Berufen zu…

Wir verließen unseren Herrn Abbé zu dem Zeitpunkt, an dem die Luft im Seminar für ihn dünn wurde. Nach einem Jahr mystischer Eskapaden und Exzesse hatte der junge Seminarist sich – es wird wohl im Frühjahr 1732 gewesen sein – dem Direktor La Fosse anvertraut. Es ist nicht auszuschließen, daß François in diesen Gesprächen nicht nur ein wenig zu vertrauensvoll und naiv von seinen religiösen Praktiken berichtete, sondern gleichzeitig auch zu viel von seinem leidenschaftlichen Herzen, seiner fröhliche Seele und seinem hungernden Verstand offenbarte. La Fosse bat François um schriftlich festgehaltene Vorsätze und warf ihm diese nach Erhalt und Lektüre mit einer kühlen Abfuhr vor die Füße.

Es begann eine anderthalb- bis zweijährige Leidenszeit, in welcher François mehr oder weniger gute Miene zum bösen Spiel machte und sich der grauen Monotonie und den skeptischen Oberen mit eiserner Disziplin unterwarf. Oberflächlich schien alles in bester Ordnung: Bei den anderen Seminaristen war der junge Abbé beliebt, und die Professoren zollten seinen guten Leistungen Respekt, indem sie ihn hier und da Klassen unterrichten ließen, wenn ein Lehrer krankheitsbedingt ausfiel. Während dieser Zeit ließ man François ein wenig zappeln und hoffen, daß die Beziehungen seiner Familie zum Kardinal de Fleury ihm eines Tages einen Bischofssitz oder eine Abtei einbringen werden.

Gleichzeitig hatte de Bernis‘ Vorliebe für die Belles-Lettres und die Offenheit, mit der er die mangelnde Vielfalt der Ausbildung in Saint-Sulpice kritisierte, ihm den Ruf eines unabhängigen, ja gefährlichen Geistes verschafft. In dieser Zeit fiel de Bernis Gressets Gedicht Vert-Vert in die Hände und verzauberte ihn über alle Maßen. Gresset, mit dem François sich am Collège Louis-le-Grand fast die Klinke in die Hand gegeben hatte, erzählt in diesem Gedicht die Geschichte eines von Nonnen der Heimsuchung Mariens aufgezogenen Papageis namens Vert-Vert, der allerlei fromme Sprüche aufzusagen weiß. Er wird an einen anderen Konvent ausgeliehen, um dort die Nonnen zu begeistern. Auf dem Weg gerät er allerdings in schlechte Gesellschaft und entsetzt daher nach seiner Ankunft seine Gastgeberinnen mit derart wüsten Ausdrücken, daß diese, tausend Kreuzzeichen machend, zuerst die Flucht ergreifen und Vert-Vert dann empört zu den Visitantinnen zurückschicken, wo er Reue tut und letztlich, vollgestopft mit Süßigkeiten und Likör, seinen Geist aushaucht. François, so heißt es, war weniger von den Frivolitäten und Zweideutigkeiten des Textes begeister als vom Charme und von der Leichtigkeit der Sprache. Auch war das Gedicht ihm eine Warnung (oder hätte es sein sollen), wurde doch der Verfasser aufgrund dieses und anderer Werke aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen.

François aber erfreute sich erst einmal nur am Werk und hoffte vielleicht – sich an seine ersten eigenen Verse und das dafür erhaltene Lob erinnernd – zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal, daß die Dichterei „der Stab ist, mit dem ich die Gräben überspringe“, wie er es formuliert. Die Oberen des Seminars waren sich zu diesem Zeitpunkt jedenfalls sicher, daß man einen solchen Geist nicht so ohne weiteres als Bischofskandidaten aufbauen durfte. Dies waren auch die Wochen, in denen von François zum ersten Mal als Mann „ohne Berufung“ gesprochen wurde, um die Abschußrampe zu ölen.

Der Abbé Couturier wollte François nur zu gerne loswerden, wußte aber auch, daß dessen Vater ein alter Freund des mächtigen Kardinals de Fleury war, bei welchem Couturier nicht anecken wollte, da er dessen Vertrauen genoß und für ihn die Kandidaten für die Bischofssitze und Abteien auswählen durfte. Daher entwarf Couturier einen Plan der Zermürbung. Als er François eines Tages einen dreimonatigen Heimaturlaub empfahl, damit er die Wogen in seiner Abwesenheit glätten konnte, roch der junge Abbé die Falle, wußte sich ihr aber nicht zu entziehen. Couturier versprach, François nach seiner Rückkehr sofort wieder ins Seminar aufzunehmen und schrieb jubelnde Briefe sowohl an seinen Vater als auch an seinen Bischof.

Zwischen diesem Rat und François Ankunft in Saint-Marcel-d’Ardeche verging eine gewisse Zeit. Ich konnte bisher nicht herausfinden, wie viele Monate es genau waren. Hier spricht ein Biograph von einem ganzen Jahr, dort vermutet ein anderer vier Monate. De Bernis selbst begnügt sich in seinen Memoiren mit einem knappen Absatz: „Ich hatte das Seminar kaum verlassen, als ich von der Versuchung ergriffen wurde, das Theater zu besuchen und ihr nachgab. Die Französische Komödie erweichte mein Herz, die Oper verführte meine Sinne. Es erwuchs in mir eine solche Leidenschaft für dieserlei Aufführungen, daß das größte in meinem Leben gemachte Opfer war, diese irgendwann aufzugeben. Der häufige Besuch dieser Veranstaltungen bewirkte in mir einen Aufruhr der Ideen und Gefühle, aus dem ich schloß, daß sie für junge Leute stets gefährlich sein müssen.“

Die Phantasie des Lesers darf nun Amok laufen. Wo wohnte der Abbé in dieser Zeit? Wie viele Wochen trieb er sich mit welchen Leuten an welchen Orten der Hauptstadt herum? Was genau geschah im Zuschauerraum und vielleicht gar hinter den Kulissen? Erkannte er in irgendeinem Theater, daß er seine Freiheit erst einmal an einem solchen Ort finden mußte, der seinen Sinnen, seiner Vorstellungskraft, seiner Kreativität und nicht zuletzt seiner Leidenschaft mehr zu bieten hatte, als die erhabenen Mysterien, die in Saint-Sulpice gelehrt wurden? Lernte er während irgendeiner Aufführung, daß es einen Weg zur Glückseligkeit gibt, der hinsichtlich der materiellen Entsagung anfangs steinig ist, aber einfach hinsichtlich der Anforderungen an seine Fähigkeiten? Nahm er in irgeneiner Garderobe seinen ersten Kuß als Erwachsener entgegen? Fand am Ende in diesen Wochen ein Austausch der Berufungen statt, der ihn erst einmal zum Dichter, Salonliebling, Pompadour-Vertrauten und Diplomaten machen sollte, bevor er sich mit Ernst auf die geistliche Laufbahn wagte? Er weiß es. Aber er gibt es nicht preis.

Eine Anekdote aus diesen Wochen ist in einem der Briefe des Kardinals überliefert: Er und der mit ihm geschaßte Kumpel Antoine de Malvin de Montazet, später Erzbischof von Lyon, besaßen zusammen nur ein anständiges Paar schwarzer Hosen, welches sie so teilten, daß derjenige, der in diesen Pariser Wochen der unerwarteten aber willkommenen Freiheit die erlesenere Gesellschaft aufsuchte, die Beinkleider tragen durfte.

Im Dezember 1734 kam François in Saint-Marcel-d’Ardeche an. Er verliert nur wenige Zeilen über seine Familie und gesteht dem Leser, daß er plötzlich am Umgang mit Frauen Gefallen fand, weil diese seinem Verstand und seinem Äußeren Komplimente machten, was seinem Stolz schmeichelte, aber auch Fragen aufwarf: „Ich mußte nach Saint-Sulpice zurückkehren. Diese Überlegung hielt mein Herz, das eigentlich zum Ausbruch bereit war, im Zaum. Ich verbrachte drei Monate im Kampf zwischen Unschuld und Leidenschaft“.

Vielleicht erinnert sich der geneigte Leser, daß François in seinen Memoiren bereits erwähnte, in den ersten 20 Jahren seines Lebens aufgrund diverser Ammenmärchen aus seiner Kindheit die Toten mehr gefürchtet zu haben als die Lebenden. Der Wendepunkt kam während der drei Monate, die er daheim verbrachte. Als er eines Nachts keinen Schlaf fand, ging er bei hellem Mondschein auf einer Terrasse spazieren und sah in den Garten hinab. Dort erblickte er eine bleiche, verschleierte Gestalt, die an einem Baum lehnte. Er erschrak und stellte fest, daß die Gestalt umso größer schien, je genauer er hinsah. Er verlangte zu wissen, mit wem er es zu tun hatte. Das störrische Schweigen der Erscheinung brachte keine Erleichterung. Es mußte eine Entscheidung getroffen werden: „Ich beschloß, die Wahrheit herauszufinden oder umzukommen. Ich ging zurück in mein Zimmer, um ein Gewehr zu holen, immer noch glaubend, ich hätte einen Geist hinter mir. Ich kehrte mit meiner Waffe zurück auf den Balkon. Sie gab mir Vertrauen, denn ich fand die Figur um einige Fuß geschrumpft an der gleichen Stelle, wo ich sie gesehen hatte, als die Furcht mich ergriff. Ich rief der Erscheinung mehrere Male zu und drohte, sie zu erschießen. Keine Antwort. Dann legte ich das Ende des Laufes meines Gewehrs auf das Geländer auf, weil meine Hände zitterten, zielte lange und gab einen Schuß ab, der in den Baum hinter der Erscheinung einschlug. Diese war ungerührt. Dann, ergriffen von einer Mischnug aus Raserei und Furcht und entschlossen, das Abenteuer zu seinem Ende zu bringen, durchquerte ich das ganze, dunkle Schloß. Ich ging hinab in den Garten. Ich sah den vermeintlichen Geist und ging auf ihn zu, mit zu Berge stehendem Haar und angespannten Muskeln. Ich war nur vier Schritte entfernt, als ich ihn sehr klar erkennen konnte. Ich sprang auf ihn zu und umarmte den Baum. Die Erscheinung verschwand. Ich sah keinen Geist mehr. Meine Sinne beruhigten sich. Ich erkannte, daß der Baum keine Rinde mehr hatte und verrottet war. Das Mondlicht hatte ihn getroffen und die weiße Erscheinung produziert, zu der meine Phantasie dann alles andere beitrug. In diesem Abenteuer steckt ebensoviel Mut wie Feigheit. Aber hätte ich den Geist nicht studiert, hätte ich vielleicht für den Rest meines Lebens kindischen Schauermärchen geglaubt“.

Im März des Jahres 1735 kehrte der nun fast zwanzigjährige Abbé zurück nach Paris. Da dieser Text bereits ziemlich lang ist, gibt es den Showdown in Saint-Sulpice erst im nächsten Kapitel.


Teil I: Die ersten Schritte

Teil VII: Down and Out in Paris

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