Krönungskarossenkrümel

Dieses Blog heißt „Die Truhe“, weil der geneigte Leser nach mehr oder weniger langem Herumkramen im Internet hier hin und wieder etwas finden kann, das ihn möglicherweise interessiert.

Es heißt aber auch „Die Truhe“, weil ich es – zumindest in letzter Zeit – nur selten einmal öffne, um etwas hineinzulegen.

Nun habe ich aus dem Schlamm der Webseiten eine Goldklumpen-Information gerettet, die mich wirklich angesprochen und bewegt hat.

Es geht um den Krönungswagen Ludwigs des Sechzehnten von Frankreich.

Zur Einstimmung erst einmal dieser Text (Übersetzung meine, da ich nirgendwo eine offizielle fand):

Am 21. April des Jahres 1794 erklärte der Abgeordnete des Departments Lot, Monmayau in der Nationalversammlung: „Es ist Zeit, die schmutzigen Reste der Tyrannei wegzufegen und alle seine Zeichen und Attribute zu entfernen; nicht der kleinste Rest darf erhalten bleiben. Bürger, Ihr kennt die Vorsichtsmaßnahmen, die angesichts an Rotz erkranter Pferde vorgenommen werden: Man erschlägt sie geschwind, übergibt ihr Geschirr und ihr Zaumzeug dem Feuer und reinigt den Stall, wo sie sich aufhielten, mit Feuer. Ich komme hierher im Auftrag des ‚Comité d’Aliénation et des Domaines‘ um vorzuschlagen, daß ihr auch das Haus reinigt, welches man den ‚Kleinen Marstall‘ des ehemaligen Tyrannen nennt. Es befinden sich dort mehrere durch die Zivilliste finanzierte Kutschen, unter anderem auch jene, die man ‚Krönungskutsche‘ nennt. Dieses Gefährt – eine monströse Anhäufung des Goldes des Volkes und ein Übermaß an Lobhudelei – ist unverkäuflich wegen seiner kolossalen Größe und wegen der ungeheuerlichen Vereinigung aller Attribute des Feudalismus und der Niedertracht, welche alle freien Menschen auszulöschen sich beeilen müssen. Es zum Verkaufe auszustellen würde bedeuten, durch diesen Anblick die Majestät des Vokes zu beleidigen, indem man es an den gottlosen Triumph der Unterdrücker erinnert, welche durch seine rachedurstige Gerechtigkeit getroffen wurden…“

Im Anschluß an diese Rede beschloß die Nationalversammlung die Zerstörung des Gefährts: „Die sogenannte Krönungskutsche wird zerlegt: Das aus ihr gewonnene Gold und Silber wird der Staatskasse übergeben. Alles Messing, das den Aufdruck des Königtums zeigt, wird demontiert, um zu Kanonen gegeossen zu werden. Ornamente, Leder, Baldachin, Federn etc werden verkauft. Das Komitee zur Erziehung der Öffentlichkeit wird die Malereien auf den Tafeln des Wagens untersuchen und entscheiden, ob sie es wert sind, als Kunstwerke erhalten zu werden; sollten sie es nicht sein, werden sie verbrannt. Diese Maßnahmen erstrecken sich auch auf ähnliche Kutschen des Großvaters, der Schwestern und der Tochter des letzten Tyrannen.“

Die von den Revolutionären als Symbol der Tyrannei gehaßte Kutsche, von der hier die Rede ist, war die letzte, große, zeremonielle Kutsche, die in Frankreich während des Ancien Régime angefertigt wurde. Der federlose Wagen soll im Jahre 1775 schon altmodisch gewirkt haben, da die Grandes Carrosses zu dieser Zeit offenbar bereits von den Berlinen verdrängt wurden. Der Krönungswagen übernahm jedoch eine große Neuerung im Kutschbau, nämlich Paneele, die so angebracht waren, daß sie die gesamte Außenseite abdeckten. So war es möglich, eine gemalte Szene ohne vertikale Unterbrechung über die Länge des Kastens zu strecken. Eine Vielzahl von Handwerkern und Künstlern schuf diese Karosse, von der der Herzog von Croÿ sagte, sie sei „superb, einzigartig und immens, mit einer blendenden Wirkung“.

Im Jahre 1794 wurde der Krönungswagen nun systematisch zerstört. Jacques-Louis David wurde beauftragt, die Malereien der Kutsche zu inspizieren und zu bewerten. Er kam zu dem Schluß, daß sie es nicht wert seien, gerettet zu werden. Angeblich soll er während seiner Untersuchung mit einer Messerspitze all jene Elemente verunstaltet haben, die er als geschmacklos empfand. Gold und verwertbares Material wurden dann von der Kutsche entfernt. Was übrig blieb, wurde den Flammen übergeben. Die letzte Krönungskarosse des Ancien Régime war restlos verschwunden.

Glaubte man…

Im Jahre 1990 übergab das Jurassische Museum für Kunst und Geschichte in Delémont/Schweiz dem Historiker und Karosseriespezialisten Rodolf Wackernagel zum Zweck der Restaurierung ein Kutschen-Paneel. Das Museum hatte dieses Stück 1946 von der Familie Béchaux in Porrentruy erworben. Ein Mitglied dieser Familie hielt sich während der Revolutionsjahre in Paris auf. Das Paneel wurde im Museum gelistet als Türe der Kutsche des Basler Fürstbischofs Simon Nicolas de Montjoie mit einer allegorischen Malerei, die François Boucher oder seiner Werkstatt zugeschrieben wurde.

Aufgrund seines immensen Wissens über die französischen Krönungswagen konnte Wackernagel anhand einer vorliegenden Gravur von Louis Prieur aus dem Jahre 1783 das Paneel zweifelsfrei als das der linken Türe der Karosse Ludwigs des Sechszehnten identifizieren. Zwischen 1992 und 1994 wurde das Paneel restauriert.

Die Gravur von Louis Prieur

2012 integrierte das Musée des Beaux-Arts in Arras im Rahmen einer Ausstellung das Paneel in eine Vergrößerung der Gravur, was den Besuchern ermöglichte, die gewaltige Größe der Kutsche zu erleben. Der Kopf eines durchschnittlich großen Erwachsenen endet irgendwo zwischen der Oberkante des eingefügten Paneels und der Unterkante der Fensterscheiben.

„Wie ist die Luft da oben?“

Es wird wohl immer so sein: Revolutionäre können nicht warten. Mehr noch: Der Furor und der Vernichtungswille wollen sogar Einfluß auf die Erinnerung nehmen. Und so müssen nicht nur Menschen beseitigt werden. Es muß auch alles sinnlich Erfahrbare ausgelöscht werden, damit wenige Generationen später die der Realität entsprechenden Erzählungen ausgedünnt sind und das kontrollierte Narrativ gemästet werden kann.

Ich finde schlechte Verlierer schon kacke. Aber schlechte Gewinner sind noch übler. Meinen Hut ziehe ich indes vor der Person, die damals das Paneel – aus welchem Grund auch immer – rettete und dabei Kopf und Kragen riskierte.

Daß ich diese Krönungskarosse lieber in einem Museum sähe als sie in Trümmern und Asche zu wissen, dürfte den Alipius-Kennern schon alleine wegen der sich auf dem Dach des Wagens tummelnden Putten einleuchten.

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