Die Wolken ziehen auf

Bevor wir mit François in das Seminar Saint-Sulpice umziehen lauschen wir noch dem Paukenschlag, mit welchem er sein Gastspiel bei den Jesuiten beendete. Als Klassenbester wurde er gebeten, im großen Refektorium in Anwesenheit der gelehrtesten Köpfe des Ordens eine lateinische Rede zu halten. Der junge Abbé versuchte zu beweisen, daß die Rhetorik über der Philosophie steht, und er tat dies – wie die Rhetorik-Studenten einstimmig fanden – mit nicht geringem Erfolg. Natürlich gab es sofort heftigen Widerspruch seitens der Philosophen, denen eine Gegenrede erlaubt wurde. François wollte nun seinerseites antworten, aber der Rektor unterbrach ihn, eine Eskalation fürchtend. Diese Furcht war nicht unberechtigt, kühlten sich die erhitzten Köpfe doch erst ab, nachdem man den Disput an einen anderen Ort verlegt hatte und dort nicht nur Worte sondern auch Fäuste sprechen ließ.

Man darf nun nicht folgern, daß de Bernis der Philosophie feindselig gegenüberstand. Zu groß war sein Wissensdurst und zu interessant waren die in der Bibliothek der Jesuiten aufbewahrten Schätze. Die Beredsamkeit verteidigte der Abbé, weil es seinen Fähigkeiten und seinem Charakter entsprach: Er verfaßte seit seiner Kindheit Verse, und er war stets auf der Suche nach Freundschaft. Freundschaft aber beginnt nicht zuletzt mit Verführung, und Verführung ohne Sprache ist nicht von Dauer. In diesen Pariser Jahren, in denen er wenig (und manchmal nichts) besaß, gab die Beredsamkeit ihm Selbstvertrauen und Macht und bereitete ihn – ohne daß er dies zu diesem Zeitpunkt bereits ahnen konnte – auf seine späteren Aufgaben als Diplomat vor.

Bevor François – dem Plan des Kardinal de Fleury folgend – die Jesuiten verließ, mästete er sich nochmals zwei Monate lang in deren Bibliothek, nachdem er gewarnt wurde, daß jene von Saint-Sulpice nur Theologie, Kirchenväter und Kirchenrecht zu bieten hatte und daß das Knackigste, was man dort vorfinden konnte, die ein oder andere Konvertitengeschichte war. Er tat dies nicht nur mit der egoistischen Habsucht des Wissensdurstigen: „Mit dem Reichtum [des Wissens] wächst die Gier. Der Geizhals behält seine Schätze. Der wirklich Neugierige sammelt, um weiterzugeben“.

Gut gelaunt, voller Dankbarkeit und begleitet von den besten Wünschen seiner Lehrer und Kameraden verließ François also die Jesuiten. In den zwei Jahren, die er dort verbringen durfte, hatte er viel gelernt, nicht zuletzt wegen der Offenheit, die an dieser Schule herrschte.

Eine ganz andere Atmosphäre erwartete ihn in Saint-Sulpice. Dort trat der Sechzehnjährige im Oktober des Jahres 1731 ein. Der Abbé Le Porée hatte ihm noch den Rat mitgegeben, die Schärfe seines Geistes nicht zu sehr aufscheinen zu lassen, seine eigenen Interessen zu dämpfen und den Oberen gegenüber gehorsam zu sein. So betrat de Bernis das Seminar mit dem festen Vorhaben, sich der dort herrschenden Disziplin zu unterwerfen. Doch bald merkte er, daß sich Umgangston und Manieren dort sehr von allem unterschieden, was er bei den Jesuiten erlebt hatte: „Diese Gesellschaft von Priestern täuschte die größte Einfachheit vor und dazu einen Umgangston der Nächstenliebe, der nicht immer von einer großen Offenheit des Herzens begleitet wurde“.

Was genau beim ersten Treffen zwischen dem jungen Abbé und dem Generalsuperior Couturier schiefgelaufen ist, das geben die Memoiren de Bernis‘ nicht her. Ich sehe vor meinem inneren Auge, beieinflußt von den Beschreibungen der Bernis-Biographen, das Aufeinanderprallen zweier Welten: Auf der einen Seite der Superior, ein wenig zu grau, ein wenig zu asketisch, ein wenig zu routiniert, ein wenig zu verhärmt, vielleicht auch ein wenig zu sehr von Verantwortung und Sorgen niedergehalten. Auf der anderen Seite der Abbé, viel zu rosig, viel zu fröhlich, viel zu offen, viel zu vertrauensvoll und sicherlich auch mit viel zu vielen Erwartungen vollgestopft. De Bernis besaß eine Angewohnheit, die einerseits sympathisch, andererseits unklug war: Er begegnete anderen Menschen in der Regel wie Gleichgestellten, dies mit einer Selbstverständlichkeit, die sicherlich in geringer gestellten Zeitgenossen Respekt hervorrief, bei seinen Oberen aber eher für Verstimmung sorgen konnte.

Was auch immer bei diesem ersten Treffen geschah: François berichtet dem Leser in der Folge nicht etwa von seinen Studienerfolgen (die sich ohnehin wie gewohnt einstellten), sondern von einem Abgleiten ins Mystische, welches er in einem aufschlußreichen Abschnitt nüchtern und treffend analysiert: „Ich wurde von einer außergewöhnlich starken Frömmigkeit und Hingebe ergriffen, die sich im Laufe eines Jahres von Tag zu Tag steigerte. Diese Inbrunst verdankte, wie ich zugebe, einen großen Teil ihres Feuers meinem Alter und der Lebhaftigkeit meiner Leidenschaften. Meine Hingabe war sehr ehrgeizig, sie verschmähte gewöhnliche Praktiken und hielt sich an all das, was in den Biographien der Heiligen als erhaben und streng aufleuchtete. Meine langen Wachen, meine Gebete, meine Abstinenz, die permanente Zurückhaltung meines Geistes entzündeten mein Blut auf eine Art, die für meine Gesundheit gefährlich wurde. Es fehlte nicht viel, und ich wäre in das fromme Delirium mancher Mystiker gefallen. Ich kam Visionen und Ekstasen sehr nah. Ich fühlte beim Beten in der Herzgegend eine Hitze, die fast unerträglich war. Ich hielt dieses innere Feuer für das der göttlichen Liebe und hoffte, daß ich eines Tages verzehrt sterben und mein Herz in Asche verwandelt würde. Die Lebendigkeit meiner Vorstellungskraft und die Leere meines Herzens, das lieben mußte, hatten mit diesen frommen Exzessen viel zu tun. Ich empfehle jungen Menschen solche Praktiken nicht. Das Auspeitschen, von dem in Gemeinschaften häufig Gebrauch gemacht wird, scheint mir ebenso unanständig wie zweideutig. Man darf bezweifeln, daß diese Art von Strenge die Leidenschaften zähmt und nicht weckt.“

Der Direktor des Seminars, ein Monsieur De La Fosse, bemerkte schließlich, daß mit François etwas nicht stimmte, riet von weiteren frommen Übungen ab und bat den jungen Abbé, seine Vorsätze schriftlich festzuhalten, um diese dann zu prüfen. François, angetrieben von seiner fruchtbaren Phantasie, überreichte einige Zeit später nicht ein paar Blätter, sondern einen Band. Zwei Wochen dauerte es, bis de Bernis zum Direktor zitiert wurde. Dieser warf ihm sein Werk vor die Füße und bemerkte: „Auf der ersten Seite habe ich vier Fehler entdeckt“.

Diese kalten Worte waren mehr als eine erste Warnung. Sie waren im Grunde bereits das Signal, daß François‘ Tage im Seminar gezählt waren. Was aber rechtfertigte diese Abfuhr? Wie immer hatte unser junger Abbé sich auf seine alte Routine verlassen: Fix an die Spitze aller Klassen zu klettern, um sich dann privaten Interessen hinzugeben: Er verschlang alles, was er an Belletristik in die Finger kriegen konnte. Dies blieb nicht lange unbemerkt, und es brachte François den Ruf eines Schön- und (schlimmer noch) Freigeistes ein. Es war bereits durch seine Ehrlichkeit aufgefallen und ebenso dadurch, daß er sich nicht scheute, Mißstände anzusprechen. Man gebe jetzt noch sein vollkommen ungraues Äußeres und sein sprudelndes, geistreiches und selbständiges Wesen hinzu, und fertig ist der Todfeind aller Oberen, die in kurzer Zeit Individuen zu normgerechten Bischofskandidaten zurechtklopfen müssen.

Der Generalsuperior Couturier war nebenher auch noch, ausgestattet mit dem vollen Vertrauen des allmächtigen Kardinal de Fleury, für die Bischofsempfehlungen zuständig. Er befürchtete, daß François, einmal auf dem Bischofsthrone sitzend, sich als nicht fügsam genug erweisen könnte. Er wußte aber auch, daß Francois‘ Vater und Fleury alte Jugendfreunde waren. Und so entwickelte er einen Plan, unseren Abbé loszuwerden, ohne beim Kardinal an Kredit zu verlieren.

Welche Überraschungen, Abenteuer und Enttäuschungen nun auf François warten, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Kapitel.


Teil I: Die ersten Schritte

Teil VI: Berufen zu…

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