Down and Out in Paris

Wir erinnern uns: Der Abbé de Bernis hatte sich am Seminar Saint-Sulpice den Ruf eines gefährlichen Freigeistes ohne echte Berufung erworben und stand nun auf der Abschußliste der Oberen.

Als François im März 1735 von einem verordneten Heimaturlaub zurückkehrte, nahm der Generalsuperieur Couturier ihn nicht – wie vereinbart und versprochen – wieder ins Haus auf, sondern wimmelte ihn mit der Ausrede ab, es seien im Moment zu viele Studenten im Haus, und der Herr Abbé möge doch bitte in acht Tagen noch einmal nachfragen. Dieses Spielchen wiederholte sich während der nächsten Wochen. Der Abbé Couturier versicherte François in dieser Zeit, daß er ihn gerne wieder aufnähme, daß aber alle anderen Mitglieder der Fakultät gegen ihn eingestellt seien. Ein Plan mußte her und wurde geschmiedet: Der junge Abbé sollte einstweilen am Collège de Bourgogne unterkommen (an welchem er auf weitere Saint-Sulpice-Flüchtlinge traf), während die Verhandlungen über seine Zukunft – also über einen Sitz in einem Kapitel oder die Verleihung einer Abtei – zügig voranschreiten sollten.

François war von seinem Heimaturlaub geheilt zurückgekehrt, denn er fürchtete dank einer gespenstischen Erscheinung im elterlichen Garten, die sich als rindenloser Baum entpuppte, nichts Übernatürliches mehr und entwickelte sich zu einem entschiedenen Gegner des Aberglaubens. Dieses Gefühl steigerte sich in den Wochen der Unsicherheit dergestalt, daß er nicht die Religion als solche abzulehnen begann, aber der gesamten, mit ihr zusammenhägenden irdischen Maschinerie mit wachsender Skepsis begegnete. Dies wurde ihm leicht gemacht, da ihm erstens die Atmosphäre in der neuen Unterkunft noch zickiger und heuchlerischer erschien und er zweitens seine erzwungene Freizeit im Theater oder in der Oper verbrachte, wo sein zugleich berstendes und doch hungerndes Poetenherz und seine alles aufsaugenden Sinne von einer Verführung in die nächste Verwirrung geworfen wurden.

Über das Collège de Bourgogne schreibt er: „Ich erfuhr in sechs Monaten so viel Dunkelheit und Falschheit, daß ich mit der Zeit alles verabscheute, was in der Welt allgemein als Mitraille [wörtlich: „Kleingeld“] bezeichet wird“

In Saint-Marcel-d’Ardèche hatte der Abbé begonnen, eines seiner bekanntesten Werke zu verfassen, den „Epître aux dieux pénates“, mit dem er seine Rückkehr in die Heimat zelebriert und wohl auch seinen eigentlichen Eintritt in das Poeten-Dasein feiert.

Protecteurs de mon toit rustique,
C’est à vous qu’aujourd’hui j’écris,
Vous qui, sous ce foyer antique,
Bravez les fastes de Paris
Et la mollesse asiatique
Des alcôves et des lambris

schreibt er, ohne den Pomp oder die Alkoven bisher jemals gesehen zu haben. Eigenartige Ironie, daß das Schicksal ihn nun in deren Arme trieb, während seine Heimat ihn fallen ließ: François drängte seinen Vater, alle möglichen Kontakte anzuzapfen, um ihm endlich ein Einkommen zu verschaffen. Zwar kam Monsieur de Bernis der Bitte des Sohnes nach, das Ergebnis jedoch ensprach überhaupt nicht den Erwartungen. Der Kardinal de Fleury fällte, nach Durchsicht aller Bittschreiben, die vom Marschall de La Fare, einem Cousin des Monsieur de Bernis, vom Kardinal de Polignac, einem weiteren, entfernten Verwandten der Familie und dem neuen Bischof von Viviers an ihn gerichtet wurden, dieses Urteil: „Ich hatte die Absicht, diesem jungen Mann eine beträchtliche Pfründe zukommen zu lassen, habe aber nach reiflicher Überlegung beschlossen, daß er, so lange ich lebe, von mir nichts erhalten soll“. Ohne Zweifel hatte der Abbé Couturier dem Kardinal, einem alten Sulpizianer, hier entscheidend zugeflüstert („Freigeist… Belletristik… Theater… Oper…“).

Der Hammer fiel kurz darauf: Der Vater entzog dem jungen Abbé die finanzielle Unterstützung, da er im Treiben des Sohnes den Grund für Schande und Ruin der Familie sah. François reagierte wie üblich ohne Groll, ohne Schmollen und mit viel Optimismus: „Man stelle sich die Situation eines Neunzehnjährigen vor, ohne Geld, ohne Rat, in einer Stadt wie Paris. Hätte ich echte Laster, sie hätten sich unter diesen Umständen ausgebildet. Aber ich faßte mir ein Herz. Ich wußte, wie ich meinen Teil zu erledigen hatte und wie ich profitieren konnte von der Widrigkeit, die eine gute Lehrerin ist“.

Sein Entschluß war schnell gefaßt: „Reduziert auf die Ressourcen meiner Seele entwarf ich meinen Plan, und dieser Plan war sehr ehrlich: Ich verschrieb mich der größtmöglichen Redlichkeit, der Geduld und der Courage. Ich sah in der Literatur eine Einkommensquelle und einen Zeitvertreib. Ich hängte die Studien an den Nagel, da meine Finanzmittel mir nicht mehr erlaubten, sie weiter zu verfolgen.“

François lebte fortan in preiswerten, möblierten Zimmern, dinierte für ein paar Groschen in ärmlichen Lokalen und verdiente sich sein Geld als Schreiber und Korrekturleser. Er fand eine Anstellung in Didots Buchhandlung „À la Bible d’or“ am Quai des Grands-Augustins. Nachts schrieb er an seinen eigenen Werken. Mit wie viel Ernst? Es läßt sich schwer sagen. Einerseits war die Dichtung für ihn – wir erinnern uns – lediglich der Stab, mit dem er die Gräben überspringen wollte, andererseits wurde er sicherlich auch bei seinem Stolz und seiner Ehre gepackt, als man ihm eines Tages sagte, er könne wahrscheinlich noch besser schreiben als Gresset, jener Dichter, der den jungen Abbé mit seinem Vert-Vert so verzaubert hatte.

François begnügte sich damit, ebenso gut zu schreiben, wie sein Vorbild: Bereits 1733 hatte er, beeinflußt von einem Gedicht des Abbé La Fare, seinen „Épître sur la paresse“ verfaßt, das früheste überlieferte Werk de Bernis‘. Als dieses ohne sein Dazutun und ohne Nennung des Autors veröffentlicht wurde, hielt man es für ein Werk Gressets, da der Fluß und die Leichtigkeit an diesen erinnerten:

Censeur de ma chère paresse
Pourquoi viens-tu me réveiller
Au sein de l’aimable mollesse
Où j’aime tant à sommeiller?
Laisse-moi, philosophe austère,
Goûter voluptueusement
Le doux plaisir de ne rien faire
Et de penser tranquillement.

Im Jahre 1736 wurde der „Epître aux dieux pénates“ veröffentlicht, erneut ohne Angabe des Autors. Auch dieses Werk wurde zuerst Gresset zugeschrieben. Es war ein allgemeiner Erfolg, und man sah sich nun genötigt, Klarheit zu schaffen: „Der mich bedeckende Schleier wurde gelüftet und mein Name flog von Mund zu Mund, war sogar Fremden bekannt, und so erweist sich, daß ein paar glückliche Verse schneller Berühmtheit bringen als ein wirklich nützliches Werk“.

Der erste Schritt in die große Welt war getan.


Teil I: Die ersten Schritte

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