Ein etwas anderer Spaziergang durch Paris

Eine nicht zu unterschätzende Nebenwirkung meiner momentanen Arbeit: Ich finde im Internet die tollsten Sachen. Zum Beispiel den „Plan de Turgot“, von dem ich bisher nicht einmal gehört hatte, der sich aber für die nächsten Kapitel meiner Übersetzung als überaus nützlich erweisen dürfte.

Besagter Plan ist eine irrsinnig detaillierte Darstellung der Stadt Paris zu Beginn des zweiten Drittels des 18. Jahrhunderts. Der französische Architekt und Kartograph Louis Bretez besorgte die Maße, indem er – selbstverstänlich mit Erlaubnis der Besitzer – zwischen 1734 und 1736 alle möglichen Häuser und Gärten betrat, um dort das Notwendige zu erfassen. Ab 1736 stach dann der Graveur Claude Lucas die 20 Tafeln des Planes, die aneinandergelegt eine Stadtkarte mit den Ausmaßen von 2,5 x 3,0 Metern ergeben. Die einzelnen Tafeln (und auch den Gesamtplan) könnt Ihr auf Wikipedia bestaunen. Warnung: Der Gesamtplan ist dort in der Originalgröße abrufbar, wird also als jpeg mit 2,08 GB Größe in Euren Rechner einschlagen.

Die Ausrichtung der Karte ist etwas gewöhnungsbedürftig, wird die Stadt doch in der Sicht nach Südosten dargestellt. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Ich werde mir jetzt erst einmal einen Kaffee machen und dann ein wenig in Paris spazieren gehen…

Ein Schaf auf der Schulter

In einem älteren Beitrag erwähnte ich den Kardinal Dominique de la Rochefoucauld (1712 – 1800). Nun fiel mir ein, daß ich in den mittlerweile unergrüdlichen Tiefen meiner jpeg-Schatztruhe einen kolorierten Druck eben dieses Kardinals habe, der gleich doppelt interessant ist.

Erstens ist es eines der ganz spärlich gesäten Bilder, auf welchem man einen Kardinal mit hochgezogener Kapuze und aufgesetzem Galero sieht.

Zweitens trägt de la Rouchfoucauld über seinem Saint Esprit das Pallium, ein Abzeichen, das der Papst den Erzbischöfen der Kirche verleiht.

Die Pallien werden am Hochfest der Apostel Petrus und Paulus in Rom verliehen. Hergestellt werden sie aus der Wole zweier Lämmer, die vom Papst am Agnestag gesegnet wurden (ich war während meiner Jahre in Rom öfters dabei). Die Nonnen des Klosterns Santa Cecilia in Trastevere weben dann die Pallien, die vor der Verleihung am Grab des Heiligen Petrus im Petersdom aufbewahrt werden.

Das Pallium, hervorgegangen aus einem Amtsabzeichen hoher Beamter im alten Rom, ist ein um den Hals getragener Wollkragen, mit zwei auf Brust und Rücken herabfallenden Stoffbändern. Es sind üblicherweise sechs schwarze (beim päpstlichen Pallium rote) Kreuze eingestickt. Es wird mit drei großen Nadeln am Meßgewand festgesteckt. Die Nadeln symbolisieren die Kreuzesnägel Christi. Das Pallium selbst steht für die Schafe, die der Gute Hirte auf seinen Schultern trägt.

Einer der Gründe, warum ich die katholische Religion liebe: Es gibt praktisch nichts sinnlich Erfahrbares, was nicht auch symbolisch irgendwie auf einen Aspekt unseres Glaubens hinweist.

Herkunft (und Selbstverteidigung)

Bevor wir uns eingehend mit dem Kardinal de Bernis beschäftigen, stelle ich Euch den Ort seiner Kindheit vor, das Städtchen Saint-Marcel d’Ardeche, an dessen Rand das Château de Bernis steht, errichtet zwischen dem Ende des 17. und dem Anfang des 18. Jahrhunderts über einem älteren Bau.

Château de Bernis

Über die Kindheit des Kardinals und das ein oder andere Abenteuer, welches er im Schloß erlebte, gibt es später mehr. Ich bringe den Bau jetzt schon ins Spiel, weil sich mit ihm eine – wie ich finde – gar köstliche Anekdote verbindet:

Vor 22 Jahren, also in dem Jahr, in welchem die Biographie veröffentlicht wurde, aus der ich momentan übersetze, wurde das Schloß bewohnt von einer Um-drei-Dutzend-Ecken-Verwandten des Kardinals und ihrem Sohn. Von der Dame wird geschrieben, daß sie jeden Wandel der Zeiten ungefähr ebenso tapfer hinnahm wie das Schloß selbst über die Jahrhunderte hinweg Revolutionen, Verwüstungen und Eindringlinge überstand. Gleichgültig gegenüber diesen Phänomenen gab sie sich allerdings nicht. Im Gegenteil: Zur Abwehr gelegentlicher Diebe, die versuchten, an die überlebenden Stücke glänzenderer Zeiten zu kommen, legte sie sich eine Kalaschnikow zu, von welcher sie sich erst trennte, als die ersten Enkel geboren wurden. Sie schien aber auch danach noch durchaus dazu fähig, unerwünschte Gäste fernzuhalten, was die lokale Gendarmerie auf ihre Weise würdigte, indem sie der Dame einen passenden Spitznamen verpaßte: „Ma Dalton“!

Gefällt mir.

Zwischenhäppchen

An den nächsten beiden Einträgen werde ich etwas länger arbeiten, da ich noch recherchiere und übersetze. Als Pausenfüller gibt es einen Vorgeschmack auf den Protagonisten des einen Beitrags: Francois Joachim de Pierre, Cardinal de Bernis.

Er ist der Hauptgrund, warum ich bis heute die Entscheidung bereue, die französische Sprache nicht gemeistert zu haben. Die nicht geringe Anzahl von Biographien, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hat (ein neues Werk ist erst im vergangenen Jahr erschienen), beweist, daß der Kardinal als klassischer Vertreter gleich mehrerer ausgestorbener Menschenschläge eine gewisse Faszination ausübt, die von Dauer ist.

Eines der aussagekräftigsten Portraits konnte ich in anständiger Bildauflösung leider nur in schwarzweiß finden. Aber auch die farblose Eminenz dürfte verdeutlichen, warum ich an diesem Mann nicht desinteressiert und ruhigen Herzens vorbeischlendern konnte. Rein äußerlich schon einer der barockmöglichsten Kirchenfürsten, läßt sich hier in der Miene des Abgebildeten ein Teil seines Charakters und Lebens ablesen: Die aufgeweckte Neugierde und die bedächtige Freundlichkeit kommen nicht ohne eine allgemeine Skepsis gegenüber dem Lauf der Dinge daher, weil es letztlich ja in den meisten Fällen doch nicht so kommt, wie man es sich grade ausmalt.

Geboren 1715 und verstorben 1794 hat der Kardinal de Bernis das 18. Jahrhundert nicht nur gut kennengelernt, sondern auch exemplarisch verkörpert und mal genossen, mal durchlitten. Mehr davon demnächst auf dieser Seite.