Auflösung

Das Wimmelbild aus dem Salon der Madame Geoffrin erfährt heute seine Auflösung. Hier ist zuerst noch einmal das eigentliche Werk:

Und hier ist unser Abbé de Bernis:

Klar: Wenn man die Portraits als Maßstab nimmt, die bisher auf diesem Blog zu sehen waren, dann springt der Abbé vielleicht nicht sofort ins Auge. Aber ich bin dennoch überrascht, daß die einzelnen charakteristischen Details in dieser Darstellung alle berücksichtigt wurden: Der verträumte Blick, die breite Nase, die runden, leicht rosigen Wangen und dieses seltsame, irgendwie immer sehr privat wirkende Lächeln.

Für alle Leser, die es ganz genau wissen wollen, gibt es hier noch eine nummerierte Skizze mit den Namen der Anwesenden:

Salonlöwenmamas

Die Salonnière war im Paris des 18. Jahrhunderts eine der wichtigsten Rollen überhaupt. Diese Damen, die in ihren Hôtels und auf ihren Châteaus das Zusammentreffen von Philosophen, Schriftstellern, Aufklärern, Schöngeistern, Enzyklopädisten etc organisierten, moderierten und überwachten, haben sich zum Teil einen Ruf erworben, der heute noch nachklingt. Neben der mindestens so berüchtigten wie berühmten Claudine Alexandrine Guérin, Marquise de Tencin (welche die Köpfe der Männer so weit verdrehen konnte, daß einer ihrer Liebhaber sich in ihrem Haus erschoß), der naturwissenschaftlich versierten Émilie du Châtelet (die es fertigbrachte, daß an ihrem Totenbett ein polnischer Ex-König, zwei ihrer Liebhaber und ihr Ehemann gemeinsam Tränen vergossen), der schönen und geistreichen Louise Marie Dupin (die fast das gesamte 18. Jahrhundert durchlebte und 1799 im Alter von 93 Jahren auf ihrem Schloß Chenonceaux verstarb) fällt besonders häufig der Name Marie Thérèse Rodet Geoffrin.

Madame Geoffrin gilt als eine der führenden Damen der Französischen Aufklärung, und ihr Salon war spätestens, nachdem sie im Jahre 1749 die Gäste der verstorbenen Madame Tencin „geerbt“ hatte, der angesagteste Ort, an dem sich auch tatsächlich alles und jeder traf: D’Alembert, Rousseau, Fontenelle, Diderot, Montesquieu, Choiseul, Gresset, Crébillon, um mal nur die Namen zu nennen, die auch heute noch den meisten Lesern bekannt sein dürften.

Und – na klar – unser Abbé de Bernis trieb sich ebenfalls in diversen französischen Salons herum, nachdem er das Seminar verlassen hatte. Dazu mehr in einem anderen Artikel. Was es heute schon gibt, das ist das Gemälde einer (fiktiven) Zusammenkunft im Salon der Madame Geoffrin: Der Schauspieler Lekain liest Voltaire, und die versammelten Lumières lauschen. Voltaire selbst ist als Büste anwesend. Aber auch unser Abbé ist mit von der Partie. Und den dürft Ihr jetzt mal suchen:

Wenn Ihr ihn nicht finden könnt, keine Bange: Die Auflösung gibt’s in den nächsten Tagen.

Wenn der Kardinal plötzlich zum Papst wird

Im Jahre 1739 gab der damalige Erzbischof von Bologna, Prospero Kardinal Lambertini, beim Maler Giuseppe Maria Crespi ein lebensgroßes Portrait in Auftrag. Die Arbeit an diesem Werk war bereits gut fortgeschritten, als der Kardinal im Februar 1740, nach dem Tode Papst Klemens XII, zum Konklave nach Rom abberufen wurde.

Lambertini: „Wir machen dann später weiter…“
Crespi: „Okay…“

Es tritt auf: Das Schicksal in Form von 55 Kardinälen und einem Heiligen Geist. Lambertini verläßt nach über einem halben Jahr überrascht und überraschend das Konklave als Papst Benedikt XIV, und Crespi sitzt in Bologna mit einem so gut wie fertigen Kardinalsportrait. Guter Rat war aber nur für kurze Zeit teuer, entschloß Benedikt XIV sich doch, die päpstlichen Gewänder und Insignien in das Portrait einfügen zu lassen. Vom Kardinalsportrait existiert eine vorbereitende Studie, die Crespi dem Kardinal als Entwurf vorlegte und die dieser genehmigte. Somit ist es möglich, die beiden Werke zu vergleichen.

Neben der veränderten Kleidung fällt die Übereinstimmung in kleinen Details auf, wie z.B. den beiden Tintengefäßen auf dem Tisch oder dem in der oberen Regalreihe zwischen den Büchern steckenden, versiegelten Umschlag. Auch sieht man auf dem Portrait des Papstes die weiß übermalten Kardinalsgewänder wieder rot durchscheinen, was wohl der Alterung der weißen Pigmente zuzuschreiben ist (vermute ich mal; befreundete Künstler mögen mich hier verbessern oder ergänzen).

Benedikt XIV ging übrigens als einer der eher umjubelten Päpste in die Geschichte ein. Er war ausgesprochen gelehrt, erfreute sich sogar außerhalb der katholischen Welt einer gewissen Beliebtheit, betrieb keinen Nepotismus, galt als uneitel, volksnah und unbestechlich. Verewigt wurde er als Papst in diversen Portraits, unter anderem in diesem atemberaubend intensiven Frontalangriff des Franzosen Pierre Subleyras aus dem Jahre 1746:

Der Nachwelt erhalten blieb er aber auch als Kardinal in Alfredo Testonis Theaterstück „Il Cardinale Lambertini“ aus dem Jahre 1905, verfilmt 1934 und 1954 mit Ermete Zacconi bzw. Gino Cervi in der Titelrolle.

Über Benedikt XIV gibt es noch die eine oder andere Anekdote zu berichten. Es kann also sein, daß er hier auf dem Blog noch einmal auftaucht.

Lieber gut geklaut, als schlecht selbst gemacht

Dies ist ein Repost eines etwas älteren Gesichtsbuch-Beitrags. Auf facebook verschwinden die Sachen immer so schnell in der Timeline, also bewahre ich diese kleine Perle nun – in einer längeren Version – hier auf.

Jacint Rigau-Ros i Serra (1659 – 1743) hat sich in der Welt der Kunst als Hyacinthe Rigaud verewigt. Er war der unumstrittene Portraitköing seiner Zeit und hat so ziemlich alles auf Leinwand gebracht, was Rang und Namen hatte, war sich aber auch keineswegs für bürgerliche Portraits zu schade.

Eines seiner ganz bekannten Werke ist das Portrait des Kardinals Armand Gaston Maximilian de Rohan-Soubise (1674 – 1749), Fürstbischof von Straßburg, Großalmosenier von Frankreich. Das Gemälde stammt laut Rigaudschem Rechnungsbuch aus dem Jahr 1710, enstand also noch vor der Ernennung zum Kardinal, die im Jahre 1712 erfolgte. Die roten Gewänder sind möglicherweise eine Auszeichnung des Königs, verliehen zwei Jahre vor der offiziellen Kreation durch den Papst.

Man sieht den 36-jährigen Prälaten auf dem Höhepunkt seiner Manneskraft (oder wie sagt man das?) und erhält einen Einblick in das Schönheitsideal jener Zeit, wenn man den Marquis d’Argenson seufzen hört (oder liest): „Der Kardinal de Rohan ist der schönste Prälat der Welt!“

„Vraiment? Nun gut. Ich werde diese Bürde tragen.“

Hochgelobt wurde aber auch der Charakter des Kardinals, seine Unkompliziertheit, seine Ehrlichkeit, sein Charme und seine Fähigkeit, all jene Eigenschaften so zu dosieren, wie es die jeweilige Situation verlangte.

Pfründen- und ehrenüberhäuft entschloß er sich im Jahre 1727 zum Bau des prächtigen Palais Rohan in Strasbourg, der für Jahrzehnte auch Familienresidenz war, besetzten doch Bischöfe aus dem Hause Rohan von 1704 bis 1801 den Thron des Bistums.

Ich staunte nun nicht schlecht, als ich vor einiger Zeit im Internet über das folgende Portrait stolperte und feststellte, daß es sich bei dem Abgebildeten nicht um den Kardinal de Rohan handelte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand…“

Aus diesem Bild sehen wir den Kardinal Dominique de La Rochefoucauld-Langeac (1712 – 1800), Erzbischof von Rouen, Abt von Cluny, portraitiert von einem Maler der „französischen Schule des 18. Jhdts“ (mehr konnte ich bisher nicht herausfinden).

Rigaud jedenfalls hat das zweite Portrait nicht erschaffen, da er 35 Jahre vor der Kardinalskreation Rochefoucaulds starb. Immerhin: Sein Ruf und Können haben dafür gesorgt, daß Rouchfoucauld zum „Maler der französischen Schule“ wahrscheinlich einfach nur sagte: „Keine Experimente: Kopiere einen Rigaud und mach mein Gesicht drauf“.

Ich nehme „Barockprälaten“ für 1.000,-

Da in meinem gestrigen Beitrag der Name „Johann Friedrich Karl von Ostein“ fiel, möchte ich dem geneigten Leser diesen Herrn heute gleich einmal vorstellen, und sei es nur, weil er einer dieser Fürsten war, für die der Begriff „Barockprälat“ erfunden worden ist.

„Barockprälat…? Wo?“

Johann Friedrich Karl (* 6. Juli 1689 in Amorbach; † 4. Juni 1763 in Mainz), war von 1743 bis zu seinem Tode Kurfürst und Erzbischof von Mainz, dazu ab 1756 Fürstbischof von Worms. Er war – wer hätt’s gedacht? – mit Lothar Franz von Schönborn verwandt, seinem Vor-Vor-Vorgänger auf dem Mainzer Bischofsstuhl. Während seiner Amtszeit wurde das Erzstift Mainz in den Siebenjährigen Krieg hineingezogen, was sich äßerst negativ auf die Finanzen auswirkte. Ostein verzichtete darauf auf Einfluß in der Reichspolitik und entschied sich zur Neutralität. Die unter seinem Nachfolger, Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim, ernsthaft verfolgten Aufklärungsbestrebungen innerhalb des Erzstifts wurden bereit unter Ostein angestoßen. Zwar drängte er den damals von allen Aufklärern mindestens kritisch betrachteten Einfluß der Jesuiten nicht zurück (was ihm prompt den Ruf eines dünkelhaften Reaktionärs einbrachte), aber er senkte die Zahl der kirchlichen Feiertage und stieß Reformen der Verwaltung, der Wirtschaft, des Messe- und des Schulwesens an.

Auch äußerlich veränderte sich Mainz während seiner Amtszeit. Balthasar Neumann errichtete die Jesuitenkirche und die Kirche St. Peter, das kurfürstliche Schloß wurde weitgehend fertiggestellt, der edle Osteiner Hof entstand für die Familie, für die verwitwete Schwester der Bassenheimer Hof.

Der Osteiner Hof in Mainz

Ostein wird als väterlich und gütig beschrieben. Wenn ich mir die Bambiaugen und das gemütlich-fette Gesicht mit den unverschämt roten Wangen anschaue, kann ich mir das ganz gut vorstellen. Wie die Jungs das mit der theatralisch-eleganten Fingerhaltung immer hingekriegt haben, ohne sich derbe Krämpfe einzufangen, das versuche ich seit Jahren herauszufinden.