Wer das nicht liest, wird sofort entfreundet

Es ist eigentlich seit Tagen viel zu heiß zum Bloggen. Aber eine Frage drängt mich jetzt dennoch an die Tastatur:

Warum schreiben Leute auf facebook immer wieder mal „Wer ‚xyz‘ gut findet oder ‚abc‘ sagt, der wird sofort entfreundet“?

Wenn die Beiträge irgendeines Gesichtsbuch-Kontaktes mich dauerhaft anwidern, dann fliegt diese Person einfach raus und basta. Keine Vorwarnung. Keine Drohung. Einfach tschö. Das betraf bisher ohnehin immer nur Leute, die ich außerhalb von facebook nie kennengelernt habe und mit denen ich auch auf dieser Seite eigentlich keinen Austausch hatte, der über ein gelegentlich unter einem meiner Beiträge hinterlassenes Emoji-Duftmärkchen hinausging.

Warum also sollte ich eine vage, verallgemeinerte, nicht an eine einzelne Person gerichtete Nachricht absetzen, die soviel bedeutet wie „Hallo, x-beliebige Zufallsbekanntschaft aus einem sozialen Medium, in die ich emotional nichts investiert habe und mit der mich außerhalb dieser Seite nichts verbindet. Wenn Du weiterhin die Vorzüge dieser Beziehung genießen willst, die auf gegenseitiger Kenntnisnahme die Welt in keiner Weise beeinflussender Beiträge beruht, dann versuche bitte, auf meiner Timeline nicht Du zu sein“?

Von all den Leuten, die ich bisher auf facebook rausgeworfen habe, hat sich ohnehin bisher nur ein einziger Kontakt danach gemeldet und ein wenig rumgenölt. Alle anderen haben es entweder schweigend akzeptiert oder – wovon ich bei über 500 Leuten in meiner Liste eher ausgehe – gar nicht mitbekommen. Ich mag der Mittelpunkt meiner eigenen facebook-Seite sein, aber das bedeutet nicht, daß diese Seite dadurch zum Mittelpunkt der Online-Aktivitäten aller meiner Kontakte wird. Ich finde die oben angesprochene Drohung daher ausgesprochen seltsam und irgendwie auch von einem Hautgout der Selbstüberschätzung umweht, drückt sie doch soviel aus wie die Annahme, daß alle potentiell vom Rauswurf bedrohten Gesichtsbüchler, die das lesen, sich sofort wie auf Knopfdruck ändern, weil sie kaltschweißig krampfen beim Gedanken an ein facebook-Leben ohne mich.

In die gleiche „Hä?“-Kategorie gehören natürlich auch Beiträge wie „Ich habe diesen und jenen entfreundet, weil…“ oder „Boah ey! Dieser und jener ist so dünnhäutig! Hat mich einfach entfreundet, obwohl ich nur…“.

Es ist ein #%*¿&†≠¡ „soziales“ Medium. Deal with it.

Welche Welt?

Klügere Köpfe haben es wahrscheinlich schon längst entdeckt und schon immer gewußt. Mir ist neulich erst aufgefallen, was ich an facebook so verstörend finde: Dieses vollkommen willkürliche Durcheinander der Informationen und Eindrücke, die aufgrund ihrer Präsentationsform irgendwie alle gleichwertig zu sein scheinen und daher oft so lächerlich und deplaziert wirken, wenn sie aufeinander folgen.

Auf eine Katastrophenmeldung folgt ein total cooler Lifehack, auf ein Weltuntergangs-Szenario ein Foodporn, auf eine Gebetsbitte für einen verstorbenen Freund ein knüffiges Panda-Video, auf ein schönes Photo eine viel zu persönliche Information, auf ein kommentarlos geteiltes Musikvideo eine öffentliche Schlammschlacht, auf eine moralische Entrüstungsarie ein flapsiges Meme. Und dann geben sich natürlich ständig Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen aus allen extremistischen Windrichtungen die Klinke in die Hand.

Die sich aufdrängende Frage lautet: Wo und wie positioniere ich mich bzw meine Beiträge in diesem Strom von Informationen, der zugleich so rein und erfreulich und doch auch so schmuddelig und deprimierend ist? Oder anders: Welche Welt will ich auf meiner facebook-Wall zeigen?

Ich habe mich letztlich dazu entschlossen (und dies schon vor geraumer Zeit), den Leuten da draußen nicht DIE Welt zu erklären, sondern ihnen MEINE Welt zu zeigen (so sie sich überhaupt darstellen und vermitteln läßt). Das mache ich nicht, weil ich zum Tages- und Weltgeschehen keine Meinung habe oder nichts darüber weiß, sondern eher, weil sich das Tages- und Weltgeschehen in meinem Geist und meiner Seele seit Jahren einfach nicht als das niederläßt, was mich bewegt und von mir bewegt wird. Ich meine, die Welt geht auch unter, wenn ich vorher nicht Durchblickertum simuliere und kreischend davor warne. Soviel Vertrauen habe ich schon in meinen Gott, daß er das auch ohne meine Stimme durchzieht. Aber bis es soweit ist, murmele ich lieber leise und vielleicht manchmal auch unbemerkt mit meiner eigenen Stimme, als laut in irgendeinem Chor mitzusingen.

Wien und MCU

Ich war heute Morgen zum ersten Mal seit langer, langer, langer Zeit wieder so richtig in Wien. Bei ausgesprochen angenehmem Frühlingswetter habe ich mich drei Stunden lang zwischen Oper und Schwedenplatz, zwischen Freyung und Stadtpark herumgetrieben. Ich habe ein wenig Window Shopping gemacht, habe auf dem Hohen Markt im Freien ein kleines Frühstück zu mir genommen, habe dabei etwas gelesen und geschrieben und habe während der ganzen Zeit immer auch ein Auge auf die Leute geworfen. Es kam mir bald so vor, als seien viele der Menschen, die sich an diesem Morgen und Vormittag mit mir in die Innenstadt gewagt hatten, zögerliche Schwimmer, die erst einmal einen Zeh in das Wasser stecken, um die Temparatur zu prüfen. Wenn wir um der Argumentation willen mal die Zeit vor Corona als „normal“ bezeichnen wollen, dann war das, was ich heute in Wien gesehen habe, noch ziemlich weit vom Normalzustand entfernt. Immerhin füllen sich die Straßencafés langsam. Die natürlichen Lebensräume der Botox-Busserlria sind in diesen Tagen entweder noch nicht zugänglich oder noch nicht bevölkert. Die wenigen Exemplare, die sich hinaustrauten, wirkten außerhalb des Rudels eher verunsichert.

Ich schlenderte also so durch den Sonnenschein, und irgendwann erinnerte ich mich an die vergangenen sieben Monate, in denen ich das Glück hatte, in Wien gleich zweimal von mir besonders lieben Menschen besucht zu werden. Gleich merkte ich, was mir in diesen Wochen am meisten fehlt: Eben diese Besuche bzw. dieser Kontakt und die damit stets einhergehenden Erlebnisse. Wenn ich „Erlebnisse“ schreibe, dann meine ich keineswegs irgendwelche haarsträubenden Abenteuer. Aber selbst ein zwangloses Schlendern durch die Wiener Innenstadt, ein zweites Frühstück beim Demel oder ein Marathon durch das mumok wird mit der richtigen Begleitung zu einem unvergeßlichen Highlight.


Es kristallisiert sich langsam heraus, daß mir unter den mittlerweile 23 Marvel Cinematic Universe-Filmen auf Dauer (und nach mehrmaligem Sehen) jene am besten gefallen, die von den Kritikern nicht unbedingt allesamt geliebt wurden oder nicht immer die ganz offensichtlichen Helden zeigen oder sich manchmal anfühlen, als seien sie ein wenig losgelöst vom Rest des großen Erzählbogens. Ich liebe Ant-Man, die Guardians und auch Captain Marvel. Deal with it. Ob ich dem MCU nach dem Black Widow-Film, den ich mir natürlich noch geben werde, weiterhin treu bleiben kann, daß ist jetzt noch nicht abzuschätzen.