Kunst (und wie man sie geziemend präsentiert)

Kardinalstaatssekretär Silvio Valenti Gonzaga (1690 – 1756) war nicht nur ein schwerst barocker Prälat (besaß also somit die Eintrittskarte zu diesem Blog), sondern zeichnete sich auch aus als großer Liebhaber und Sammler von Kunstwerken und legte als solcher die Grundlage für die Kapitolinische Pinakothek. Er förderte neben anderen Künstlern den französischen Maler Pierre Subleyras, vom dem dieses Portrait des Kardinal stammt:

Brutal-Barock in Perfektion: „Dove sono le dolci?!“

Der Kardinal war zudem Pannini-Kunde und beauftragte den bekannten Vedutista damit, ihn umgeben von seinen gesammelten Malerei-Schätzen in einer fiktiven Galerie abzubilden:

Pinterest alla Settecento, ein frühes „Where’s Waldo?“ oder das erste Pa(n)nini-Sammelalbum?

Auch lediglich entfernt Kunstinteressierte werden hier sicherlich das eine oder andere Werk wiedererkennen, wenn auch die barocke Rahmen-an-Rahmen-Anordnung für die Augen der Besucher moderner Galerien etwas ungewöhnlich sein mag.

Besonderes Problem + clevere Lösung = Einzigartiger Kirchenbau

„Wir seyn die viertzehn nothhelffer und wöllen ein Cappellen haben und auch gnediglich hie rasten und biß unser diener so wöllen wir dein diener wieder seyn.“

Mit diesen Worten begann die Geschichte des Wallfahrtsortes Vierzehnheiligen. Ein Schäfer des zwischen Coburg und Bamberg liegenden Klosters Langheim bei Lichtenfels sah am 24. September des Jahres 1445 auf einem Acker ein kleines Kind sitzen. Als er es auf den Arm nehmen wollte, verschwand es. Kurze Zeit darauf sah er das Kind erneut, an derselben Stelle, dieses Mal zwischen zwei brennenden Kerzen. Wieder verschwand das Kind, als der Schäfer sich ihm näherte. Ein Priester, dem er davon berichtete, riet ihm, das Kind nach seinen Wünschen zu fragen, sollte er es noch einmal erblicken. Es dauerte bis zum 28. Juni 1446, bis der Schäfer den Knaben erneut sah, dieses Mal im Kreise von 14 weiteren Kindern. Er beschwor ihn im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit und fragte nach seinem Verlangen. Als Antwort hörte er den oben zitierten Satz. Auf Bericht des Schäfers errichtete man an der Stelle ein Kreuz, und kurze Zeit später wurde das erste Wunder bekannt: Eine todkranke Langheimer Magd wurde nach Anrufung der 14 Nothelfer gesund. Der Ort wurde bekannt, gewann aufgrund weiterer Wunderheilungen an Popularität, und das Kloster entschied sich zur Errichtung einer Kapelle, die 1448 geweiht wurde. Die durch Ablässe geförderte Wallfahrt zog bald Tausende aus Franken, Bayern und Thüringen an. Die Kapelle wurde im Bauernkrieg 1525 zerstört, die daraufhin errichtete, größere Kirche im Dreißigjährigen Krieg. Die dritte Kirche wurde im 18. Jahrhundert zu klein für den Andrang.

Und so holte sich der Abt des Klosters Langheim im Jahre 1735 beim Bamberger Fürstbischof, Friedrich Karl von Schönborn, die Erlaubnis, eine größere Kirche zu errichten. Nach einigem Hin und Her einigten sich Abt und Bischof 1742, die Planung der Kirche dem bischöflichen Architekten Balthasar Neumann zu überlassen und die Bauleitung dem vom Abte bevorzugten Weimarer Landbaumeister Gottfried Heinrich Krohne zu übertragen.

Neumann erkannte bald, daß Krohne von den ursprünglichen Plänen abgewichen war und den Bau etwas nach Osten versetzt hatte. Dies führte dazu, daß die Erscheinungsstelle mit dem Gnadenaltar nicht mehr in der überkuppelten Vierung der Kirche stand, sondern sich im Langhaus wiederfand. Ob Krohne Planierungsarbeiten vermeiden und so die Kosten niedrig halten wollte, oder ob ihm als Protestant schlicht die Erfordernisse einer katholischen Wallfahrt unbekannt waren (oder beides), ist nicht geklärt.

Fürstbischof Schönborn jedenfalls war unbegeistert und verkündete, daß „alle gamachten lutherischen nebensprüng müssen beseitigt werden…“ und beauftragte Neumann, den Bau „nach dem wahren katholischen Erfordernuss gantz zu machen“.

Neumann, für den ein kompletter Neubau (also ein Abriß der bereits stehenden Außenmauern im Ostteil) nicht in Frage kam, half sich mit einem genialen Trick, den man auf dem Grundriß der Kirche sehr schön einsehen kann: Er blähte den Innenraum der Basilika durch runde Formen auf letztmögliche Weise gegen die Kirchenmauern, um so den erforderlichen Raum für Prozessionen zu schaffen.

Ein hübscher Nebeneffekt ist die Tatsache, daß so nicht nur einer der ungewöhnlichsten, sondern auch einer der schönsten spätbarocken Kirchenräume entstand, wie jedermann weiß, der einmal in der lichtdurchfluteten Kirche langsam am Gnadenaltar vorbeischritt.

Ich nehme „Barockprälaten“ für 1.000,-

Da in meinem gestrigen Beitrag der Name „Johann Friedrich Karl von Ostein“ fiel, möchte ich dem geneigten Leser diesen Herrn heute gleich einmal vorstellen, und sei es nur, weil er einer dieser Fürsten war, für die der Begriff „Barockprälat“ erfunden worden ist.

„Barockprälat…? Wo?“

Johann Friedrich Karl (* 6. Juli 1689 in Amorbach; † 4. Juni 1763 in Mainz), war von 1743 bis zu seinem Tode Kurfürst und Erzbischof von Mainz, dazu ab 1756 Fürstbischof von Worms. Er war – wer hätt’s gedacht? – mit Lothar Franz von Schönborn verwandt, seinem Vor-Vor-Vorgänger auf dem Mainzer Bischofsstuhl. Während seiner Amtszeit wurde das Erzstift Mainz in den Siebenjährigen Krieg hineingezogen, was sich äßerst negativ auf die Finanzen auswirkte. Ostein verzichtete darauf auf Einfluß in der Reichspolitik und entschied sich zur Neutralität. Die unter seinem Nachfolger, Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim, ernsthaft verfolgten Aufklärungsbestrebungen innerhalb des Erzstifts wurden bereit unter Ostein angestoßen. Zwar drängte er den damals von allen Aufklärern mindestens kritisch betrachteten Einfluß der Jesuiten nicht zurück (was ihm prompt den Ruf eines dünkelhaften Reaktionärs einbrachte), aber er senkte die Zahl der kirchlichen Feiertage und stieß Reformen der Verwaltung, der Wirtschaft, des Messe- und des Schulwesens an.

Auch äußerlich veränderte sich Mainz während seiner Amtszeit. Balthasar Neumann errichtete die Jesuitenkirche und die Kirche St. Peter, das kurfürstliche Schloß wurde weitgehend fertiggestellt, der edle Osteiner Hof entstand für die Familie, für die verwitwete Schwester der Bassenheimer Hof.

Der Osteiner Hof in Mainz

Ostein wird als väterlich und gütig beschrieben. Wenn ich mir die Bambiaugen und das gemütlich-fette Gesicht mit den unverschämt roten Wangen anschaue, kann ich mir das ganz gut vorstellen. Wie die Jungs das mit der theatralisch-eleganten Fingerhaltung immer hingekriegt haben, ohne sich derbe Krämpfe einzufangen, das versuche ich seit Jahren herauszufinden.

Phantomschmerzen (II)

„Hier stehe ich alle Morgen um 5 Uhr auf, gehe ein paar Stunden im Garten herum, ebenso nachmittags und abends, und zwar mit dem größten Vergnügen von der Welt, von Herzen wünschend, daß der Herr Vetter (d.h. der Neffe) vierzehn Tage bei mir wäre“. Diese Zeilen schrieb Lothar Franz von Schönborn (1655 – 1729), Fürstbischof von Bamberg (ab 1693), Kurfürst und Erzbischof von Mainz sowie Erzkanzler (ab 1695), an seien Lieblingsneffen Friedrich Karl von Schönborn (1674 – 1746), damals Reichsvizekanzler in Wien. Mit „hier“ ist ist das Lustschloß Favorite gemeint, welches einst südlich von Mainz, außerhalb des alten Festungsrings, gegenüber der Mainmündung am Rheinufer lag.

Der Kurfürst hatte das Gelände, einen ehemalingen Stifts- bzw. Abtsgarten, im Jahre 1700 von den Erben des Reichsfreiherrn von Stadion erworben. Ihm stand nun eine Fläche von ca. 400m x 140m zur Verfügung, auf welcher er einen schon länger geplanten, repräsentativen Lustgarten verwirklichen konnte.

In der ersten Phase entstand ein direkt am Ufer liegendes, nur durch einen Fahrweg vom Rhein getrenntes, zweiflügeliges Schlößchen. 1708/1710 wird der kurfürstliche Festungsbaumeister Maximilian von Welsch in das Projekt einbezogen.

Zu der Beziehung zwischen dem Kurfürten und dem Architekten schreibt Max H. von Freeden:

Der Kurfürst hatte einen guten Blick für junge Talente, und so zieht er 1704 den aus Kronach gebürtigen Ingenieur Maximilian von Welsch an sich; da der fränkische Kreistag das von Lothar Franz als Mitdirektor vorgeschlagene Engagement ablehnt, übernimmt er ihn kurzerhand in seine Mainzischen Dienste, um ihm bald darauf auch die Baudirektion im Bambergischen zu übertragen. Welsch verkörpert den damals an allen Höfen auftretenden Typ des Ingenieurarchitekten, der durch Studium und Kriegsdienst das zivile und Militärbauwesen beherrscht und natürlich bei Hofe als Offizier eine ganz andere Stellung einnimmt als die handwerklichen, noch aus der Hüttentradition hervorgewachsenen, bürgerlichen Baumeister. Wie sehr Lothar Franz auch den beiden Brüdern Dientzenhofer wohlgesonnen war und ihren Eintritt in bürgerliche Ehrenämter befürwortete, so wenig hat sich doch ein persönliches Verhältnis zwischen dem Landesherrn und den beiden Baumeistern entwickelt. Ganz anders bei Welsch, der es schließlich bis zum General brachte und unter dem sich die Oberbaudirektion fast zu einer Hofcharge entwickelte. Lothar Franz ist in geradezu rührender Weise stolz auf dieses Bamberger Landeskind, nimmt ihn überall in Schutz und verschafft ihm beim Kaiser eine Erhebung in den Adelsstand; er hat an ihm allerdings auch den Mann gefunden, der seinen eigenen hochfliegenden Ideen in allem, was Bau- und Gartenkunst heißt, zu folgen vermochte.

Max H. von Freeden, Kunst und Künstler am Hofe des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn, Mainfränkische Hefte, Heft 3, Freunde mainfränkischer Kunst und Geschichte e.v., Würzburg (Hrsg.), Buchdruckerei Karl Hart, Volkach, 1949

Bis 1722 wächst, anfangs verschleppt durch den Spanischen Erbfolgekrieg, die komplette Anlage. Auf dem unteren, rheinnahen und dem oberen Parterre entstehen die prunkvolle, auch als Festsaal genutzte Orangerie, die ihr vorgelagerten, halbkreisfömig angeordneten, sechs terrassierten Kavaliershäuser (Vorbild war auf ausdrücklichen Wunsch des Kurfürsten das Schloß Marly), die Wasserspiele, die Becken, die Grotten, die Beete, die Hecken und Alleen.

Salomon Kleiner hat im Jahre 1726 die Favorite in einer Serie von Stichen eingefangen.

Die Favorite wurde bald zu einem (wahrscheinlich zu dem) Lieblingsort des Kurfürsten, und er ließ sich sogleich in einem der sechs Kavallierhäuser ein Schlafgemach einrichten. Diese Pavillons waren übrigens nicht aus Stein, sondern aus Holz gefertigt und ihre Fassade nur mit einer Scheinarchtektur bemalt. Einerseits mag Lothar Franz der Gesamteindruck der Anlage mehr am Herzen gelegen haben als luxuriöse Details der Baulichkeiten. Andererseits hatte er möglicherweise auch genug Voraussicht und Erfahrung, um zu ahnen, daß außerhalb einer befestigten Stadt liegende Frivolarchitektur im Falle einer Belagerung oder eines irgendwie gearteten Aufruhrs nur geringe Überlebenschancen hat. Unserem von „bauwurmb“ befallenen Kurfürsten war es jedenfalls noch vergönnt, die überall gerühmte Pracht und Schönheit der Anlage bis zu seinem Tode zu genießen.

Unter seinem Nachfolger, dem Kurfürsten Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1729-1732) entsteht das wohl noch auf eine Idee von Lothar Franz zurückgehende Porzellanhaus im oberen, nördlichsten Gartenteil. Vorbild war hier das Trianon de Porcelaine in Versailles. Geplant und ausgeführt wurde es von Amselm Franz Freiherr von Ritter zu Groensteyn, der mit diesem Bau erstmals den klassizistischen Stil in das Kurfürstentum einführte.

Die Villa Favorite im Jahre 1726 (oben) und im Jahre 1779 (unten).

Unter den nächsten Fürsten auf dem Mainzer Thron, Philipp Karl von Eltz-Kempenich (1732–1743), Johann Friedrich Karl von Ostein (1743–1763) und Emmerich Josef Freiherr von Breidbach zu Bürresheim (1763–1774) wurde die Favorite eher genutzt als verändert. Während der Regierungszeit des Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal (1774 – 1802), fand im Anschluß an die Kaiserkrönung Franz II. in Mainz vom 19. bis 21. Juli 1792 der sogenannte Fürstentag statt. Ort der Tagungen (und der damit einhergehenden, prunkvollen Festlichkeiten) war die Favorite. Anlaß des Zusammentreffens von Franz II., Friedrich Wilhelm II. sowie zahlreichen anderen deutschen Fürsten und Diplomaten war die Absprache eines Vorgehens gegen das revolutionäre Frankreich. Das Vorgehen – so zeigte sich bald – bewegte sich aber nicht in richtung Frankreich sondern zielte auf die rheinischen Bischofssitze und Fürstentümer. Nachdem im ersten Koalitionskrieg die Revolutionsarmee einen eindeutigen Sieg errungen hatte, besetzte sie schon am 21. Oktober unter General Custine die Stadt Mainz. Die Mainzer Republik wiederum fand sich ab April 1793 von preußischen und österreichischen Truppen eingeschlossen, die einen Gegenvorstoß gewagt hatten.

Für die Favorite war damit jegliche Hoffnung verloren. Zuerst mußten zur Einebnung des Geländes vor der Festungsmauer die Kavalierhäuser verschwinden und eine Anzahl von Bäumen gefällt werden. Und dann wurde während der insgesamt vierwöchigen Bombardierung der Stadt die in der Frontlinie liegende Anlage komplett zerstört. Auch in der Stadt selbst ging vieles für immer verloren. Goethe klagt 1793:

Den 26. und 27. Juli. Den 26sten gelang es uns schon, mit einigen Freunden zu Pferd in die Stadt einzudringen; dort fanden wir den bejammernswertesten Zustand. In Schutt und Trümmer war zusammengestürzt, was Jahrhunderten aufzubauen gelang, wo in der schönsten Lage der Welt Reichtümer von Provinzen zusammenflossen und Religion das, was ihre Diener besaßen, zu befestigen und zu vermehren trachtete. Die Verwirrung, die den Geist ergriff, war höchst schmerzlich, viel trauriger, als wäre man in eine durch Zufall eingeäscherte Stadt geraten.



Bei unserm folgenden Hin- und Herwandern wußten wir den Platz, wo die Favorite gestanden, kaum zu unterscheiden. Im August vorigen Jahrs erhub sich hier noch ein prächtiger Gartensaal, Terrassen, Orangerie, Springwerke machten diesen unmittelbar am Rhein liegenden Lustort höchst vergnüglich. Hier grünten die Alleen, in welchen, wie der Gärtner mir erzählte, sein gnädigster Kurfürst die höchsten Häupter mit allem Gefolge an unübersehbaren Tafeln bewirtet; und was der gute Mann nicht alles von damastnen Gedecken, Silberzeug und Geschirr zu erzählen hatte. Geknüpft an jene Erinnerung, machte die Gegenwart nur noch einen unerträglichern Eindruck.

Johann Wolfgang von Goethe, Die Belagerung von Mainz

Ach, meine geliebte Villa Favorite, die ich nie betrat, die mich nie verzaubern und erstaunen durfte, in deren Gärten ich weder Sonne noch Schatten und am wenigsten die Gesellschaft eines aufgeregt und erfreut herumhummelnden Lothar Franz von Schönborn genoß, der nicht ohne Stolz aber vor allem mit Liebe und Leidenschaft sein Lustschloß und seinen Barockgarten vorführt.

Lothar Franz von Schönborn, Barockfürst extraordinaire: „Hussah! Die Favorite ist bezugsfertig!“

Hätte Salomon Kleiner die Anlage nicht in seinen Stichen festgehalten, so wäre der Schmerz für mich noch unerträglicher. Denn zu beweinen, was ich mir nur in der Phantasie ausmalen kann, führt auf gefährliche Wege.

Hinweisen möchte und muß ich an dieser Stelle noch auf den 3D-Künstler Mark Pieters, der die Favorite in höchst ansprechender Art und Weise rekonstruiert hat. Schaut mal vorbei! Es lohnt sich.

**seufz**

P.S.: Jetzt weiß der interessierte Leser auch, was auf dem Titelbild dieses Blogs zu sehen ist.

Phantomschmerzen (I)

Das Schloß Schönbornslust war der letzte ausgeführte Schloßbau Balthasar Neumanns und gilt als dessen großes, reifes Alterswerk. Erbaut wurde es bei Koblenz-Kesselheim von 1748 bis 1752 im Auftrag des Trierer Kurfürsten, Franz Georg von Schönborn (1682 – 1756). Das Jagd- und Lustschloß war angelegt als Einflügelanlage aus grau-gelbem Sandstein mit fünfachsigem Mittelrisalit und zwei dreiachsigen Eckrisaliten aus rotem Sandstein. In den wenigen schriftlichen Zeugnissen, die ich finden konnte, wurde die Innenausstattung als überaus kostbar und edel besungen. Grundsätzlich ist die Quellenlage zum Schloß eher dünn. Bildmaterial ist ebenfalls kaum vorhanden. Es existiert eine Kreidezeichnung, die das Schloß aus weiter Entfernung zeigt. Ansonsten gibt es einige Pläne und Entwürfe sowie eine Handvoll von Rekonstruktionsversuchen.

Schloß Schönbornslust: Kreidezeichnung, Entwurf, Rekonstruktionsversuch (von oben nach unten)

Der Grund für die mangelhafte Dokumentation: Das Schloß existierte nur für 54 Jahre. Nach dem Tode Franz Georgs nutzen seine Nachfolger, Johann Phillip von Walderdorff (1756 – 1768) und Clemens Wenzelaus von Sachsen (1768 – 1801) den Bau als Jagdschloß. Als nach dem Ausbruch der französischen Revolution Emigranten an Rhein Unterschlupf suchten, überließ Clemens Wenzeslaus seinen königlichen Neffen, dem Comte d’Artois und dem Comte de Provence, im Jahre 1791 das Schloß Schönbornslust. Diese rückten mit keinem ganzen Hofstaat an, der ihnen die Zeit der Planung des großen Gegenangriffs auf die Revolution erleichtern und versüßen sollte.

Koblenz wurde nach kurzer Zeit in Frankreich als der Hort aller gegenrevolutionären Unruhen und Verschwörungen angesehen. Tatsächlich empfahl der Girondist Jacques Pierre Brissot bereits am 15. Dezember 1791 in einer Rede im Jakobinerclub die Zerstörung Koblenz‘, denn „ist Koblenz einmal zerstört, herrscht außerhalb Frankreichs Ruhe, und damit herrscht auch in Frankreich Ruhe“.

Nachdem die Franzosen am 20. September 1792 die Kanonade von Valmy für sich entschieden hatten, schluckten sie einen Bischofssitz nach dem anderen, nahmen Speyer, Worms und Mainz und standen im Oktober 1794 vor Koblenz. Die „Pariser Eleganz“ war bereits aus der Stadt entflohen, die Schönbornsluster Allee zu Verteidigungszwecken gefällt und im Schloß war das Lazarett der kaiserlichen Armee untergebracht. Am 24. Oktober 1974 hatte die französische Armee Schönbornslust erreicht. Sie zog ihre Kavallerie zusammen und marschierte gegen Koblenz. Bis zum Februar 1795 nutzen die Franzosen das Schloß als Lazarett. Sie versäumten es nicht, in diesen Monaten übelste Rache an dem Bau zu nehmen, der für lange Zeit ihre Todfeinde beherbergte. Das Schloß wurde so sehr verwüstet und zerstört, daß es am 1. Juli 1806 auf Abriß an den ehemaligen Schloßverwalter Münzel verkauft wurde. Vom ehemaligen Prachtbau blieb rein gar nichts erhalten. Nur zwei Wirtschaftgebäude überdauerten die Zeit und stehen heute noch an Ort und Stelle.

Ich bin nicht nur ein großer Freund der Schönbornbischöfe des 18. Jahrhunderts, sondern auch ein Bewunderer von Balthasar Neumann. Zu wissen, daß dieses Schloß einst existierte und ein so schmähliches Ende fand, das erfüllt mich immer wieder mit großen Verlustschmerzen.

Der Meister und sein Kunde: Balthasar Neumann (l.) und Franz Georg von Schönborn

Es trieb mich lange eine Frage um, die ich mir mittlerweile beantworten kann (diese Antwort folgt demächst, in einem Beitrag über ein weiteres Stück verlorener Schönborn-Herrlichkeit): Ist es ein Glück, daß vom Schloß nicht mehr Bildmaterial zu Verfügung steht und keine detaillierteren Beschreibungen, vor allem auch der Innenausstattung und Möblierung, existieren? Oder ist es besonders grausam, daß ich nie erfahren werde, was genau mir eigentlich genommen wurde und ich dennoch den Schmerz verspüre?

„Stüfchen, Eminenz!“…

… oder: Warum das Internet doch nicht so übel ist.

Vor einigen Wochen nahm ich wieder einmal den Dienst diverser Bildsuchmaschinen in Anspruch, um Nachschub für meine Sammlung von Prälaten-Szenen zu finden. Ins Auge sprang sofort dieses Gemälde:

Rámon Tusquets y Maignon, „Después del Oficio del Pontificado“ (?), (1888)

Geschaffen wurde es von Ramón Tusquets y Maignon, einem 1834 in Barcelona geborenen Kaufmannssohn, den es nach dem Tod des Vaters nach Italien und zur Malerei zog. Die erste Version dieses Bildes, die ich online fand, kam noch ohne Titel daher. Also bemühte ich die Suchmaschine erneut, dieses Mal mit dem Namen des Künstlers. Schnell fand ich den englischen Titel „Venice, the patriarch in Capa Magna leaving San Giovanni e Paolo“. Das kam mir ein wenig unspanisch bzw unitalienisch vor. Und es klang zudem wegen der in diesem Genre absolut unüblichen Nennung der Cappa Magna im Gemäldetitel schwer nach Trad-Bait.

Der nächste Titel, den ich aufspüren konnte, lautete “Auszug eines Kardinals aus San Zanipolo in Venedig”. Deutsch klang zwar immer noch nich ganz korrekt. Aber der Titel gefiel mir trotzdem schon ein wenig besser, weil er immerhin das hübsche venezianische Schmelzwort „Zanipolo“ (= Giovanni e Paolo) enthielt. Die Patrone dieser Dominikanerkirche sind zwei römische Märtyrer aus der Zeit Konstantins des Großen.

Schließlich versuchte ich es dann mit dem ganz offensichtlichen Weg und schaute mir den Wiki-Eintrag zu Tusquets y Maignon an. Und dort steht geschrieben, daß eines seiner Werke den Titel „Después del Oficio del Pontificado“ (nach dem Pontifikalamt) trägt und im Jahre 1888 gemalt wurde. Jedoch findet man diesen Titel bei einer Google-Suche tatsächlich nur acht Mal und nur im Zusammenhang mit besagtem Wiki-Artikel.

Das war mir dann aber letztlich wumpe. Denn der Titel paßt natürlich hervorragend zur dargestellten Szene, bei der mir drei Dinge besonders auffielen: Erstens mußte ich, als ich das Bild sah, sofort an eine zumindest im Rheinland einigermaßen bekannte Andekdotensammlung denken, welche den schönen Titel „Stüfchen, Eminenz!“ trägt. Zweitens ist die Fassade der Kirche modifiziert, um noch ein wenig Himmel mit ins Bild zu bekommen. Drittens scheint das Werk für einen spanischen Auftraggeber oder zumindest für den spanischen Markt angefertigt worden zu sein. Denn die Art, wie der Kleriker rechts des hellblau gekleideten Mädchens sein schwarzes Ferraiolo über den Unterarm geschlungen trägt, ist mir so nur von spanischen Photos bekannt. Zweitens ist Blau als liturgische Farbe auch ein Phänomen, das ich zuerst mit Spanien in Verbindung bringe. Nun handelt es sich bei den blauen Klerikerkleidern streng genommen nicht um liturgische Gewänder, sondern um eine Chorherren-Cappa und eine Mozzetta, aber ich lasse meinen Eindruck dennoch mal so stehen.

Und warum ist nun also das Internet doch nicht so übel? Weil es mir erstens nach sehr kurzer Suche dieses Werk präsentierte und ich zweitens mit relativ geringem Aufwand einiges über den Künstler und das Werk in Erfahrung bringen konnte (die Kirche kannte ich vorher schon ganz gut, weil sie mir im Rahmen einer größeren Recherche mehrmals über den Weg lief).