Wer das nicht liest, wird sofort entfreundet

Es ist eigentlich seit Tagen viel zu heiß zum Bloggen. Aber eine Frage drängt mich jetzt dennoch an die Tastatur:

Warum schreiben Leute auf facebook immer wieder mal „Wer ‚xyz‘ gut findet oder ‚abc‘ sagt, der wird sofort entfreundet“?

Wenn die Beiträge irgendeines Gesichtsbuch-Kontaktes mich dauerhaft anwidern, dann fliegt diese Person einfach raus und basta. Keine Vorwarnung. Keine Drohung. Einfach tschö. Das betraf bisher ohnehin immer nur Leute, die ich außerhalb von facebook nie kennengelernt habe und mit denen ich auch auf dieser Seite eigentlich keinen Austausch hatte, der über ein gelegentlich unter einem meiner Beiträge hinterlassenes Emoji-Duftmärkchen hinausging.

Warum also sollte ich eine vage, verallgemeinerte, nicht an eine einzelne Person gerichtete Nachricht absetzen, die soviel bedeutet wie „Hallo, x-beliebige Zufallsbekanntschaft aus einem sozialen Medium, in die ich emotional nichts investiert habe und mit der mich außerhalb dieser Seite nichts verbindet. Wenn Du weiterhin die Vorzüge dieser Beziehung genießen willst, die auf gegenseitiger Kenntnisnahme die Welt in keiner Weise beeinflussender Beiträge beruht, dann versuche bitte, auf meiner Timeline nicht Du zu sein“?

Von all den Leuten, die ich bisher auf facebook rausgeworfen habe, hat sich ohnehin bisher nur ein einziger Kontakt danach gemeldet und ein wenig rumgenölt. Alle anderen haben es entweder schweigend akzeptiert oder – wovon ich bei über 500 Leuten in meiner Liste eher ausgehe – gar nicht mitbekommen. Ich mag der Mittelpunkt meiner eigenen facebook-Seite sein, aber das bedeutet nicht, daß diese Seite dadurch zum Mittelpunkt der Online-Aktivitäten aller meiner Kontakte wird. Ich finde die oben angesprochene Drohung daher ausgesprochen seltsam und irgendwie auch von einem Hautgout der Selbstüberschätzung umweht, drückt sie doch soviel aus wie die Annahme, daß alle potentiell vom Rauswurf bedrohten Gesichtsbüchler, die das lesen, sich sofort wie auf Knopfdruck ändern, weil sie kaltschweißig krampfen beim Gedanken an ein facebook-Leben ohne mich.

In die gleiche „Hä?“-Kategorie gehören natürlich auch Beiträge wie „Ich habe diesen und jenen entfreundet, weil…“ oder „Boah ey! Dieser und jener ist so dünnhäutig! Hat mich einfach entfreundet, obwohl ich nur…“.

Es ist ein #%*¿&†≠¡ „soziales“ Medium. Deal with it.

Welche Welt?

Klügere Köpfe haben es wahrscheinlich schon längst entdeckt und schon immer gewußt. Mir ist neulich erst aufgefallen, was ich an facebook so verstörend finde: Dieses vollkommen willkürliche Durcheinander der Informationen und Eindrücke, die aufgrund ihrer Präsentationsform irgendwie alle gleichwertig zu sein scheinen und daher oft so lächerlich und deplaziert wirken, wenn sie aufeinander folgen.

Auf eine Katastrophenmeldung folgt ein total cooler Lifehack, auf ein Weltuntergangs-Szenario ein Foodporn, auf eine Gebetsbitte für einen verstorbenen Freund ein knüffiges Panda-Video, auf ein schönes Photo eine viel zu persönliche Information, auf ein kommentarlos geteiltes Musikvideo eine öffentliche Schlammschlacht, auf eine moralische Entrüstungsarie ein flapsiges Meme. Und dann geben sich natürlich ständig Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen aus allen extremistischen Windrichtungen die Klinke in die Hand.

Die sich aufdrängende Frage lautet: Wo und wie positioniere ich mich bzw meine Beiträge in diesem Strom von Informationen, der zugleich so rein und erfreulich und doch auch so schmuddelig und deprimierend ist? Oder anders: Welche Welt will ich auf meiner facebook-Wall zeigen?

Ich habe mich letztlich dazu entschlossen (und dies schon vor geraumer Zeit), den Leuten da draußen nicht DIE Welt zu erklären, sondern ihnen MEINE Welt zu zeigen (so sie sich überhaupt darstellen und vermitteln läßt). Das mache ich nicht, weil ich zum Tages- und Weltgeschehen keine Meinung habe oder nichts darüber weiß, sondern eher, weil sich das Tages- und Weltgeschehen in meinem Geist und meiner Seele seit Jahren einfach nicht als das niederläßt, was mich bewegt und von mir bewegt wird. Ich meine, die Welt geht auch unter, wenn ich vorher nicht Durchblickertum simuliere und kreischend davor warne. Soviel Vertrauen habe ich schon in meinen Gott, daß er das auch ohne meine Stimme durchzieht. Aber bis es soweit ist, murmele ich lieber leise und vielleicht manchmal auch unbemerkt mit meiner eigenen Stimme, als laut in irgendeinem Chor mitzusingen.

Nur eine weitere Liebeserklärung

Für alle, die es nicht mitgekriegt haben: Ich bin momentan in Bamberg und mache Urlaub mit Familie und Freunden. Im Corona-Jahr ist natürlich alles etwas anders, aber selbst, wenn die Gesamtsituation des Jahres 2020 nicht grundsätzlich schwer verbesserungswürdig wäre, stächen diese Tage doch als sehr schön, erholsam und prächtig heraus. Meine tiefe Verbundenheit mit und Liebe zu Bamberg habe ich in der Vergangenheit oft genug schriftlich festgehalten. Auch andere Orte, wie die Würzburger Residenz, das Schloß Werneck, die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen, die Abtei Ebrach und – natürlich – das Schloß Weißenstein ob Pommersfelden wurden bereits geziemend besungen.

Meine Faszination mit dem Garten des Schlosses Seehof bei Bamberg habe ich ebenfalls bereits beschrieben. Aber nach dem gestrigen Aufenthalt dort muß ich heute noch mal einen drauflegen. Zuerst einmal ein alter facebook-Eintrag zum Warmlaufen:

Schloß Seehof hat sich im Laufe der letzten Jahre bei mir zu einem weiteren echten Sehnsuchtsort entwickelt. Ich war heute dort und bin fast drei Stunden lang durch Schloß und Garten spaziert. Der Ort wirkt an vielen Stellen wie aus der Zeit gefallen. Stille im eigentlichen Sinne herrscht dort nicht, da das Gezwitscher und Gegurre der Vögel ebenso kein Ende zu haben scheint, wie die Laubengänge, Hecken, Alleen und Wege der weitläufigen Anlage. Aber wenn man außer Schloß und Natur nichts sieht und außer dem Vogelgezwitscher und dem selten genug zu vernehmenden Geknirsche des Kies unter den Füßen der angemessen träge schreitenden Besucher nichts hört, dann empfindet man nach kurzer Zeit schon den Anblick eines mit angestrengt-dringlicher, schweißbedeckter Miene vorbeijoggenden Körpers wie einen Drohboten aus einer ungewissen Zukunft. Während der Schloßführung (nicht meine erste, versteht sich) geschah nach wenigen Minuten das, was an diesen Orten immer geschieht: Die Stimme der Erklärdame drang wie durch einen Nebel zu mir, ich hing meinen Gedanken nach, verirrte mich beinahe auf meine eigenen Wege, die dann doch nicht ganz die Meinen sind, weil sie vor langer Zeit von Anderen zuerst beschritten wurden. Eine ganz spezielle Art des Behütet-Seins wirft sich jedes Mal sanft über mich, wenn ich die Anlage betrete. Entsprechend zäh fällt dann der Abschied aus, welcher immerhin erleichtert wird durch die Hoffnung auf eine Rückkehr an einen dieser Orte, die ich gerne beschreibe, obwohl ich nie angemessen über sie sprechen kann.

Gestern nun setzte ich mich nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den Schloßgarten auf eine Parkbank und schrieb dies in mein Reisetagebuch:

Die Liebe zu diesem Ort scheint mir von Besuch zu Besuch schwerer zu wiegen. Das Dach über meinem Kopf, das ist unbestritten und unangefochten Schloß Weißenstein ob Pommersfelden. Doch der Boden unter meinen Füßen ist ganz offenbar der Garten des Schlosses Seehof. An einem Tag wie diesem könnte ich mich hier, unter dem weiß-blauen „Seehofer Himmel“ (wie ich ihn mittlerweile wegen seines verläßlichen Auftretens anläßlich eines jeden meiner Besuche nenne), eigentlich seufzend und lächelnd ins Gras legen und sterben, vorausgesetzt die richtige Person/die richtigen Personen ist/sind anwesend und hält/halten mein Hand/Hände. Wenn ich auf der Kreuzung zweier Heckenwege stehe, nichts höre außer dem Gesang der Vögel, keinen Menschen sehe und keinen Wunsch hege, dann bin ich dieser Welt und dieser Existenz plötzlich so entzogen, so entrückt, so fremd, daß ich eigentlich auch verschwinden könnte. Zwar ist von der einstigen Herrlichkeit der Seehofer Gärten außer den mühsam rekonstruierten Wasserspielen der Kaskaden wenig bis nichts erhalten. Aber das Gedächtnis dieses Ortes spricht zu mir in bewegender Vertrautheit, die mir zwar nicht den Glanz vergangener Zeiten vor das innere Auge rufen kann, aber meine Seele jauchzen läßt, als erblickte ich erneut, was ich niemals sah.

Sehnsuchtsort, fürwahr…

Schöner sparen (IV), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Nachdem Friedrich Karl von Schönborn im Jahre 1746 verstorben war, fiel die endgültige Fertigstellung der Residenz seinem Nachfolger, Anselm Franz von Ingelheim, in die Hände. Dieser hatte allerdings überhaupt kein Interesse an der Vollendung des Schlosses. Er entließ alle Hofkünstler und übertrug nur Balthasar Neumann den Bau des Käppele auf dem Nikolausberg. Würzburg hielt einmal kurz den Atem an: Nicht nur, weil es in der Residenz nicht voran ging, sondern auch, weil der gesundheitlich schwache Ingelheim sich mit diversen Scharlatanen an der Herstellung von Gold und lebensverlängernden Elixieren versuchte. Sein glücklicherweise in sicherer Entfernung von der Residenz untergebrachtes Labor flog dann auch prompt in die Luft und hätte aufgrund der leicht entflammbaren Materialien, die dort lagerten, fast einen Großbrand verursacht.

Der für Stadt und Residenz nicht ungefährliche Fürst verstarb bereits 1749. Die Würzburger schnauften durch und erkannten erleichtert, daß, wie bei der Bischofswahl im Jahre 1729, auf Stagnation nun wieder Aktivität folgte: Der neue Fürstbischof, Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, ruft Neumann und die Künstler der Schönborn-Regierung zurück, damit diese an Vestibül, Treppenhaus, Gartensaal und Kaisersaal weiterschaffen können. Und nicht nur dies: Greiffenclau stellt dem großen Baumeister einen großen Maler an die Seite: Aus Venedig wird Giovanni Battista Tiepolo gerufen bzw. mit einer riesenhaften Summe gelockt. Der bereits schwer umjubelte Freskenmeister reist mit seinen Söhnen Domenico und Lorenzo an und schafft in den Folgejahren zuerst im Kaisersaal (1751) und dann im Treppenhaus (während der Sommer 1752 und 1753) zwei seiner großartigsten Werke. Die Tiepolos reisen im November 1753 ab. Als Fürstbischof Greiffenclau ein Jahr später verstirbt, gilt die Residenz als so gut wie vollendet..

Der im Januar des Jahres 1755 einstimmig zum Fürstbischof gewählte Schönborn-Neffe Adam Friedrich von Seinsheim hatte einerseits das Glück, daß er sich im Grunde in das so gut wie gemachte Residenz-Nest setzen konnte, litt aber andererseits in seinen Bistümern (1757 kam noch Bamberg hinzu) erst einmal unter den Belastungen des Siebenjährigen Krieges, welcher ihm stellenweise so nahe kam, daß er 1758 sogar die Pferde anspannen ließ, um rechtzeitig aus der Stadt fliehen zu können. Jedoch: Fürst und Stadt und Residenz blieben verschont, und im Jahre 1763 konnte die Arbeit am Schloß wieder aufgenommen werden. Ebenso, wie die bereits verstorbenen, großen Meister der Residenz nun durch eine Generation neuer Künstler ersetzt wurden, so mußten auch die alten Pläne für die endgültige Fertigstellung weichen. Fürstbischof Seinsheim entschließt sich, mit der Mode zu gehen und läßt Vestibül und Treppenhaus entsprechend dem neuen „goût grecque“ in klassischer Einfachheit vollenden. Hatte Neumann noch – wie auf erhaltenen Entwürfen zu sehen – für das Treppenhaus ein blühendes Rokoko-Kleid im Stile des Weißen Saales vorgesehen, so wurde nun schlichter ausgestattet, wobei sogar bereits vorhandener Rokoko-Stuck zerstört wurde, um die Einheitlichkeit der Gestaltung zu wahren. Unter Seinsheim werden auch die beiden nördlichsten Paradezimmer umgebaut (eines davon zum wunderschönen, grünlackierten Kabinett) und die sogenannten Ingelheimzimmer klassizistisch umgestaltet.

VLNR:
Anselm Franz von Ingelheim, der Bischof, der nicht so recht wollte
Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, der den großen Tiepolo engagierte
Adam Friedrich von Seinsheim, unter dem vollendet und auch schon umgestaltet wurde

Man darf also durchaus behaupten, daß die Residenz während der Seinsheim-Jahre nicht nur vollendet wurde sondern an einigen Stellen sogar schon wieder ein wenig überreif erschien, wenn tatsächlich modische Fragen bereits zu Umgestaltungen führten. Als Seinsheim im Jahre 1779 als vielgeliebter „Vater des Vaterlandes“ stirbt, sind die Tage der Residenz als Zentrum glanzvoller Hofhaltung auch schon wieder gezählt. Seinsheims Nachfolger Erthal war ein wackerer Aufklärer, der mit Prunkentfaltung, Festivitäten und Jagden nichts am Hut hatte. Und mit der über den letzten Würzburger Fürstbischof Georg Karl von Fechenbach hereinbrechenden Säkularisation hatte sich die Sache dann eh erledigt.

1806 zieht Großherzog Ferdinand als Herrscher über das neu geschaffene, aber kurzlebige Großherzogtum Würzburg in die Residenz ein und läßt die seit der Schönbornzeit in feinstem Rokoko ausgestatteten Zimmer der Bischofswohung im Südtrakt im Stil des Empire zerstöpurifiz… umbauen.

Und schon sind wir am Ende meiner kleinen Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz. Natürlich fehlt noch ein wichtiges Kapitel, nämlich die Zerstörung 1945 und der lange und mühsame Wiederaufbau des grandiosen Baus. Ich will dazu nur anmerken, daß ich diesen gewaltigen „Block von unerbittlicher Symmetrie, in den edelsten Verhältnissen und von einem heiteren Umrisse“ (Max H. von Freeden) auch als aus der Asche emporgestiegenen Phönix immer herzlich gerne besuche, wenn ich auch hin und wieder das Gefühl habe, daß diese Mauern in bestimmten Momenten eher skeptisch auf die Besuchermassen schauen und sich nach ihren fürstlichen Bauherren und Bewohnern und deren eigentümlicher Mischung aus krachendem Hofleben und zeremonieller Käfighaltung zurücksehnen.

Meine schönsten Fenster…

Im Laufe der letzten Jahre haben sich auf meinem Rechner doch so einige Bilder angesammelt, in denen ich neulich mal wieder ein wenig gestöbert habe. Dabei fiel mir auf, daß ich neben Bäumen am häufigsten Fenster und Türen fotografiere. Hmm… Egal, das sollen die analysieren, die dafür bezahlt werden. Für die treuen und geneigten Leser gibt’s hier ein Mini-Album mit meinen Lieblingsfenstern.

Schöner sparen (III), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wir verließen im zweiten Teil die Stadt Würzburg und die in ihrer Mitte heranwachsende Residenz zu dem Zeitpunkt, als Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn im Alter von nur 51 Jahren soeben überraschend verstorben war.

Zum Nachfolger des am Ende seiner Amtszeit nicht mehr besonders beliebten Schönborn wurde Christoph Franz von Hutten gewählt, der Anführer der Schönborn-Opposition im Domkapitel. Der neue Bischof ließ nun die Arbeit an der Residenz erst einmal ruhen. Erstens wollte er ein wenig sparsamer regieren als sein Vorgänger, zweitens hatte er durchaus verstanden, daß es sich bei dem Bau im Grunde um ein Familienprojekt handelte. Ob er bereits ahnte, daß die Leitung des Fürstbistums bald wieder in den Händen der weitverzweigten Schönborn-Familie liegen würde? Balthasar Neumann wurde die Leitung des Baus entzogen, sicherlich, um ihn für andere Aufträge einzusetzen, denn der neue Bischof war dem Architekten keineswegs feindlich gesinnt, beförderte ihn sogar zum Major.

An der Residenz wurde lediglich der bereits begonnene Nordflügel überdacht, um den Bau bezugsfertig zu machen. Hutten bewohnte in dieser Zeit den benachbarten Rosenbachpalais und verstarb nach nur fünf Regierungsjahren am 25. März 1729, ziemlich genau zu der Zeit, als die Arbeiten am Nordflügel ihrem Ende entgegengingen.

Und so wurde das Jahr 1729 sowohl für die Familie Schönborn als auch für die Würzburger Residenz zu einem Jahr von großer Bedeutung. Denn bereits im Jänner war in Mainz Familienchef und Kurfürst Lothar Franz im Alter von 74 Jahren gestorben. Lothar Franzens Lieblingsneffe Friedrich Karl war in Bamberg schon seit 1710 Koadjutor mit dem Recht auf Nachfolge und erhielt nun – nachdem es 1719 und 1724 nicht funktioniert hatte – auch den Würzburger Bischofssitz dazu. So erwies sich die Prophezeiung des Onkels als wahr. Dieser hatte 1718 im Marmorsaal seines Schlosses zu Pommersfelden das Portrait Friedrich Karls begutachtet und dem Neffen darauf schriftlich mitgeteilt, daß es trefflich ähnlich sei „und siehet aus, als wenn er schon Bischof zu Bamberg und Würzburg wäre!“

Ebenfalls im Jahre 1729 bestieg ein vierter Neffe des Lothar Franz einen bischöflichen Thron: Franz Georg wurde Kurfürst und Erzbischof von Mainz. Wohl nie zuvor war der generalstabsmäßige Angriff einer Familie auf die geistlichen Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches von solchem Erfolg gekrönt worden.

Friedrich Karl hielt sich nach seiner Wahl nur kurz in seinen neuen Fürstentümern auf, da ihn seine Stellung als Reichsvizekanzler noch einmal für zwei Jahre nach Wien rief. 1731 kehrte er endgültig nach Franken zurück und bezog die Residenz. Diese war bei der Wahl des Bischofs erst zu einem Fünftel vollendet. Auf einer getuschten Federzeichnung kann man den Zustand der Residenz in diesem Jahr betrachten. Zu sehen ist der Einzug des Bischofs. Der bereits fertiggestellte Nordflügel ist mit einem gewaltigen Schaugerüst dekoriert. Der Südflügel befindet sich im Bau. Die Verbindung durch den Mittelbau ist noch nicht in Angriff genommen worden.

Die Würzburger Residenz im Jahre 1731

Friedrich Karl war selbst nicht ganz unschuldig daran, daß der Würzburger Bischofsbau ins Große getrieben wurde, hatte er doch zusammen mit dem sicherlich noch hartnäckigeren Oheim Lothar Franz diesen Gedanken heftig unterstützt. Nun, da er selbst Bischof und somit für die Vollendung des Baus verantwortlich war, gestand er, daß dieser doch nach einer „allzu großen Idee“ begonnen worden war. Als waschechter Schönborn nahm er aber die Herausforderung an.

Der Fürstbischof bezieht seinen Wiener Hausarchitekten Johann Lucas von Hildebrandt mit ein, ohne aber Neumann zu entmachten. Die Pläne für den weiteren Bau stammen aus dem Büro Hildebrandts, aber die Bauleitung bleibt bei Neumann. Dieser kann ab 1741 sein wahres Genie unter Beweis stellen. Ihm verdanken wir die Kaisertreppe und auch das stützenlose Treppenhaus mit seinem Gewölbe, das eine Spannweite von 19 Metern aufweist. Im Jahre 1744 ist der gesamte Bau überdacht und fertig eingewölbt.

Der Bischof und seine Baumeister (vlnr):
Balthasar Neumann, Friedrich Karl von Schönborn, Johann Lucas von Hildebrandt

Unter Friedrich Karl von Schönborn beginnt ab 1735 auch die Ausstattungsgeschichte der Residenz. Diese ist vor allem deswegen interessant, weil der Fürst sich künstlerisch überhaupt nicht an Paris orientiert (ein Vorwurf, den seinem Vorgänger Hutten gemacht wurde), sondern die Hofkunst Wiens zum Maßstab macht und daher auch einen großen Teil seines Wiener Künstlerstabes an den Würzburger Hof mitnimmt. Es arbeiten fortan unter anderem der bereits erwähnte Johann Lucas von Hildebrandt als leitender Planer, der schon betagte Hofmaler Johann Rudolf Byss, von dem Fresken und Entwürfe für Gobelins stammen, der Stuckateur Giuseppe Antonio Bossi, der nicht nur aber vor allem im Weißen Saal ein schon fast unanständig friemeliges Monument Würzburger Rokoko-Herrlichkeit entstehen ließ, sowie der Bildhauer Wolfgang van der Auwera, der für die Plastiken der Portalfront und der Innenräume verantwortlich ist.

Als Friedrich Karl von Schönborn am 26. Juli 1746 in Würzburg stirbt, ist die Residenz fast vollendet. Lediglich Vestibül, Treppenhaus und Kaisersaal warten noch auf den vollständigen Ausbau.

Warum mit der Wahl des neuen Bischofs dann doch noch einmal kurz Furcht vor Stillstand aufkam, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Kapitel.

Schöner sparen (II), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wie im ersten Teil erwähnt, war der neue Würzburger Fürstbischof, Johann Philipp Franz von Schönborn, durchaus an einer modernen und repräsentativen Stadtresidenz interessiert, jedoch fehlten bei seinem Amtsantritt erst einmal die nötigen Gelder. Im Übermaß vorhanden waren hingegen die Luftschlösser, die Onkel Lothar Franz in Mainz und Bruder Friedrich Karl in Wien umgehend mit ihren Kavalierarchitekten errichteten. Johann Philipp Franz übernahm zuerst einmal von seinem Vorgänger den Ingenieur-Hauptmann Balthasar Neumann, dem er die barocke Umgestaltung der gesamten Stadt Würzburg auftrug, während er seinen Verwandten die Planungsleitung der neuen Residenz überließ.

Die Idee einer Vergrößerung des von Petrini bis 1704 errichteten Schlößchens wurde verworfen, als an dem Bau statische Mängel und Schäden im Mauerwerk offenbar wurden. So mußte der alte Palast weichen, und die Idee für einen grandiosen Neubau wuchs heran.

Und plötzlich stellte sich auch der benötigte Geldregen ein: Fürstbischof Schönborn hat schon als Domherr den Verwaltungsapparat seines Vorgängers stets kritisch im Auge gehabt und konnte nun einigen Beamten, allen voran dem Hofkammerdirektor Jakob von Holach, Bestechung und Veruntreuung nachweisen. Ein Prozeß brachte laut verschiedenen Quellen zwischen 500.000 fl. und 640.000 fl. ein. Diese Summe entsprach, so sagt man, ungefähr den Jahreseinnahmen des Hochstifts Würzburg, war also kein Kleingeld.

Kaum klingelte es in der Kasse, meldete sich auch schon der Kurfürst aus Mainz mit der trockenen Aufforderung „Nur wacker Bauconcepten her!“ und dem scherzhaften Rat, dem untreuen Beamten vor dem neuen Schloß ein Denkmal errichten zu lassen.

Auf Lothar Franzens Privat- und Familienschloß Weißenstein zu Pommersfelden kam es bald darauf zu einer für die fränkische Kunstgeschichte schicksalhaften Begegnung: Der Familienchef nahm dort im Jahre 1719 zusammen mit Reichsvizekanzler und Lieblingsneffen Friedrich Karl aus der Hand Balthasar Neumanns die ersten Pläne für die neue Residenz entgegen. Das Urteil fällt positiv aus: Der Kurfürst lobt die Persönlichkeit und den Sachverstand des noch unbekannten Baumeisters und empfiehlt seinem Würzburger Neffen, ihn auch unbedingt für den Neubau des Schlosses einzusetzen.

Und so fand am 22. Mai 1720 beim Rennweger Tor zu Würzburg die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Residenz statt. Johann Philipp Franz bezieht den Rosenbacher Hof am Rennweg, um den Bauplatz stets im Auge zu haben und den Arbeitern das Gefühl zu geben, vom Bauherrn beobachtet zu werden. Vielleicht kein feiner, aber ein wirksamer Trick, der zurückgeht auf die Erfahrung des Oheims, der während der Bauarbeiten am Schloß zu Pommersfelden bemerkt hatte, daß das „oculus domini“ die Künstler und Handwerker doch stets anzutreiben wußte.

Es kam nun zu unzähligen Bausitzungen und zu einer umfangreichen Korrespondenz zwischen Würzburg, Mainz und Bamberg/Pommersfelden. Lothar Franz sah sich als Chef der Familie natürlich berechtigt, immer ein Wörtchen mitzureden. Er schickte seinen Bamberger Oberbaudirektor Maximilian von Welsch und einige seiner Baudirigierungsgötter aus dem Kreis seiner bauverständigen Kavaliere, wie z.B. von Erthal und von Rothenhan, mit Ideen, Anregungen und Instruktionen nach Würzburg und wartete auf jede Nachricht so gepannt, wie ein Feldherr auf den Ausgang einer Schlacht.

Bereits 1723 erschien ein gewaltiger Kupferstich (145 x 115 cm) , der das neue, barocke Würzburg mit der fertiggestellten Residenz als sogenanntes Thesenblatt zeigte. Das Schloß befand sich zu diesem Zeitpunkt zwar noch in den Kinderschuhen, aber man wollte immerhin einen Gesamteindruck schaffen.

Ausschnitt aus dem Thesenblatt [Quelle]

Ebenfalls im Jahre 1723 wurde Balthasar Neumann nach Frankreich geschickt, um die Pläne der Residenz dem französischen Hofarchitekten vorzulegen. Ein weiterer Schönborn-Bruder, der Kardinal Damian Hugo, Fürstbischof zu Speyer und später auch zu Konstanz, ließ seine Beziehungen im Heiligen Kollegium spielen und vermittelte den Architekten an Kardinal de Rohan, der den Weg nach Paris ebnete. Von Boffrand nahm Neumann viele wertvolle Anregungen für die Ausstattung der Residenz mit. Es kam sogar zu einem Gegenbesuch: 1724 reiste der Franzose nach Franken, begutachtete die werdende Residenz in Würzburg, das Schönbornsche Familienschloß in Wiesentheid und Lothar Franzens Schmuckstück in Pommersfelden, wo ihn besonders und nachhaltig das Treppenhaus überzeugte: „Etwas so Großes und Herrliches kann man in ganz Frankreich nicht finden!“

Es lief also insgesamt alles nach Plan, bis am 18. August 1724 plötzlich Sand ins Getriebe kam: Fürstbischof Johann Philipp Franz erlag auf der Rückreise von einem Besuch beim Trierer Kurfürsten und Deutschordensmeister Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg auf dessen Schloß in Mergentheim einem Schlage.

Der wache und stets gut informierte Lothar Franz ahnte sofort, daß der Bau der Residenz nun ins Stocken geraten könnte. Sein Neffe hatte sich als Fürstbischof etwas zu selbstherrlich gegeben, war in der Bevölkerung nicht der Beliebteste und hatte sich schließlich auch mit dem Domkapitel überworfen. Er wird sich zweifellos während seiner Amtszeit den einen oder anderen Rüffel vom Oheim eingefangen haben, weil er dessen simple Grundregeln im Umgang mit den Leuten eher ignorierte: „… mit dem Domkapitel wohl zu stehen, alles nit so genau zu nehmen undt bisweilen 5 gerat sein zu lassen, jedermänniglich obligat zu begegnen und denen guets zu tun, die es meritieren, niemandt aber zu verfolgen, amen.“

Schuldig im Sinne des Gesamtkunstwerkes (vlnr):
Lothar Franz von Schönborn: Familenoberhaupt, Ideengeber, Protektor und manchmal Diktator seiner Neffen
Johann Philipp Franz von Schönborn: Unter ihm begann der Bau der Residenz
Friedrich Karl von Schönborn: Unter ihm wird der Bau fertiggestellt und die prachvolle Ausstattung begonnen

Die Aussichten auf einen weiteren Schönborn-Bischof in Würzburg waren somit gering, wenn auch mit Lothar Franz und Friedrich Karl die beiden hervorragendsten Köpfe des Hauses Mitglieder des dortigen Domkapitels waren.

Wie bzw. daß es mit dem Bau der Residenz nun dennoch weiterging, das erfährt der geneigte Leser im dritten Teil.

Schöner sparen (I), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts war die über der Stadt thronende Festung Marienberg die Residenz der Würzburger Fürstbischöfe. Trotz vieler Erweiterungen, Umbauten und Modernisierungen erwies es sich spätestens im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, daß diese Anlage den Ansprüchen barocker Fürsten bezüglich sowohl der Lage als auch der Bequemlichkeit nicht mehr entsprach. So kam es, daß neu gewählte Bischöfe immer wieder einmal mit dem Gedanken einer neuen Residenz spielten und sich hin und wieder lieber in ihren städtischen Domherrenhöfen als auf der Festung aufhielten.

Die Festung Marienberg in Würzburg

Es entstand so mit der Zeit eine doppelte Hofhaltung, die zu viel Geld kostete. Es waren anfangs tatsächlich Gründe der Sparsamkeit, die zum Bau einer neuen Stadtresidenz führten (damals ahnte man natürlich noch nicht, daß das Gesamtprojekt letztlich den Schönborn-Bischöfen in die Hände fallen sollte, unter denen dann besonders Lothar Franz – selbst Domherr in Würzburg – die Gelegenheit gekommen sah, der Familie das endgültige Baudenkmal errichten zu lassen). Als das Domkapitel im Jahre 1699 Johann Philipp von Greiffenclau zu Vollraths zum Bischof wählte, wurde dem neuen Fürsten in der Wahlkapitulation aufgetragen, in der Stadt einen neuen Palast zu bauen.

[Interessanter Einschub: Greiffenclau gewann gegen den von Wien favorisierten Lothar Franz von Schönborn, welchem bei seiner Wahl zum Bamberger Fürstbischof im Jahre 1693 zur Auflage gemacht worden war keine neuen Bauunternehmungen zu starten. Hätte man den vom bauwurmb befallenen Schönborn auch zum Würzburger Bischof gewählt, hätte sich der Palast-Neubau ohnehin von selbst verstanden. Andererseits fürchtete man aber eine zu gewaltige Ämteranhäufung – Lothar Franz war auch noch Kurfürst und Erzbischof von Mainz und Erzkanzler – und einen zu machtvollen Schönborn-Block in diversen Kapiteln, denen bereits einige von Schönborns Neffen angehörten.]

Auf dem Rennweg wuchs unter Greiffenclau bis 1704 nach Plänen von Petrini das sogenannte „Schlößlein“ empor. In den ersten Jahren wurde der Bau fremden Besuchern stolz präsentiert. Bald jedoch legte sich der Schleier des Vergessens über den neuen Bischofssitz, wies er doch statische Mängel und Schäden im Mauerwerk auf. Greiffenclau bezog also nicht das neue bischöfliche Palais (welches 1720 schon wieder abgerissen werden mußte, ohne jemals als Residenz gedient zu haben), sondern stieg im „Roten Bau“ ab, dem zwischen 1708 und 1712 errichteten Familienpalais am Rennweg.

Da die Residenz-Frage vorübergehend offen blieb, regte der Fürstbischof andere Bautätigkeiten in Würzburg an und stieß die Türe für barocke Freuden und glanzvolles Leben schon so weit auf, daß die Schönborn-Bischöfe schließlich in vollem Galopp hindurchpreschen konnten: Zum Nachfolger Greiffenclaus wurde 1719 sein (und Lothar Franzens) Neffe Johann Philipp Franz von Schönborn gewählt. Der neue Fürstbischof war vorzüglich erzogen und gebildet, aufgrund diverser Botschaftsanstellungen weltgewandt, und von barocker Prunkfreude ebenso angesteckt wie von großzügigem Mäcenatensinn. Und da er nun mal ein Schönborn war, bewog ihn nicht nur seine Stellung als einer der ersten geistlichen Fürsten im Reich sondern auch sein Familiensinn, in Würzburg etwas Großes zu schaffen.

Warum es nicht beim Großen blieb, sondern der Bau trotz anfänglich nicht im Übermaß vorhandener Gelder ins Atemberaubende wachsen konnte, das erfährt der geneigte Leser im zweiten Teil.