Nur eine weitere Liebeserklärung

Für alle, die es nicht mitgekriegt haben: Ich bin momentan in Bamberg und mache Urlaub mit Familie und Freunden. Im Corona-Jahr ist natürlich alles etwas anders, aber selbst, wenn die Gesamtsituation des Jahres 2020 nicht grundsätzlich schwer verbesserungswürdig wäre, stächen diese Tage doch als sehr schön, erholsam und prächtig heraus. Meine tiefe Verbundenheit mit und Liebe zu Bamberg habe ich in der Vergangenheit oft genug schriftlich festgehalten. Auch andere Orte, wie die Würzburger Residenz, das Schloß Werneck, die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen, die Abtei Ebrach und – natürlich – das Schloß Weißenstein ob Pommersfelden wurden bereits geziemend besungen.

Meine Faszination mit dem Garten des Schlosses Seehof bei Bamberg habe ich ebenfalls bereits beschrieben. Aber nach dem gestrigen Aufenthalt dort muß ich heute noch mal einen drauflegen. Zuerst einmal ein alter facebook-Eintrag zum Warmlaufen:

Schloß Seehof hat sich im Laufe der letzten Jahre bei mir zu einem weiteren echten Sehnsuchtsort entwickelt. Ich war heute dort und bin fast drei Stunden lang durch Schloß und Garten spaziert. Der Ort wirkt an vielen Stellen wie aus der Zeit gefallen. Stille im eigentlichen Sinne herrscht dort nicht, da das Gezwitscher und Gegurre der Vögel ebenso kein Ende zu haben scheint, wie die Laubengänge, Hecken, Alleen und Wege der weitläufigen Anlage. Aber wenn man außer Schloß und Natur nichts sieht und außer dem Vogelgezwitscher und dem selten genug zu vernehmenden Geknirsche des Kies unter den Füßen der angemessen träge schreitenden Besucher nichts hört, dann empfindet man nach kurzer Zeit schon den Anblick eines mit angestrengt-dringlicher, schweißbedeckter Miene vorbeijoggenden Körpers wie einen Drohboten aus einer ungewissen Zukunft. Während der Schloßführung (nicht meine erste, versteht sich) geschah nach wenigen Minuten das, was an diesen Orten immer geschieht: Die Stimme der Erklärdame drang wie durch einen Nebel zu mir, ich hing meinen Gedanken nach, verirrte mich beinahe auf meine eigenen Wege, die dann doch nicht ganz die Meinen sind, weil sie vor langer Zeit von Anderen zuerst beschritten wurden. Eine ganz spezielle Art des Behütet-Seins wirft sich jedes Mal sanft über mich, wenn ich die Anlage betrete. Entsprechend zäh fällt dann der Abschied aus, welcher immerhin erleichtert wird durch die Hoffnung auf eine Rückkehr an einen dieser Orte, die ich gerne beschreibe, obwohl ich nie angemessen über sie sprechen kann.

Gestern nun setzte ich mich nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den Schloßgarten auf eine Parkbank und schrieb dies in mein Reisetagebuch:

Die Liebe zu diesem Ort scheint mir von Besuch zu Besuch schwerer zu wiegen. Das Dach über meinem Kopf, das ist unbestritten und unangefochten Schloß Weißenstein ob Pommersfelden. Doch der Boden unter meinen Füßen ist ganz offenbar der Garten des Schlosses Seehof. An einem Tag wie diesem könnte ich mich hier, unter dem weiß-blauen „Seehofer Himmel“ (wie ich ihn mittlerweile wegen seines verläßlichen Auftretens anläßlich eines jeden meiner Besuche nenne), eigentlich seufzend und lächelnd ins Gras legen und sterben, vorausgesetzt die richtige Person/die richtigen Personen ist/sind anwesend und hält/halten mein Hand/Hände. Wenn ich auf der Kreuzung zweier Heckenwege stehe, nichts höre außer dem Gesang der Vögel, keinen Menschen sehe und keinen Wunsch hege, dann bin ich dieser Welt und dieser Existenz plötzlich so entzogen, so entrückt, so fremd, daß ich eigentlich auch verschwinden könnte. Zwar ist von der einstigen Herrlichkeit der Seehofer Gärten außer den mühsam rekonstruierten Wasserspielen der Kaskaden wenig bis nichts erhalten. Aber das Gedächtnis dieses Ortes spricht zu mir in bewegender Vertrautheit, die mir zwar nicht den Glanz vergangener Zeiten vor das innere Auge rufen kann, aber meine Seele jauchzen läßt, als erblickte ich erneut, was ich niemals sah.

Sehnsuchtsort, fürwahr…

Meine schönsten Lichter…

Für die interessierte und geneigte Leserschaft gibt’s heute ein drittes Bilderalbum: Dieses Mal habe ich Motive gewählt, wo das Licht eine nicht geringe Rolle spielt (ich weiß: tut’s eh bei jedem Foto, aber Ihr wißt schon, was ich meine, hoffe ich mal).

Meine schönsten Fenster…

Im Laufe der letzten Jahre haben sich auf meinem Rechner doch so einige Bilder angesammelt, in denen ich neulich mal wieder ein wenig gestöbert habe. Dabei fiel mir auf, daß ich neben Bäumen am häufigsten Fenster und Türen fotografiere. Hmm… Egal, das sollen die analysieren, die dafür bezahlt werden. Für die treuen und geneigten Leser gibt’s hier ein Mini-Album mit meinen Lieblingsfenstern.

Schöner verbannt sein

Wenn das Schicksal irgendetwas zu vergeben hatte, dann stand der Kardinal de Bernis häufig mit erhobener Hand in der ersten Reihe und rief „Hier!“

Zu seiner reichen Biographie gehören somit auch einige Jahre der Verbannung (1758 – 1764), nachdem er am königlichen Hofe in Ungnade gefallen war. Ludwig XV gewährte dem damals frisch ernannten Kardinal immerhin die Gande, sich aus seinen diversen Abteien selbst diejenige auszusuchen, auf welche er sich zurückzuziehen gedachte. De Bernis entschloß sich zum Exil auf Schloß Vic-sur-Aisne, welches zu seiner Abtei Saint-Médard gehörte. Dort diktierte er nicht nur seiner Nichte die „Mémoires“, sondern legte auch einen Gemüsegarten an, den er gerne persönlich hegte und pflegte. Das Zipperlein hatte ihn zu fleischloser Kost gezwungen, und so kümmerte sich der Kardinal zum Teil selbst um seinen Speiseplan.

Ich habe neulich einige Postkarten vom Anfang des 20. Jahrhunderts gefunden, auf denen man nicht nur das Schloß selbst, sondern auch einige Innenräume sieht, welche zur Zeit der Aufnahmen offenbar immer noch nach ihrem berühmtesten Bewohner benannt waren. So können wir das „Cabinet du Cardinal de Bernis“ und auch das „Chambre du Cardinal de Bernis“ bestaunen. Wie viel von der Einrichtung noch aus der Zeit des Kardinals stammt, das kann man bestenfalls erahnen. Aber dennoch ist der Einblick interessant, allein schon wegen des ziemlich abgefahrenen Betts. Links oben neben diesem sieht man übrigens ein Portrait des Kardinals de Fleury, also jenes Kirchenfürsten, der dem Abbé während seiner frühen Pariser Jahre das Leben reichlich schwer gemacht hat.

Hier sind die Bilder:

Wie Ihr seht: Selbst nach meiner Neuorganisation der Arbeit an der Kardinalsbiographie geht es auf diesem Blog nicht ganz ohne de Bernis.

Der Schutzpatron des Fluchens

Ihr erinnert Euch noch an Papst Benedikt XIV?! Gut.

Über den möchte ich heute noch ein wenig schreiben. Denn er hatte eine Eigenschaft, die einigen Leuten die Haare zu Berge stehen lassen wird, die ich aber eigentlich nicht unentzückend finde: Er konnte fluchen, daß der Putz bröckelte, und er tat dies nicht nur privat, sondern hin und wieder auch mal bei Audienzen.

Zum Aufwärmen ein paar Informationen zu Papst Benedikt XIV.: Er wurde als Prospero Lorenzo Lambertini 1675 in Bologna geboren. Er studierte in Rom, wurde Doktor beider Rechte und arbeitete ab 1701 an der Kurie. 1727 wurde er zum Erzbiscof von Ancona ernannt, ein Jahr später zum Kardinal erhoben und 1731 schließlich Erzbischof seiner Heimtstadt. Das Konklave im Jahre 1740 verließ er eher überraschend als Papst. Die Kardinäle hatten bereits sechs Monate lang Purpurschach gespielt, als irgendwer Lambertini als Kompromißkandidaten vorschlug. Dieser antwortete: „Wenn Ihr einen Heiligen wollt, wählt Gotti. Wenn Ihr einen Politiker wollt, wählt Aldovrandi. Wenn Ihr einen Einfaltspinsel wollt, wählt mich“. Lambertini nahm die Wahl dann auch an, unter anderem, weil er es einfach leid war, im Konklave rumzuhängen.

Benedikt XIV, Büste von Pietro Bracci

Er galt bereits während seiner Jahre in Bologna als sehr gebildet, vielseitig interessiert, leutselig, den Wissenschaften und Künsten zugeneigt und grundsätzlich eher geliebt als gefürchtet. Und so machte er als Papst dann auch weiter, wenn uns die Geschichtsschreibung nicht hinters Licht führt.

Aber nun zum würzigen Teil dieses Beitrages: Der Vorliebe Lambertinis für ganz und gar nicht hofkompatible Sprache. Daß Benedikt XIV diese Vorliebe hatte, das habe ich schon vor vielen Jahren irgendwo gelesen. Ich fand nur nirgends irgendwelche überlieferten Beispiele. Ich konnte nun endlich einen italienischen Artikel aufspüren, der mit ein paar hübschen Anekdoten aufwartet.

[Zarte Gemüter schließen hier den Browser]

Eines nachts gegen 23:00 Uhr erschien ein höchst konsternierter Monsignore vor der Schlafzimmertüre des Papstes und ließ sich von den Dienern nicht abwimmeln. Es handele sich immerhin um eine Angelegenheit, die das Schicksal der ganzen Kirche betrifft! Also weckte man den Heiligen Vater. Der rieb sich erst einmal den Schlaf aus den Augen, musterte den aufgeregten Monsignore, lauschte eine Weile dessen Gestammel und forderte ihn schließlich auf, endlich zur Sache zu kommen.

„Euer Heiligkeit! In diesem und jenem Kloster wurde eine schwangere Nonne entdeckt!“

„Scheiße! Wenn man Dich zittern sieht, könnte man meinen, es sei ein Mönch, der schwanger geworden ist! Und dafür weckst Du mich auf? Können wir bitte morgen darüber sprechen? Auch wenn ich der Papst bin, so vermag ich dennoch nicht, den Zustand einer schwangeren Frau zu ändern. Schwirr ab!“


Ende des 17. Jahrhunderts, als Lambertini noch Anwalt war, war er Teil einer Untersuchungskommission, die herausfinden sollte, was es mit dem Wunder auf sich hatte, das aus einem Kloster in Rom berichtet wurde: Eine bereits im Ruf der Heiligkeit stehende Nonne hatte ihr Fasten so perfektioniert, daß sie überhaupt nicht mehr aß und dennoch bei bester Gesundheit war. Schon vor dem Beginn der Befragung wurde Lambertini nahegelegt, nicht zu sprechen, da man seinen Hang zu Witzen und derben Ausdrücken kannte. Irgendwann hielt er es dann aber nicht mehr aus und bat, nur eine einzige Frage stellen zu dürfen. Man gestattete es.

„Wie ist Euer Stuhlgang, Ehrwürden?“

„Bestens!“

„Verarsch mich nicht! Wo nichts reingeht, kommt auch nichts raus!“

Und tatsächlich erwies sich die ganze Geschichte bald als eine Theateraufführung der Schwestern, die Ruhm und somit Geld für das Kloster klarmachen wollten.


Nach seiner Wahl zum Papst legte man Benedikt XIV nahe, vielleicht ein wenig auf seine Ausdrucksweise zu achten. Diese war immer noch äußerst farbenfroh. Vor allem das „Scheiße!/Fuck!“ konnte (oder wollte) er sich einfach nicht abgewöhnen. So instruierte er seinen treuen Kammerdiener Boccapaduli, ihm am Rock zu zupfen, wenn ihm ein übler Ausdruck rausrutschte. Eines frühen Morgens eilten Diener in das Gemacht des Papstes und berichteten von einem Feuer, welches im Monti-Viertel ausgebrochen war.

„Scheiße! Gibt’s Tote?“

**zupf**

Die Diener berichteten, daß es ernst sei und sparten nicht mit Details der dramatischen Ereignisse.

„Scheiße! Waaaaaaaas? Fuck! Oh nein! Schaaaaaaaiße! Echt? Kacke! FU-HUCK!“

**zupf… zupfzupfzupf… zippeti-zupf… reiß… fledder… zerr… zupfzupfzupfzupf…**

„Scheiße, Boccapaduli! Du klemmst mir die Eier ab! FUCK! FUCK! FUCK! Ich möchte dieses Wort heilig sprechen! Vollkommener Ablaß für alle, die es täglich wenigstens zehn Mal sagen!“

Seit diesem Tag wurde an der Soutane des Papstes nicht mehr gezupft.


Hier ein hübsches Gemälde von Panini: Papst Benedikt XIV empfängt Carlos III von Spanien, damals noch von Neapel und Sizilien, im Kaffehaus des Quirinal-Palastes.

Dieses Bild bringt mich vor allem deswegen zum Schmunzeln, weil ich mir vorstelle, was die anwesenden Kardinäle und Prälaten so denken mögen: ‚Hoffentlich gibt niemand dem Heiligen Vater Anlaß zur Aufregung! Bitte! Keine Schimpfwörter, keine Gefluche! Gibt es nicht irgendwo eine Version des Zeremoniells, die ohne Reden auskommt?

Okay, so viel zu einem meiner definitiven Lieblingspäpste.

Auflösung

Das Wimmelbild aus dem Salon der Madame Geoffrin erfährt heute seine Auflösung. Hier ist zuerst noch einmal das eigentliche Werk:

Und hier ist unser Abbé de Bernis:

Klar: Wenn man die Portraits als Maßstab nimmt, die bisher auf diesem Blog zu sehen waren, dann springt der Abbé vielleicht nicht sofort ins Auge. Aber ich bin dennoch überrascht, daß die einzelnen charakteristischen Details in dieser Darstellung alle berücksichtigt wurden: Der verträumte Blick, die breite Nase, die runden, leicht rosigen Wangen und dieses seltsame, irgendwie immer sehr privat wirkende Lächeln.

Für alle Leser, die es ganz genau wissen wollen, gibt es hier noch eine nummerierte Skizze mit den Namen der Anwesenden:

Salonlöwenmamas

Die Salonnière war im Paris des 18. Jahrhunderts eine der wichtigsten Rollen überhaupt. Diese Damen, die in ihren Hôtels und auf ihren Châteaus das Zusammentreffen von Philosophen, Schriftstellern, Aufklärern, Schöngeistern, Enzyklopädisten etc organisierten, moderierten und überwachten, haben sich zum Teil einen Ruf erworben, der heute noch nachklingt. Neben der mindestens so berüchtigten wie berühmten Claudine Alexandrine Guérin, Marquise de Tencin (welche die Köpfe der Männer so weit verdrehen konnte, daß einer ihrer Liebhaber sich in ihrem Haus erschoß), der naturwissenschaftlich versierten Émilie du Châtelet (die es fertigbrachte, daß an ihrem Totenbett ein polnischer Ex-König, zwei ihrer Liebhaber und ihr Ehemann gemeinsam Tränen vergossen), der schönen und geistreichen Louise Marie Dupin (die fast das gesamte 18. Jahrhundert durchlebte und 1799 im Alter von 93 Jahren auf ihrem Schloß Chenonceaux verstarb) fällt besonders häufig der Name Marie Thérèse Rodet Geoffrin.

Madame Geoffrin gilt als eine der führenden Damen der Französischen Aufklärung, und ihr Salon war spätestens, nachdem sie im Jahre 1749 die Gäste der verstorbenen Madame Tencin „geerbt“ hatte, der angesagteste Ort, an dem sich auch tatsächlich alles und jeder traf: D’Alembert, Rousseau, Fontenelle, Diderot, Montesquieu, Choiseul, Gresset, Crébillon, um mal nur die Namen zu nennen, die auch heute noch den meisten Lesern bekannt sein dürften.

Und – na klar – unser Abbé de Bernis trieb sich ebenfalls in diversen französischen Salons herum, nachdem er das Seminar verlassen hatte. Dazu mehr in einem anderen Artikel. Was es heute schon gibt, das ist das Gemälde einer (fiktiven) Zusammenkunft im Salon der Madame Geoffrin: Der Schauspieler Lekain liest Voltaire, und die versammelten Lumières lauschen. Voltaire selbst ist als Büste anwesend. Aber auch unser Abbé ist mit von der Partie. Und den dürft Ihr jetzt mal suchen:

Wenn Ihr ihn nicht finden könnt, keine Bange: Die Auflösung gibt’s in den nächsten Tagen.

Klerikaler Schönheitswettbewerb

Die Übersetzungsarbeit läuft momentan auf vollen Touren. Ich krame grade aus vier Biographien die Informationen für das nächste Kapitel zusammen, um die Ausbeute dann zu einem Text zu verdichten, der alles enthält, was hinein muß, und der dennoch den Rahmen eines Kapitels nicht sprengt. Es ist also noch ein wenig Geduld angesagt.

Den geschätzten Lesern, die dem Leben des Kardinal de Bernis in meiner Übersetzung, Interpretation und Vorstellung bis hierhin gefolgt sind, biete ich heute eine kleine Portraitrutsche.

Einleitend sei dies erwähnt: In einem älteren Beitrag war zu lesen, daß der Marquis d’Argenson den Kardinal Armand Gaston Maximilien de Rohan (1674-1749) für „den schönsten Kardinal der Welt“ hielt. Und es war tatsächlich auch dieser Kardinal, und nicht – wie in manchen historischen Romanen und postrevolutionären Darstellungen machmal fälschlicherweise behauptet – der Halsbandkardinal Louis René Édouard de Rohan, den die Damenwelt mit dem Spitznamen „La belle éminence“ versah. Ludwig der Fünfzehnte sagte nun, während er 1758 dem frisch ernannten Kardinal de Bernis das Birett aufsetzte: „Ich habe noch nie einen so schönen Kardinal gemacht“.

Ich lasse erst einmal die Bilder für sich sprechen. Heute gibt es Stiche und Radierungen, in einem zweiten Beitrag zeige ich irgendwann noch ein paar gemalte Portraits.

Zuerst zwei ungewöhnliche Darstellungen, nämlich das einzige Profilportrait, das ich bisher finden konnte, und ein 39-jähriger de Bernis in der Domherrenmozzetta aus dem Jahre 1744 (dem Jahr, in dem er Mitglied der Académie Française wurde):

Der Abbé als Kardinal – mit großzügigem Doppelkinn, stolzer Nase, schöner Stirne
und sinnlich geschwungenen Lippen – scheint hier nicht genau zu wissen, was er
von der Gesamtsituation eigentlich halten soll.
Der Abbé als Domherr, noch ein wenig unverbrauchter, verliebt-verträumt mit Bambiaugen und Kußmund in die Ferne schmachtend. Das dürfte eine posthume Darstellung sein, vielleicht eine Buchillustration.

Es folgt eine Serie von vier relativ ähnlichen Darstellungen im Oval, aus denen der geneigte Leser sich ein Gesamtbild schaffen möge:

Bei der breiten Nase, den schön geschwungenen Augenbrauen und den irgendwie immer kurz vor einem Lächeln stehenden Lippen scheinen sich alle einig gewesen zu sein.

Zum Schluß ein weiteres posthumes Portrait aus einem Buch, bei dem die Phantasie des Illustrators eine Rolle gespielt haben dürfte. Diese Kulleraugen, diese Schmachtlippen und diese Wangen, die selbst in der einfarbigen Darstellung rot glühen…

Ludwig der Fünfzehnte war – wie gesagt – hingerissen, und ich schließe mich dem an. Das ist schon barockes Prälatentum auf allerhöchstem Niveau. Nicht nur üppig, sondern auch wirklich angenehm anzuschauen und – zumindest für mich – keineswegs unsympathisch.

Drei Soutanen

Zwischen 1848 und 1871 starben von vier Pariser Erzbischöfen drei eines gewaltsamen Todes. Denis Auguste Affre (*1793) war Theologieprofessor am Seminar Saint-Sulpice in Paris und Generalvikar in Luçon und Amiens, bevor er 1840 Zum Erzbischof von Paris ernannt wurde. Während des Juniaufstandes im Jahre 1848 erklomm Affre am 25. dieses Monats mit einem grünen Zweig in der Hand die Barrikaden, um zwischen den aufständischen Arbeitern und den von Louis-Eugène Cavaignc befehligten Einheiten der Nationalgarde zu vermitteln. Er hatte nur wenige Worte gesprochen, als sich irgendwo ein Schuß löste, irgendwer „Verrat!“ rief und die Aufständischen auf die Soldaten feuerten. Der Erzbischof sank getroffen zu Boden. Manche sprechen von einem Querschläger, andere behaupten, er wurde von gezielt von Regierungskräften niedergestreckt, weil er die Februarrevolution unterstützt hatte. Affre wurden in das erzbischöfliche Palais gebracht, wo er zwei Tage später verstarb.

vlnr: Die Pariser Erzbischöfe Affre, Sibour, Darboy

Sein Nachfolger im Amt wurde Marie-Dominique-Auguste Sibour (*1792). Er war Bischof von Digne, bevor er 1848 nach Paris berufen wurde. Er schrieb in einem Brief an Papst Pius IX, daß er die Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empängnis für „inopportun“ halte. Er veröffentlichte das Dogma nach der Promulgation jedoch feierlich in seiner Diözese. In Paris lebte zu dieser Zeit ein Priester namens Jean-Louis Verger, der sich bereits einen Namen als Querulant gemacht hatte. Er war ein entschiedener Gegner des Dogmas und machte gegen dieses in diversen Pamphleten ebenso Stimmung wie gegen den priesterlichen Zölibat. Der Erzbischof verbot ihm weitere Veröfffentlichungen und bezahle dies mit dem Leben: Am 3. Januar 1857 wurde Sibour in der Kirche St. Etienne du Mont nach einer Messe von Verger mit einem Messerstich ins Herz getötet.

Auf Sibour folgte mit François-Nicholas-Madeleine Morlot (1795-1862) der einzige zischen 1840 und 1871 regierende Pariser Erzbischof, der eines natürlichen Todes starb.

Im Januar 1863 wurde Georges Darboy von Nancy nach Paris berufen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr vom Ersten Vatikanischen Konzil brach der Krieg mit Preußen aus. Darboy blieb nicht nur während des Krieges auf seinem Posten, sondern er weigerte sich auch, die Flucht zu ergreifen, nachdem die Kommune in Paris triumphiert hatte. Im April 1871 wurde er zusammen mit anderen Priestern von den Communarden verhaftet. Man wollte die geistlichen Gefangenen gegen den von der Versailler Regierung gehaltenen Louis Auguste Blanqui austauschen. Als die Versailler Armee jedoch vorrückte, wurde Darboy am 24 Mai 1871 zusammen mit anderen prominenten Geiseln hingerichtet. Der Erzbischof starb, so wird es überliefert, mit Worte der Vergebung auf den Lippen.

Erstaunlich ist, daß die Soutanen der drei Erzbischöfe erhalten und der Nachwelt auf einem Photo überliefert sind:

vlnr: Die Soutanen der Erzbischöfe Sibour, Darboy und Affre

Schaurig…