Klerikaler Schönheitswettbewerb

Die Übersetzungsarbeit läuft momentan auf vollen Touren. Ich krame grade aus vier Biographien die Informationen für das nächste Kapitel zusammen, um die Ausbeute dann zu einem Text zu verdichten, der alles enthält, was hinein muß, und der dennoch den Rahmen eines Kapitels nicht sprengt. Es ist also noch ein wenig Geduld angesagt.

Den geschätzten Lesern, die dem Leben des Kardinal de Bernis in meiner Übersetzung, Interpretation und Vorstellung bis hierhin gefolgt sind, biete ich heute eine kleine Portraitrutsche.

Einleitend sei dies erwähnt: In einem älteren Beitrag war zu lesen, daß der Marquis d’Argenson den Kardinal Armand Gaston Maximilien de Rohan (1674-1749) für „den schönsten Kardinal der Welt“ hielt. Und es war tatsächlich auch dieser Kardinal, und nicht – wie in manchen historischen Romanen und postrevolutionären Darstellungen machmal fälschlicherweise behauptet – der Halsbandkardinal Louis René Édouard de Rohan, den die Damenwelt mit dem Spitznamen „La belle éminence“ versah. Ludwig der Fünfzehnte sagte nun, während er 1758 dem frisch ernannten Kardinal de Bernis das Birett aufsetzte: „Ich habe noch nie einen so schönen Kardinal gemacht“.

Ich lasse erst einmal die Bilder für sich sprechen. Heute gibt es Stiche und Radierungen, in einem zweiten Beitrag zeige ich irgendwann noch ein paar gemalte Portraits.

Zuerst zwei ungewöhnliche Darstellungen, nämlich das einzige Profilportrait, das ich bisher finden konnte, und ein 39-jähriger de Bernis in der Domherrenmozzetta aus dem Jahre 1744 (dem Jahr, in dem er Mitglied der Académie Française wurde):

Der Abbé als Kardinal – mit großzügigem Doppelkinn, stolzer Nase, schöner Stirne
und sinnlich geschwungenen Lippen – scheint hier nicht genau zu wissen, was er
von der Gesamtsituation eigentlich halten soll.
Der Abbé als Domherr, noch ein wenig unverbrauchter, verliebt-verträumt mit Bambiaugen und Kußmund in die Ferne schmachtend. Das dürfte eine posthume Darstellung sein, vielleicht eine Buchillustration.

Es folgt eine Serie von vier relativ ähnlichen Darstellungen im Oval, aus denen der geneigte Leser sich ein Gesamtbild schaffen möge:

Bei der breiten Nase, den schön geschwungenen Augenbrauen und den irgendwie immer kurz vor einem Lächeln stehenden Lippen scheinen sich alle einig gewesen zu sein.

Zum Schluß ein weiteres posthumes Portrait aus einem Buch, bei dem die Phantasie des Illustrators eine Rolle gespielt haben dürfte. Diese Kulleraugen, diese Schmachtlippen und diese Wangen, die selbst in der einfarbigen Darstellung rot glühen…

Ludwig der Fünfzehnte war – wie gesagt – hingerissen, und ich schließe mich dem an. Das ist schon barockes Prälatentum auf allerhöchstem Niveau. Nicht nur üppig, sondern auch wirklich angenehm anzuschauen und – zumindest für mich – keineswegs unsympathisch.

2 Kommentare zu „Klerikaler Schönheitswettbewerb

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