Schöner sparen (IV), …

… oder: Eine kurze Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz.

Nachdem Friedrich Karl von Schönborn im Jahre 1746 verstorben war, fiel die endgültige Fertigstellung der Residenz seinem Nachfolger, Anselm Franz von Ingelheim, in die Hände. Dieser hatte allerdings überhaupt kein Interesse an der Vollendung des Schlosses. Er entließ alle Hofkünstler und übertrug nur Balthasar Neumann den Bau des Käppele auf dem Nikolausberg. Würzburg hielt einmal kurz den Atem an: Nicht nur, weil es in der Residenz nicht voran ging, sondern auch, weil der gesundheitlich schwache Ingelheim sich mit diversen Scharlatanen an der Herstellung von Gold und lebensverlängernden Elixieren versuchte. Sein glücklicherweise in sicherer Entfernung von der Residenz untergebrachtes Labor flog dann auch prompt in die Luft und hätte aufgrund der leicht entflammbaren Materialien, die dort lagerten, fast einen Großbrand verursacht.

Der für Stadt und Residenz nicht ungefährliche Fürst verstarb bereits 1749. Die Würzburger schnauften durch und erkannten erleichtert, daß, wie bei der Bischofswahl im Jahre 1729, auf Stagnation nun wieder Aktivität folgte: Der neue Fürstbischof, Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, ruft Neumann und die Künstler der Schönborn-Regierung zurück, damit diese an Vestibül, Treppenhaus, Gartensaal und Kaisersaal weiterschaffen können. Und nicht nur dies: Greiffenclau stellt dem großen Baumeister einen großen Maler an die Seite: Aus Venedig wird Giovanni Battista Tiepolo gerufen bzw. mit einer riesenhaften Summe gelockt. Der bereits schwer umjubelte Freskenmeister reist mit seinen Söhnen Domenico und Lorenzo an und schafft in den Folgejahren zuerst im Kaisersaal (1751) und dann im Treppenhaus (während der Sommer 1752 und 1753) zwei seiner großartigsten Werke. Die Tiepolos reisen im November 1753 ab. Als Fürstbischof Greiffenclau ein Jahr später verstirbt, gilt die Residenz als so gut wie vollendet..

Der im Januar des Jahres 1755 einstimmig zum Fürstbischof gewählte Schönborn-Neffe Adam Friedrich von Seinsheim hatte einerseits das Glück, daß er sich im Grunde in das so gut wie gemachte Residenz-Nest setzen konnte, litt aber andererseits in seinen Bistümern (1757 kam noch Bamberg hinzu) erst einmal unter den Belastungen des Siebenjährigen Krieges, welcher ihm stellenweise so nahe kam, daß er 1758 sogar die Pferde anspannen ließ, um rechtzeitig aus der Stadt fliehen zu können. Jedoch: Fürst und Stadt und Residenz blieben verschont, und im Jahre 1763 konnte die Arbeit am Schloß wieder aufgenommen werden. Ebenso, wie die bereits verstorbenen, großen Meister der Residenz nun durch eine Generation neuer Künstler ersetzt wurden, so mußten auch die alten Pläne für die endgültige Fertigstellung weichen. Fürstbischof Seinsheim entschließt sich, mit der Mode zu gehen und läßt Vestibül und Treppenhaus entsprechend dem neuen „goût grecque“ in klassischer Einfachheit vollenden. Hatte Neumann noch – wie auf erhaltenen Entwürfen zu sehen – für das Treppenhaus ein blühendes Rokoko-Kleid im Stile des Weißen Saales vorgesehen, so wurde nun schlichter ausgestattet, wobei sogar bereits vorhandener Rokoko-Stuck zerstört wurde, um die Einheitlichkeit der Gestaltung zu wahren. Unter Seinsheim werden auch die beiden nördlichsten Paradezimmer umgebaut (eines davon zum wunderschönen, grünlackierten Kabinett) und die sogenannten Ingelheimzimmer klassizistisch umgestaltet.

VLNR:
Anselm Franz von Ingelheim, der Bischof, der nicht so recht wollte
Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, der den großen Tiepolo engagierte
Adam Friedrich von Seinsheim, unter dem vollendet und auch schon umgestaltet wurde

Man darf also durchaus behaupten, daß die Residenz während der Seinsheim-Jahre nicht nur vollendet wurde sondern an einigen Stellen sogar schon wieder ein wenig überreif erschien, wenn tatsächlich modische Fragen bereits zu Umgestaltungen führten. Als Seinsheim im Jahre 1779 als vielgeliebter „Vater des Vaterlandes“ stirbt, sind die Tage der Residenz als Zentrum glanzvoller Hofhaltung auch schon wieder gezählt. Seinsheims Nachfolger Erthal war ein wackerer Aufklärer, der mit Prunkentfaltung, Festivitäten und Jagden nichts am Hut hatte. Und mit der über den letzten Würzburger Fürstbischof Georg Karl von Fechenbach hereinbrechenden Säkularisation hatte sich die Sache dann eh erledigt.

1806 zieht Großherzog Ferdinand als Herrscher über das neu geschaffene, aber kurzlebige Großherzogtum Würzburg in die Residenz ein und läßt die seit der Schönbornzeit in feinstem Rokoko ausgestatteten Zimmer der Bischofswohung im Südtrakt im Stil des Empire zerstöpurifiz… umbauen.

Und schon sind wir am Ende meiner kleinen Entstehungsgeschichte der Würzburger Residenz. Natürlich fehlt noch ein wichtiges Kapitel, nämlich die Zerstörung 1945 und der lange und mühsame Wiederaufbau des grandiosen Baus. Ich will dazu nur anmerken, daß ich diesen gewaltigen „Block von unerbittlicher Symmetrie, in den edelsten Verhältnissen und von einem heiteren Umrisse“ (Max H. von Freeden) auch als aus der Asche emporgestiegenen Phönix immer herzlich gerne besuche, wenn ich auch hin und wieder das Gefühl habe, daß diese Mauern in bestimmten Momenten eher skeptisch auf die Besuchermassen schauen und sich nach ihren fürstlichen Bauherren und Bewohnern und deren eigentümlicher Mischung aus krachendem Hofleben und zeremonieller Käfighaltung zurücksehnen.

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