andere Stunde meiner Zeit wert sind.

Eines Tages kam ein Gemeindemitglied nach einer Messe auf mich zu und sagte mir, daß ich mich nicht „mit diesen Leuten abgeben“ soll, weil die schlecht über die Kirche und die Priester denken und reden. Ich habe dann nicht sofort die fette „What would Jesus do?“-Keule ausgepackt, habe aber zu bedenken gegeben, daß nicht wenige dieser Leute jetzt besser über die Kirche und die Priester sprechen, was ich nicht weiß, weil ich da eine Wanze installiert habe, sondern weil mir mal eine der Würstelbudendamen davon berichtet hat.

Ich denke schon, daß die Kirche die Angst der Leute vor Eigeninitiative nicht unterschätzen sollte, und daß an den Würstelständen unserer Gesellschaft interessante Früchte vom Baum fallen können, wenn man sich als Priester die Zeit nimmt, das Herz faßt und die Lust mitbringt, ihn mit der richtigen Technik zu schütteln.

Wenn der Kardinal plötzlich zum Papst wird

Im Jahre 1739 gab der damalige Erzbischof von Bologna, Prospero Kardinal Lambertini, beim Maler Giuseppe Maria Crespi ein lebensgroßes Portrait in Auftrag. Die Arbeit an diesem Werk war bereits gut fortgeschritten, als der Kardinal im Februar 1740, nach dem Tode Papst Klemens XII, zum Konklave nach Rom abberufen wurde.

Lambertini: „Wir machen dann später weiter…“
Crespi: „Okay…“

Es tritt auf: Das Schicksal in Form von 55 Kardinälen und einem Heiligen Geist. Lambertini verläßt nach über einem halben Jahr überrascht und überraschend das Konklave als Papst Benedikt XIV, und Crespi sitzt in Bologna mit einem so gut wie fertigen Kardinalsportrait. Guter Rat war aber nur für kurze Zeit teuer, entschloß Benedikt XIV sich doch, die päpstlichen Gewänder und Insignien in das Portrait einfügen zu lassen. Vom Kardinalsportrait existiert eine vorbereitende Studie, die Crespi dem Kardinal als Entwurf vorlegte und die dieser genehmigte. Somit ist es möglich, die beiden Werke zu vergleichen.

Neben der veränderten Kleidung fällt die Übereinstimmung in kleinen Details auf, wie z.B. den beiden Tintengefäßen auf dem Tisch oder dem in der oberen Regalreihe zwischen den Büchern steckenden, versiegelten Umschlag. Auch sieht man auf dem Portrait des Papstes die weiß übermalten Kardinalsgewänder wieder rot durchscheinen, was wohl der Alterung der weißen Pigmente zuzuschreiben ist (vermute ich mal; befreundete Künstler mögen mich hier verbessern oder ergänzen).

Benedikt XIV ging übrigens als einer der eher umjubelten Päpste in die Geschichte ein. Er war ausgesprochen gelehrt, erfreute sich sogar außerhalb der katholischen Welt einer gewissen Beliebtheit, betrieb keinen Nepotismus, galt als uneitel, volksnah und unbestechlich. Verewigt wurde er als Papst in diversen Portraits, unter anderem in diesem atemberaubend intensiven Frontalangriff des Franzosen Pierre Subleyras aus dem Jahre 1746:

Der Nachwelt erhalten blieb er aber auch als Kardinal in Alfredo Testonis Theaterstück „Il Cardinale Lambertini“ aus dem Jahre 1905, verfilmt 1934 und 1954 mit Ermete Zacconi bzw. Gino Cervi in der Titelrolle.

Über Benedikt XIV gibt es noch die eine oder andere Anekdote zu berichten. Es kann also sein, daß er hier auf dem Blog noch einmal auftaucht.

Berufen zu…

Wir verließen unseren Herrn Abbé zu dem Zeitpunkt, an dem die Luft im Seminar für ihn dünn wurde. Nach einem Jahr mystischer Eskapaden und Exzesse hatte der junge Seminarist sich – es wird wohl im Frühjahr 1732 gewesen sein – dem Direktor La Fosse anvertraut. Es ist nicht auszuschließen, daß François in diesen Gesprächen nicht nur ein wenig zu vertrauensvoll und naiv von seinen religiösen Praktiken berichtete, sondern gleichzeitig auch zu viel von seinem leidenschaftlichen Herzen, seiner fröhliche Seele und seinem hungernden Verstand offenbarte. La Fosse bat François um schriftlich festgehaltene Vorsätze und warf ihm diese nach Erhalt und Lektüre mit einer kühlen Abfuhr vor die Füße.

Es begann eine anderthalb- bis zweijährige Leidenszeit, in welcher François mehr oder weniger gute Miene zum bösen Spiel machte und sich der grauen Monotonie und den skeptischen Oberen mit eiserner Disziplin unterwarf. Oberflächlich schien alles in bester Ordnung: Bei den anderen Seminaristen war der junge Abbé beliebt, und die Professoren zollten seinen guten Leistungen Respekt, indem sie ihn hier und da Klassen unterrichten ließen, wenn ein Lehrer krankheitsbedingt ausfiel. Während dieser Zeit ließ man François ein wenig zappeln und hoffen, daß die Beziehungen seiner Familie zum Kardinal de Fleury ihm eines Tages einen Bischofssitz oder eine Abtei einbringen werden.

Gleichzeitig hatte de Bernis‘ Vorliebe für die Belles-Lettres und die Offenheit, mit der er die mangelnde Vielfalt der Ausbildung in Saint-Sulpice kritisierte, ihm den Ruf eines unabhängigen, ja gefährlichen Geistes verschafft. In dieser Zeit fiel de Bernis Gressets Gedicht Vert-Vert in die Hände und verzauberte ihn über alle Maßen. Gresset, mit dem François sich am Collège Louis-le-Grand fast die Klinke in die Hand gegeben hatte, erzählt in diesem Gedicht die Geschichte eines von Nonnen der Heimsuchung Mariens aufgezogenen Papageis namens Vert-Vert, der allerlei fromme Sprüche aufzusagen weiß. Er wird an einen anderen Konvent ausgeliehen, um dort die Nonnen zu begeistern. Auf dem Weg gerät er allerdings in schlechte Gesellschaft und entsetzt daher nach seiner Ankunft seine Gastgeberinnen mit derart wüsten Ausdrücken, daß diese, tausend Kreuzzeichen machend, zuerst die Flucht ergreifen und Vert-Vert dann empört zu den Visitantinnen zurückschicken, wo er Reue tut und letztlich, vollgestopft mit Süßigkeiten und Likör, seinen Geist aushaucht. François, so heißt es, war weniger von den Frivolitäten und Zweideutigkeiten des Textes begeister als vom Charme und von der Leichtigkeit der Sprache. Auch war das Gedicht ihm eine Warnung (oder hätte es sein sollen), wurde doch der Verfasser aufgrund dieses und anderer Werke aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen.

François aber erfreute sich erst einmal nur am Werk und hoffte vielleicht – sich an seine ersten eigenen Verse und das dafür erhaltene Lob erinnernd – zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal, daß die Dichterei „der Stab ist, mit dem ich die Gräben überspringe“, wie er es formuliert. Die Oberen des Seminars waren sich zu diesem Zeitpunkt jedenfalls sicher, daß man einen solchen Geist nicht so ohne weiteres als Bischofskandidaten aufbauen durfte. Dies waren auch die Wochen, in denen von François zum ersten Mal als Mann „ohne Berufung“ gesprochen wurde, um die Abschußrampe zu ölen.

Der Abbé Couturier wollte François nur zu gerne loswerden, wußte aber auch, daß dessen Vater ein alter Freund des mächtigen Kardinals de Fleury war, bei welchem Couturier nicht anecken wollte, da er dessen Vertrauen genoß und für ihn die Kandidaten für die Bischofssitze und Abteien auswählen durfte. Daher entwarf Couturier einen Plan der Zermürbung. Als er François eines Tages einen dreimonatigen Heimaturlaub empfahl, damit er die Wogen in seiner Abwesenheit glätten konnte, roch der junge Abbé die Falle, wußte sich ihr aber nicht zu entziehen. Couturier versprach, François nach seiner Rückkehr sofort wieder ins Seminar aufzunehmen und schrieb jubelnde Briefe sowohl an seinen Vater als auch an seinen Bischof.

Zwischen diesem Rat und François Ankunft in Saint-Marcel-d’Ardeche verging eine gewisse Zeit. Ich konnte bisher nicht herausfinden, wie viele Monate es genau waren. Hier spricht ein Biograph von einem ganzen Jahr, dort vermutet ein anderer vier Monate. De Bernis selbst begnügt sich in seinen Memoiren mit einem knappen Absatz: „Ich hatte das Seminar kaum verlassen, als ich von der Versuchung ergriffen wurde, das Theater zu besuchen und ihr nachgab. Die Französische Komödie erweichte mein Herz, die Oper verführte meine Sinne. Es erwuchs in mir eine solche Leidenschaft für dieserlei Aufführungen, daß das größte in meinem Leben gemachte Opfer war, diese irgendwann aufzugeben. Der häufige Besuch dieser Veranstaltungen bewirkte in mir einen Aufruhr der Ideen und Gefühle, aus dem ich schloß, daß sie für junge Leute stets gefährlich sein müssen.“

Die Phantasie des Lesers darf nun Amok laufen. Wo wohnte der Abbé in dieser Zeit? Wie viele Wochen trieb er sich mit welchen Leuten an welchen Orten der Hauptstadt herum? Was genau geschah im Zuschauerraum und vielleicht gar hinter den Kulissen? Erkannte er in irgendeinem Theater, daß er seine Freiheit erst einmal an einem solchen Ort finden mußte, der seinen Sinnen, seiner Vorstellungskraft, seiner Kreativität und nicht zuletzt seiner Leidenschaft mehr zu bieten hatte, als die erhabenen Mysterien, die in Saint-Sulpice gelehrt wurden? Lernte er während irgendeiner Aufführung, daß es einen Weg zur Glückseligkeit gibt, der hinsichtlich der materiellen Entsagung anfangs steinig ist, aber einfach hinsichtlich der Anforderungen an seine Fähigkeiten? Nahm er in irgeneiner Garderobe seinen ersten Kuß als Erwachsener entgegen? Fand am Ende in diesen Wochen ein Austausch der Berufungen statt, der ihn erst einmal zum Dichter, Salonliebling, Pompadour-Vertrauten und Diplomaten machen sollte, bevor er sich mit Ernst auf die geistliche Laufbahn wagte? Er weiß es. Aber er gibt es nicht preis.

Eine Anekdote aus diesen Wochen ist in einem der Briefe des Kardinals überliefert: Er und der mit ihm geschaßte Kumpel Antoine de Malvin de Montazet, später Erzbischof von Lyon, besaßen zusammen nur ein anständiges Paar schwarzer Hosen, welches sie so teilten, daß derjenige, der in diesen Pariser Wochen der unerwarteten aber willkommenen Freiheit die erlesenere Gesellschaft aufsuchte, die Beinkleider tragen durfte.

Im Dezember 1734 kam François in Saint-Marcel-d’Ardeche an. Er verliert nur wenige Zeilen über seine Familie und gesteht dem Leser, daß er plötzlich am Umgang mit Frauen Gefallen fand, weil diese seinem Verstand und seinem Äußeren Komplimente machten, was seinem Stolz schmeichelte, aber auch Fragen aufwarf: „Ich mußte nach Saint-Sulpice zurückkehren. Diese Überlegung hielt mein Herz, das eigentlich zum Ausbruch bereit war, im Zaum. Ich verbrachte drei Monate im Kampf zwischen Unschuld und Leidenschaft“.

Vielleicht erinnert sich der geneigte Leser, daß François in seinen Memoiren bereits erwähnte, in den ersten 20 Jahren seines Lebens aufgrund diverser Ammenmärchen aus seiner Kindheit die Toten mehr gefürchtet zu haben als die Lebenden. Der Wendepunkt kam während der drei Monate, die er daheim verbrachte. Als er eines Nachts keinen Schlaf fand, ging er bei hellem Mondschein auf einer Terrasse spazieren und sah in den Garten hinab. Dort erblickte er eine bleiche, verschleierte Gestalt, die an einem Baum lehnte. Er erschrak und stellte fest, daß die Gestalt umso größer schien, je genauer er hinsah. Er verlangte zu wissen, mit wem er es zu tun hatte. Das störrische Schweigen der Erscheinung brachte keine Erleichterung. Es mußte eine Entscheidung getroffen werden: „Ich beschloß, die Wahrheit herauszufinden oder umzukommen. Ich ging zurück in mein Zimmer, um ein Gewehr zu holen, immer noch glaubend, ich hätte einen Geist hinter mir. Ich kehrte mit meiner Waffe zurück auf den Balkon. Sie gab mir Vertrauen, denn ich fand die Figur um einige Fuß geschrumpft an der gleichen Stelle, wo ich sie gesehen hatte, als die Furcht mich ergriff. Ich rief der Erscheinung mehrere Male zu und drohte, sie zu erschießen. Keine Antwort. Dann legte ich das Ende des Laufes meines Gewehrs auf das Geländer auf, weil meine Hände zitterten, zielte lange und gab einen Schuß ab, der in den Baum hinter der Erscheinung einschlug. Diese war ungerührt. Dann, ergriffen von einer Mischnug aus Raserei und Furcht und entschlossen, das Abenteuer zu seinem Ende zu bringen, durchquerte ich das ganze, dunkle Schloß. Ich ging hinab in den Garten. Ich sah den vermeintlichen Geist und ging auf ihn zu, mit zu Berge stehendem Haar und angespannten Muskeln. Ich war nur vier Schritte entfernt, als ich ihn sehr klar erkennen konnte. Ich sprang auf ihn zu und umarmte den Baum. Die Erscheinung verschwand. Ich sah keinen Geist mehr. Meine Sinne beruhigten sich. Ich erkannte, daß der Baum keine Rinde mehr hatte und verrottet war. Das Mondlicht hatte ihn getroffen und die weiße Erscheinung produziert, zu der meine Phantasie dann alles andere beitrug. In diesem Abenteuer steckt ebensoviel Mut wie Feigheit. Aber hätte ich den Geist nicht studiert, hätte ich vielleicht für den Rest meines Lebens kindischen Schauermärchen geglaubt“.

Im März des Jahres 1735 kehrte der nun fast zwanzigjährige Abbé zurück nach Paris. Da dieser Text bereits ziemlich lang ist, gibt es den Showdown in Saint-Sulpice erst im nächsten Kapitel.


Teil I: Die ersten Schritte

Teil VII: Down and Out in Paris

Die Wolken ziehen auf

Bevor wir mit François in das Seminar Saint-Sulpice umziehen lauschen wir noch dem Paukenschlag, mit welchem er sein Gastspiel bei den Jesuiten beendete. Als Klassenbester wurde er gebeten, im großen Refektorium in Anwesenheit der gelehrtesten Köpfe des Ordens eine lateinische Rede zu halten. Der junge Abbé versuchte zu beweisen, daß die Rhetorik über der Philosophie steht, und er tat dies – wie die Rhetorik-Studenten einstimmig fanden – mit nicht geringem Erfolg. Natürlich gab es sofort heftigen Widerspruch seitens der Philosophen, denen eine Gegenrede erlaubt wurde. François wollte nun seinerseites antworten, aber der Rektor unterbrach ihn, eine Eskalation fürchtend. Diese Furcht war nicht unberechtigt, kühlten sich die erhitzten Köpfe doch erst ab, nachdem man den Disput an einen anderen Ort verlegt hatte und dort nicht nur Worte sondern auch Fäuste sprechen ließ.

Man darf nun nicht folgern, daß de Bernis der Philosophie feindselig gegenüberstand. Zu groß war sein Wissensdurst und zu interessant waren die in der Bibliothek der Jesuiten aufbewahrten Schätze. Die Beredsamkeit verteidigte der Abbé, weil es seinen Fähigkeiten und seinem Charakter entsprach: Er verfaßte seit seiner Kindheit Verse, und er war stets auf der Suche nach Freundschaft. Freundschaft aber beginnt nicht zuletzt mit Verführung, und Verführung ohne Sprache ist nicht von Dauer. In diesen Pariser Jahren, in denen er wenig (und manchmal nichts) besaß, gab die Beredsamkeit ihm Selbstvertrauen und Macht und bereitete ihn – ohne daß er dies zu diesem Zeitpunkt bereits ahnen konnte – auf seine späteren Aufgaben als Diplomat vor.

Bevor François – dem Plan des Kardinal de Fleury folgend – die Jesuiten verließ, mästete er sich nochmals zwei Monate lang in deren Bibliothek, nachdem er gewarnt wurde, daß jene von Saint-Sulpice nur Theologie, Kirchenväter und Kirchenrecht zu bieten hatte und daß das Knackigste, was man dort vorfinden konnte, die ein oder andere Konvertitengeschichte war. Er tat dies nicht nur mit der egoistischen Habsucht des Wissensdurstigen: „Mit dem Reichtum [des Wissens] wächst die Gier. Der Geizhals behält seine Schätze. Der wiklich Neugierige sammelt, um weiterzugeben“.

Gut gelaunt, voller Dankbarkeit und begleitet von den besten Wünschen seiner Lehrer und Kameraden verließ François also die Jesuiten. In den zwei Jahren, die er dort verbringen durfte, hatte er viel gelernt, nicht zuletzt wegen der Offenheit, die an dieser Schule herrschte.

Eine ganz andere Atmosphäre erwartete ihn in Saint-Sulpice. Dort trat der Sechzehnjährige im Oktober des Jahres 1731 ein. Der Abbé Le Porée hatte ihm noch den Rat mitgegeben, die Schärfe seines Geistes nicht zu sehr aufscheinen zu lassen, seine eigenen Interessen zu dämpfen und den Oberen gegenüber gehorsam zu sein. So betrat de Bernis das Seminar mit dem festen Vorhaben, sich der dort herrschenden Disziplin zu unterwerfen. Doch bald merkte er, daß sich Umgangston und Manieren dort sehr von allem unterschieden, was er bei den Jesuiten erlebt hatte: „Diese Gesellschaft von Priestern täuschte die größte Einfachheit vor und dazu einen Umgangston der Nächstenliebe, der nicht immer von einer großen Offenheit des Herzens begleitet wurde“.

Was genau beim ersten Treffen zwischen dem jungen Abbé und dem Generalsuperior Couturier schiefgelaufen ist, das geben die Memoiren de Bernis‘ nicht her. Ich sehe vor meinem inneren Auge, beieinflußt von den Beschreibungen der Bernis-Biographen, das Aufeinanderprallen zweier Welten: Auf der einen Seite der Superior, ein wenig zu grau, ein wenig zu asketisch, ein wenig zu routiniert, ein wenig zu verhärmt, vielleicht auch ein wenig zu sehr von Verantwortung und Sorgen niedergehalten. Auf der anderen Seite der Abbé, viel zu rosig, viel zu fröhlich, viel zu offen, viel zu vertrauensvoll und sicherlich auch mit viel zu vielen Erwartungen vollgestopft. De Bernis besaß eine Angewohnheit, die einerseits sympathisch, andererseits unklug war: Er begegnete anderen Menschen in der Regel wie Gleichgestellten, dies mit einer Selbstverständlichkeit, die sicherlich in geringer gestellten Zeitgenossen Respekt hervorrief, bei seinen Oberen aber eher für Verstimmung sorgen konnte.

Was auch immer bei diesem ersten Treffen geschah: François berichtet dem Leser in der Folge nicht etwa von seinen Studienerfolgen (die sich ohnehin wie gewohnt einstellten), sondern von einem Abgleiten ins Mystische, welches er in einem aufschlußreichen Abschnitt nüchtern und treffend analysiert: „Ich wurde von einer außergewöhnlich starken Frömmigkeit und Hingebe ergriffen, die sich im Laufe eines Jahres von Tag zu Tag steigerte. Diese Inbrunst verdankte, wie ich zugebe, einen großen Teil ihres Feuers meinem Alter und der Lebhaftigkeit meiner Leidenschaften. Meine Hingabe war sehr ehrgeizig, sie verschmähte gewöhnliche Praktiken und hielt sich an all das, was in den Biographien der Heiligen als erhaben und streng aufleuchtete. Meine langen Wachen, meine Gebete, meine Abstinenz, die permanente Zurückhaltung meines Geistes entzündeten mein Blut auf eine Art, die für meine Gesundheit gefährlich wurde. Es fehlte nicht viel, und ich wäre in das fromme Delirium mancher Mystiker gefallen. Ich kam Visionen und Ekstasen sehr nah. Ich fühlte beim Beten in der Herzgegend eine Hitze, die fast unerträglich war. Ich hielt dieses innere Feuer für das der göttlichen Liebe und hoffte, daß ich eines Tages verzehrt sterben und mein Herz in Asche verwandelt würde. Die Lebendigkeit meiner Vorstellungskraft und die Leere meines Herzens, das lieben mußte, hatten mit diesen frommen Exzessen viel zu tun. Ich empfehle jungen Menschen solche Praktiken nicht. Das Auspeitschen, von dem in Gemeinschaften häufig Gebrauch gemacht wird, scheint mir ebenso unanständig wie zweideutig. Man darf bezweifeln, daß diese Art von Strenge die Leidenschaften zähmt und nicht weckt.“

Der Direktor des Seminars, ein Monsieur De La Fosse, bemerkte schließlich, daß mit François etwas nicht stimmte, riet von weiteren frommen Übungen ab und bat den jungen Abbé, seine Vorsätze schriftlich festzuhalten, um diese dann zu prüfen. François, angetrieben von seiner fruchtbaren Phantasie, überreichte einige Zeit später nicht ein paar Blätter, sondern einen Band. Zwei Wochen dauerte es, bis de Bernis zum Direktor zitiert wurde. Dieser warf ihm sein Werk vor die Füße und bemerkte: „Auf der ersten Seite habe ich vier Fehler entdeckt“.

Diese kalten Worte waren mehr als eine erste Warnung. Sie waren im Grunde bereits das Signal, daß François‘ Tage im Seminar gezählt waren. Was aber rechtfertigte diese Abfuhr? Wie immer hatte unser junger Abbé sich auf seine alte Routine verlassen: Fix an die Spitze aller Klassen zu klettern, um sich dann privaten Interessen hinzugeben: Er verschlang alles, was er an Belletristik in die Finger kriegen konnte. Dies blieb nicht lange unbemerkt, und es brachte François den Ruf eines Schön- und (schlimmer noch) Freigeistes ein. Es war bereits durch seine Ehrlichkeit aufgefallen und ebenso dadurch, daß er sich nicht scheute, Mißstände anzusprechen. Man gebe jetzt noch sein vollkommen ungraues Äußeres und sein sprudelndes, geistreiches und selbständiges Wesen hinzu, und fertig ist der Todfeind aller Oberen, die in kurzer Zeit Individuen zu normgerechten Bischofskandidaten zurechtklopfen müssen.

Der Generalsuperior Couturier war nebenher auch noch, ausgestattet mit dem vollen Vertrauen des allmächtigen Kardinal de Fleury, für die Bischofsempfehlungen zuständig. Er befürchtete, daß François, einmal auf dem Bischofsthrone sitzend, sich als nicht fügsam genug erweisen könnte. Er wußte aber auch, daß Francois‘ Vater und Fleury alte Jugendfreunde waren. Und so entwickelte er einen Plan, unseren Abbé loszuwerden, ohne beim Kardinal an Kredit zu verlieren.

Welche Überraschungen, Abenteuer und Enttäuschungen nun auf François warten, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Kapitel.


Teil I: Die ersten Schritte

Teil VI: Berufen zu…

Klerikaler Schönheitswettbewerb

Die Übersetzungsarbeit läuft momentan auf vollen Touren. Ich krame grade aus vier Biographien die Informationen für das nächste Kapitel zusammen, um die Ausbeute dann zu einem Text zu verdichten, der alles enthält, was hinein muß, und der dennoch den Rahmen eines Kapitels nicht sprengt. Es ist also noch ein wenig Geduld angesagt.

Den geschätzten Lesern, die dem Leben des Kardinal de Bernis in meiner Übersetzung, Interpretation und Vorstellung bis hierhin gefolgt sind, biete ich heute eine kleine Portraitrutsche.

Einleitend sei dies erwähnt: In einem älteren Beitrag war zu lesen, daß der Marquis d’Argenson den Kardinal Armand Gaston Maximilien de Rohan (1674-1749) für „den schönsten Kardinal der Welt“ hielt. Und es war tatsächlich auch dieser Kardinal, und nicht – wie in manchen historischen Romanen und postrevolutionären Darstellungen machmal fälschlicherweise behauptet – der Halsbandkardinal Louis René Édouard de Rohan, den die Damenwelt mit dem Spitznamen „La belle éminence“ versah. Ludwig der Fünfzehnte sagte nun, während er 1758 dem frisch ernannten Kardinal de Bernis das Birett aufsetzte: „Ich habe noch nie einen so schönen Kardinal gemacht“.

Ich lasse erst einmal die Bilder für sich sprechen. Heute gibt es Stiche und Radierungen, in einem zweiten Beitrag zeige ich irgendwann noch ein paar gemalte Portraits.

Zuerst zwei ungewöhnliche Darstellungen, nämlich das einzige Profilportrait, das ich bisher finden konnte, und ein 39-jähriger de Bernis in der Domherrenmozzetta aus dem Jahre 1744 (dem Jahr, in dem er Mitglied der Académie Française wurde):

Der Abbé als Kardinal – mit großzügigem Doppelkinn, stolzer Nase, schöner Stirne
und sinnlich geschwungenen Lippen – scheint hier nicht genau zu wissen, was er
von der Gesamtsituation eigentlich halten soll.
Der Abbé als Domherr, noch ein wenig unverbrauchter, verliebt-verträumt mit Bambiaugen und Kußmund in die Ferne schmachtend. Das dürfte eine posthume Darstellung sein, vielleicht eine Buchillustration.

Es folgt eine Serie von vier relativ ähnlichen Darstellungen im Oval, aus denen der geneigte Leser sich ein Gesamtbild schaffen möge:

Bei der breiten Nase, den schön geschwungenen Augenbrauen und den irgendwie immer kurz vor einem Lächeln stehenden Lippen scheinen sich alle einig gewesen zu sein.

Zum Schluß ein weiteres posthumes Portrait aus einem Buch, bei dem die Phantasie des Illustrators eine Rolle gespielt haben dürfte. Diese Kulleraugen, diese Schmachtlippen und diese Wangen, die selbst in der einfarbigen Darstellung rot glühen…

Ludwig der Fünfzehnte war – wie gesagt – hingerissen, und ich schließe mich dem an. Das ist schon barockes Prälatentum auf allerhöchstem Niveau. Nicht nur üppig, sondern auch wirklich angenehm anzuschauen und – zumindest für mich – keineswegs unsympathisch.

Wien und MCU

Ich war heute Morgen zum ersten Mal seit langer, langer, langer Zeit wieder so richtig in Wien. Bei ausgesprochen angenehmem Frühlingswetter habe ich mich drei Stunden lang zwischen Oper und Schwedenplatz, zwischen Freyung und Stadtpark herumgetrieben. Ich habe ein wenig Window Shopping gemacht, habe auf dem Hohen Markt im Freien ein kleines Frühstück zu mir genommen, habe dabei etwas gelesen und geschrieben und habe während der ganzen Zeit immer auch ein Auge auf die Leute geworfen. Es kam mir bald so vor, als seien viele der Menschen, die sich an diesem Morgen und Vormittag mit mir in die Innenstadt gewagt hatten, zögerliche Schwimmer, die erst einmal einen Zeh in das Wasser stecken, um die Temparatur zu prüfen. Wenn wir um der Argumentation willen mal die Zeit vor Corona als „normal“ bezeichnen wollen, dann war das, was ich heute in Wien gesehen habe, noch ziemlich weit vom Normalzustand entfernt. Immerhin füllen sich die Straßencafés langsam. Die natürlichen Lebensräume der Botox-Busserlria sind in diesen Tagen entweder noch nicht zugänglich oder noch nicht bevölkert. Die wenigen Exemplare, die sich hinaustrauten, wirkten außerhalb des Rudels eher verunsichert.

Ich schlenderte also so durch den Sonnenschein, und irgendwann erinnerte ich mich an die vergangenen sieben Monate, in denen ich das Glück hatte, in Wien gleich zweimal von mir besonders lieben Menschen besucht zu werden. Gleich merkte ich, was mir in diesen Wochen am meisten fehlt: Eben diese Besuche bzw. dieser Kontakt und die damit stets einhergehenden Erlebnisse. Wenn ich „Erlebnisse“ schreibe, dann meine ich keineswegs irgendwelche haarsträubenden Abenteuer. Aber selbst ein zwangloses Schlendern durch die Wiener Innenstadt, ein zweites Frühstück beim Demel oder ein Marathon durch das mumok wird mit der richtigen Begleitung zu einem unvergeßlichen Highlight.


Es kristallisiert sich langsam heraus, daß mir unter den mittlerweile 23 Marvel Cinematic Universe-Filmen auf Dauer (und nach mehrmaligem Sehen) jene am besten gefallen, die von den Kritikern nicht unbedingt allesamt geliebt wurden oder nicht immer die ganz offensichtlichen Helden zeigen oder sich manchmal anfühlen, als seien sie ein wenig losgelöst vom Rest des großen Erzählbogens. Ich liebe Ant-Man, die Guardians und auch Captain Marvel. Deal with it. Ob ich dem MCU nach dem Black Widow-Film, den ich mir natürlich noch geben werde, weiterhin treu bleiben kann, daß ist jetzt noch nicht abzuschätzen.

Drei Soutanen

Zwischen 1848 und 1871 starben von vier Pariser Erzbischöfen drei eines gewaltsamen Todes. Denis Auguste Affre (*1793) war Theologieprofessor am Seminar Saint-Sulpice in Paris und Generalvikar in Luçon und Amiens, bevor er 1840 Zum Erzbischof von Paris ernannt wurde. Während des Juniaufstandes im Jahre 1848 erklomm Affre am 25. dieses Monats mit einem grünen Zweig in der Hand die Barrikaden, um zwischen den aufständischen Arbeitern und den von Louis-Eugène Cavaignc befehligten Einheiten der Nationalgarde zu vermitteln. Er hatte nur wenige Worte gesprochen, als sich irgendwo ein Schuß löste, irgendwer „Verrat!“ rief und die Aufständischen auf die Soldaten feuerten. Der Erzbischof sank getroffen zu Boden. Manche sprechen von einem Querschläger, andere behaupten, er wurde von gezielt von Regierungskräften niedergestreckt, weil er die Februarrevolution unterstützt hatte. Affre wurden in das erzbischöfliche Palais gebracht, wo er zwei Tage später verstarb.

vlnr: Die Pariser Erzbischöfe Affre, Sibour, Darboy

Sein Nachfolger im Amt wurde Marie-Dominique-Auguste Sibour (*1792). Er war Bischof von Digne, bevor er 1848 nach Paris berufen wurde. Er schrieb in einem Brief an Papst Pius IX, daß er die Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empängnis für „inopportun“ halte. Er veröffentlichte das Dogma nach der Promulgation jedoch feierlich in seiner Diözese. In Paris lebte zu dieser Zeit ein Priester namens Jean-Louis Verger, der sich bereits einen Namen als Querulant gemacht hatte. Er war ein entschiedener Gegner des Dogmas und machte gegen dieses in diversen Pamphleten ebenso Stimmung wie gegen den priesterlichen Zölibat. Der Erzbischof verbot ihm weitere Veröfffentlichungen und bezahle dies mit dem Leben: Am 3. Januar 1857 wurde Sibour in der Kirche St. Etienne du Mont nach einer Messe von Verger mit einem Messerstich ins Herz getötet.

Auf Sibour folgte mit François-Nicholas-Madeleine Morlot (1795-1862) der einzige zischen 1840 und 1871 regierende Pariser Erzbischof, der eines natürlichen Todes starb.

Im Januar 1863 wurde Georges Darboy von Nancy nach Paris berufen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr vom Ersten Vatikanischen Konzil brach der Krieg mit Preußen aus. Darboy blieb nicht nur während des Krieges auf seinem Posten, sondern er weigerte sich auch, die Flucht zu ergreifen, nachdem die Kommune in Paris triumphiert hatte. Im April 1871 wurde er zusammen mit anderen Priestern von den Communarden verhaftet. Man wollte die geistlichen Gefangenen gegen den von der Versailler Regierung gehaltenen Louis Auguste Blanqui austauschen. Als die Versailler Armee jedoch vorrückte, wurde Darboy am 24 Mai 1871 zusammen mit anderen prominenten Geiseln hingerichtet. Der Erzbischof starb, so wird es überliefert, mit Worte der Vergebung auf den Lippen.

Erstaunlich ist, daß die Soutanen der drei Erzbischöfe erhalten und der Nachwelt auf einem Photo überliefert sind:

vlnr: Die Soutanen der Erzbischöfe Sibour, Darboy und Affre

Schaurig…