Geburtswehen

Ich schleppe schon seit vielen Jahren die Idee mit mir herum, mich schreibend mit dem Kardinal de Bernis zu beschäftigen. Zu interessant erschien mir diese historische Persönlichkeit auf den ersten Blick und während der ersten, flüchtigen Zeilen, die ich über sie las.

Das Problem: Meine Französisch-Kenntnisse sind im Grunde nicht existent, beschränken sich auf das, was ich aus dem Lateinischen ableiten kann, und auf einzelne Worte oder Phrasen, die sich mir im Laufe der Jahre eingeprägt haben. Der Übersetzungsservice von Google wird glücklicherweise immer besser, und wenn dieser nicht hilft, versuche ich auf andere Art, dem Internet die Bedeutung des fraglichen Wortes bzw. der fraglichen Wendung abzuringen. Bekloppt wie ich bin, tippe ich nun abwechselnd gleich drei französche Kardinalsbiographien in das Übersetzungsfenster und stehe kurz davor, mir über einen Amazonkunden eine vierte, erst im vorigen Jahr erschienene, zuzulegen. Insgesamt läßt sich die Arbeit im Moment ganz gut an. Ich nehme die kürzeste der Biograhpien als Basis, und wandere von dort in diverse Kapitel der etwas ausschweifenderen Bücher, um einer interessanten Begebenheit vielleicht etwas mehr Fleisch auf die Rippen geben zu können.

Zu den sprachlichen Problemen kommen zwei weitere hinzu: Erstens kann ich kaum drei Zeilen – und seien es noch so banale – aus einem der Bücher übersetzen, ohne daß ein Teil von mir, der offenbar auf besonders schräge Art empfindsam ist, mit Gewalt nicht nur in eine andere Zeit, sondern auch an andere Orte zurückgezerrt wird. Jeder Schritt, den de Bernis in Saint-Marcel-d’Ardèche als Bub, in Paris als armer Student und Verseschmied, in Versailles als Pompadour-Berater, in Venedig als Botschafter oder in Rom als Kardinal macht, ist ein Schritt, den ich selbst schon einmal getan habe. Jeder Name, der fällt, klingt vertraut. Jedes Gebäude, das erwähnt wird, ist bekannt. An jedem Blumenduft und an jedem Vogelgesang, möchte ich fast behaupten, habe ich mich selbst erfreut, jeden Bissen eines jeden Mahls selbst gekostet. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es anders beschreiben soll.

Zweitens: Die Übersetzung könnte viel schneller vorangehen, sähe ich den Kardinal nicht ständig vor meinem inneren Auge, zum Anfassen klar. Und weil ich ihn sehe, kann ich um so mehr mit ihm fühlen, über seine Bonmonts schmunzeln, mich über seine Erfolge freuen, mich über seine Torheiten ärgern und – nicht zuletzt – bis zur Herzenseinäscherung mit ihm lieben, treu sein, loyal sein.

Da ich nun aber auch weiß, wie die Geschichte endet, zittern mir nach jeder weiteren übersetzten Seite die Hände immer stärker, protestiert der Magen immer vernehmlicher, steht der Schweiß immer dichter auf der Stirne. Bald muß ich hilflos dem Ende der Welt, die ich kenne und liebe, zusehen und mich selbst von der Höhe gewaltigen Reichtums, prachtvollen Glanzes und sprudelnder Geselligkeit herabstürzen in die Grube finanziellen Ruins, leerer Gemächer und trister Einsamkeit.

Die abgebrühten Asketen werde mich jetzt auslachen und mir vorwerfen, als Priester viel zu sehr an den Dingen der Welt zu hängen. Sollen sie’s. Ich kann nicht mit de Bernis reimen, schuften, lieben, lachen, klettern, straucheln, feiern nur, um ihn dann alleine und teilnahmslos fallen zu lassen. Am Ende kann ich immerhin sinngemäß mit ihm klagen: „Ich sah es kommen und konnte es nicht verhindern“.

Ich kann jetzt noch nicht genau sagen, wann ich zum ersten Mal einen eigentlichen Beitrag über den Kardinal schreibe. Aber ich weiß, daß ich nicht einfach sein Leben nacherzählen werde. Das haben andere getan. Bei mir wird es wahrscheinlich eine Mischung sein aus Andekdoten und „Das Leben des Francois Joachim de Pierre, Kardinal de Bernis, wie es sich gemäß Herrn Alipius gefälligst abgespielt hat“. Oder so.

Noch was…

Für all diejenigen Leser, die meinen alten Blogs eifrig folgten und mir vorübergehend schwindelerregende (zumindest für ein deutschsprachiges, dezidiert katholisches Blog) Besucherzahlen bescherten, habe ich zwei Nachrichten:

  • Erstens: Ein simples, aber breites „Vergelt’s Gott!“ für Euer Interesse.
  • Zweitens: Das hier wird kein „totaliter aliter 2.0“, kaum ein „rom, römer, am römsten 2.0“ und sicherlich kein „Klosterneuburger Marginalien 2.0“. Sprich: Es wird keine Robusta-Wiedergeburt gefeiert, es wird keine spitzfindigen Kommentare zum kirchenpolitischen Geschehen geben, es wird nicht die eigene Lehramtstreue demonstriert, noch die vermeintlich mangelnde der Anderen angeprangert. Es wird höchstwahrscheinlich nicht einmal mehr smugge „alipius iocans“-Nummern geben. Das ist nicht mehr mein Spiel.

Dies hier ist eine klitzekleine, verstaubte Nische, in der ich mich im unüberschaubaren Angebot des weltweiten Netzes eingerichtet habe, um die Wartezeit auf die Lockerungen der corona-bedingten Einschränkungen für mich selbst etwas interessaner zu gestalten und meinen persönlichen Leidenschaften, Liebhabereien und Spinnereien nachzugehen und vielleicht – wenn der Corona-Irrsinn vorüber ist – sogar noch weiterzumachen.

Im Internet offensiv und begeistert katholisch zu sein, war eine Zeit lang okay. Mehr als okay sogar. Aber es rief dann doch irgendwann zu viele Combox-Akademiker auf den Plan, die ermüdende Diskussionen anzettelten, weil sie eine andere „Meinung“ hatten. Ich bin mittlerweile alt genug, um nicht mehr nur „Meinungen“ haben zu müssen. Ich kann mir Urteile erlauben.

Und eines dieser Urteile lautet: Mir geht es bloggenderweise viel besser, wenn ich einfach einen Kopfsprung in ein Becken voller jubelnder Putten, prachtvoller Schlösser, wohlbeleibter Kirchenfürsten, farbenfroher Lustgärten und grundsätzlich barocker/rokokoiger (?) Lebensfreude mache, dieser hier und da auch ein paar Tränen hinterherweine und alles mit ein paar Sprenkeln von mir komponierter Musikstücke, geschossener Photos und geschriebener Lyrik verziere.

Das Blog wird über längere Zeit nur einen winzigen Kreis von Lesern interessieren und halten können. Aber wenn es nur fünf Leute gibt, die hier regelmäßig mitlesen, weil ich exakt das mache, was ich mache, dann bedeutet mir das zu diesem Zeitpunkt meines Schaffens nicht wenig.

Ich nehme „Barockprälaten“ für 1.000,-

Da in meinem gestrigen Beitrag der Name „Johann Friedrich Karl von Ostein“ fiel, möchte ich dem geneigten Leser diesen Herrn heute gleich einmal vorstellen, und sei es nur, weil er einer dieser Fürsten war, für die der Begriff „Barockprälat“ erfunden worden ist.

„Barockprälat…? Wo?“

Johann Friedrich Karl (* 6. Juli 1689 in Amorbach; † 4. Juni 1763 in Mainz), war von 1743 bis zu seinem Tode Kurfürst und Erzbischof von Mainz, dazu ab 1756 Fürstbischof von Worms. Er war – wer hätt’s gedacht? – mit Lothar Franz von Schönborn verwandt, seinem Vor-Vor-Vorgänger auf dem Mainzer Bischofsstuhl. Während seiner Amtszeit wurde das Erzstift Mainz in den Siebenjährigen Krieg hineingezogen, was sich äßerst negativ auf die Finanzen auswirkte. Ostein verzichtete darauf auf Einfluß in der Reichspolitik und entschied sich zur Neutralität. Die unter seinem Nachfolger, Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim, ernsthaft verfolgten Aufklärungsbestrebungen innerhalb des Erzstifts wurden bereit unter Ostein angestoßen. Zwar drängte er den damals von allen Aufklärern mindestens kritisch betrachteten Einfluß der Jesuiten nicht zurück (was ihm prompt den Ruf eines dünkelhaften Reaktionärs einbrachte), aber er senkte die Zahl der kirchlichen Feiertage und stieß Reformen der Verwaltung, der Wirtschaft, des Messe- und des Schulwesens an.

Auch äußerlich veränderte sich Mainz während seiner Amtszeit. Balthasar Neumann errichtete die Jesuitenkirche und die Kirche St. Peter, das kurfürstliche Schloß wurde weitgehend fertiggestellt, der edle Osteiner Hof entstand für die Familie, für die verwitwete Schwester der Bassenheimer Hof.

Der Osteiner Hof in Mainz

Ostein wird als väterlich und gütig beschrieben. Wenn ich mir die Bambiaugen und das gemütlich-fette Gesicht mit den unverschämt roten Wangen anschaue, kann ich mir das ganz gut vorstellen. Wie die Jungs das mit der theatralisch-eleganten Fingerhaltung immer hingekriegt haben, ohne sich derbe Krämpfe einzufangen, das versuche ich seit Jahren herauszufinden.

Phantomschmerzen (II)

„Hier stehe ich alle Morgen um 5 Uhr auf, gehe ein paar Stunden im Garten herum, ebenso nachmittags und abends, und zwar mit dem größten Vergnügen von der Welt, von Herzen wünschend, daß der Herr Vetter (d.h. der Neffe) vierzehn Tage bei mir wäre“. Diese Zeilen schrieb Lothar Franz von Schönborn (1655 – 1729), Fürstbischof von Bamberg (ab 1693), Kurfürst und Erzbischof von Mainz sowie Erzkanzler (ab 1695), an seien Lieblingsneffen Friedrich Karl von Schönborn (1674 – 1746), damals Reichsvizekanzler in Wien. Mit „hier“ ist ist das Lustschloß Favorite gemeint, welches einst südlich von Mainz, außerhalb des alten Festungsrings, gegenüber der Mainmündung am Rheinufer lag.

Der Kurfürst hatte das Gelände, einen ehemalingen Stifts- bzw. Abtsgarten, im Jahre 1700 von den Erben des Reichsfreiherrn von Stadion erworben. Ihm stand nun eine Fläche von ca. 400m x 140m zur Verfügung, auf welcher er einen schon länger geplanten, repräsentativen Lustgarten verwirklichen konnte.

In der ersten Phase entstand ein direkt am Ufer liegendes, nur durch einen Fahrweg vom Rhein getrenntes, zweiflügeliges Schlößchen. 1708/1710 wird der kurfürstliche Festungsbaumeister Maximilian von Welsch in das Projekt einbezogen.

Zu der Beziehung zwischen dem Kurfürten und dem Architekten schreibt Max H. von Freeden:

Der Kurfürst hatte einen guten Blick für junge Talente, und so zieht er 1704 den aus Kronach gebürtigen Ingenieur Maximilian von Welsch an sich; da der fränkische Kreistag das von Lothar Franz als Mitdirektor vorgeschlagene Engagement ablehnt, übernimmt er ihn kurzerhand in seine Mainzischen Dienste, um ihm bald darauf auch die Baudirektion im Bambergischen zu übertragen. Welsch verkörpert den damals an allen Höfen auftretenden Typ des Ingenieurarchitekten, der durch Studium und Kriegsdienst das zivile und Militärbauwesen beherrscht und natürlich bei Hofe als Offizier eine ganz andere Stellung einnimmt als die handwerklichen, noch aus der Hüttentradition hervorgewachsenen, bürgerlichen Baumeister. Wie sehr Lothar Franz auch den beiden Brüdern Dientzenhofer wohlgesonnen war und ihren Eintritt in bürgerliche Ehrenämter befürwortete, so wenig hat sich doch ein persönliches Verhältnis zwischen dem Landesherrn und den beiden Baumeistern entwickelt. Ganz anders bei Welsch, der es schließlich bis zum General brachte und unter dem sich die Oberbaudirektion fast zu einer Hofcharge entwickelte. Lothar Franz ist in geradezu rührender Weise stolz auf dieses Bamberger Landeskind, nimmt ihn überall in Schutz und verschafft ihm beim Kaiser eine Erhebung in den Adelsstand; er hat an ihm allerdings auch den Mann gefunden, der seinen eigenen hochfliegenden Ideen in allem, was Bau- und Gartenkunst heißt, zu folgen vermochte.

Max H. von Freeden, Kunst und Künstler am Hofe des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn, Mainfränkische Hefte, Heft 3, Freunde mainfränkischer Kunst und Geschichte e.v., Würzburg (Hrsg.), Buchdruckerei Karl Hart, Volkach, 1949

Bis 1722 wächst, anfangs verschleppt durch den Spanischen Erbfolgekrieg, die komplette Anlage. Auf dem unteren, rheinnahen und dem oberen Parterre entstehen die prunkvolle, auch als Festsaal genutzte Orangerie, die ihr vorgelagerten, halbkreisfömig angeordneten, sechs terrassierten Kavaliershäuser (Vorbild war auf ausdrücklichen Wunsch des Kurfürsten das Schloß Marly), die Wasserspiele, die Becken, die Grotten, die Beete, die Hecken und Alleen.

Salomon Kleiner hat im Jahre 1726 die Favorite in einer Serie von Stichen eingefangen.

Die Favorite wurde bald zu einem (wahrscheinlich zu dem) Lieblingsort des Kurfürsten, und er ließ sich sogleich in einem der sechs Kavallierhäuser ein Schlafgemach einrichten. Diese Pavillons waren übrigens nicht aus Stein, sondern aus Holz gefertigt und ihre Fassade nur mit einer Scheinarchtektur bemalt. Einerseits mag Lothar Franz der Gesamteindruck der Anlage mehr am Herzen gelegen haben als luxuriöse Details der Baulichkeiten. Andererseits hatte er möglicherweise auch genug Voraussicht und Erfahrung, um zu ahnen, daß außerhalb einer befestigten Stadt liegende Frivolarchitektur im Falle einer Belagerung oder eines irgendwie gearteten Aufruhrs nur geringe Überlebenschancen hat. Unserem von „bauwurmb“ befallenen Kurfürsten war es jedenfalls noch vergönnt, die überall gerühmte Pracht und Schönheit der Anlage bis zu seinem Tode zu genießen.

Unter seinem Nachfolger, dem Kurfürsten Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1729-1732) entsteht das wohl noch auf eine Idee von Lothar Franz zurückgehende Porzellanhaus im oberen, nördlichsten Gartenteil. Vorbild war hier das Trianon de Porcelaine in Versailles. Geplant und ausgeführt wurde es von Amselm Franz Freiherr von Ritter zu Groensteyn, der mit diesem Bau erstmals den klassizistischen Stil in das Kurfürstentum einführte.

Die Villa Favorite im Jahre 1726 (oben) und im Jahre 1779 (unten).

Unter den nächsten Fürsten auf dem Mainzer Thron, Philipp Karl von Eltz-Kempenich (1732–1743), Johann Friedrich Karl von Ostein (1743–1763) und Emmerich Josef Freiherr von Breidbach zu Bürresheim (1763–1774) wurde die Favorite eher genutzt als verändert. Während der Regierungszeit des Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal (1774 – 1802), fand im Anschluß an die Kaiserkrönung Franz II. in Mainz vom 19. bis 21. Juli 1792 der sogenannte Fürstentag statt. Ort der Tagungen (und der damit einhergehenden, prunkvollen Festlichkeiten) war die Favorite. Anlaß des Zusammentreffens von Franz II., Friedrich Wilhelm II. sowie zahlreichen anderen deutschen Fürsten und Diplomaten war die Absprache eines Vorgehens gegen das revolutionäre Frankreich. Das Vorgehen – so zeigte sich bald – bewegte sich aber nicht in richtung Frankreich sondern zielte auf die rheinischen Bischofssitze und Fürstentümer. Nachdem im ersten Koalitionskrieg die Revolutionsarmee einen eindeutigen Sieg errungen hatte, besetzte sie schon am 21. Oktober unter General Custine die Stadt Mainz. Die Mainzer Republik wiederum fand sich ab April 1793 von preußischen und österreichischen Truppen eingeschlossen, die einen Gegenvorstoß gewagt hatten.

Für die Favorite war damit jegliche Hoffnung verloren. Zuerst mußten zur Einebnung des Geländes vor der Festungsmauer die Kavalierhäuser verschwinden und eine Anzahl von Bäumen gefällt werden. Und dann wurde während der insgesamt vierwöchigen Bombardierung der Stadt die in der Frontlinie liegende Anlage komplett zerstört. Auch in der Stadt selbst ging vieles für immer verloren. Goethe klagt 1793:

Den 26. und 27. Juli. Den 26sten gelang es uns schon, mit einigen Freunden zu Pferd in die Stadt einzudringen; dort fanden wir den bejammernswertesten Zustand. In Schutt und Trümmer war zusammengestürzt, was Jahrhunderten aufzubauen gelang, wo in der schönsten Lage der Welt Reichtümer von Provinzen zusammenflossen und Religion das, was ihre Diener besaßen, zu befestigen und zu vermehren trachtete. Die Verwirrung, die den Geist ergriff, war höchst schmerzlich, viel trauriger, als wäre man in eine durch Zufall eingeäscherte Stadt geraten.



Bei unserm folgenden Hin- und Herwandern wußten wir den Platz, wo die Favorite gestanden, kaum zu unterscheiden. Im August vorigen Jahrs erhub sich hier noch ein prächtiger Gartensaal, Terrassen, Orangerie, Springwerke machten diesen unmittelbar am Rhein liegenden Lustort höchst vergnüglich. Hier grünten die Alleen, in welchen, wie der Gärtner mir erzählte, sein gnädigster Kurfürst die höchsten Häupter mit allem Gefolge an unübersehbaren Tafeln bewirtet; und was der gute Mann nicht alles von damastnen Gedecken, Silberzeug und Geschirr zu erzählen hatte. Geknüpft an jene Erinnerung, machte die Gegenwart nur noch einen unerträglichern Eindruck.

Johann Wolfgang von Goethe, Die Belagerung von Mainz

Ach, meine geliebte Villa Favorite, die ich nie betrat, die mich nie verzaubern und erstaunen durfte, in deren Gärten ich weder Sonne noch Schatten und am wenigsten die Gesellschaft eines aufgeregt und erfreut herumhummelnden Lothar Franz von Schönborn genoß, der nicht ohne Stolz aber vor allem mit Liebe und Leidenschaft sein Lustschloß und seinen Barockgarten vorführt.

Lothar Franz von Schönborn, Barockfürst extraordinaire: „Hussah! Die Favorite ist bezugsfertig!“

Hätte Salomon Kleiner die Anlage nicht in seinen Stichen festgehalten, so wäre der Schmerz für mich noch unerträglicher. Denn zu beweinen, was ich mir nur in der Phantasie ausmalen kann, führt auf gefährliche Wege.

Hinweisen möchte und muß ich an dieser Stelle noch auf den 3D-Künstler Mark Pieters, der die Favorite in höchst ansprechender Art und Weise rekonstruiert hat. Schaut mal vorbei! Es lohnt sich.

**seufz**

P.S.: Jetzt weiß der interessierte Leser auch, was auf dem Titelbild dieses Blogs zu sehen ist.

Zwischenhäppchen

An den nächsten beiden Einträgen werde ich etwas länger arbeiten, da ich noch recherchiere und übersetze. Als Pausenfüller gibt es einen Vorgeschmack auf den Protagonisten des einen Beitrags: Francois Joachim de Pierre, Cardinal de Bernis.

Er ist der Hauptgrund, warum ich bis heute die Entscheidung bereue, die französische Sprache nicht gemeistert zu haben. Die nicht geringe Anzahl von Biographien, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hat (ein neues Werk ist erst im vergangenen Jahr erschienen), beweist, daß der Kardinal als klassischer Vertreter gleich mehrerer ausgestorbener Menschenschläge eine gewisse Faszination ausübt, die von Dauer ist.

Eines der aussagekräftigsten Portraits konnte ich in anständiger Bildauflösung leider nur in schwarzweiß finden. Aber auch die farblose Eminenz dürfte verdeutlichen, warum ich an diesem Mann nicht desinteressiert und ruhigen Herzens vorbeischlendern konnte. Rein äußerlich schon einer der barockmöglichsten Kirchenfürsten, läßt sich hier in der Miene des Abgebildeten ein Teil seines Charakters und Lebens ablesen: Die aufgeweckte Neugierde und die bedächtige Freundlichkeit kommen nicht ohne eine allgemeine Skepsis gegenüber dem Lauf der Dinge daher, weil es letztlich ja in den meisten Fällen doch nicht so kommt, wie man es sich grade ausmalt.

Geboren 1715 und verstorben 1794 hat der Kardinal de Bernis das 18. Jahrhundert nicht nur gut kennengelernt, sondern auch exemplarisch verkörpert und mal genossen, mal durchlitten. Mehr davon demnächst auf dieser Seite.

Phantomschmerzen (I)

Das Schloß Schönbornslust war der letzte ausgeführte Schloßbau Balthasar Neumanns und gilt als dessen großes, reifes Alterswerk. Erbaut wurde es bei Koblenz-Kesselheim von 1748 bis 1752 im Auftrag des Trierer Kurfürsten, Franz Georg von Schönborn (1682 – 1756). Das Jagd- und Lustschloß war angelegt als Einflügelanlage aus grau-gelbem Sandstein mit fünfachsigem Mittelrisalit und zwei dreiachsigen Eckrisaliten aus rotem Sandstein. In den wenigen schriftlichen Zeugnissen, die ich finden konnte, wurde die Innenausstattung als überaus kostbar und edel besungen. Grundsätzlich ist die Quellenlage zum Schloß eher dünn. Bildmaterial ist ebenfalls kaum vorhanden. Es existiert eine Kreidezeichnung, die das Schloß aus weiter Entfernung zeigt. Ansonsten gibt es einige Pläne und Entwürfe sowie eine Handvoll von Rekonstruktionsversuchen.

Schloß Schönbornslust: Kreidezeichnung, Entwurf, Rekonstruktionsversuch (von oben nach unten)

Der Grund für die mangelhafte Dokumentation: Das Schloß existierte nur für 54 Jahre. Nach dem Tode Franz Georgs nutzen seine Nachfolger, Johann Phillip von Walderdorff (1756 – 1768) und Clemens Wenzelaus von Sachsen (1768 – 1801) den Bau als Jagdschloß. Als nach dem Ausbruch der französischen Revolution Emigranten an Rhein Unterschlupf suchten, überließ Clemens Wenzeslaus seinen königlichen Neffen, dem Comte d’Artois und dem Comte de Provence, im Jahre 1791 das Schloß Schönbornslust. Diese rückten mit keinem ganzen Hofstaat an, der ihnen die Zeit der Planung des großen Gegenangriffs auf die Revolution erleichtern und versüßen sollte.

Koblenz wurde nach kurzer Zeit in Frankreich als der Hort aller gegenrevolutionären Unruhen und Verschwörungen angesehen. Tatsächlich empfahl der Girondist Jacques Pierre Brissot bereits am 15. Dezember 1791 in einer Rede im Jakobinerclub die Zerstörung Koblenz‘, denn „ist Koblenz einmal zerstört, herrscht außerhalb Frankreichs Ruhe, und damit herrscht auch in Frankreich Ruhe“.

Nachdem die Franzosen am 20. September 1792 die Kanonade von Valmy für sich entschieden hatten, schluckten sie einen Bischofssitz nach dem anderen, nahmen Speyer, Worms und Mainz und standen im Oktober 1794 vor Koblenz. Die „Pariser Eleganz“ war bereits aus der Stadt entflohen, die Schönbornsluster Allee zu Verteidigungszwecken gefällt und im Schloß war das Lazarett der kaiserlichen Armee untergebracht. Am 24. Oktober 1974 hatte die französische Armee Schönbornslust erreicht. Sie zog ihre Kavallerie zusammen und marschierte gegen Koblenz. Bis zum Februar 1795 nutzen die Franzosen das Schloß als Lazarett. Sie versäumten es nicht, in diesen Monaten übelste Rache an dem Bau zu nehmen, der für lange Zeit ihre Todfeinde beherbergte. Das Schloß wurde so sehr verwüstet und zerstört, daß es am 1. Juli 1806 auf Abriß an den ehemaligen Schloßverwalter Münzel verkauft wurde. Vom ehemaligen Prachtbau blieb rein gar nichts erhalten. Nur zwei Wirtschaftgebäude überdauerten die Zeit und stehen heute noch an Ort und Stelle.

Ich bin nicht nur ein großer Freund der Schönbornbischöfe des 18. Jahrhunderts, sondern auch ein Bewunderer von Balthasar Neumann. Zu wissen, daß dieses Schloß einst existierte und ein so schmähliches Ende fand, das erfüllt mich immer wieder mit großen Verlustschmerzen.

Der Meister und sein Kunde: Balthasar Neumann (l.) und Franz Georg von Schönborn

Es trieb mich lange eine Frage um, die ich mir mittlerweile beantworten kann (diese Antwort folgt demächst, in einem Beitrag über ein weiteres Stück verlorener Schönborn-Herrlichkeit): Ist es ein Glück, daß vom Schloß nicht mehr Bildmaterial zu Verfügung steht und keine detaillierteren Beschreibungen, vor allem auch der Innenausstattung und Möblierung, existieren? Oder ist es besonders grausam, daß ich nie erfahren werde, was genau mir eigentlich genommen wurde und ich dennoch den Schmerz verspüre?

Meine Kirchenfürsten

Es kann ja geschehen, daß sich Leser auf diese Seite verirren, die noch keine Bekanntschaft mit meinen älteren Internetaktivitäten gemacht haben. Diesen Beitrag schreibe ich für diese Neuankömmlinge (Servus!), aber auch für routinierte Alipius-Adepten, um ein etwas helleres Licht auf ein Phänomen zu werfen, welches mich seit frühester Jugend mit prickelnder Neugierde, zaghaftem Forscherdrang und kindlicher Freude erfüllt: Der Prälat des 18. Jahrhunderts.

Warum überhaupt dieser Crash-Kurs? Weil es auf dieser Seite mit ziemlicher Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft von seidenumhüllten, pfingstrosenwangigen, entrückt blickenden Exzellenzen und Eminenzen einigermaßen wimmeln wird und Ihr, liebe Leser, Euch dann nicht fragen müßt „Was ist denn mit dem los?“

Es begann – ich weiß nicht wann, aber sicherlich vor meinem 14. Geburtstag – mit dem Portrait eines Kardinals (Fleury? Rohan? Noailles? Rochefoucauld? – es ist so lange her…). Erinnern kann ich mich an diesen eigenartigen Gedanken, der mir durch den Kopf schoß: ‚Kann doch nicht sein, oder?‘, der schriftlich ausformuliert etwa bedeuten sollte: Soll es wirklich einmal möglich gewesen sein, daß sich Männer so kleideten? So unpraktisch eingehüllt, so amüsant erhaben, so grandios leuchtend, so selbstverständlich damenhaft (das Konzept eines Mannes im Fummel war mir bekannt, noch bevor ich lernte, wie Prälaten sich einst kleideten)? Diese Fragen gingen keineswegs mit dem Gefühl der Ablehnung oder des Unwillens einher, sondern – im Gegenteil – mit heftiger Befürwortung selbstbewußt zur Schau gestellter, textiler Eskapaden im Rahmen kirchenfürstlicher Repräsentation.

Randnotiz: Meine Oma seligen Andenkens arbeitete viele Jahre in der Stoffabteilung des Seidenhauses Schmitz auf der Düsseldorfer Königsallee. Daher konnte sie kostbare Stoffe zu reduziertem Preis abgreifen und durfte Reste sogar kostenlos mitnehmen. In ihrem Wohnzimmer hatte sie Vorhänge aus reinem, goldbesticktem Seidenatlas von einer Farbe, die ich bis heute nicht definieren kann (ein Rest des Stoffes hängt bei mir im Stift um einen barocken Bilderrahmen drapiert), die ich aber mal als „das denkbar dunkelste Lachsrosa“ bezeichnen werde, um dem Leser eine Idee zu geben. Als kleiner Bub, also noch lange vor meinem ersten Kardinalsportrait, schlug dieser Stoff mich heftig in seinen Bann. Mich faszinierte sowohl der Glanz als auch die glatte Oberfläche und ich war irgendwie empört, als ich im Laufe der Jahre herausfand, daß sogar Männer sich einst – so sie den entsprechenden Geldbeutel mitbrachten – in solche Stoffe kleideten. Wie jetzt? Und da lauft Ihr heute in grauen Dreiteilern rum? Schande! Ich wurde ein ganz großer Seidenliebhaber, und zwar nicht, weil Seide teuer ist, sondern weil sie aufgrund ihrer Eigenschaften schlicht die logische Hülle ist zumindest für den Teil der Erdbewohner, der irgendwie zu repräsentieren hat oder der ohnehin schon so reich und banane ist, daß er im Bad Waschtischarmaturen aus Gold installieren läßt. Will sagen: Ich wollte und will die Seide weniger für mich, sondern eher an anderen Leuten, wo ich sie besser sehen kann. Es versteht sich von selbst, daß dann so ein Kardinal in wasweißichwieviel Metern Moirée bei mir leicht den Sprung an die Spitze schaffte.

Ich weiß nicht genau, in welchem Bereich meines Verstandes ich welche Menge an Therapie brauche, aber ich weiß, daß in den folgenden Tagen, Wochen, Jahren alleine der Eindruck meines ersten Kardinalsportraits mich den Duft von Pferdeäpfeln dem von Raumsprays vorziehen ließ, mir Sandstein, Holz, Naturstoffe kostbarer machte als Beton, Plexiglas, Polyester und mich auf dem Rücksitz eines Automobils wünschen ließ, ich säße in einer Kutsche und die Landschaft bewegte sich langsamer am Fenster vorbei. Meine Leidenschaften und mein Forscherdrang wurden also Stück für Stück zurückgesaugt in eine Zeit, die sich mir nur noch in Dokumenten und Monumenten verständlich machen konnte.

Kein Jugendlicher möchte parallel zum Pubertäts-, Cliquen- und Schulstreß auch noch moireeseideninduzierte Identitätsfragen beantworten müssen, also schleppte ich meine Prälaten für einige Jahre an der Hand hinter mir her wie kleine Brüder, die quengelnd Aufmerksamkeit einfordern, bis dann das Ende der Schulzeit, die Volljährigkeit und der Führerschein mir so viel Unabhängigkeit gaben, daß ich solide weiterforschen konnte.

Dies führte im Sommer 1990 zu einem „Liebe auf den ersten Blick“-Moment, als mich in Franken die Schönborn-Bischöfe – allen voran der Erzbaumeister Lothar-Franz – nicht nur mit ihren formidablen Portraits sondern auch mit ihren steingewordenen Leidenschaften aus den Socken hauten. Die Epizentren des Bewunderungsbebens liegen in Würzburg (Residenz), in Pommersfelden (Schloß Weißenstein) und in Bamberg (so ziemlich alles, was vor dem Ende des 18. Jahrhunderts entstand). Während das fürstbischöfliche Schloß am Main – aus Ruinen wiedererstanden – sich mit seiner Eleganz, seiner Pracht und seiner Schönheit als Schönborn-Familiendenkmal höflichst aber bestimmt jegliche Kritik verbietet, liegt das Schloß in Pommersfelden – von den Schlaglöchern der Geschichte weitestgehend verschont – schwer und doch vollkommen unbedrohlich da, wie ein übergewichtiger Freund auf der Hängematte, der mir mit ausgebreiteten Armen zuruft „Endlich! Ich dachte schon, Du kommst gar nicht mehr!“

Parallel zu den ab August 1990 unermüdlich weitergeführten Schönborn-Begegnungen und -Forschungen vergaß ich auch die Kardinäle nicht. Hier stellte sich bald heraus, daß ganz besonders die Franzosen des späten 18. Jahrhunderts mir etwas mitzuteilen hatten, und daß in ihren Botschaften nicht immer die Sonne schien. Mehr dazu in einem bald erscheinenden Beitrag über den Kardinal de Bernis.

So. Ob und in welchem Maße dies nun eine Verständnishilfe ist, das werdet Ihr wahrscheinlich besser beurteilen können als ich. Aber ich hoffe, daß Ihr Euch wenigstens beim Lesen nicht gelangweilt habt.

Hoffnung

Mitten unter den Gläubigen und den Heiligen vieler Jahrhunderte stehe ich knöcheltief in einer Geschichte, einer Tradition, aus der ich mit meinen Füßen wie mit Wurzeln Kraft zu ziehen scheine und die Gewißheit, nie alleine gewesen zu sein und nie alleine sein zu werden, auch wenn der Schrei des Flehens jetzt noch in eine gestaltenleere Zukunft schallt, die keine Gewißheit schenkt, an der ich mich nicht festhalten kann.

Halt gibt es jenseits der Zukunft, in der Ewigkeit, wo ein Gott, der in die Geschichte eintrat, der Mensch wurde, der mit uns litt, seine Hände aufhält, die so groß sind und so stark und so bereit, den Sünder aufzufangen, wenn er nicht stolz fällt und dennoch mit der schlecht verborgenen Angst des Knechts vor dem blind dreinschlagenden Herrn, sondern bußfertig und gleichzeitig erfüllt von der hoffnungsvollen Furcht des Sohnes vor dem liebenden Vater.