Kein Tagebuch

Der starrköpfige Unwillen, etwas anderes zu betrachten, als einen Geist in Deinen Farben: Er ist es, der mich immer wieder über die Schwellen trägt, wenn sonst nichts mehr hilft, wenn sonst alles fehlschlägt.

Ein Herz, zugleich eingeklemmt und vogelfrei. Das Blut rast, aber die Schönheit lindert und die Erhabenheit besänftigt. Zwischen den Gärten der Erleuchtung und den Kerkern der Schreckensherrschaft schmelzen Dutzende von Lebensberichten und Lebensgerüchten, umspielen mich in farbenreichen Strömen und fließen auf der Leinwand meiner Ohnmacht zusammen. Ein Bild entsteht und sprengt den Rahmen, sprengt das Spektrum, sprengt den Verstand so geschwind, daß ich kaum die Hände schützend vor das innere Auge legen kann.

Ich werde stiller und trete langsam zurück. Einen Blick! Nur einmal einen Blick auf das Ganze werfen zu dürfen… Zu spät:

Von den Hügeln kommt der Regen auf mich herab in tausend Rinnsalen, die sich zum Strom zusammenrotten. Er braust durch meinen Park, vorbei an meiner Terrasse und zeigt mir höhnisch, was er sich gerissen, was er Dir entrissen, was er mir zerrissen hat. In qualvoll kurzen Blitzen leuchten auf die Fragmente eines meisterlichen Werks. Doch ach! Zu wenige: Ich kann aus ihnen keinen Sinn erdichten. Und doch! Zu viele: Ich kann von ihnen nicht unberührt bleiben.

Und so ist das Eine immer zu fern, das Andere immer zu nah. So bin ich zu verarmt und doch viel zu reich. So gebe ich mich der Verzweiflung hin und bin doch stets fröhlich: Ich trage die Asche durch die Welt, und wo ich sie verstreue, dort beginnt es zu blühen.

Geister (k)einer Vergangenheit

So wie Ihr niemals enden könnt, so kann ich nur beginnen, jeden Tag einmal mehr.

Ich erkenne, mit Sinnen, die sich immer noch überraschen lassen wollen, in der Glut eine Geschichte und werde mit jedem Funken, der mich anspringt, selbst zur Asche.

Eine Hand, hell und glatt und fleischig, bequem ruhend auf einer Armlehne, verkümmert langsam zu Haut und Knochen, bis der Ring endlich vom Finger rutscht und mit leuchtendem Klang auf den marmornen Boden trifft. Eine Melodie, süß und schwer und ahnend, erklingt von der Empore. Töne wie Flocken aus Blei fallen herab, und ich stehe bis zu den Knöcheln zuerst in Noten, bald darauf in gierig schluckendem Morast, der mir furzend und schmatzend hinterherhöhnt, während ich mühsam hinüberstapfe zu der aufgebrochenen Türe, hinter der stets etwas endet. Die Melodie ist nun ein Orchester, krachend und kreischend und splitternd. Hinter jedem Spiegel, der in Stücke geht, finden sie doch immer wieder nur ihre eigenen Fratzen und somit noch ein wenig mehr Zorn. Im Schrei der heiligen Seide versteckt sich der Fluch, der über das gesalbte Fleisch gesprochen wird. Wie ein Insektenschwarm fliegen die kleinen und kleinsten Fetzen, Gravitation ignorierend, Gravität ruinierend, aus den scheibenlosen Fenstern hinauf zu den ungerührten Wolken. Ich habe damit nichts zu tun.

Ich habe damit alles zu tun. Flehen diese Hände, die sich mir entgegenstrecken, oder klagen sie an? Nein. Sie greifen und sie zerren. Mit dem letzten Atem, der mit bleibt, puste ich den Staub von Euren Rosenwangen. Der Boden schluckt mich, ein kurzer Fall. Ich lande weich, sinke in die Polster und Kissen einer gemächlich schaukelnden Kutsche. Schon wird der Schlag aufgerissen. Hände kommen über mich wie tollwütige Fledermäuse, greifen Fetzen aus dem Nichts und fügen sie an mir zusammen zu prachtvollen Gewändern. Man steckt mir einen Ring an den Finger. Ich betrachte meine Hand, hell und glatt und fleischig.

So wie Ihr niemals enden könnt, so kann ich nur beginnen, jeden Tag einmal mehr.