Zum Aufwärmen oder „Liebe in den Zeiten des Coronavirus“

Wie das strahlende Licht eines lange erloschenen Sterns, der sich noch ein letztes Mal mitteilen möchte, nicht verzweifelt, nicht bettelnd, aber doch mit aller Dringlichkeit, aller Gewichtigkeit und aller Bedeutsamkeit, so fiel mit das Gesicht des Kardinals de Bernis vor vielen Jahren in Form einer Radierung in die Hände. Nach kurzer Recherche erwies sich eine Beschäftigung mit diesem Charakter als zwingend notwendig, wurde aber aufgrund der sprachlichen Barriere (meine Französischkenntnisse waren und sind spärlichst) erst einmal auf die To-Do-Liste gesetzt. Ich hatte kurz zuvor erst die Grafen von Schönborn und den Fränkischen Barock entdeckt, und dies war ein Feld, welches ebefalls anständig abgeerntet werden wollte.

Immer wieder zog es meinen Verstand und mein Herz in den folgenden Jahren an die Seite des Kardinals, ohne daß zu einer wirklich fruchtbaren Auseinandersetzung mit seinem Leben und Werk gekommen wäre.

Er begegnete mir in Casanovas Memoiren, in etwas ausführlicheren oder thematisch fokussierten Geschichtsbüchern, in Zeitungsartikeln vor allem aus dem 19. Jahrhundert und – natürlich – im Internet, wo eine Suche nach ihm nicht selten interessante Details, amüsante Anekdoten oder auch neues Bildmaterial einbrachte.

Und so füllte sich die Schale dieser seltsamen Vernarrtheit und floß nun endlich über. Liebe in den Zeiten des Coronavirus mag oft einhergehen mit durch Reiseverbot verursachtem Trennungsschmerz. Mir haben diese Tage und Wochen der Abgeschiedenheit den Weg bereitet und die Türen bzw die Bücher geöffnet. Ich pfiff auf die Verständigungsschwierigkeiten und machte mich an die Arbeit, die immer noch wie ein Berg vor mir liegt. Erst 113 von insgesamt 1.280 zu übersetztenden Seiten habe ich überwunden. Aber auf die mühevolle Arbeit folgt, wie beim Bergsteigen, der süße Lohn: Am Ende jedes Abschnitts atme ich zufrieden und glücklich durch, genieße den sich mir bietenden Ausblick und danke Gott für seine Schöpfung.

Nun ist also geklärt, daß ich den Kardinal de Bernis, der mich soeben durch die Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts führt, für eine der faszinierendsten historischen Persönlichkeiten überhaupt halte, aber das bedeutet nicht, daß der geneigte Leser sofort nickt und wissend raunzt, wenn dieser Name fällt.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: De Bernis war und ist eine dieser Indie-Bands der Geschichte, deren Namen zwar fast jeder schon einmal gehört hat, mit deren Musik aber dennoch nur die Liebhaber vertraut sind. Er war keiner der ganz Großen, sein Name fällt nur in wenigen Fällen dort, wo Welt- oder zumindest europäische Geschichte für die Schulbücher geschrieben wird. Sprich: Er tauchte nicht überall in den Charts auf, aber er machte – wie man heute so sagt – stets sein Ding. Dies mit Leidenschaft und – wo es nötig war – auch meisterlich, so daß er immerhin im Laufe der Zeit eine treue Fangemeinde um sich scharen konnte, die ihm, so wie ich in diesen Wochen, von Auftritt zu Auftritt hinterherreist.

Ich veröffentliche die kommenden Beiträge also nicht nur, um mir die eigene Leidenschaft von der Seele zu schreiben, sondern auch, um in Ausschnitten, Anekdoten, manchmal in Übertreibungen, hin und wieder vielleicht auch in Ahnungslosigkeit dem geneigten Leser ein Bild zu malen von einem Menschen, der ganz weit oben auf meiner „Wenn Du mit einer historischen Persönlichkeit einen Kaffee trinken könntest“-Liste steht.

Packen wir’s an.

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