Spieglein, Spieglein an der Wand…

„The Preening Peacock“ (etwa „Der herausgeputzte Pfau“) ist eines der bekanntesten Gemälde von Jehan Georges Vibert (1840-1902) überhaupt. Der gar nicht mal soooooo kleine Seitenhieb auf aufgebrezelte Prälaten ist ein Paradebeispiel für die liebevoll-antiklerikale Genremalerei, die für ein paar Jahrzehnte heftigst populär war.

Jetzt fand ich eben bei einer kleinen Google-Safari heraus, daß Vibert offenbar für dieses Gemälde erst einmal eine Kardinals-Studie ausgearbeitet hat. Ihr seht links das bekannte Werk und rechts die Studie, die natürlich eigentlich gar keine Studie ist, sondern ebenfalls ein vollwertiges Gemälde. Für die endgültige Version hat der Künstler dem Prälaten dann einfach noch ein wenig mehr Lametta auf die Brust geknallt. Einen mächtigen Juwelenklunkerring hat er leider vergessen.

Die ursprünglich so beliebte Genremalerei genoß spätestens in der Mitte des 20. Jahrhunderts bei nicht wenigen Kritikern einen miserablen Ruf, weil sie als zu „banal“ galt. Den Meistern wurde vorgeworfen, ernste Themen mit zu großer Scherzhaftigkeit anzugehen, keine künstlerische Ambition zu besitzen, nicht „originell“ zu sein und grundsätzlich eher Illustration bzw. hochwertige Karikatur als Kunst zu schaffen. Der Tenor geht bei allen Kritikern so etwa in die Richtung „Man kann das ja nur anschauen und sich nicht mit Rotweinglas in der Hand, Baskenmütze auf dem Scheitel und Free Jazz im Ohr im tiefsten Akademie-Jargon darüber unterhalten!“

„Ahhh… Warme Kritikertränen… Köstlich!“

Ich las vor langer Zeit einen Artikel, der irgendwann Mitte der 50er in einem britischen Wochenmagazin gedruckt wurde. Der Autor schäumte vor heiligem Zorn, weil Künstler wie Vibert, Landini, Croegart, Laissement, Brunery etc es wagten, ihm Werke vor die Nase zu knallen, an denen es nichts zu interpretieren gab, für die man keine Gebrauchsanweisung verfassen konnte, über die man nicht mit hochbraugier Distanz oder kodiertem Kennergeraunze dozieren konnte. Daß all die genannten Herren ihr Fach als Maler beherrschten und ihre Werke teilweise mit einer an Besessenheit grenzenden Detailverliebtheit meisterhaft ausführten, das konnte freilich auch der Autor nicht leugnen. Ansonsten knallte er sowohl den Künstlern, als auch jenen, die diese Werke schätzen, eine Beleidigung nach der anderen um die Ohren, bis zu dem Punkt, wo er den Malern unterstellte, weder Maler noch Künstler zu sein und den Sammlern attestierte, einen guten Rotwein nicht von roter Tinte unterscheiden zu können.

‚Guter Rotwein‘!? Eigentlich keine üble Idee…

Ich bin ja bekennender Liebhaber all dieser Künstler und ihrer Werke und durchforste circa drei bis vier Mal im Jahr das Internet, um nachzuschauen, ob es irgendwo ein mir noch nicht bekanntes Gemälde gibt von Borione, Marais-Milton, Weber, Detti, Cacciarelli und wie sie nicht alle heißen. Ich fühle mich von dieser Kritik allerdings nicht persönlich getroffen, weil ich sie aus der Perspektive eines Kunstkritikers gut verstehen kann. Zum Glück bin ich nur Kunst-Angucker. Und als solcher finde ich die Bilder einfach knorke. Erstens konnten die Jungs wirklich was. Und zweitens ist das Sujet einfach zu schön: Katholische Kirchenfürsten und ihre kleinen Schwächen humorvoll und ohne ätzenden Haß künstlerisch vorgeführt!? Shut up and take my money!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s