Ein Austausch von Kreuzen

Nach mehreren mißglückten Versuchen der Erziehung durch Hauslehrer, entschloß sich Papa de Bernis, seine beiden Söhne auf ein Internat zu schicken.

Bevor wir François folgen, kurz ein Wort zu seinen Schwestern: Françoise-Helene (*1700) und Gabrielle (*1706) teilten das Schicksal vieler Adelstöchter dieser Zeit: Sie wurden zum Klosterleben bestimmt. Gabrielle, von der wir sonst nicht viel wissen, hatte ihren ganz eigenen Kopf: Sie widersetzte sich den Wünschen des Vaters exakt so lange, bis dieser das Insistieren einstellte. Dann nahm sie den Schleier und zog fortan als gyrovage Ursuline von Haus zu Haus: Mal war hier das Wasser klarer, mal war dort die Luft vorzuziehen, und überhaupt… Es ist nicht auszuschließen, daß sie ab 1758 die „eminente“ Position des jüngeren Bruders ausnutzte, um Kritik an ihrer Klosterhüpferei klein zu halten. Françoise-Helene, die Älteste unter den vier Geschwistern, war von der Natur mit so viel Anmut, Charme und Witz ausgestattet, daß sie 1728 ohne Mitgift an einen verwitweten Marquis verheiratet werden konnte, der sich beim ersten Anblick unsterblich und Hals über Kopf in sie verliebt hatte. Sie wird eine wichtige Person im Leben des Kardinals bleiben.

Zurück zu François: Er wurde 1725 zusammen mit Philippe auf das Barnabitenkolleg im nahegelegenen Bourg-Saint-Andéol, Residenzstadt der Bischöfe von Viviers, geschickt. Das Kolleg übernahm die „weltliche“ Bildung der lokalen Seminaristen. Dort fanden sich viele Söhne bürgerlicher und armer Familien, was manchen adligen Eltern ein Dorn im Auge gewesen sein mag, Papa de Bernis aber nicht scherte, da er der Meinung war, daß seinen Söhnen der Kontakt mit der „realen“ Welt mehr Nutzen als Schaden bringt.

François absolvierte auf dem Kolleg die Sexta, Quinta und Quarta und verfeinerte dort sein System. Da er die lateinische Sprache im alter von zehn Jahren bereits beherrschte und in allen anderen Fächern sofort mit allem gebotenen Fleiß loslegte, konnte er sich bald wieder als Klassenerster der Betrachtung der Natur und den Bildern seiner Phantasie überlassen, so lange, bis irgendwo ein Konkurrent zu nahe kam. Dann hieß es zurück zu den Büchern, um den alten Abstand herzustellen.

Papa de Bernis hatte seinem Sohn das Malteserkreuz in Aussicht gestellt, und das war François zu diesem Zeitpunkt seines Lebens sehr recht. Er war weder ein Raufbold noch kriegslüstern, aber er sah sich als Bub doch eher hoch zu Roß auf dem Schlachtfeld, denn als Generalvikar in einer Schreibstube: „Ich wurde dazu auserkoren, ein Malteserritter zu werden. Der Militärberuf, dem ich mich seit der Wiege verschrieben hatte, hatte meine Neigung dem Kriegswesen zugewendet. Diese Vorliebe meiner Kindheit ist nicht komplett ausradiert: Ich habe in meiner Vorstellung oft Ansichten bezüglich des Kriegswesens, und ich habe es hin und wieder bereut, daß es nicht mehr modern ist, einen Kardinal an die Spitze eines Heeres zu stellen.“

Als der Vater gestand, daß die finanzielle Situation der Familie das Entrichten der Passage für den Eintritt in den Malteserorden nicht zuließ, wird dies im ersten Moment ein gewaltiger Schock für François gewesen sein. Aber hier zeigt sich auch zum ersten Mal eine ausgesprochen angenehme Eigenschaft des Knaben, die er im Laufe seines Lebens nicht verlieren sollte: Wann immer er irgendwo auf Granit biß, scheiterte oder enttäuscht wurde, beklagte er sich nicht, führte er kein Drama auf, hegte er keinen Groll, suchte er keinen Schuldigen. Stattdessen nahm er das Steuer in die Hand und peilte sein nächstes Ziel an. Im konkreten Fall bedeutete dies ein simples Austauschen der Kreuze: „Als ich eines Tages meinem Vater schrieb und nicht mehr wußte, womit ich die Seiten noch füllen sollte, erwähnte ich, daß ich nun, da ich keine Aussicht mehr auf das Malteserkreuz hatte, dieses gegen das bischöfliche Brustkreuz einzutauschen gedachte. Ich tat offiziell meine Berufung zum Klerikerstand kund“.

Damit er sich die ganze Geschichte auch gut überlegen konnte, wurde François für einen Monat in das kleine Seminar in Bourg-Saint-Andéol gesteckt. Er „behauptete, seine Überlegungen wohl gemacht zu haben“ und ging am 30. Oktober 1727 mit Eltern, Bruder und Schwestern nach Viviers, um in der dortigen Kathedrale die Tonsur zu empfangen. Es ist – soweit ich das im Moment überblicken kann; seine Memoiren geben jedenfalls an dieser Stelle nichts her – nicht überliefert, was der kleine François empfand, als er die Straßen zur Kathedrale hochstapfte, durch das Kirchenschiff dem Altar entgegenschritt und endlich vor dem Bischof kniete. Aber ich bin mir sicher, daß sich jeder Augenblick seinem für alle Sinneseindrücke hochempfindlichen Kopf und seiner Poetenseele eingeprägt hat und daß er sich – im Alter von nur zwölf Jahren – wohl weniger Gedanken um die Religion machte, sondern mit großen Augen auf die bischöflichen Insignien blickte und den Tausch des Pferdesattels gegen den Bischofsthron insgesamt letztlich doch für angemessen hielt. Irgendwo im Hinterkopf jedoch nahm er sich auch fest vor, Gott – den er ehrlich und innig liebte – zu dienen.

Zwei Einschränkungen brachte der neue Stand mit sich: François durfte sich fortan nicht duellieren und sich nicht auf Bällen herumtreiben. Tatsächlich erwischt man ihn während seines gesamten Lebens auch niemals beim Tanz oder beim Duell. Weiterhin brachte die neue Situation mit sich das Chorgebet, die tägliche Messe und – bei offiziellen Anlässen – die Anrede „Abbé“. François schlüpfte in den Klerikerstand, wie der Fuß in den Pantoffel. Er setzte in der Quarta seine Studien mit solchem Erfolg fort, daß die Oberen den Vater praktisch anflehten, dem Jungen eine glänzendere Zukunft zu eröffnen als jene, die er in Viviers erwarten durfte. Der Kardinal schreibt dazu in seinen Memoiren: „Wäre ich in der Provinz geblieben, wäre ich als Großvikar von Viviers alt geworden; strahlend in der Diözese, dem Rest der Welt unbekannt“.

Papa de Bernis zögerte aus zwei Gründen: Erstens widerstrebte es seinem Charakter, an hohen Thronen um kleine Gefallen zu bitten. Zweitens betrachtete er François wie einen kleinen Schatz, von dem er nicht wußte, ob er ihn jetzt schon aus der Truhe holen sollte. Endlich schrieb er dann an einen alten Jugendfreund: André-Hercule de Fleury, seit kurzem Kardinal, allmächtiger erster Minister Ludwig XV und verantwortlich für die Vergabe der wirklich interessanten Posten innerhalb der Kirche. Der Kardinal erinnerte sich noch gut an Joachim de Bernis. Auf der Pagenschule hatte ihre Situation als nicht übermaßig materiell ausgestattete Söhne des Languedoc gegenseitige Sympathien entwickeln lassen. Nun antwortete er schriftlich, daß er sich gerne für die beiden Söhne einsetzen wolle. Philippe wurde auf die Pagenschule des Marstalls in Versailles geschickt, während François seine Studien auf der Jesuitenschule Louis-le-Grand in Paris beenden sollte, um danach in das Seminar Saint-Sulpice, die Krabbelstube der späteren französischen Bischöfe, zu wechseln.

Mit dem Umzug des kleinen Abbé nach Paris nimmt seine Geschichte so richtig Fahrt auf. Davon mehr in den nächsten Episoden.


Teil I: Die ersten Schritte

Teil IV: Von der Provinz in die Hauptstadt

Ein Schaf auf der Schulter

In einem älteren Beitrag erwähnte ich den Kardinal Dominique de la Rochefoucauld (1712 – 1800). Nun fiel mir ein, daß ich in den mittlerweile unergrüdlichen Tiefen meiner jpeg-Schatztruhe einen kolorierten Druck eben dieses Kardinals habe, der gleich doppelt interessant ist.

Erstens ist es eines der ganz spärlich gesäten Bilder, auf welchem man einen Kardinal mit hochgezogener Kapuze und aufgesetzem Galero sieht.

Zweitens trägt de la Rouchfoucauld über seinem Saint Esprit das Pallium, ein Abzeichen, das der Papst den Erzbischöfen der Kirche verleiht.

Die Pallien werden am Hochfest der Apostel Petrus und Paulus in Rom verliehen. Hergestellt werden sie aus der Wole zweier Lämmer, die vom Papst am Agnestag gesegnet wurden (ich war während meiner Jahre in Rom öfters dabei). Die Nonnen des Klosterns Santa Cecilia in Trastevere weben dann die Pallien, die vor der Verleihung am Grab des Heiligen Petrus im Petersdom aufbewahrt werden.

Das Pallium, hervorgegangen aus einem Amtsabzeichen hoher Beamter im alten Rom, ist ein um den Hals getragener Wollkragen, mit zwei auf Brust und Rücken herabfallenden Stoffbändern. Es sind üblicherweise sechs schwarze (beim päpstlichen Pallium rote) Kreuze eingestickt. Es wird mit drei großen Nadeln am Meßgewand festgesteckt. Die Nadeln symbolisieren die Kreuzesnägel Christi. Das Pallium selbst steht für die Schafe, die der Gute Hirte auf seinen Schultern trägt.

Einer der Gründe, warum ich die katholische Religion liebe: Es gibt praktisch nichts sinnlich Erfahrbares, was nicht auch symbolisch irgendwie auf einen Aspekt unseres Glaubens hinweist.

Geister (k)einer Vergangenheit

So wie Ihr niemals enden könnt, so kann ich nur beginnen, jeden Tag einmal mehr.

Ich erkenne, mit Sinnen, die sich immer noch überraschen lassen wollen, in der Glut eine Geschichte und werde mit jedem Funken, der mich anspringt, selbst zur Asche.

Eine Hand, hell und glatt und fleischig, bequem ruhend auf einer Armlehne, verkümmert langsam zu Haut und Knochen, bis der Ring endlich vom Finger rutscht und mit leuchtendem Klang auf den marmornen Boden trifft. Eine Melodie, süß und schwer und ahnend, erklingt von der Empore. Töne wie Flocken aus Blei fallen herab, und ich stehe bis zu den Knöcheln zuerst in Noten, bald darauf in gierig schluckendem Morast, der mir furzend und schmatzend hinterherhöhnt, während ich mühsam hinüberstapfe zu der aufgebrochenen Türe, hinter der stets etwas endet. Die Melodie ist nun ein Orchester, krachend und kreischend und splitternd. Hinter jedem Spiegel, der in Stücke geht, finden sie doch immer wieder nur ihre eigenen Fratzen und somit noch ein wenig mehr Zorn. Im Schrei der heiligen Seide versteckt sich der Fluch, der über das gesalbte Fleisch gesprochen wird. Wie ein Insektenschwarm fliegen die kleinen und kleinsten Fetzen, Gravitation ignorierend, Gravität ruinierend, aus den scheibenlosen Fenstern hinauf zu den ungerührten Wolken. Ich habe damit nichts zu tun.

Ich habe damit alles zu tun. Flehen diese Hände, die sich mir entgegenstrecken, oder klagen sie an? Nein. Sie greifen und sie zerren. Mit dem letzten Atem, der mit bleibt, puste ich den Staub von Euren Rosenwangen. Der Boden schluckt mich, ein kurzer Fall. Ich lande weich, sinke in die Polster und Kissen einer gemächlich schaukelnden Kutsche. Schon wird der Schlag aufgerissen. Hände kommen über mich wie tollwütige Fledermäuse, greifen Fetzen aus dem Nichts und fügen sie an mir zusammen zu prachtvollen Gewändern. Man steckt mir einen Ring an den Finger. Ich betrachte meine Hand, hell und glatt und fleischig.

So wie Ihr niemals enden könnt, so kann ich nur beginnen, jeden Tag einmal mehr.

Hokuspokus

Wir verließen den kleinen François an dem Tag, an dem der von ihm (und auch von seinem Bruder) geschätzte Hauslehrer, der Abbé Lejeune, das Château de Bernis verließ, um an einem akademischen Titel zu arbeiten. Der Nachfolger war ein junger Seminarist, dessen „bereits von der Natur und durch die Erziehung eingeschrumpfter Kopf von einer falsch verstandenen Frömmigkeit endgültig überhitzt worden war“.

Die Erziehungsmethode des neuen Hauslehrers läßt sich wohl am besten zusammenfassen mit dem Satz: „Treib den Buben die Fröhlichkeit aus!“

François geriet in einen Teufelskreis: Wann immer er vom Lehrer zu hart behandelt wurde, suchte er bei den Damen des Hauses – besonders denen der Küche – Trost, ließ seinen Charme spielen, seine Bäckchen glühen oder – wenn es sein mußte – auch die Tränen kullern. Er ließ sich ein wenig bemitleiden, ein wenig verwöhnen, ein wenig knuddeln und kehrte mit hocherhobenem Herzen und fröhlichem Geist zurück, nur, um vom Lehrer wieder einen Kopf kürzer gemacht zu werden.

In seinen Memoiren schlägt sich dieses als dreifache Warnung nieder, wenn er die Leser ermahnt, erstens die Hauslehrer besser zu bezahlen und somit würdigere als nur die Dahergelaufenen anzuziehen, zweitens die Kinder sowieso lieber im Collège als im Haus erziehen zu lassen und sie drittens nicht zu lange unbeobachtet einer Schar wohlmeinender Damen zu überlassen.

Zurück zum neuen Lehrer: François und Philippe mußten vier Mal am Tag auf mit Nägeln bestückten Brettern kniend ihre Gebete verrichten, mußten Dornenarmbänder tragen, mußten hin und wieder die Hälfte ihrer ohnehin frugalen Mahlzeiten „ihrem guten Engel“ (wer das wohl gewesen sein mag?) opfern und wurden regelmäßig „diszipliniert“, nicht, um sie zu bestrafen, sondern „um ihre Bußfertigkeit zu nähren“. Die Eltern bekamen von all dem nichts mit, weil sie während des Unterrichts nicht anwesend waren und weil die Buben dachten, daß das schon alles irgendwie in Ordnung ist. Sie hatten bestimmt irgendwann mal irgendetwas falsch gemacht, was diese Behandlung rechtfertigte, und eine Beschwerde bei den Eltern hätte ihnen womöglich noch mehr Ärger eingebracht.

Zum Glück waren die Eltern vernünftig. Sobald sie die ersten Schwielen an den Knien und Gelenken der Kinder sahen, mußte der Seminarist seinen Hut nehmen. Die Buben wurden in der Folge von „drei bis vier weiteren Ignoranten, Schlägern und Wüstlingen“ in die Verzweiflung getrieben, bis François eines Tages die Faxen so richtig dicke hatte und seine Rache plante.

Er war von Natur aus, wie er und seine Biographen uns wissen lassen, eher couragiert, helle und nicht nur beleibt sodern auch durchaus kräftig. Aber er war sowohl durch seine Phantasie als auch durch die vielen Ammenmärchen, die er seit allerfrühester Kindheit zu hören bekommen hatte, verunsichert. Seine früheste Erinnerung ist die an diverse Schatten, welche das Kerzenlicht an die Wände seines Zimmers warf. Er lag in seinem Bettchen und stellte sich unter den ständig sich verändernden Formen alles mögliche vor, dabei sicherlich nicht immer Angenehmes. Wußte er auch, daß die Geschichten der Kindermädchen erschwindelt waren, so fand er sich doch in ihrem Bann. Ja, er liebte es sogar, haarsträubenden Berichten zu lauschen und sich wohligen Schauern zu überlassen, was ihn für lange Zeit zum Gefangenen einer unbegründeten Angst machte: „Während der ersten zwanzig Jahre meines Lebens fürchtete ich die Toten mehr als die Lebenden“.

Er wurde von seiner oft haltlos galoppierenden Phantasie wohl nur deswegen nicht nachhaltig geschädigt, weil er ein ebenso großes Interesse an der Natur fand. Er beobachtete stundenlang den Himmel, die Pflanzen, die Tiere. All diese Farben, Formen, Düfte und Klänge, aufgenommen nicht mit dem Verstand eines Wissenschaftlers, sondern mit den Augen eines Künstlers und der Seele eines Poeten, mußten sich mit der Zeit wie Balsam auf die kratzenden und juckenden Albdrücke gelegt haben.

Im zarten Alter von sieben Jahren stand Francois allerdings noch mit beiden Beinen fest in der Welt der Zauberei, des Sagenumwobenen und des Mysteriösen. Unter den von ihm gehorteten Büchern fand sich auch eine Ausgabe des Comte de Gabalis, eines fiktiven Okkultisten, der für den jungen Pläneschmied der Schlüssel zum Erfolg zu sein schien, führte der Comte als spiritueller Meister in fünf Reden doch wißbegierige Schüler in die „geheimen Wissenschaften“ ein.

François sah die Lösung all seiner Probleme: Er faßte den Entschluß, sich den Mächten der Hölle anzuvertrauen, ein großer Magier zu werden und den Hauslehrer in einen Baum oder einen Stein zu verwandeln. So erhob sich der Siebenjährige eines Morgens gegen vier Uhr, suchte bei Tagesanbruch einen stillen Ort im Garten auf und machte sich an seine Beschwörungen und Anrufungen. Jedoch: Kein Engel der Finsternis erschien. Der Möchtegernmagier vermutete, daß es draußen bereits zu hell war, und so verkrümelte er sich mit pochendem Herzen in einen dunklen Keller, um das Werk zu vollenden. Doch kaum hatte er das Buch aufgeschlagen, kam hinter einigen Fässern eine schwarze Katze hervor und lief ihm fauchend zwischen den Beinen hindurch. Dies, so schlußfolgerte François, konnte nur der Teufel persönlich gewesen sein. Mit zu Berge stehendem Haar hastete er davon, im Glauben, die gesamte Hölle sei ihm auf den Fersen. Es folgten einige Nächte voller Schlaflosigkeit und Albträumen. Endlich gewann die Reue. François vertraute sich seiner Mutter an. Diese hatte in ihrem Sohn schon in frühester Kindheit „die Liebe zu aber auch die Furcht vor Gott erweckt“ und reagierte entsprechend verständnisvoll, aber auch mit dem Befehl, sich beichtend einem Priester anzuvertrauen. Nicht jeder Siebenjährige weiß bei seiner ersten Beichte mit einer solchen Geschichte zu erstaunen. Der aufgesuchte Generalvikar erteilte die Absolution, und Francois hatte danach, wie er schreibt „nicht mehr viel Gefallen an Zaubersprüchen“.

Nach den Enttäuschungen mit den diversen Hauslehrern beschloß Papa de Bernis, seine Söhne auf eine Schule zu schicken. Was François dort so trieb, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Teil.


Teil I: Die ersten Schritte

Teil III: Ein Austausch von Kreuzen

Wein statt Wasser

Der Verduner Altar hat seinen Namen nicht von der Stadt, sondern von dem Künstler, der diesen bedeutenden Schatz des Stiftes Klosterneuburg in zehnjähriger Arbeit fertigstellte: Nikolaus von Verdun (*ca 1135, + nach 1205).

Der Klosterneuburger Altar ist das einzige Werk, welches den Namen des Künstlers trägt. Zugeschrieben werden ihm noch der Dreikönigsschrein im Kölner Dom und der Marienschrein in Notre-Dame in Tournai.

Das inhaltliche Programm des Altars ist überaus lehrreich und fesselnd. Es vergleicht in drei Reihen die heilsgeschichtlichen Zeitalter ante legem (vor dem Gesetz: von Adam bis Mose), sub lege (unter dem Gesetz: von Mose bis Christus) und sub gratia (seit der Elösung durch Christus) in Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament.

Der Altar war nicht immer Altar, sondern diente zuerst als Kanzelverkleidung in der romanischen Stiftskirche. Eine Katastrophe führte zur Umwidmung: Im Jahre 1330 stand das Stift in Flammen. Das Löschwasser war bereits ausgegangen, aber man war ja im Stift Klosterneuburg. Der Verduner Altar wurde gerettet, indem man ihn mit weingetränkten Tüchern schützte. Im Rahmen des Wiederaufbaus ließ Propst Stefan von Sierndorf die Kanzelverkleidung zu einem Flügelaltar umbauen, wobei die 45 Emailplatten um sechs ergänzt wurden, damit man die Flügel auch schließen konnte. Man erkennt, daß die neuen Tafeln Nikolaus von Verdun kopieren wollen. Man erkennt aber auch, wer der Meister war.

Der Altar befindet sich heute in der Leopoldikapelle des Stiftes.

Die ersten Schritte

François-Joachim de Pierre, Kardinal de Bernis, erblickte das Licht der Welt am 22. Mai 1715 im elterlichen Schloß zu Saint-Marcel-d’Ardèche nach einer komplizierten Geburt, die ihm und seiner Mutter fast das Leben gekostet hätte und ihn – wie es in seinen Memoiren heißt – von Kopf bis Fuß „ganz schwarz“ aussehen ließ. Er war das vierte und letzte Kind seiner Eltern, Joachim de Pierre, Seigneur de Bernis und Marie-Elisabeth de Chastel de Condres. Die Familie war von altem Adel; einer seiner Vorfahren, Pierre de Pierre, machte sich bereits im ersten Kreuzzug einen Namen. Man war verwandt mit den Montmorency, den Rohan, den Polignac, den La Tour d’Auvergne, und bei den guten Beziehungen zum Hofe hätte selbst ein wenig bis mittelbegabter Sprößling gute Aussichten auf ein Regiment oder einen Bischofssitz gehabt.

Unser kleiner François, so wird sich bald zeigen, war überdurchschnittlich begabt. Aufgrund eines Fehltritts des Vaters war ihm der ganz einfache Weg nach oben jedoch verbaut. Joachim hatte sich – vielleicht eingeschnappt, vielleicht des Krieges müde – im Jahre 1704 aus den königlichen Diensten zurückgezogen, nachdem ihm nicht – wie erwartet und erbeten – ein Kavallerieregiment sondern ein Infantrieregiment angeboten wurde. Die Familie verlor darauf ein wenig an Ruf – Joachim wurde künftig vom Hof ignoriert – und einiges an Einkünften.

Als Joachim nach Saint-Marcel zurückkehrte, wartete dort auf ihn neben der Gattin auch seine vierjährige Tochter, Francoise-Hélène. Zwei Jahre später brachte seine Frau ein zweites Kind zur Welt, ein weiteres Mädchen, Gabrielle Elisabeth. Knurrig und skeptisch entschied Joachim, daß zwei Mitgifte ausreichen und sah erst einmal von der Zeugung weiterer Kinder ab. Im Februar des Jahres 1714 wurde dann der erste Sohn, Philippe, geboren. Und damit nicht genug: Im folgenden Jahr erblickte François-Joachim das Licht der Welt.

Das Geburtsrecht entschied über die ersten Jahre des künftigen Kardinals: Während Philippe im elterlichen Schloß aufwuchs, gab man François in eine Pflegefamilie. Er nuckelte im Bauernhaus (an welches er immer gute Erinnerungen hatte) seine erste Milch, wurde aber auch – weil die Dame des Hauses wenig von dieser zu bieten hatte – früh an Kohl- und Specksuppe gewöht, ein Umstand, dem er, wie er später in den Memoiren vermutet, die „Kraft seiner inneren Organe“ zu verdanken hat.

Dreijährig kehrt er ins elterliche Schloß zurück und gleitet so von der Welt der Ammen und der nach diesen benannten Märchen voller Ziegenfüße und Hexentänze hinein in die Klänge der Madrigale, die seine Mutter ihm vorsingt. Eine seiner frühesten Erinnerungen und sicherlich nicht unbedeutend für seine spätere Aktivität als Verseschmied: „Ich konnte Reime stammeln, bevor ich Prosa schreiben konnte“.

Die Mutter ist es auch, die ihm Lesen und Schreiben beibringt, während ein junger Abbé namens Lejeune für den Rest der Ausbildung zuständig ist. Diesem Abbé gelang es, die vom Vater zwischen den Brüdern angestiftete Rivalität in gegenseitige Liebe umschlagen zu lassen. Joachim de Bernis hatte früh erkannt, daß der zweitgeborene Sohn der Glückstreffer war. Und so versuchte er in den ersten Jahren, den Erstgeborenen zu ermutigen, das Niveau des Bruders zu erreichen. Ein hoffnungsloses Unterfangen: François, dieses specksuppenschlürfende Riesenbaby mit seinem unendlich wissbegierigen und dennoch stets verträumten Puttenkopf, war und blieb Philippe immer einen Schritt voraus, weil er offenbar schon als Kind jene Eigenschaft besaß, die ihn für den Rest seiner Ausbildungszeit auszeichnete: Wußte er sich an der Spitze irgendeines Faches oder igendeiner Klasse, so ruhte er auf seinen Lorbeeren und gab sich der Tagträumerei und der stillen Beobachtung der Natur hin (und zapfte somit die beiden reichsten Quellen für seine Dichterei an). Drohte man, zu ihm aufzuschließen, studierte und arbeitete er Tag und Nacht, bis seine Konkurrenten ihn erneut nur noch am Horizont sahen, wo er sich dann wieder der Muße und der Muse hingab etc…

Auch entwickelte François früh eine gewisse Unabhängigkeit: Auf dem Dachboden des Schlosses hatte er eines Tages Bücher seines Großvaters gefunden. Die Gedichte des Ronsard gefielen ihm besonders. Der strenge Vater nahm ihm die Bücher ab, die milder gestimmte Mutter stellte später, beim heimlichen Korrigieren der ersten Verse ihres Sohnes, fest, daß dieser seinen Ronsard behalten oder zurückerobert hatte und weiter darin stöberte: Zu altmodisch war die Sprache des dichtenden Dreikäsehochs, zu ungewöhnlich waren die Worte.

Der gute Abbé Lejeune verließ das Haus nach zwei Jahren. Auf ihn folgte eine ganze Reihe von Hauslehrern, die mit ihrem religiösen Fanatismus und ihren dubiosen Praktiken des Strafens und Erniedrigens dem noch verletzlichen und zarten Kinderherz den ein oder anderen Schmerz bereiteten. Wie unser kleiner François dieser Herausforderung begegnete, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Teil.


Teil II: Hokuspokus

Lieber gut geklaut, als schlecht selbst gemacht

Dies ist ein Repost eines etwas älteren Gesichtsbuch-Beitrags. Auf facebook verschwinden die Sachen immer so schnell in der Timeline, also bewahre ich diese kleine Perle nun – in einer längeren Version – hier auf.

Jacint Rigau-Ros i Serra (1659 – 1743) hat sich in der Welt der Kunst als Hyacinthe Rigaud verewigt. Er war der unumstrittene Portraitköing seiner Zeit und hat so ziemlich alles auf Leinwand gebracht, was Rang und Namen hatte, war sich aber auch keineswegs für bürgerliche Portraits zu schade.

Eines seiner ganz bekannten Werke ist das Portrait des Kardinals Armand Gaston Maximilian de Rohan-Soubise (1674 – 1749), Fürstbischof von Straßburg, Großalmosenier von Frankreich. Das Gemälde stammt laut Rigaudschem Rechnungsbuch aus dem Jahr 1710, enstand also noch vor der Ernennung zum Kardinal, die im Jahre 1712 erfolgte. Die roten Gewänder sind möglicherweise eine Auszeichnung des Königs, verliehen zwei Jahre vor der offiziellen Kreation durch den Papst.

Man sieht den 36-jährigen Prälaten auf dem Höhepunkt seiner Manneskraft (oder wie sagt man das?) und erhält einen Einblick in das Schönheitsideal jener Zeit, wenn man den Marquis d’Argenson seufzen hört (oder liest): „Der Kardinal de Rohan ist der schönste Prälat der Welt!“

„Vraiment? Nun gut. Ich werde diese Bürde tragen.“

Hochgelobt wurde aber auch der Charakter des Kardinals, seine Unkompliziertheit, seine Ehrlichkeit, sein Charme und seine Fähigkeit, all jene Eigenschaften so zu dosieren, wie es die jeweilige Situation verlangte.

Pfründen- und ehrenüberhäuft entschloß er sich im Jahre 1727 zum Bau des prächtigen Palais Rohan in Strasbourg, der für Jahrzehnte auch Familienresidenz war, besetzten doch Bischöfe aus dem Hause Rohan von 1704 bis 1801 den Thron des Bistums.

Ich staunte nun nicht schlecht, als ich vor einiger Zeit im Internet über das folgende Portrait stolperte und feststellte, daß es sich bei dem Abgebildeten nicht um den Kardinal de Rohan handelte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand…“

Aus diesem Bild sehen wir den Kardinal Dominique de La Rochefoucauld-Langeac (1712 – 1800), Erzbischof von Rouen, Abt von Cluny, portraitiert von einem Maler der „französischen Schule des 18. Jhdts“ (mehr konnte ich bisher nicht herausfinden).

Rigaud jedenfalls hat das zweite Portrait nicht erschaffen, da er 35 Jahre vor der Kardinalskreation Rochefoucaulds starb. Immerhin: Sein Ruf und Können haben dafür gesorgt, daß Rouchfoucauld zum „Maler der französischen Schule“ wahrscheinlich einfach nur sagte: „Keine Experimente: Kopiere einen Rigaud und mach mein Gesicht drauf“.

Zum Aufwärmen oder „Liebe in den Zeiten des Coronavirus“

Wie das strahlende Licht eines lange erloschenen Sterns, der sich noch ein letztes Mal mitteilen möchte, nicht verzweifelt, nicht bettelnd, aber doch mit aller Dringlichkeit, aller Gewichtigkeit und aller Bedeutsamkeit, so fiel mit das Gesicht des Kardinals de Bernis vor vielen Jahren in Form einer Radierung in die Hände. Nach kurzer Recherche erwies sich eine Beschäftigung mit diesem Charakter als zwingend notwendig, wurde aber aufgrund der sprachlichen Barriere (meine Französischkenntnisse waren und sind spärlichst) erst einmal auf die To-Do-Liste gesetzt. Ich hatte kurz zuvor erst die Grafen von Schönborn und den Fränkischen Barock entdeckt, und dies war ein Feld, welches ebefalls anständig abgeerntet werden wollte.

Immer wieder zog es meinen Verstand und mein Herz in den folgenden Jahren an die Seite des Kardinals, ohne daß zu einer wirklich fruchtbaren Auseinandersetzung mit seinem Leben und Werk gekommen wäre.

Er begegnete mir in Casanovas Memoiren, in etwas ausführlicheren oder thematisch fokussierten Geschichtsbüchern, in Zeitungsartikeln vor allem aus dem 19. Jahrhundert und – natürlich – im Internet, wo eine Suche nach ihm nicht selten interessante Details, amüsante Anekdoten oder auch neues Bildmaterial einbrachte.

Und so füllte sich die Schale dieser seltsamen Vernarrtheit und floß nun endlich über. Liebe in den Zeiten des Coronavirus mag oft einhergehen mit durch Reiseverbot verursachtem Trennungsschmerz. Mir haben diese Tage und Wochen der Abgeschiedenheit den Weg bereitet und die Türen bzw die Bücher geöffnet. Ich pfiff auf die Verständigungsschwierigkeiten und machte mich an die Arbeit, die immer noch wie ein Berg vor mir liegt. Erst 113 von insgesamt 1.280 zu übersetztenden Seiten habe ich überwunden. Aber auf die mühevolle Arbeit folgt, wie beim Bergsteigen, der süße Lohn: Am Ende jedes Abschnitts atme ich zufrieden und glücklich durch, genieße den sich mir bietenden Ausblick und danke Gott für seine Schöpfung.

Nun ist also geklärt, daß ich den Kardinal de Bernis, der mich soeben durch die Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts führt, für eine der faszinierendsten historischen Persönlichkeiten überhaupt halte, aber das bedeutet nicht, daß der geneigte Leser sofort nickt und wissend raunzt, wenn dieser Name fällt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: De Bernis war und ist eine dieser Indie-Bands der Geschichte, deren Namen zwar fast jeder schon einmal gehört hat, mit deren Musik aber dennoch nur die Liebhaber vertraut sind. Er war keiner der ganz Großen, sein Name fällt nur in wenigen Fällen dort, wo Welt- oder zumindest europäische Geschichte für die Schulbücher geschrieben wird. Sprich: Er tauchte nicht überall in den Charts auf, aber er machte – wie man heute so sagt – stets sein Ding. Dies mit Leidenschaft und – wo es nötig war – auch meisterlich, so daß er immerhin im Laufe der Zeit eine treue Fangemeinde um sich scharen konnte, die ihm, so wie ich in diesen Wochen, von Auftritt zu Auftritt hinterherreist.

Ich veröffentliche die kommenden Beiträge also nicht nur, um mir die eigene Leidenschaft von der Seele zu schreiben, sondern auch, um in Ausschnitten, Anekdoten, manchmal in Übertreibungen, hin und wieder vielleicht auch in Ahnungslosigkeit dem geneigten Leser ein Bild zu malen von einem Menschen, der ganz weit oben auf meiner „Wenn Du mit einer historischen Persönlichkeit einen Kaffee trinken könntest“-Liste steht.

Packen wir’s an.

Herkunft (und Selbstverteidigung)

Bevor wir uns eingehend mit dem Kardinal de Bernis beschäftigen, stelle ich Euch den Ort seiner Kindheit vor, das Städtchen Saint-Marcel d’Ardeche, an dessen Rand das Château de Bernis steht, errichtet zwischen dem Ende des 17. und dem Anfang des 18. Jahrhunderts über einem älteren Bau.

Château de Bernis

Über die Kindheit des Kardinals und das ein oder andere Abenteuer, welches er im Schloß erlebte, gibt es später mehr. Ich bringe den Bau jetzt schon ins Spiel, weil sich mit ihm eine – wie ich finde – gar köstliche Anekdote verbindet:

Vor 22 Jahren, also in dem Jahr, in welchem die Biographie veröffentlicht wurde, aus der ich momentan übersetze, wurde das Schloß bewohnt von einer Um-drei-Dutzend-Ecken-Verwandten des Kardinals und ihrem Sohn. Von der Dame wird geschrieben, daß sie jeden Wandel der Zeiten ungefähr ebenso tapfer hinnahm wie das Schloß selbst über die Jahrhunderte hinweg Revolutionen, Verwüstungen und Eindringlinge überstand. Gleichgültig gegenüber diesen Phänomenen gab sie sich allerdings nicht. Im Gegenteil: Zur Abwehr gelegentlicher Diebe, die versuchten, an die überlebenden Stücke glänzenderer Zeiten zu kommen, legte sie sich eine Kalaschnikow zu, von welcher sie sich erst trennte, als die ersten Enkel geboren wurden. Sie schien aber auch danach noch durchaus dazu fähig, unerwünschte Gäste fernzuhalten, was die lokale Gendarmerie auf ihre Weise würdigte, indem sie der Dame einen passenden Spitznamen verpaßte: „Ma Dalton“!

Gefällt mir.

Kunst (und wie man sie geziemend präsentiert)

Kardinalstaatssekretär Silvio Valenti Gonzaga (1690 – 1756) war nicht nur ein schwerst barocker Prälat (besaß also somit die Eintrittskarte zu diesem Blog), sondern zeichnete sich auch aus als großer Liebhaber und Sammler von Kunstwerken und legte als solcher die Grundlage für die Kapitolinische Pinakothek. Er förderte neben anderen Künstlern den französischen Maler Pierre Subleyras, vom dem dieses Portrait des Kardinal stammt:

Brutal-Barock in Perfektion: „Dove sono le dolci?!“

Der Kardinal war zudem Pannini-Kunde und beauftragte den bekannten Vedutista damit, ihn umgeben von seinen gesammelten Malerei-Schätzen in einer fiktiven Galerie abzubilden:

Pinterest alla Settecento, ein frühes „Where’s Waldo?“ oder das erste Pa(n)nini-Sammelalbum?

Auch lediglich entfernt Kunstinteressierte werden hier sicherlich das eine oder andere Werk wiedererkennen, wenn auch die barocke Rahmen-an-Rahmen-Anordnung für die Augen der Besucher moderner Galerien etwas ungewöhnlich sein mag.