Hokuspokus

Wir verließen den kleinen François an dem Tag, an dem der von ihm (und auch von seinem Bruder) geschätzte Hauslehrer, der Abbé Lejeune, das Château de Bernis verließ, um an einem akademischen Titel zu arbeiten. Der Nachfolger war ein junger Seminarist, dessen „bereits von der Natur und durch die Erziehung eingeschrumpfter Kopf von einer falsch verstandenen Frömmigkeit endgültig überhitzt worden war“.

Die Erziehungsmethode des neuen Hauslehrers läßt sich wohl am besten zusammenfassen mit dem Satz: „Treib den Buben die Fröhlichkeit aus!“

François geriet in einen Teufelskreis: Wann immer er vom Lehrer zu hart behandelt wurde, suchte er bei den Damen des Hauses – besonders denen der Küche – Trost, ließ seinen Charme spielen, seine Bäckchen glühen oder – wenn es sein mußte – auch die Tränen kullern. Er ließ sich ein wenig bemitleiden, ein wenig verwöhnen, ein wenig knuddeln und kehrte mit hocherhobenem Herzen und fröhlichem Geist zurück, nur, um vom Lehrer wieder einen Kopf kürzer gemacht zu werden.

In seinen Memoiren schlägt sich dieses als dreifache Warnung nieder, wenn er die Leser ermahnt, erstens die Hauslehrer besser zu bezahlen und somit würdigere als nur die Dahergelaufenen anzuziehen, zweitens die Kinder sowieso lieber im Collège als im Haus erziehen zu lassen und sie drittens nicht zu lange unbeobachtet einer Schar wohlmeinender Damen zu überlassen.

Zurück zum neuen Lehrer: François und Philippe mußten vier Mal am Tag auf mit Nägeln bestückten Brettern kniend ihre Gebete verrichten, mußten Dornenarmbänder tragen, mußten hin und wieder die Hälfte ihrer ohnehin frugalen Mahlzeiten „ihrem guten Engel“ (wer das wohl gewesen sein mag?) opfern und wurden regelmäßig „diszipliniert“, nicht, um sie zu bestrafen, sondern „um ihre Bußfertigkeit zu nähren“. Die Eltern bekamen von all dem nichts mit, weil sie während des Unterrichts nicht anwesend waren und weil die Buben dachten, daß das schon alles irgendwie in Ordnung ist. Sie hatten bestimmt irgendwann mal irgendetwas falsch gemacht, was diese Behandlung rechtfertigte, und eine Beschwerde bei den Eltern hätte ihnen womöglich noch mehr Ärger eingebracht.

Zum Glück waren die Eltern vernünftig. Sobald sie die ersten Schwielen an den Knien und Gelenken der Kinder sahen, mußte der Seminarist seinen Hut nehmen. Die Buben wurden in der Folge von „drei bis vier weiteren Ignoranten, Schlägern und Wüstlingen“ in die Verzweiflung getrieben, bis François eines Tages die Faxen so richtig dicke hatte und seine Rache plante.

Er war von Natur aus, wie er und seine Biographen uns wissen lassen, eher couragiert, helle und nicht nur beleibt sodern auch durchaus kräftig. Aber er war sowohl durch seine Phantasie als auch durch die vielen Ammenmärchen, die er seit allerfrühester Kindheit zu hören bekommen hatte, verunsichert. Seine früheste Erinnerung ist die an diverse Schatten, welche das Kerzenlicht an die Wände seines Zimmers warf. Er lag in seinem Bettchen und stellte sich unter den ständig sich verändernden Formen alles mögliche vor, dabei sicherlich nicht immer Angenehmes. Wußte er auch, daß die Geschichten der Kindermädchen erschwindelt waren, so fand er sich doch in ihrem Bann. Ja, er liebte es sogar, haarsträubenden Berichten zu lauschen und sich wohligen Schauern zu überlassen, was ihn für lange Zeit zum Gefangenen einer unbegründeten Angst machte: „Während der ersten zwanzig Jahre meines Lebens fürchtete ich die Toten mehr als die Lebenden“.

Er wurde von seiner oft haltlos galoppierenden Phantasie wohl nur deswegen nicht nachhaltig geschädigt, weil er ein ebenso großes Interesse an der Natur fand. Er beobachtete stundenlang den Himmel, die Pflanzen, die Tiere. All diese Farben, Formen, Düfte und Klänge, aufgenommen nicht mit dem Verstand eines Wissenschaftlers, sondern mit den Augen eines Künstlers und der Seele eines Poeten, mußten sich mit der Zeit wie Balsam auf die kratzenden und juckenden Albdrücke gelegt haben.

Im zarten Alter von sieben Jahren stand Francois allerdings noch mit beiden Beinen fest in der Welt der Zauberei, des Sagenumwobenen und des Mysteriösen. Unter den von ihm gehorteten Büchern fand sich auch eine Ausgabe des Comte de Gabalis, eines fiktiven Okkultisten, der für den jungen Pläneschmied der Schlüssel zum Erfolg zu sein schien, führte der Comte als spiritueller Meister in fünf Reden doch wißbegierige Schüler in die „geheimen Wissenschaften“ ein.

François sah die Lösung all seiner Probleme: Er faßte den Entschluß, sich den Mächten der Hölle anzuvertrauen, ein großer Magier zu werden und den Hauslehrer in einen Baum oder einen Stein zu verwandeln. So erhob sich der Siebenjährige eines Morgens gegen vier Uhr, suchte bei Tagesanbruch einen stillen Ort im Garten auf und machte sich an seine Beschwörungen und Anrufungen. Jedoch: Kein Engel der Finsternis erschien. Der Möchtegernmagier vermutete, daß es draußen bereits zu hell war, und so verkrümelte er sich mit pochendem Herzen in einen dunklen Keller, um das Werk zu vollenden. Doch kaum hatte er das Buch aufgeschlagen, kam hinter einigen Fässern eine schwarze Katze hervor und lief ihm fauchend zwischen den Beinen hindurch. Dies, so schlußfolgerte François, konnte nur der Teufel persönlich gewesen sein. Mit zu Berge stehendem Haar hastete er davon, im Glauben, die gesamte Hölle sei ihm auf den Fersen. Es folgten einige Nächte voller Schlaflosigkeit und Albträumen. Endlich gewann die Reue. François vertraute sich seiner Mutter an. Diese hatte in ihrem Sohn schon in frühester Kindheit „die Liebe zu aber auch die Furcht vor Gott erweckt“ und reagierte entsprechend verständnisvoll, aber auch mit dem Befehl, sich beichtend einem Priester anzuvertrauen. Nicht jeder Siebenjährige weiß bei seiner ersten Beichte mit einer solchen Geschichte zu erstaunen. Der aufgesuchte Generalvikar erteilte die Absolution, und Francois hatte danach, wie er schreibt „nicht mehr viel Gefallen an Zaubersprüchen“.

Nach den Enttäuschungen mit den diversen Hauslehrern beschloß Papa de Bernis, seine Söhne auf eine Schule zu schicken. Was François dort so trieb, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Teil.


Teil I: Die ersten Schritte

Teil III: Ein Austausch von Kreuzen

Die ersten Schritte

François-Joachim de Pierre, Kardinal de Bernis, erblickte das Licht der Welt am 22. Mai 1715 im elterlichen Schloß zu Saint-Marcel-d’Ardèche nach einer komplizierten Geburt, die ihm und seiner Mutter fast das Leben gekostet hätte und ihn – wie es in seinen Memoiren heißt – von Kopf bis Fuß „ganz schwarz“ aussehen ließ. Er war das vierte und letzte Kind seiner Eltern, Joachim de Pierre, Seigneur de Bernis und Marie-Elisabeth de Chastel de Condres. Die Familie war von altem Adel; einer seiner Vorfahren, Pierre de Pierre, machte sich bereits im ersten Kreuzzug einen Namen. Man war verwandt mit den Montmorency, den Rohan, den Polignac, den La Tour d’Auvergne, und bei den guten Beziehungen zum Hofe hätte selbst ein wenig bis mittelbegabter Sprößling gute Aussichten auf ein Regiment oder einen Bischofssitz gehabt.

Unser kleiner François, so wird sich bald zeigen, war überdurchschnittlich begabt. Aufgrund eines Fehltritts des Vaters war ihm der ganz einfache Weg nach oben jedoch verbaut. Joachim hatte sich – vielleicht eingeschnappt, vielleicht des Krieges müde – im Jahre 1704 aus den königlichen Diensten zurückgezogen, nachdem ihm nicht – wie erwartet und erbeten – ein Kavallerieregiment sondern ein Infantrieregiment angeboten wurde. Die Familie verlor darauf ein wenig an Ruf – Joachim wurde künftig vom Hof ignoriert – und einiges an Einkünften.

Als Joachim nach Saint-Marcel zurückkehrte, wartete dort auf ihn neben der Gattin auch seine vierjährige Tochter, Francoise-Hélène. Zwei Jahre später brachte seine Frau ein zweites Kind zur Welt, ein weiteres Mädchen, Gabrielle Elisabeth. Knurrig und skeptisch entschied Joachim, daß zwei Mitgifte ausreichen und sah erst einmal von der Zeugung weiterer Kinder ab. Im Februar des Jahres 1714 wurde dann der erste Sohn, Philippe, geboren. Und damit nicht genug: Im folgenden Jahr erblickte François-Joachim das Licht der Welt.

Das Geburtsrecht entschied über die ersten Jahre des künftigen Kardinals: Während Philippe im elterlichen Schloß aufwuchs, gab man François in eine Pflegefamilie. Er nuckelte im Bauernhaus (an welches er immer gute Erinnerungen hatte) seine erste Milch, wurde aber auch – weil die Dame des Hauses wenig von dieser zu bieten hatte – früh an Kohl- und Specksuppe gewöht, ein Umstand, dem er, wie er später in den Memoiren vermutet, die „Kraft seiner inneren Organe“ zu verdanken hat.

Dreijährig kehrt er ins elterliche Schloß zurück und gleitet so von der Welt der Ammen und der nach diesen benannten Märchen voller Ziegenfüße und Hexentänze hinein in die Klänge der Madrigale, die seine Mutter ihm vorsingt. Eine seiner frühesten Erinnerungen und sicherlich nicht unbedeutend für seine spätere Aktivität als Verseschmied: „Ich konnte Reime stammeln, bevor ich Prosa schreiben konnte“.

Die Mutter ist es auch, die ihm Lesen und Schreiben beibringt, während ein junger Abbé namens Lejeune für den Rest der Ausbildung zuständig ist. Diesem Abbé gelang es, die vom Vater zwischen den Brüdern angestiftete Rivalität in gegenseitige Liebe umschlagen zu lassen. Joachim de Bernis hatte früh erkannt, daß der zweitgeborene Sohn der Glückstreffer war. Und so versuchte er in den ersten Jahren, den Erstgeborenen zu ermutigen, das Niveau des Bruders zu erreichen. Ein hoffnungsloses Unterfangen: François, dieses specksuppenschlürfende Riesenbaby mit seinem unendlich wissbegierigen und dennoch stets verträumten Puttenkopf, war und blieb Philippe immer einen Schritt voraus, weil er offenbar schon als Kind jene Eigenschaft besaß, die ihn für den Rest seiner Ausbildungszeit auszeichnete: Wußte er sich an der Spitze irgendeines Faches oder igendeiner Klasse, so ruhte er auf seinen Lorbeeren und gab sich der Tagträumerei und der stillen Beobachtung der Natur hin (und zapfte somit die beiden reichsten Quellen für seine Dichterei an). Drohte man, zu ihm aufzuschließen, studierte und arbeitete er Tag und Nacht, bis seine Konkurrenten ihn erneut nur noch am Horizont sahen, wo er sich dann wieder der Muße und der Muse hingab etc…

Auch entwickelte François früh eine gewisse Unabhängigkeit: Auf dem Dachboden des Schlosses hatte er eines Tages Bücher seines Großvaters gefunden. Die Gedichte des Ronsard gefielen ihm besonders. Der strenge Vater nahm ihm die Bücher ab, die milder gestimmte Mutter stellte später, beim heimlichen Korrigieren der ersten Verse ihres Sohnes, fest, daß dieser seinen Ronsard behalten oder zurückerobert hatte und weiter darin stöberte: Zu altmodisch war die Sprache des dichtenden Dreikäsehochs, zu ungewöhnlich waren die Worte.

Der gute Abbé Lejeune verließ das Haus nach zwei Jahren. Auf ihn folgte eine ganze Reihe von Hauslehrern, die mit ihrem religiösen Fanatismus und ihren dubiosen Praktiken des Strafens und Erniedrigens dem noch verletzlichen und zarten Kinderherz den ein oder anderen Schmerz bereiteten. Wie unser kleiner François dieser Herausforderung begegnete, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Teil.


Teil II: Hokuspokus

Zum Aufwärmen oder „Liebe in den Zeiten des Coronavirus“

Wie das strahlende Licht eines lange erloschenen Sterns, der sich noch ein letztes Mal mitteilen möchte, nicht verzweifelt, nicht bettelnd, aber doch mit aller Dringlichkeit, aller Gewichtigkeit und aller Bedeutsamkeit, so fiel mit das Gesicht des Kardinals de Bernis vor vielen Jahren in Form einer Radierung in die Hände. Nach kurzer Recherche erwies sich eine Beschäftigung mit diesem Charakter als zwingend notwendig, wurde aber aufgrund der sprachlichen Barriere (meine Französischkenntnisse waren und sind spärlichst) erst einmal auf die To-Do-Liste gesetzt. Ich hatte kurz zuvor erst die Grafen von Schönborn und den Fränkischen Barock entdeckt, und dies war ein Feld, welches ebefalls anständig abgeerntet werden wollte.

Immer wieder zog es meinen Verstand und mein Herz in den folgenden Jahren an die Seite des Kardinals, ohne daß zu einer wirklich fruchtbaren Auseinandersetzung mit seinem Leben und Werk gekommen wäre.

Er begegnete mir in Casanovas Memoiren, in etwas ausführlicheren oder thematisch fokussierten Geschichtsbüchern, in Zeitungsartikeln vor allem aus dem 19. Jahrhundert und – natürlich – im Internet, wo eine Suche nach ihm nicht selten interessante Details, amüsante Anekdoten oder auch neues Bildmaterial einbrachte.

Und so füllte sich die Schale dieser seltsamen Vernarrtheit und floß nun endlich über. Liebe in den Zeiten des Coronavirus mag oft einhergehen mit durch Reiseverbot verursachtem Trennungsschmerz. Mir haben diese Tage und Wochen der Abgeschiedenheit den Weg bereitet und die Türen bzw die Bücher geöffnet. Ich pfiff auf die Verständigungsschwierigkeiten und machte mich an die Arbeit, die immer noch wie ein Berg vor mir liegt. Erst 113 von insgesamt 1.280 zu übersetztenden Seiten habe ich überwunden. Aber auf die mühevolle Arbeit folgt, wie beim Bergsteigen, der süße Lohn: Am Ende jedes Abschnitts atme ich zufrieden und glücklich durch, genieße den sich mir bietenden Ausblick und danke Gott für seine Schöpfung.

Nun ist also geklärt, daß ich den Kardinal de Bernis, der mich soeben durch die Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts führt, für eine der faszinierendsten historischen Persönlichkeiten überhaupt halte, aber das bedeutet nicht, daß der geneigte Leser sofort nickt und wissend raunzt, wenn dieser Name fällt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: De Bernis war und ist eine dieser Indie-Bands der Geschichte, deren Namen zwar fast jeder schon einmal gehört hat, mit deren Musik aber dennoch nur die Liebhaber vertraut sind. Er war keiner der ganz Großen, sein Name fällt nur in wenigen Fällen dort, wo Welt- oder zumindest europäische Geschichte für die Schulbücher geschrieben wird. Sprich: Er tauchte nicht überall in den Charts auf, aber er machte – wie man heute so sagt – stets sein Ding. Dies mit Leidenschaft und – wo es nötig war – auch meisterlich, so daß er immerhin im Laufe der Zeit eine treue Fangemeinde um sich scharen konnte, die ihm, so wie ich in diesen Wochen, von Auftritt zu Auftritt hinterherreist.

Ich veröffentliche die kommenden Beiträge also nicht nur, um mir die eigene Leidenschaft von der Seele zu schreiben, sondern auch, um in Ausschnitten, Anekdoten, manchmal in Übertreibungen, hin und wieder vielleicht auch in Ahnungslosigkeit dem geneigten Leser ein Bild zu malen von einem Menschen, der ganz weit oben auf meiner „Wenn Du mit einer historischen Persönlichkeit einen Kaffee trinken könntest“-Liste steht.

Packen wir’s an.

Herkunft (und Selbstverteidigung)

Bevor wir uns eingehend mit dem Kardinal de Bernis beschäftigen, stelle ich Euch den Ort seiner Kindheit vor, das Städtchen Saint-Marcel d’Ardeche, an dessen Rand das Château de Bernis steht, errichtet zwischen dem Ende des 17. und dem Anfang des 18. Jahrhunderts über einem älteren Bau.

Château de Bernis

Über die Kindheit des Kardinals und das ein oder andere Abenteuer, welches er im Schloß erlebte, gibt es später mehr. Ich bringe den Bau jetzt schon ins Spiel, weil sich mit ihm eine – wie ich finde – gar köstliche Anekdote verbindet:

Vor 22 Jahren, also in dem Jahr, in welchem die Biographie veröffentlicht wurde, aus der ich momentan übersetze, wurde das Schloß bewohnt von einer Um-drei-Dutzend-Ecken-Verwandten des Kardinals und ihrem Sohn. Von der Dame wird geschrieben, daß sie jeden Wandel der Zeiten ungefähr ebenso tapfer hinnahm wie das Schloß selbst über die Jahrhunderte hinweg Revolutionen, Verwüstungen und Eindringlinge überstand. Gleichgültig gegenüber diesen Phänomenen gab sie sich allerdings nicht. Im Gegenteil: Zur Abwehr gelegentlicher Diebe, die versuchten, an die überlebenden Stücke glänzenderer Zeiten zu kommen, legte sie sich eine Kalaschnikow zu, von welcher sie sich erst trennte, als die ersten Enkel geboren wurden. Sie schien aber auch danach noch durchaus dazu fähig, unerwünschte Gäste fernzuhalten, was die lokale Gendarmerie auf ihre Weise würdigte, indem sie der Dame einen passenden Spitznamen verpaßte: „Ma Dalton“!

Gefällt mir.

Geburtswehen

Ich schleppe schon seit vielen Jahren die Idee mit mir herum, mich schreibend mit dem Kardinal de Bernis zu beschäftigen. Zu interessant erschien mir diese historische Persönlichkeit auf den ersten Blick und während der ersten, flüchtigen Zeilen, die ich über sie las.

Das Problem: Meine Französisch-Kenntnisse sind im Grunde nicht existent, beschränken sich auf das, was ich aus dem Lateinischen ableiten kann, und auf einzelne Worte oder Phrasen, die sich mir im Laufe der Jahre eingeprägt haben. Der Übersetzungsservice von Google wird glücklicherweise immer besser, und wenn dieser nicht hilft, versuche ich auf andere Art, dem Internet die Bedeutung des fraglichen Wortes bzw. der fraglichen Wendung abzuringen. Bekloppt wie ich bin, tippe ich nun abwechselnd gleich drei französche Kardinalsbiographien in das Übersetzungsfenster und stehe kurz davor, mir über einen Amazonkunden eine vierte, erst im vorigen Jahr erschienene, zuzulegen. Insgesamt läßt sich die Arbeit im Moment ganz gut an. Ich nehme die kürzeste der Biograhpien als Basis, und wandere von dort in diverse Kapitel der etwas ausschweifenderen Bücher, um einer interessanten Begebenheit vielleicht etwas mehr Fleisch auf die Rippen geben zu können.

Zu den sprachlichen Problemen kommen zwei weitere hinzu: Erstens kann ich kaum drei Zeilen – und seien es noch so banale – aus einem der Bücher übersetzen, ohne daß ein Teil von mir, der offenbar auf besonders schräge Art empfindsam ist, mit Gewalt nicht nur in eine andere Zeit, sondern auch an andere Orte zurückgezerrt wird. Jeder Schritt, den de Bernis in Saint-Marcel-d’Ardèche als Bub, in Paris als armer Student und Verseschmied, in Versailles als Pompadour-Berater, in Venedig als Botschafter oder in Rom als Kardinal macht, ist ein Schritt, den ich selbst schon einmal getan habe. Jeder Name, der fällt, klingt vertraut. Jedes Gebäude, das erwähnt wird, ist bekannt. An jedem Blumenduft und an jedem Vogelgesang, möchte ich fast behaupten, habe ich mich selbst erfreut, jeden Bissen eines jeden Mahls selbst gekostet. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es anders beschreiben soll.

Zweitens: Die Übersetzung könnte viel schneller vorangehen, sähe ich den Kardinal nicht ständig vor meinem inneren Auge, zum Anfassen klar. Und weil ich ihn sehe, kann ich um so mehr mit ihm fühlen, über seine Bonmonts schmunzeln, mich über seine Erfolge freuen, mich über seine Torheiten ärgern und – nicht zuletzt – bis zur Herzenseinäscherung mit ihm lieben, treu sein, loyal sein.

Da ich nun aber auch weiß, wie die Geschichte endet, zittern mir nach jeder weiteren übersetzten Seite die Hände immer stärker, protestiert der Magen immer vernehmlicher, steht der Schweiß immer dichter auf der Stirne. Bald muß ich hilflos dem Ende der Welt, die ich kenne und liebe, zusehen und mich selbst von der Höhe gewaltigen Reichtums, prachtvollen Glanzes und sprudelnder Geselligkeit herabstürzen in die Grube finanziellen Ruins, leerer Gemächer und trister Einsamkeit.

Die abgebrühten Asketen werde mich jetzt auslachen und mir vorwerfen, als Priester viel zu sehr an den Dingen der Welt zu hängen. Sollen sie’s. Ich kann nicht mit de Bernis reimen, schuften, lieben, lachen, klettern, straucheln, feiern nur, um ihn dann alleine und teilnahmslos fallen zu lassen. Am Ende kann ich immerhin sinngemäß mit ihm klagen: „Ich sah es kommen und konnte es nicht verhindern“.

Ich kann jetzt noch nicht genau sagen, wann ich zum ersten Mal einen eigentlichen Beitrag über den Kardinal schreibe. Aber ich weiß, daß ich nicht einfach sein Leben nacherzählen werde. Das haben andere getan. Bei mir wird es wahrscheinlich eine Mischung sein aus Andekdoten und „Das Leben des Francois Joachim de Pierre, Kardinal de Bernis, wie es sich gemäß Herrn Alipius gefälligst abgespielt hat“. Oder so.

Zwischenhäppchen

An den nächsten beiden Einträgen werde ich etwas länger arbeiten, da ich noch recherchiere und übersetze. Als Pausenfüller gibt es einen Vorgeschmack auf den Protagonisten des einen Beitrags: Francois Joachim de Pierre, Cardinal de Bernis.

Er ist der Hauptgrund, warum ich bis heute die Entscheidung bereue, die französische Sprache nicht gemeistert zu haben. Die nicht geringe Anzahl von Biographien, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hat (ein neues Werk ist erst im vergangenen Jahr erschienen), beweist, daß der Kardinal als klassischer Vertreter gleich mehrerer ausgestorbener Menschenschläge eine gewisse Faszination ausübt, die von Dauer ist.

Eines der aussagekräftigsten Portraits konnte ich in anständiger Bildauflösung leider nur in schwarzweiß finden. Aber auch die farblose Eminenz dürfte verdeutlichen, warum ich an diesem Mann nicht desinteressiert und ruhigen Herzens vorbeischlendern konnte. Rein äußerlich schon einer der barockmöglichsten Kirchenfürsten, läßt sich hier in der Miene des Abgebildeten ein Teil seines Charakters und Lebens ablesen: Die aufgeweckte Neugierde und die bedächtige Freundlichkeit kommen nicht ohne eine allgemeine Skepsis gegenüber dem Lauf der Dinge daher, weil es letztlich ja in den meisten Fällen doch nicht so kommt, wie man es sich grade ausmalt.

Geboren 1715 und verstorben 1794 hat der Kardinal de Bernis das 18. Jahrhundert nicht nur gut kennengelernt, sondern auch exemplarisch verkörpert und mal genossen, mal durchlitten. Mehr davon demnächst auf dieser Seite.