Würstelstandpastoral

Direkt gegenüber der Kirche gibt es in Floridsdorf das „Stehbuffet“, eine Art nicht freistehender Würstelstand. Seit ich in der Pfarre arbeite, komme ich dort immer wieder vorbei. In den ersten Jahren war einer der Stammkunden ein Opa, der den „Herrn Forra“ hin und wieder auf einen Kaffe eingeladen hat, um ein Schwätzchen zu halten. Mit der Zeit gesellten sich andere Leute dazu und schwatzten mit. Ich ließ meinen rheinischen Charme spielen, riß dort ein Witzchen, machte dort ein Kompliment, schnorrte mir dort einen Tschik, kippte mir hier ein spendiertes Seidl hinter die Binde (ohwohl’s erst 9:00 Uhr war, aber ich komme ja aus Düsseldorf, also easy) und kam in kürzester Zeit mit all den verschiedenen Gestalten und Charakteren bestens klar.

Und irgendwann fingen sie dann an, Fragen zu stellen.

„Was muß ich denn machen, wenn ich wieder mal zur Kommunion gehen möchte?“
„Kann ich mal bei Ihnen beichten?“
„Wenn Gott uns liebt, warum will er dann, daß…?“
„Stimmt es, daß die Kirche…?“
„Wie ist das eigentlich genau mit Jesus…?“

Und ist stand natürlich immer gerne Rede und Antwort.

Neulich fragte ich dann mal in die Runde: „Wer von Euch hätte in der Pfarrkanzlei angerufen oder wäre mit seiner Frage in die Pfarrkanzlei gekommen, um eine Antwort zu erhalten ?“

Niemand.

„Warum eigentlich nicht?“

„Naja… Eigentlich finden wir Kirche und Pfaffen ja scheiße, so von wegen Kindesmißbrauch und Hexenverbrennung und Kreuzzügen undundund…“

„Okay!? Sollte ich mich jetzt besser in Sicherheit bringen?“

„Naaaa. Blos net! Sie sind ja eh urleiwand. Es ist noch nie ein Pfarrer einfach so zu uns gekommen, um mit uns einen Frühschoppen zu heben, mit uns zu reden und uns zuzuhören.“

Und da fiel mir auf, daß ich als Priester bei ganz vielen Leuten ganz anders ansetzen muß, um da auch nur ein itzi-bitzi-winziges Miniwenigbißchen zu bewegen. Viele wissen über unseren (und ihren) Glauben so gut wie nichts und über die Kirche noch etwas weniger. Die wollen zwar oft etwas wissen, aber die kommen nicht von sich aus in die Puschen. Wenn ich nicht zufällig in diesen Würstelstand-Kosmos hineingeraten wäre, dann wären heute noch viele Fragen unbeantwortet, viele Vorurteile nicht aufgeklärt und viele Chancen nicht genutzt.

Es ist jetzt nicht so, daß ich aus diesen Leuten fleißige Kirchgänger gemacht habe. Aber alleine die Tatsache, daß sie mir zuhören – und dies in wichtigen Momenten auch aufmerksam und widerspruchslos – ist nicht zu unterschätzen. Jetzt könnte man natürlich einwenden, daß das ja totaler Personenkult ist, weil die Würstelstandeinwohner sich vom Herrn Alipius eifrig becircen lassen und dann halt der Meinung sind, daß es wohl auch Priester gibt, die ganz okay zu sein scheinen, daß sich aber eigentlich im Hinblick auf den praktizierten Glauben dieser Leute erst einmal nichts oder nicht viel ändert. Auf der anderen Seite überlege ich mir, was geschehen wäre, wenn ich nicht irgendwann den Entschluß gefaßt hätte, daß diese Leute die eine oder andere Stunde meiner Zeit wert sind.

Eines Tages kam ein Gemeindemitglied nach einer Messe auf mich zu und sagte mir, daß ich mich nicht „mit diesen Leuten abgeben“ soll, weil die schlecht über die Kirche und die Priester denken und reden. Ich habe dann nicht sofort die fette „What would Jesus do?“-Keule ausgepackt, habe aber zu bedenken gegeben, daß nicht wenige dieser Leute jetzt besser über die Kirche und die Priester sprechen, was ich nicht weiß, weil ich da eine Wanze installiert habe, sondern weil mir mal eine der Würstelbudendamen davon berichtet hat.

Ich denke schon, daß die Kirche die Angst der Leute vor Eigeninitiative nicht unterschätzen sollte, und daß an den Würstelständen unserer Gesellschaft interessante Früchte vom Baum fallen können, wenn man sich als Priester die Zeit nimmt, das Herz faßt und die Lust mitbringt, ihn mit der richtigen Technik zu schütteln.

Frühling in Quarantäne

Vorgeschichte: Ostern 2004 besuchte ich zum ersten Mal das Stift Klosterneuburg. Noch während ich dort war, faßte ich den Entschluß, mein Leben grundsätzlich zu ändern und um Aufnahme in das Noviziat zu bitten. Durch diese Entscheidung bestärkt, im Geiste irgendwie verjüngt, im Herzen erfreut, kehrte ich zurück in die Heimat und summte oder sang während der gesamten Osterzeit auf Düsseldorfs sonnenwarmen, frühlingsfarbenen, straßencafelärmenden Straßen immer und immer wieder das Lied „Freu dich, du Himmelskönigin“, und zwar nicht in dieser New-Orleans-Trauermarschcombo-Geschwindigkeit, mit der manche Organisten es kleinzuhalten versuchen, sondern eher in einem Tempo, das an die Toy Dolls erinnerte. Mir ging’s einfach gut, und da mußte dieses Stück jetzt halt mitziehen. Frühling ist spätestens nach dieser Erfahrung für mich die Zeit, in der das Jahr sich entscheidet, ob es für den Rest seiner Zeit lebt oder siecht.

Eigentlicher Beitrag: Irgendwann in der Fastenzeit kommen auch die Tage, an denen das Jahr den Winterschlaf abwirft. Die Luft wird wärmer, blumiger, duftiger, voller. Die Vögel sind zurück und geben dies fleißg schon am frühen Morgen kund. Die Sonne steht zuerst mit mir auf und erhebt sich bald schon, wenn ich noch liege. Die Welt hat genug vom braun-grauen Winterpelz und hüpft in ein lebendig-farbenfrohes Kleid. All dies habe ich auch in diesem Jahr genau so erfahren.

Angesteckt von dieser Demonstration des Lebenswillens werfen in diesen Tagen, spätestens aber zu Ostern, auch die ersten Cafés in Wien ihre Tische und Stühle vor die Türe, um die Gäste zu empfangen, die sich nun leichter kleiden, heller, freier und mit für Wiener Verhältnisse freundlich-erfreuenden Mienen das erste Viertel, den ersten Verlängerten, das erste Villacher im Freien zu sich nehmen. Auf diesen doch immer zum Frühling gehörenden Anblick muß ich in diesem Jahr verzichten. Und ich stelle fest, daß mir dieses simple, kleine Detail eines großen, ganzen Jahres nicht nur fehlt, sondern mich auch mit Bauchweh in Richtung Sommer blicken läßt.

Hebe Dich hinweg, Schurkenvirus!