Ein Austausch von Kreuzen

Nach mehreren mißglückten Versuchen der Erziehung durch Hauslehrer, entschloß sich Papa de Bernis, seine beiden Söhne auf ein Internat zu schicken.

Bevor wir François folgen, kurz ein Wort zu seinen Schwestern: Françoise-Helene (*1700) und Gabrielle (*1706) teilten das Schicksal vieler Adelstöchter dieser Zeit: Sie wurden zum Klosterleben bestimmt. Gabrielle, von der wir sonst nicht viel wissen, hatte ihren ganz eigenen Kopf: Sie widersetzte sich den Wünschen des Vaters exakt so lange, bis dieser das Insistieren einstellte. Dann nahm sie den Schleier und zog fortan als gyrovage Ursuline von Haus zu Haus: Mal war hier das Wasser klarer, mal war dort die Luft vorzuziehen, und überhaupt… Es ist nicht auszuschließen, daß sie ab 1758 die „eminente“ Position des jüngeren Bruders ausnutzte, um Kritik an ihrer Klosterhüpferei klein zu halten. Françoise-Helene, die Älteste unter den vier Geschwistern, war von der Natur mit so viel Anmut, Charme und Witz ausgestattet, daß sie 1728 ohne Mitgift an einen verwitweten Marquis verheiratet werden konnte, der sich beim ersten Anblick unsterblich und Hals über Kopf in sie verliebt hatte. Sie wird eine wichtige Person im Leben des Kardinals bleiben.

Zurück zu François: Er wurde 1725 zusammen mit Philippe auf das Barnabitenkolleg im nahegelegenen Bourg-Saint-Andéol, Residenzstadt der Bischöfe von Viviers, geschickt. Das Kolleg übernahm die „weltliche“ Bildung der lokalen Seminaristen. Dort fanden sich viele Söhne bürgerlicher und armer Familien, was manchen adligen Eltern ein Dorn im Auge gewesen sein mag, Papa de Bernis aber nicht scherte, da er der Meinung war, daß seinen Söhnen der Kontakt mit der „realen“ Welt mehr Nutzen als Schaden bringt.

François absolvierte auf dem Kolleg die Sexta, Quinta und Quarta und verfeinerte dort sein System. Da er die lateinische Sprache im alter von zehn Jahren bereits beherrschte und in allen anderen Fächern sofort mit allem gebotenen Fleiß loslegte, konnte er sich bald wieder als Klassenerster der Betrachtung der Natur und den Bildern seiner Phantasie überlassen, so lange, bis irgendwo ein Konkurrent zu nahe kam. Dann hieß es zurück zu den Büchern, um den alten Abstand herzustellen.

Papa de Bernis hatte seinem Sohn das Malteserkreuz in Aussicht gestellt, und das war François zu diesem Zeitpunkt seines Lebens sehr recht. Er war weder ein Raufbold noch kriegslüstern, aber er sah sich als Bub doch eher hoch zu Roß auf dem Schlachtfeld, denn als Generalvikar in einer Schreibstube: „Ich wurde dazu auserkoren, ein Malteserritter zu werden. Der Militärberuf, dem ich mich seit der Wiege verschrieben hatte, hatte meine Neigung dem Kriegswesen zugewendet. Diese Vorliebe meiner Kindheit ist nicht komplett ausradiert: Ich habe in meiner Vorstellung oft Ansichten bezüglich des Kriegswesens, und ich habe es hin und wieder bereut, daß es nicht mehr modern ist, einen Kardinal an die Spitze eines Heeres zu stellen.“

Als der Vater gestand, daß die finanzielle Situation der Familie das Entrichten der Passage für den Eintritt in den Malteserorden nicht zuließ, wird dies im ersten Moment ein gewaltiger Schock für François gewesen sein. Aber hier zeigt sich auch zum ersten Mal eine ausgesprochen angenehme Eigenschaft des Knaben, die er im Laufe seines Lebens nicht verlieren sollte: Wann immer er irgendwo auf Granit biß, scheiterte oder enttäuscht wurde, beklagte er sich nicht, führte er kein Drama auf, hegte er keinen Groll, suchte er keinen Schuldigen. Stattdessen nahm er das Steuer in die Hand und peilte sein nächstes Ziel an. Im konkreten Fall bedeutete dies ein simples Austauschen der Kreuze: „Als ich eines Tages meinem Vater schrieb und nicht mehr wußte, womit ich die Seiten noch füllen sollte, erwähnte ich, daß ich nun, da ich keine Aussicht mehr auf das Malteserkreuz hatte, dieses gegen das bischöfliche Brustkreuz einzutauschen gedachte. Ich tat offiziell meine Berufung zum Klerikerstand kund“.

Damit er sich die ganze Geschichte auch gut überlegen konnte, wurde François für einen Monat in das kleine Seminar in Bourg-Saint-Andéol gesteckt. Er „behauptete, seine Überlegungen wohl gemacht zu haben“ und ging am 30. Oktober 1727 mit Eltern, Bruder und Schwestern nach Viviers, um in der dortigen Kathedrale die Tonsur zu empfangen. Es ist – soweit ich das im Moment überblicken kann; seine Memoiren geben jedenfalls an dieser Stelle nichts her – nicht überliefert, was der kleine François empfand, als er die Straßen zur Kathedrale hochstapfte, durch das Kirchenschiff dem Altar entgegenschritt und endlich vor dem Bischof kniete. Aber ich bin mir sicher, daß sich jeder Augenblick seinem für alle Sinneseindrücke hochempfindlichen Kopf und seiner Poetenseele eingeprägt hat und daß er sich – im Alter von nur zwölf Jahren – wohl weniger Gedanken um die Religion machte, sondern mit großen Augen auf die bischöflichen Insignien blickte und den Tausch des Pferdesattels gegen den Bischofsthron insgesamt letztlich doch für angemessen hielt. Irgendwo im Hinterkopf jedoch nahm er sich auch fest vor, Gott – den er ehrlich und innig liebte – zu dienen.

Zwei Einschränkungen brachte der neue Stand mit sich: François durfte sich fortan nicht duellieren und sich nicht auf Bällen herumtreiben. Tatsächlich erwischt man ihn während seines gesamten Lebens auch niemals beim Tanz oder beim Duell. Weiterhin brachte die neue Situation mit sich das Chorgebet, die tägliche Messe und – bei offiziellen Anlässen – die Anrede „Abbé“. François schlüpfte in den Klerikerstand, wie der Fuß in den Pantoffel. Er setzte in der Quarta seine Studien mit solchem Erfolg fort, daß die Oberen den Vater praktisch anflehten, dem Jungen eine glänzendere Zukunft zu eröffnen als jene, die er in Viviers erwarten durfte. Der Kardinal schreibt dazu in seinen Memoiren: „Wäre ich in der Provinz geblieben, wäre ich als Großvikar von Viviers alt geworden; strahlend in der Diözese, dem Rest der Welt unbekannt“.

Papa de Bernis zögerte aus zwei Gründen: Erstens widerstrebte es seinem Charakter, an hohen Thronen um kleine Gefallen zu bitten. Zweitens betrachtete er François wie einen kleinen Schatz, von dem er nicht wußte, ob er ihn jetzt schon aus der Truhe holen sollte. Endlich schrieb er dann an einen alten Jugendfreund: André-Hercule de Fleury, seit kurzem Kardinal, allmächtiger erster Minister Ludwig XV und verantwortlich für die Vergabe der wirklich interessanten Posten innerhalb der Kirche. Der Kardinal erinnerte sich noch gut an Joachim de Bernis. Auf der Pagenschule hatte ihre Situation als nicht übermaßig materiell ausgestattete Söhne des Languedoc gegenseitige Sympathien entwickeln lassen. Nun antwortete er schriftlich, daß er sich gerne für die beiden Söhne einsetzen wolle. Philippe wurde auf die Pagenschule des Marstalls in Versailles geschickt, während François seine Studien auf der Jesuitenschule Louis-le-Grand in Paris beenden sollte, um danach in das Seminar Saint-Sulpice, die Krabbelstube der späteren französischen Bischöfe, zu wechseln.

Mit dem Umzug des kleinen Abbé nach Paris nimmt seine Geschichte so richtig Fahrt auf. Davon mehr in den nächsten Episoden.


Teil I: Die ersten Schritte

Teil IV: Von der Provinz in die Hauptstadt

3 Kommentare zu „Ein Austausch von Kreuzen

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