Die ersten Schritte

François-Joachim de Pierre, Kardinal de Bernis, erblickte das Licht der Welt am 22. Mai 1715 im elterlichen Schloß zu Saint-Marcel-d’Ardèche nach einer komplizierten Geburt, die ihm und seiner Mutter fast das Leben gekostet hätte und ihn – wie es in seinen Memoiren heißt – von Kopf bis Fuß „ganz schwarz“ aussehen ließ. Er war das vierte und letzte Kind seiner Eltern, Joachim de Pierre, Seigneur de Bernis und Marie-Elisabeth de Chastel de Condres. Die Familie war von altem Adel; einer seiner Vorfahren, Pierre de Pierre, machte sich bereits im ersten Kreuzzug einen Namen. Man war verwandt mit den Montmorency, den Rohan, den Polignac, den La Tour d’Auvergne, und bei den guten Beziehungen zum Hofe hätte selbst ein wenig bis mittelbegabter Sprößling gute Aussichten auf ein Regiment oder einen Bischofssitz gehabt.

Unser kleiner François, so wird sich bald zeigen, war überdurchschnittlich begabt. Aufgrund eines Fehltritts des Vaters war ihm der ganz einfache Weg nach oben jedoch verbaut. Joachim hatte sich – vielleicht eingeschnappt, vielleicht des Krieges müde – im Jahre 1704 aus den königlichen Diensten zurückgezogen, nachdem ihm nicht – wie erwartet und erbeten – ein Kavallerieregiment sondern ein Infantrieregiment angeboten wurde. Die Familie verlor darauf ein wenig an Ruf – Joachim wurde künftig vom Hof ignoriert – und einiges an Einkünften.

Als Joachim nach Saint-Marcel zurückkehrte, wartete dort auf ihn neben der Gattin auch seine vierjährige Tochter, Francoise-Hélène. Zwei Jahre später brachte seine Frau ein zweites Kind zur Welt, ein weiteres Mädchen, Gabrielle Elisabeth. Knurrig und skeptisch entschied Joachim, daß zwei Mitgifte ausreichen und sah erst einmal von der Zeugung weiterer Kinder ab. Im Februar des Jahres 1714 wurde dann der erste Sohn, Philippe, geboren. Und damit nicht genug: Im folgenden Jahr erblickte François-Joachim das Licht der Welt.

Das Geburtsrecht entschied über die ersten Jahre des künftigen Kardinals: Während Philippe im elterlichen Schloß aufwuchs, gab man François in eine Pflegefamilie. Er nuckelte im Bauernhaus (an welches er immer gute Erinnerungen hatte) seine erste Milch, wurde aber auch – weil die Dame des Hauses wenig von dieser zu bieten hatte – früh an Kohl- und Specksuppe gewöht, ein Umstand, dem er, wie er später in den Memoiren vermutet, die „Kraft seiner inneren Organe“ zu verdanken hat.

Dreijährig kehrt er ins elterliche Schloß zurück und gleitet so von der Welt der Ammen und der nach diesen benannten Märchen voller Ziegenfüße und Hexentänze hinein in die Klänge der Madrigale, die seine Mutter ihm vorsingt. Eine seiner frühesten Erinnerungen und sicherlich nicht unbedeutend für seine spätere Aktivität als Verseschmied: „Ich konnte Reime stammeln, bevor ich Prosa schreiben konnte“.

Die Mutter ist es auch, die ihm Lesen und Schreiben beibringt, während ein junger Abbé namens Lejeune für den Rest der Ausbildung zuständig ist. Diesem Abbé gelang es, die vom Vater zwischen den Brüdern angestiftete Rivalität in gegenseitige Liebe umschlagen zu lassen. Joachim de Bernis hatte früh erkannt, daß der zweitgeborene Sohn der Glückstreffer war. Und so versuchte er in den ersten Jahren, den Erstgeborenen zu ermutigen, das Niveau des Bruders zu erreichen. Ein hoffnungsloses Unterfangen: François, dieses specksuppenschlürfende Riesenbaby mit seinem unendlich wissbegierigen und dennoch stets verträumten Puttenkopf, war und blieb Philippe immer einen Schritt voraus, weil er offenbar schon als Kind jene Eigenschaft besaß, die ihn für den Rest seiner Ausbildungszeit auszeichnete: Wußte er sich an der Spitze irgendeines Faches oder igendeiner Klasse, so ruhte er auf seinen Lorbeeren und gab sich der Tagträumerei und der stillen Beobachtung der Natur hin (und zapfte somit die beiden reichsten Quellen für seine Dichterei an). Drohte man, zu ihm aufzuschließen, studierte und arbeitete er Tag und Nacht, bis seine Konkurrenten ihn erneut nur noch am Horizont sahen, wo er sich dann wieder der Muße und der Muse hingab etc…

Auch entwickelte François früh eine gewisse Unabhängigkeit: Auf dem Dachboden des Schlosses hatte er eines Tages Bücher seines Großvaters gefunden. Die Gedichte des Ronsard gefielen ihm besonders. Der strenge Vater nahm ihm die Bücher ab, die milder gestimmte Mutter stellte später, beim heimlichen Korrigieren der ersten Verse ihres Sohnes, fest, daß dieser seinen Ronsard behalten oder zurückerobert hatte und weiter darin stöberte: Zu altmodisch war die Sprache des dichtenden Dreikäsehochs, zu ungewöhnlich waren die Worte.

Der gute Abbé Lejeune verließ das Haus nach zwei Jahren. Auf ihn folgte eine ganze Reihe von Hauslehrern, die mit ihrem religiösen Fanatismus und ihren dubiosen Praktiken des Strafens und Erniedrigens dem noch verletzlichen und zarten Kinderherz den ein oder anderen Schmerz bereiteten. Wie unser kleiner François dieser Herausforderung begegnete, das erfährt der geneigte Leser im nächsten Teil.


Teil II: Hokuspokus

6 Kommentare zu „Die ersten Schritte

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