Schöner sparen (IV), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Nachdem Friedrich Karl von Schönborn im Jahre 1746 verstorben war, fiel die endgültige Fertigstellung der Residenz seinem Nachfolger, Anselm Franz von Ingelheim, in die Hände. Dieser hatte allerdings überhaupt kein Interesse an der Vollendung des Schlosses. Er entließ alle Hofkünstler und übertrug nur Balthasar Neumann den Bau des Käppele auf dem Nikolausberg. Würzburg hielt einmal kurz den Atem an: Nicht nur, weil es in der Residenz nicht voran ging, sondern auch, weil der gesundheitlich schwache Ingelheim sich mit diversen Scharlatanen an der Herstellung von Gold und lebensverlängernden Elixieren versuchte. Sein glücklicherweise in sicherer Entfernung von der Residenz untergebrachtes Labor flog dann auch prompt in die Luft und hätte aufgrund der leicht entflammbaren Materialien, die dort lagerten, fast einen Großbrand verursacht.

Der für Stadt und Residenz nicht ungefährliche Fürst verstarb bereits 1749. Die Würzburger schnauften durch und erkannten erleichtert, daß, wie bei der Bischofswahl im Jahre 1729, auf Stagnation nun wieder Aktivität folgte: Der neue Fürstbischof, Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, ruft Neumann und die Künstler der Schönborn-Regierung zurück, damit diese an Vestibül, Treppenhaus, Gartensaal und Kaisersaal weiterschaffen können. Und nicht nur dies: Greiffenclau stellt dem großen Baumeister einen großen Maler an die Seite: Aus Venedig wird Giovanni Battista Tiepolo gerufen bzw. mit einer riesenhaften Summe gelockt. Der bereits schwer umjubelte Freskenmeister reist mit seinen Söhnen Domenico und Lorenzo an und schafft in den Folgejahren zuerst im Kaisersaal (1751) und dann im Treppenhaus (während der Sommer 1752 und 1753) zwei seiner großartigsten Werke. Die Tiepolos reisen im November 1753 ab. Als Fürstbischof Greiffenclau ein Jahr später verstirbt, gilt die Residenz als so gut wie vollendet..

Der im Januar des Jahres 1755 einstimmig zum Fürstbischof gewählte Schönborn-Neffe Adam Friedrich von Seinsheim hatte einerseits das Glück, daß er sich im Grunde in das so gut wie gemachte Residenz-Nest setzen konnte, litt aber andererseits in seinen Bistümern (1757 kam noch Bamberg hinzu) erst einmal unter den Belastungen des Siebenjährigen Krieges, welcher ihm stellenweise so nahe kam, daß er 1758 sogar die Pferde anspannen ließ, um rechtzeitig aus der Stadt fliehen zu können. Jedoch: Fürst und Stadt und Residenz blieben verschont, und im Jahre 1763 konnte die Arbeit am Schloß wieder aufgenommen werden. Ebenso, wie die bereits verstorbenen, großen Meister der Residenz nun durch eine Generation neuer Künstler ersetzt wurden, so mußten auch die alten Pläne für die endgültige Fertigstellung weichen. Fürstbischof Seinsheim entschließt sich, mit der Mode zu gehen und läßt Vestibül und Treppenhaus entsprechend dem neuen „goût grecque“ in klassischer Einfachheit vollenden. Hatte Neumann noch – wie auf erhaltenen Entwürfen zu sehen – für das Treppenhaus ein blühendes Rokoko-Kleid im Stile des Weißen Saales vorgesehen, so wurde nun schlichter ausgestattet, wobei sogar bereits vorhandener Rokoko-Stuck zerstört wurde, um die Einheitlichkeit der Gestaltung zu wahren. Unter Seinsheim werden auch die beiden nördlichsten Paradezimmer umgebaut (eines davon zum wunderschönen, grünlackierten Kabinett) und die sogenannten Ingelheimzimmer klassizistisch umgestaltet.

VLNR:
Anselm Franz von Ingelheim, der Bischof, der nicht so recht wollte
Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, der den großen Tiepolo engagierte
Adam Friedrich von Seinsheim, unter dem vollendet und auch schon umgestaltet wurde

Man darf also durchaus behaupten, daß die Residenz während der Seinsheim-Jahre nicht nur vollendet wurde sondern an einigen Stellen sogar schon wieder ein wenig überreif erschien, wenn tatsächlich modische Fragen bereits zu Umgestaltungen führten. Als Seinsheim im Jahre 1779 als vielgeliebter „Vater des Vaterlandes“ stirbt, sind die Tage der Residenz als Zentrum glanzvoller Hofhaltung auch schon wieder gezählt. Seinsheims Nachfolger Erthal war ein wackerer Aufklärer, der mit Prunkentfaltung, Festivitäten und Jagden nichts am Hut hatte. Und mit der über den letzten Würzburger Fürstbischof Georg Karl von Fechenbach hereinbrechenden Säkularisation hatte sich die Sache dann eh erledigt.

1806 zieht Großherzog Ferdinand als Herrscher über das neu geschaffene, aber kurzlebige Großherzogtum Würzburg in die Residenz ein und läßt die seit der Schönbornzeit in feinstem Rokoko ausgestatteten Zimmer der Bischofswohung im Südtrakt im Stil des Empire zerstöpurifiz… umbauen.

Und schon sind wir am Ende meiner kleinen Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz. Natürlich fehlt noch ein wichtiges Kapitel, nämlich die Zerstörung 1945 und der lange und mühsame Wiederaufbau des grandiosen Baus. Ich will dazu nur anmerken, daß ich diesen gewaltigen „Block von unerbittlicher Symmetrie, in den edelsten Verhältnissen und von einem heiteren Umrisse“ (Max H. von Freeden) auch als aus der Asche emporgestiegenen Phönix immer herzlich gerne besuche, wenn ich auch hin und wieder das Gefühl habe, daß diese Mauern in bestimmten Momenten eher skeptisch auf die Besuchermassen schauen und sich nach ihren fürstlichen Bauherren und Bewohnern und deren eigentümlicher Mischung aus krachendem Hofleben und zeremonieller Käfighaltung zurücksehnen.

Schöner sparen (III), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wir verließen im zweiten Teil die Stadt Würzburg und die in ihrer Mitte heranwachsende Residenz zu dem Zeitpunkt, als Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn im Alter von nur 51 Jahren soeben überraschend verstorben war.

Zum Nachfolger des am Ende seiner Amtszeit nicht mehr besonders beliebten Schönborn wurde Christoph Franz von Hutten gewählt, der Anführer der Schönborn-Opposition im Domkapitel. Der neue Bischof ließ nun die Arbeit an der Residenz erst einmal ruhen. Erstens wollte er ein wenig sparsamer regieren als sein Vorgänger, zweitens hatte er durchaus verstanden, daß es sich bei dem Bau im Grunde um ein Familienprojekt handelte. Ob er bereits ahnte, daß die Leitung des Fürstbistums bald wieder in den Händen der weitverzweigten Schönborn-Familie liegen würde? Balthasar Neumann wurde die Leitung des Baus entzogen, sicherlich, um ihn für andere Aufträge einzusetzen, denn der neue Bischof war dem Architekten keineswegs feindlich gesinnt, beförderte ihn sogar zum Major.

An der Residenz wurde lediglich der bereits begonnene Nordflügel überdacht, um den Bau bezugsfertig zu machen. Hutten bewohnte in dieser Zeit den benachbarten Rosenbachpalais und verstarb nach nur fünf Regierungsjahren am 25. März 1729, ziemlich genau zu der Zeit, als die Arbeiten am Nordflügel ihrem Ende entgegengingen.

Und so wurde das Jahr 1729 sowohl für die Familie Schönborn als auch für die Würzburger Residenz zu einem Jahr von großer Bedeutung. Denn bereits im Jänner war in Mainz Familienchef und Kurfürst Lothar Franz im Alter von 74 Jahren gestorben. Lothar Franzens Lieblingsneffe Friedrich Karl war in Bamberg schon seit 1710 Koadjutor mit dem Recht auf Nachfolge und erhielt nun – nachdem es 1719 und 1724 nicht funktioniert hatte – auch den Würzburger Bischofssitz dazu. So erwies sich die Prophezeiung des Onkels als wahr. Dieser hatte 1718 im Marmorsaal seines Schlosses zu Pommersfelden das Portrait Friedrich Karls begutachtet und dem Neffen darauf schriftlich mitgeteilt, daß es trefflich ähnlich sei „und siehet aus, als wenn er schon Bischof zu Bamberg und Würzburg wäre!“

Ebenfalls im Jahre 1729 bestieg ein vierter Neffe des Lothar Franz einen bischöflichen Thron: Franz Georg wurde Kurfürst und Erzbischof von Mainz. Wohl nie zuvor war der generalstabsmäßige Angriff einer Familie auf die geistlichen Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches von solchem Erfolg gekrönt worden.

Friedrich Karl hielt sich nach seiner Wahl nur kurz in seinen neuen Fürstentümern auf, da ihn seine Stellung als Reichsvizekanzler noch einmal für zwei Jahre nach Wien rief. 1731 kehrte er endgültig nach Franken zurück und bezog die Residenz. Diese war bei der Wahl des Bischofs erst zu einem Fünftel vollendet. Auf einer getuschten Federzeichnung kann man den Zustand der Residenz in diesem Jahr betrachten. Zu sehen ist der Einzug des Bischofs. Der bereits fertiggestellte Nordflügel ist mit einem gewaltigen Schaugerüst dekoriert. Der Südflügel befindet sich im Bau. Die Verbindung durch den Mittelbau ist noch nicht in Angriff genommen worden.

Die Würzburger Residenz im Jahre 1731

Friedrich Karl war selbst nicht ganz unschuldig daran, daß der Würzburger Bischofsbau ins Große getrieben wurde, hatte er doch zusammen mit dem sicherlich noch hartnäckigeren Oheim Lothar Franz diesen Gedanken heftig unterstützt. Nun, da er selbst Bischof und somit für die Vollendung des Baus verantwortlich war, gestand er, daß dieser doch nach einer „allzu großen Idee“ begonnen worden war. Als waschechter Schönborn nahm er aber die Herausforderung an.

Der Fürstbischof bezieht seinen Wiener Hausarchitekten Johann Lucas von Hildebrandt mit ein, ohne aber Neumann zu entmachten. Die Pläne für den weiteren Bau stammen aus dem Büro Hildebrandts, aber die Bauleitung bleibt bei Neumann. Dieser kann ab 1741 sein wahres Genie unter Beweis stellen. Ihm verdanken wir die Kaisertreppe und auch das stützenlose Treppenhaus mit seinem Gewölbe, das eine Spannweite von 19 Metern aufweist. Im Jahre 1744 ist der gesamte Bau überdacht und fertig eingewölbt.

Der Bischof und seine Baumeister (vlnr):
Balthasar Neumann, Friedrich Karl von Schönborn, Johann Lucas von Hildebrandt

Unter Friedrich Karl von Schönborn beginnt ab 1735 auch die Ausstattungsgeschichte der Residenz. Diese ist vor allem deswegen interessant, weil der Fürst sich künstlerisch überhaupt nicht an Paris orientiert (ein Vorwurf, den seinem Vorgänger Hutten gemacht wurde), sondern die Hofkunst Wiens zum Maßstab macht und daher auch einen großen Teil seines Wiener Künstlerstabes an den Würzburger Hof mitnimmt. Es arbeiten fortan unter anderem der bereits erwähnte Johann Lucas von Hildebrandt als leitender Planer, der schon betagte Hofmaler Johann Rudolf Byss, von dem Fresken und Entwürfe für Gobelins stammen, der Stuckateur Giuseppe Antonio Bossi, der nicht nur aber vor allem im Weißen Saal ein schon fast unanständig friemeliges Monument Würzburger Rokoko-Herrlichkeit entstehen ließ, sowie der Bildhauer Wolfgang van der Auwera, der für die Plastiken der Portalfront und der Innenräume verantwortlich ist.

Als Friedrich Karl von Schönborn am 26. Juli 1746 in Würzburg stirbt, ist die Residenz fast vollendet. Lediglich Vestibül, Treppenhaus und Kaisersaal warten noch auf den vollständigen Ausbau.

Warum mit der Wahl des neuen Bischofs dann doch noch einmal kurz Furcht vor Stillstand aufkam, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Kapitel.

Schöner sparen (II), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Wie im ersten Teil erwähnt, war der neue Würzburger Fürstbischof, Johann Philipp Franz von Schönborn, durchaus an einer modernen und repräsentativen Stadtresidenz interessiert, jedoch fehlten bei seinem Amtsantritt erst einmal die nötigen Gelder. Im Übermaß vorhanden waren hingegen die Luftschlösser, die Onkel Lothar Franz in Mainz und Bruder Friedrich Karl in Wien umgehend mit ihren Kavalierarchitekten errichteten. Johann Philipp Franz übernahm zuerst einmal von seinem Vorgänger den Ingenieur-Hauptmann Balthasar Neumann, dem er die barocke Umgestaltung der gesamten Stadt Würzburg auftrug, während er seinen Verwandten die Planungsleitung der neuen Residenz überließ.

Die Idee einer Vergrößerung des von Petrini bis 1704 errichteten Schlößchens wurde verworfen, als an dem Bau statische Mängel und Schäden im Mauerwerk offenbar wurden. So mußte der alte Palast weichen, und die Idee für einen grandiosen Neubau wuchs heran.

Und plötzlich stellte sich auch der benötigte Geldregen ein: Fürstbischof Schönborn hat schon als Domherr den Verwaltungsapparat seines Vorgängers stets kritisch im Auge gehabt und konnte nun einigen Beamten, allen voran dem Hofkammerdirektor Jakob von Holach, Bestechung und Veruntreuung nachweisen. Ein Prozeß brachte laut verschiedenen Quellen zwischen 500.000 fl. und 640.000 fl. ein. Diese Summe entsprach, so sagt man, ungefähr den Jahreseinnahmen des Hochstifts Würzburg, war also kein Kleingeld.

Kaum klingelte es in der Kasse, meldete sich auch schon der Kurfürst aus Mainz mit der trockenen Aufforderung „Nur wacker Bauconcepten her!“ und dem scherzhaften Rat, dem untreuen Beamten vor dem neuen Schloß ein Denkmal errichten zu lassen.

Auf Lothar Franzens Privat- und Familienschloß Weißenstein zu Pommersfelden kam es bald darauf zu einer für die fränkische Kunstgeschichte schicksalhaften Begegnung: Der Familienchef nahm dort im Jahre 1719 zusammen mit Reichsvizekanzler und Lieblingsneffen Friedrich Karl aus der Hand Balthasar Neumanns die ersten Pläne für die neue Residenz entgegen. Das Urteil fällt positiv aus: Der Kurfürst lobt die Persönlichkeit und den Sachverstand des noch unbekannten Baumeisters und empfiehlt seinem Würzburger Neffen, ihn auch unbedingt für den Neubau des Schlosses einzusetzen.

Und so fand am 22. Mai 1720 beim Rennweger Tor zu Würzburg die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Residenz statt. Johann Philipp Franz bezieht den Rosenbacher Hof am Rennweg, um den Bauplatz stets im Auge zu haben und den Arbeitern das Gefühl zu geben, vom Bauherrn beobachtet zu werden. Vielleicht kein feiner, aber ein wirksamer Trick, der zurückgeht auf die Erfahrung des Oheims, der während der Bauarbeiten am Schloß zu Pommersfelden bemerkt hatte, daß das „oculus domini“ die Künstler und Handwerker doch stets anzutreiben wußte.

Es kam nun zu unzähligen Bausitzungen und zu einer umfangreichen Korrespondenz zwischen Würzburg, Mainz und Bamberg/Pommersfelden. Lothar Franz sah sich als Chef der Familie natürlich berechtigt, immer ein Wörtchen mitzureden. Er schickte seinen Bamberger Oberbaudirektor Maximilian von Welsch und einige seiner Baudirigierungsgötter aus dem Kreis seiner bauverständigen Kavaliere, wie z.B. von Erthal und von Rothenhan, mit Ideen, Anregungen und Instruktionen nach Würzburg und wartete auf jede Nachricht so gepannt, wie ein Feldherr auf den Ausgang einer Schlacht.

Bereits 1723 erschien ein gewaltiger Kupferstich (145 x 115 cm) , der das neue, barocke Würzburg mit der fertiggestellten Residenz als sogenanntes Thesenblatt zeigte. Das Schloß befand sich zu diesem Zeitpunkt zwar noch in den Kinderschuhen, aber man wollte immerhin einen Gesamteindruck schaffen.

Ausschnitt aus dem Thesenblatt [Quelle]

Ebenfalls im Jahre 1723 wurde Balthasar Neumann nach Frankreich geschickt, um die Pläne der Residenz dem französischen Hofarchitekten vorzulegen. Ein weiterer Schönborn-Bruder, der Kardinal Damian Hugo, Fürstbischof zu Speyer und später auch zu Konstanz, ließ seine Beziehungen im Heiligen Kollegium spielen und vermittelte den Architekten an Kardinal de Rohan, der den Weg nach Paris ebnete. Von Boffrand nahm Neumann viele wertvolle Anregungen für die Ausstattung der Residenz mit. Es kam sogar zu einem Gegenbesuch: 1724 reiste der Franzose nach Franken, begutachtete die werdende Residenz in Würzburg, das Schönbornsche Familienschloß in Wiesentheid und Lothar Franzens Schmuckstück in Pommersfelden, wo ihn besonders und nachhaltig das Treppenhaus überzeugte: „Etwas so Großes und Herrliches kann man in ganz Frankreich nicht finden!“

Es lief also insgesamt alles nach Plan, bis am 18. August 1724 plötzlich Sand ins Getriebe kam: Fürstbischof Johann Philipp Franz erlag auf der Rückreise von einem Besuch beim Trierer Kurfürsten und Deutschordensmeister Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg auf dessen Schloß in Mergentheim einem Schlage.

Der wache und stets gut informierte Lothar Franz ahnte sofort, daß der Bau der Residenz nun ins Stocken geraten könnte. Sein Neffe hatte sich als Fürstbischof etwas zu selbstherrlich gegeben, war in der Bevölkerung nicht der Beliebteste und hatte sich schließlich auch mit dem Domkapitel überworfen. Er wird sich zweifellos während seiner Amtszeit den einen oder anderen Rüffel vom Oheim eingefangen haben, weil er dessen simple Grundregeln im Umgang mit den Leuten eher ignorierte: „… mit dem Domkapitel wohl zu stehen, alles nit so genau zu nehmen undt bisweilen 5 gerat sein zu lassen, jedermänniglich obligat zu begegnen und denen guets zu tun, die es meritieren, niemandt aber zu verfolgen, amen.“

Schuldig im Sinne des Gesamtkunstwerkes (vlnr):
Lothar Franz von Schönborn: Familenoberhaupt, Ideengeber, Protektor und manchmal Diktator seiner Neffen
Johann Philipp Franz von Schönborn: Unter ihm begann der Bau der Residenz
Friedrich Karl von Schönborn: Unter ihm wird der Bau fertiggestellt und die prachvolle Ausstattung begonnen

Die Aussichten auf einen weiteren Schönborn-Bischof in Würzburg waren somit gering, wenn auch mit Lothar Franz und Friedrich Karl die beiden hervorragendsten Köpfe des Hauses Mitglieder des dortigen Domkapitels waren.

Wie bzw. daß es mit dem Bau der Residenz nun dennoch weiterging, das erfährt der geneigte Leser im dritten Teil.

Schöner sparen (I), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts war die über der Stadt thronende Festung Marienberg die Residenz der Würzburger Fürstbischöfe. Trotz vieler Erweiterungen, Umbauten und Modernisierungen erwies es sich spätestens im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, daß diese Anlage den Ansprüchen barocker Fürsten bezüglich sowohl der Lage als auch der Bequemlichkeit nicht mehr entsprach. So kam es, daß neu gewählte Bischöfe immer wieder einmal mit dem Gedanken einer neuen Residenz spielten und sich hin und wieder lieber in ihren städtischen Domherrenhöfen als auf der Festung aufhielten.

Die Festung Marienberg in Würzburg

Es entstand so mit der Zeit eine doppelte Hofhaltung, die zu viel Geld kostete. Es waren anfangs tatsächlich Gründe der Sparsamkeit, die zum Bau einer neuen Stadtresidenz führten (damals ahnte man natürlich noch nicht, daß das Gesamtprojekt letztlich den Schönborn-Bischöfen in die Hände fallen sollte, unter denen dann besonders Lothar Franz – selbst Domherr in Würzburg – die Gelegenheit gekommen sah, der Familie das endgültige Baudenkmal errichten zu lassen). Als das Domkapitel im Jahre 1699 Johann Philipp von Greiffenclau zu Vollraths zum Bischof wählte, wurde dem neuen Fürsten in der Wahlkapitulation aufgetragen, in der Stadt einen neuen Palast zu bauen.

[Interessanter Einschub: Greiffenclau gewann gegen den von Wien favorisierten Lothar Franz von Schönborn, welchem bei seiner Wahl zum Bamberger Fürstbischof im Jahre 1693 zur Auflage gemacht worden war keine neuen Bauunternehmungen zu starten. Hätte man den vom bauwurmb befallenen Schönborn auch zum Würzburger Bischof gewählt, hätte sich der Palast-Neubau ohnehin von selbst verstanden. Andererseits fürchtete man aber eine zu gewaltige Ämteranhäufung – Lothar Franz war auch noch Kurfürst und Erzbischof von Mainz und Erzkanzler – und einen zu machtvollen Schönborn-Block in diversen Kapiteln, denen bereits einige von Schönborns Neffen angehörten.]

Auf dem Rennweg wuchs unter Greiffenclau bis 1704 nach Plänen von Petrini das sogenannte „Schlößlein“ empor. In den ersten Jahren wurde der Bau fremden Besuchern stolz präsentiert. Bald jedoch legte sich der Schleier des Vergessens über den neuen Bischofssitz, wies er doch statische Mängel und Schäden im Mauerwerk auf. Greiffenclau bezog also nicht das neue bischöfliche Palais (welches 1720 schon wieder abgerissen werden mußte, ohne jemals als Residenz gedient zu haben), sondern stieg im „Roten Bau“ ab, dem zwischen 1708 und 1712 errichteten Familienpalais am Rennweg.

Da die Residenz-Frage vorübergehend offen blieb, regte der Fürstbischof andere Bautätigkeiten in Würzburg an und stieß die Türe für barocke Freuden und glanzvolles Leben schon so weit auf, daß die Schönborn-Bischöfe schließlich in vollem Galopp hindurchpreschen konnten: Zum Nachfolger Greiffenclaus wurde 1719 sein (und Lothar Franzens) Neffe Johann Philipp Franz von Schönborn gewählt. Der neue Fürstbischof war vorzüglich erzogen und gebildet, aufgrund diverser Botschaftsanstellungen weltgewandt, und von barocker Prunkfreude ebenso angesteckt wie von großzügigem Mäcenatensinn. Und da er nun mal ein Schönborn war, bewog ihn nicht nur seine Stellung als einer der ersten geistlichen Fürsten im Reich sondern auch sein Familiensinn, in Würzburg etwas Großes zu schaffen.

Warum es nicht beim Großen blieb, sondern der Bau trotz anfänglich nicht im Übermaß vorhandener Gelder ins Atemberaubende wachsen konnte, das erfährt der geneigte Leser im zweiten Teil.

Kein Tagebuch

Der starrköpfige Unwillen, etwas anderes zu betrachten, als einen Geist in Deinen Farben: Er ist es, der mich immer wieder über die Schwellen trägt, wenn sonst nichts mehr hilft, wenn sonst alles fehlschlägt.

Ein Herz, zugleich eingeklemmt und vogelfrei. Das Blut rast, aber die Schönheit lindert und die Erhabenheit besänftigt. Zwischen den Gärten der Erleuchtung und den Kerkern der Schreckensherrschaft schmelzen Dutzende von Lebensberichten und Lebensgerüchten, umspielen mich in farbenreichen Strömen und fließen auf der Leinwand meiner Ohnmacht zusammen. Ein Bild entsteht und sprengt den Rahmen, sprengt das Spektrum, sprengt den Verstand so geschwind, daß ich kaum die Hände schützend vor das innere Auge legen kann.

Ich werde stiller und trete langsam zurück. Einen Blick! Nur einmal einen Blick auf das Ganze werfen zu dürfen… Zu spät:

Von den Hügeln kommt der Regen auf mich herab in tausend Rinnsalen, die sich zum Strom zusammenrotten. Er braust durch meinen Park, vorbei an meiner Terrasse und zeigt mir höhnisch, was er sich gerissen, was er Dir entrissen, was er mir zerrissen hat. In qualvoll kurzen Blitzen leuchten auf die Fragmente eines meisterlichen Werks. Doch ach! Zu wenige: Ich kann aus ihnen keinen Sinn erdichten. Und doch! Zu viele: Ich kann von ihnen nicht unberührt bleiben.

Und so ist das Eine immer zu fern, das Andere immer zu nah. So bin ich zu verarmt und doch viel zu reich. So gebe ich mich der Verzweiflung hin und bin doch stets fröhlich: Ich trage die Asche durch die Welt, und wo ich sie verstreue, dort beginnt es zu blühen.

Ganze Arbeit, halber Abschied

Wenn ich einen Blick auf meine Hobbies werfe, dann fällt mir auf, daß „multum, non multa“ nie mein Motto war. Eher schon bin ich ein Geselle in vielen Gewerben, wenn auch in keinem ein Meister. Hier ein wenig Photographie, dort ein paar Zeilen Lyrik, hier eine Handvoll humoriger Comic-Strips, dort ein paar eigene Klänge. Angefeuert das alles durch einen etwas weniger breit gestreuten Mix aus Interessen und Leidenschaften: Geschichte (besonders die Europas), Sprache (bis hin zu der des Körpers), Kunst (nicht nur, aber besonders Barock und Rokoko), Musik (Kind der 80er), Religion (natürlich vor allem die Katholische).

Man sagt mir nach, daß ich – wenn ich will – extrem schnell lerne. Ich sage mir nach, daß ich zwar oft will, aber nie ausdauernd und nie zielgerichtet genug. Hätte ich mich auf eine meiner Spielwiesen konzentriert, so wäre ich heute möglicherweise nicht nur Pfarrer in Floridsdorf sondern auch Komponist für kleine Indie-Filme, veröffentlichter Autor oder auch ein Photograph, dessen Bilder es bis in Galerien schaffen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich trauere hier keinen Nebenverdiensten oder Lorbeeren nach. Ich habe mich in meinen kleinen Nischen eingerichtet, und all die diversen Aktivitäten bringen mir immer wieder viel Freude, und sei es nur die, daß ich selbst mit einem meiner Werke uneingeschränkt zufrieden bin.

Den Boden bereiten will ich eigentlich für diese Information: Ich werde vorerst und für lange Zeit keine weiteren Kapitel der De-Bernis-Biographie veröffentlichen. Ich habe – gefühlt zum ersten Mal in meinem Leben – ein Hobby-Projekt begonnen, das ich nicht halbärschig angehen will, sondern welches ich auf professionellst-mögliche Weise zu Ende bringen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, muß ich vorarbeiten. Das bedeutet konkret, daß ich mich zuerst einmal mit der französischen Sprache zumindest so weit vertraut machen muß, daß ich Texte möglichst exakt ins Deutsche übersetzen kann und nicht nur von dem lebe, was ich zur Hälfte wörtlich und zur Hälfte sinngemäß verstehe. Spätestens nach dem Sommerurlaub werde ich also mit Sprachunterricht beginnen. Dann möchte ich mein Wissen über die fragliche Zeit vertiefen, werde also nicht nur die bereits existierenden Biografien des Kardinals sondern auch das eine oder andere Geschichtsbuch erneut oder zum ersten Mal durchackern müssen.

Wenn da draußen jetzt die De-Bernis-Junkies aufjammern, weil der Stoff erst einmal ausbleibt, so gibt es diesen Trost: Wenn ich im Laufe der Arbeit über eine Anekdote stolpere, die aus irgendeinem Grund massiv mitteilenswert ist, dann werde ich die hier auch preisgeben.

Bedeutet das nun, daß dieses Blog nach nur drei Monaten bereits wieder eingestellt wird? Nö. Es wird wie bisher weitergehen, leider nur ohne unseren Abbé. Aber WENN der dann wiederkommt (und ich hoffe wirklich, daß ich es so weit schaffe), dann wahrscheinlich im Rahmen der ersten, halbamtlichen, deutschsprachigen Biografie des Kardinal de Bernis.

Also dann…

Der Schutzpatron des Fluchens

Ihr erinnert Euch noch an Papst Benedikt XIV?! Gut.

Über den möchte ich heute noch ein wenig schreiben. Denn er hatte eine Eigenschaft, die einigen Leuten die Haare zu Berge stehen lassen wird, die ich aber eigentlich nicht unentzückend finde: Er konnte fluchen, daß der Putz bröckelte, und er tat dies nicht nur privat, sondern hin und wieder auch mal bei Audienzen.

Zum Aufwärmen ein paar Informationen zu Papst Benedikt XIV.: Er wurde als Prospero Lorenzo Lambertini 1675 in Bologna geboren. Er studierte in Rom, wurde Doktor beider Rechte und arbeitete ab 1701 an der Kurie. 1727 wurde er zum Erzbiscof von Ancona ernannt, ein Jahr später zum Kardinal erhoben und 1731 schließlich Erzbischof seiner Heimtstadt. Das Konklave im Jahre 1740 verließ er eher überraschend als Papst. Die Kardinäle hatten bereits sechs Monate lang Purpurschach gespielt, als irgendwer Lambertini als Kompromißkandidaten vorschlug. Dieser antwortete: „Wenn Ihr einen Heiligen wollt, wählt Gotti. Wenn Ihr einen Politiker wollt, wählt Aldovrandi. Wenn Ihr einen Einfaltspinsel wollt, wählt mich“. Lambertini nahm die Wahl dann auch an, unter anderem, weil er es einfach leid war, im Konklave rumzuhängen.

Benedikt XIV, Büste von Pietro Bracci

Er galt bereits während seiner Jahre in Bologna als sehr gebildet, vielseitig interessiert, leutselig, den Wissenschaften und Künsten zugeneigt und grundsätzlich eher geliebt als gefürchtet. Und so machte er als Papst dann auch weiter, wenn uns die Geschichtsschreibung nicht hinters Licht führt.

Aber nun zum würzigen Teil dieses Beitrages: Der Vorliebe Lambertinis für ganz und gar nicht hofkompatible Sprache. Daß Benedikt XIV diese Vorliebe hatte, das habe ich schon vor vielen Jahren irgendwo gelesen. Ich fand nur nirgends irgendwelche überlieferten Beispiele. Ich konnte nun endlich einen italienischen Artikel aufspüren, der mit ein paar hübschen Anekdoten aufwartet.

[Zarte Gemüter schließen hier den Browser]

Eines nachts gegen 23:00 Uhr erschien ein höchst konsternierter Monsignore vor der Schlafzimmertüre des Papstes und ließ sich von den Dienern nicht abwimmeln. Es handele sich immerhin um eine Angelegenheit, die das Schicksal der ganzen Kirche betrifft! Also weckte man den Heiligen Vater. Der rieb sich erst einmal den Schlaf aus den Augen, musterte den aufgeregten Monsignore, lauschte eine Weile dessen Gestammel und forderte ihn schließlich auf, endlich zur Sache zu kommen.

„Euer Heiligkeit! In diesem und jenem Kloster wurde eine schwangere Nonne entdeckt!“

„Scheiße! Wenn man Dich zittern sieht, könnte man meinen, es sei ein Mönch, der schwanger geworden ist! Und dafür weckst Du mich auf? Können wir bitte morgen darüber sprechen? Auch wenn ich der Papst bin, so vermag ich dennoch nicht, den Zustand einer schwangeren Frau zu ändern. Schwirr ab!“


Ende des 17. Jahrhunderts, als Lambertini noch Anwalt war, war er Teil einer Untersuchungskommission, die herausfinden sollte, was es mit dem Wunder auf sich hatte, das aus einem Kloster in Rom berichtet wurde: Eine bereits im Ruf der Heiligkeit stehende Nonne hatte ihr Fasten so perfektioniert, daß sie überhaupt nicht mehr aß und dennoch bei bester Gesundheit war. Schon vor dem Beginn der Befragung wurde Lambertini nahegelegt, nicht zu sprechen, da man seinen Hang zu Witzen und derben Ausdrücken kannte. Irgendwann hielt er es dann aber nicht mehr aus und bat, nur eine einzige Frage stellen zu dürfen. Man gestattete es.

„Wie ist Euer Stuhlgang, Ehrwürden?“

„Bestens!“

„Verarsch mich nicht! Wo nichts reingeht, kommt auch nichts raus!“

Und tatsächlich erwies sich die ganze Geschichte bald als eine Theateraufführung der Schwestern, die Ruhm und somit Geld für das Kloster klarmachen wollten.


Nach seiner Wahl zum Papst legte man Benedikt XIV nahe, vielleicht ein wenig auf seine Ausdrucksweise zu achten. Diese war immer noch äußerst farbenfroh. Vor allem das „Scheiße!/Fuck!“ konnte (oder wollte) er sich einfach nicht abgewöhnen. So instruierte er seinen treuen Kammerdiener Boccapaduli, ihm am Rock zu zupfen, wenn ihm ein übler Ausdruck rausrutschte. Eines frühen Morgens eilten Diener in das Gemacht des Papstes und berichteten von einem Feuer, welches im Monti-Viertel ausgebrochen war.

„Scheiße! Gibt’s Tote?“

**zupf**

Die Diener berichteten, daß es ernst sei und sparten nicht mit Details der dramatischen Ereignisse.

„Scheiße! Waaaaaaaas? Fuck! Oh nein! Schaaaaaaaiße! Echt? Kacke! FU-HUCK!“

**zupf… zupfzupfzupf… zippeti-zupf… reiß… fledder… zerr… zupfzupfzupfzupf…**

„Scheiße, Boccapaduli! Du klemmst mir die Eier ab! FUCK! FUCK! FUCK! Ich möchte dieses Wort heilig sprechen! Vollkommener Ablaß für alle, die es täglich wenigstens zehn Mal sagen!“

Seit diesem Tag wurde an der Soutane des Papstes nicht mehr gezupft.


Hier ein hübsches Gemälde von Panini: Papst Benedikt XIV empfängt Carlos III von Spanien, damals noch von Neapel und Sizilien, im Kaffehaus des Quirinal-Palastes.

Dieses Bild bringt mich vor allem deswegen zum Schmunzeln, weil ich mir vorstelle, was die anwesenden Kardinäle und Prälaten so denken mögen: ‚Hoffentlich gibt niemand dem Heiligen Vater Anlaß zur Aufregung! Bitte! Keine Schimpfwörter, keine Gefluche! Gibt es nicht irgendwo eine Version des Zeremoniells, die ohne Reden auskommt?

Okay, so viel zu einem meiner definitiven Lieblingspäpste.

Down and Out in Paris

Wir erinnern uns: Der Abbé de Bernis hatte sich am Seminar Saint-Sulpice den Ruf eines gefährlichen Freigeistes ohne echte Berufung erworben und stand nun auf der Abschußliste der Oberen.

Als François im März 1735 von einem verordneten Heimaturlaub zurückkehrte, nahm der Generalsuperieur Couturier ihn nicht – wie vereinbart und versprochen – wieder ins Haus auf, sondern wimmelte ihn mit der Ausrede ab, es seien im Moment zu viele Studenten im Haus, und der Herr Abbé möge doch bitte in acht Tagen noch einmal nachfragen. Dieses Spielchen wiederholte sich während der nächsten Wochen. Der Abbé Couturier versicherte François in dieser Zeit, daß er ihn gerne wieder aufnähme, daß aber alle anderen Mitglieder der Fakultät gegen ihn eingestellt seien. Ein Plan mußte her und wurde geschmiedet: Der junge Abbé sollte einstweilen am Collège de Bourgogne unterkommen (an welchem er auf weitere Saint-Sulpice-Flüchtlinge traf), während die Verhandlungen über seine Zukunft – also über einen Sitz in einem Kapitel oder die Verleihung einer Abtei – zügig voranschreiten sollten.

François war von seinem Heimaturlaub geheilt zurückgekehrt, denn er fürchtete dank einer gespenstischen Erscheinung im elterlichen Garten, die sich als rindenloser Baum entpuppte, nichts Übernatürliches mehr und entwickelte sich zu einem entschiedenen Gegner des Aberglaubens. Dieses Gefühl steigerte sich in den Wochen der Unsicherheit dergestalt, daß er nicht die Religion als solche abzulehnen begann, aber der gesamten, mit ihr zusammenhägenden irdischen Maschinerie mit wachsender Skepsis begegnete. Dies wurde ihm leicht gemacht, da ihm erstens die Atmosphäre in der neuen Unterkunft noch zickiger und heuchlerischer erschien und er zweitens seine erzwungene Freizeit im Theater oder in der Oper verbrachte, wo sein zugleich berstendes und doch hungerndes Poetenherz und seine alles aufsaugenden Sinne von einer Verführung in die nächste Verwirrung geworfen wurden.

Über das Collège de Bourgogne schreibt er: „Ich erfuhr in sechs Monaten so viel Dunkelheit und Falschheit, daß ich mit der Zeit alles verabscheute, was in der Welt allgemein als Mitraille [wörtlich: „Kleingeld“] bezeichet wird“

In Saint-Marcel-d’Ardèche hatte der Abbé begonnen, eines seiner bekanntesten Werke zu verfassen, den „Epître aux dieux pénates“, mit dem er seine Rückkehr in die Heimat zelebriert und wohl auch seinen eigentlichen Eintritt in das Poeten-Dasein feiert.

Protecteurs de mon toit rustique,
C’est à vous qu’aujourd’hui j’écris,
Vous qui, sous ce foyer antique,
Bravez les fastes de Paris
Et la mollesse asiatique
Des alcôves et des lambris

schreibt er, ohne den Pomp oder die Alkoven bisher jemals gesehen zu haben. Eigenartige Ironie, daß das Schicksal ihn nun in deren Arme trieb, während seine Heimat ihn fallen ließ: François drängte seinen Vater, alle möglichen Kontakte anzuzapfen, um ihm endlich ein Einkommen zu verschaffen. Zwar kam Monsieur de Bernis der Bitte des Sohnes nach, das Ergebnis jedoch ensprach überhaupt nicht den Erwartungen. Der Kardinal de Fleury fällte, nach Durchsicht aller Bittschreiben, die vom Marschall de La Fare, einem Cousin des Monsieur de Bernis, vom Kardinal de Polignac, einem weiteren, entfernten Verwandten der Familie und dem neuen Bischof von Viviers an ihn gerichtet wurden, dieses Urteil: „Ich hatte die Absicht, diesem jungen Mann eine beträchtliche Pfründe zukommen zu lassen, habe aber nach reiflicher Überlegung beschlossen, daß er, so lange ich lebe, von mir nichts erhalten soll“. Ohne Zweifel hatte der Abbé Couturier dem Kardinal, einem alten Sulpizianer, hier entscheidend zugeflüstert („Freigeist… Belletristik… Theater… Oper…“).

Der Hammer fiel kurz darauf: Der Vater entzog dem jungen Abbé die finanzielle Unterstützung, da er im Treiben des Sohnes den Grund für Schande und Ruin der Familie sah. François reagierte wie üblich ohne Groll, ohne Schmollen und mit viel Optimismus: „Man stelle sich die Situation eines Neunzehnjährigen vor, ohne Geld, ohne Rat, in einer Stadt wie Paris. Hätte ich echte Laster, sie hätten sich unter diesen Umständen ausgebildet. Aber ich faßte mir ein Herz. Ich wußte, wie ich meinen Teil zu erledigen hatte und wie ich profitieren konnte von der Widrigkeit, die eine gute Lehrerin ist“.

Sein Entschluß war schnell gefaßt: „Reduziert auf die Ressourcen meiner Seele entwarf ich meinen Plan, und dieser Plan war sehr ehrlich: Ich verschrieb mich der größtmöglichen Redlichkeit, der Geduld und der Courage. Ich sah in der Literatur eine Einkommensquelle und einen Zeitvertreib. Ich hängte die Studien an den Nagel, da meine Finanzmittel mir nicht mehr erlaubten, sie weiter zu verfolgen.“

François lebte fortan in preiswerten, möblierten Zimmern, dinierte für ein paar Groschen in ärmlichen Lokalen und verdiente sich sein Geld als Schreiber und Korrekturleser. Er fand eine Anstellung in Didots Buchhandlung „À la Bible d’or“ am Quai des Grands-Augustins. Nachts schrieb er an seinen eigenen Werken. Mit wie viel Ernst? Es läßt sich schwer sagen. Einerseits war die Dichtung für ihn – wir erinnern uns – lediglich der Stab, mit dem er die Gräben überspringen wollte, andererseits wurde er sicherlich auch bei seinem Stolz und seiner Ehre gepackt, als man ihm eines Tages sagte, er könne wahrscheinlich noch besser schreiben als Gresset, jener Dichter, der den jungen Abbé mit seinem Vert-Vert so verzaubert hatte.

François begnügte sich damit, ebenso gut zu schreiben, wie sein Vorbild: Bereits 1733 hatte er, beeinflußt von einem Gedicht des Abbé La Fare, seinen „Épître sur la paresse“ verfaßt, das früheste überlieferte Werk de Bernis‘. Als dieses ohne sein Dazutun und ohne Nennung des Autors veröffentlicht wurde, hielt man es für ein Werk Gressets, da der Fluß und die Leichtigkeit an diesen erinnerten:

Censeur de ma chère paresse
Pourquoi viens-tu me réveiller
Au sein de l’aimable mollesse
Où j’aime tant à sommeiller?
Laisse-moi, philosophe austère,
Goûter voluptueusement
Le doux plaisir de ne rien faire
Et de penser tranquillement.

Im Jahre 1736 wurde der „Epître aux dieux pénates“ veröffentlicht, erneut ohne Angabe des Autors. Auch dieses Werk wurde zuerst Gresset zugeschrieben. Es war ein allgemeiner Erfolg, und man sah sich nun genötigt, Klarheit zu schaffen: „Der mich bedeckende Schleier wurde gelüftet und mein Name flog von Mund zu Mund, war sogar Fremden bekannt, und so erweist sich, daß ein paar glückliche Verse schneller Berühmtheit bringen als ein wirklich nützliches Werk“.

Der erste Schritt in die große Welt war getan.


Teil I: Die ersten Schritte

Salonlöwenmamas

Die Salonnière war im Paris des 18. Jahrhunderts eine der wichtigsten Rollen überhaupt. Diese Damen, die in ihren Hôtels und auf ihren Châteaus das Zusammentreffen von Philosophen, Schriftstellern, Aufklärern, Schöngeistern, Enzyklopädisten etc organisierten, moderierten und überwachten, haben sich zum Teil einen Ruf erworben, der heute noch nachklingt. Neben der mindestens so berüchtigten wie berühmten Claudine Alexandrine Guérin, Marquise de Tencin (welche die Köpfe der Männer so weit verdrehen konnte, daß einer ihrer Liebhaber sich in ihrem Haus erschoß), der naturwissenschaftlich versierten Émilie du Châtelet (die es fertigbrachte, daß an ihrem Totenbett ein polnischer Ex-König, zwei ihrer Liebhaber und ihr Ehemann gemeinsam Tränen vergossen), der schönen und geistreichen Louise Marie Dupin (die fast das gesamte 18. Jahrhundert durchlebte und 1799 im Alter von 93 Jahren auf ihrem Schloß Chenonceaux verstarb) fällt besonders häufig der Name Marie Thérèse Rodet Geoffrin.

Madame Geoffrin gilt als eine der führenden Damen der Französischen Aufklärung, und ihr Salon war spätestens, nachdem sie im Jahre 1749 die Gäste der verstorbenen Madame Tencin „geerbt“ hatte, der angesagteste Ort, an dem sich auch tatsächlich alles und jeder traf: D’Alembert, Rousseau, Fontenelle, Diderot, Montesquieu, Choiseul, Gresset, Crébillon, um mal nur die Namen zu nennen, die auch heute noch den meisten Lesern bekannt sein dürften.

Und – na klar – unser Abbé de Bernis trieb sich ebenfalls in diversen französischen Salons herum, nachdem er das Seminar verlassen hatte. Dazu mehr in einem anderen Artikel. Was es heute schon gibt, das ist das Gemälde einer (fiktiven) Zusammenkunft im Salon der Madame Geoffrin: Der Schauspieler Lekain liest Voltaire, und die versammelten Lumières lauschen. Voltaire selbst ist als Büste anwesend. Aber auch unser Abbé ist mit von der Partie. Und den dürft Ihr jetzt mal suchen:

Wenn Ihr ihn nicht finden könnt, keine Bange: Die Auflösung gibt’s in den nächsten Tagen.

Würstelstandpastoral

Direkt gegenüber der Kirche gibt es in Floridsdorf das „Stehbuffet“, eine Art nicht freistehender Würstelstand. Seit ich in der Pfarre arbeite, komme ich dort immer wieder vorbei. In den ersten Jahren war einer der Stammkunden ein Opa, der den „Herrn Forra“ hin und wieder auf einen Kaffe eingeladen hat, um ein Schwätzchen zu halten. Mit der Zeit gesellten sich andere Leute dazu und schwatzten mit. Ich ließ meinen rheinischen Charme spielen, riß dort ein Witzchen, machte dort ein Kompliment, schnorrte mir dort einen Tschik, kippte mir hier ein spendiertes Seidl hinter die Binde (ohwohl’s erst 9:00 Uhr war, aber ich komme ja aus Düsseldorf, also easy) und kam in kürzester Zeit mit all den verschiedenen Gestalten und Charakteren bestens klar.

Und irgendwann fingen sie dann an, Fragen zu stellen.

„Was muß ich denn machen, wenn ich wieder mal zur Kommunion gehen möchte?“
„Kann ich mal bei Ihnen beichten?“
„Wenn Gott uns liebt, warum will er dann, daß…?“
„Stimmt es, daß die Kirche…?“
„Wie ist das eigentlich genau mit Jesus…?“

Und ist stand natürlich immer gerne Rede und Antwort.

Neulich fragte ich dann mal in die Runde: „Wer von Euch hätte in der Pfarrkanzlei angerufen oder wäre mit seiner Frage in die Pfarrkanzlei gekommen, um eine Antwort zu erhalten ?“

Niemand.

„Warum eigentlich nicht?“

„Naja… Eigentlich finden wir Kirche und Pfaffen ja scheiße, so von wegen Kindesmißbrauch und Hexenverbrennung und Kreuzzügen undundund…“

„Okay!? Sollte ich mich jetzt besser in Sicherheit bringen?“

„Naaaa. Blos net! Sie sind ja eh urleiwand. Es ist noch nie ein Pfarrer einfach so zu uns gekommen, um mit uns einen Frühschoppen zu heben, mit uns zu reden und uns zuzuhören.“

Und da fiel mir auf, daß ich als Priester bei ganz vielen Leuten ganz anders ansetzen muß, um da auch nur ein itzi-bitzi-winziges Miniwenigbißchen zu bewegen. Viele wissen über unseren (und ihren) Glauben so gut wie nichts und über die Kirche noch etwas weniger. Die wollen zwar oft etwas wissen, aber die kommen nicht von sich aus in die Puschen. Wenn ich nicht zufällig in diesen Würstelstand-Kosmos hineingeraten wäre, dann wären heute noch viele Fragen unbeantwortet, viele Vorurteile nicht aufgeklärt und viele Chancen nicht genutzt.

Es ist jetzt nicht so, daß ich aus diesen Leuten fleißige Kirchgänger gemacht habe. Aber alleine die Tatsache, daß sie mir zuhören – und dies in wichtigen Momenten auch aufmerksam und widerspruchslos – ist nicht zu unterschätzen. Jetzt könnte man natürlich einwenden, daß das ja totaler Personenkult ist, weil die Würstelstandeinwohner sich vom Herrn Alipius eifrig becircen lassen und dann halt der Meinung sind, daß es wohl auch Priester gibt, die ganz okay zu sein scheinen, daß sich aber eigentlich im Hinblick auf den praktizierten Glauben dieser Leute erst einmal nichts oder nicht viel ändert. Auf der anderen Seite überlege ich mir, was geschehen wäre, wenn ich nicht irgendwann den Entschluß gefaßt hätte, daß diese Leute die eine oder andere Stunde meiner Zeit wert sind.

Eines Tages kam ein Gemeindemitglied nach einer Messe auf mich zu und sagte mir, daß ich mich nicht „mit diesen Leuten abgeben“ soll, weil die schlecht über die Kirche und die Priester denken und reden. Ich habe dann nicht sofort die fette „What would Jesus do?“-Keule ausgepackt, habe aber zu bedenken gegeben, daß nicht wenige dieser Leute jetzt besser über die Kirche und die Priester sprechen, was ich nicht weiß, weil ich da eine Wanze installiert habe, sondern weil mir mal eine der Würstelbudendamen davon berichtet hat.

Ich denke schon, daß die Kirche die Angst der Leute vor Eigeninitiative nicht unterschätzen sollte, und daß an den Würstelständen unserer Gesellschaft interessante Früchte vom Baum fallen können, wenn man sich als Priester die Zeit nimmt, das Herz faßt und die Lust mitbringt, ihn mit der richtigen Technik zu schütteln.