Geburtswehen

Ich schleppe schon seit vielen Jahren die Idee mit mir herum, mich schreibend mit dem Kardinal de Bernis zu beschäftigen. Zu interessant erschien mir diese historische Persönlichkeit auf den ersten Blick und während der ersten, flüchtigen Zeilen, die ich über sie las.

Das Problem: Meine Französisch-Kenntnisse sind im Grunde nicht existent, beschränken sich auf das, was ich aus dem Lateinischen ableiten kann, und auf einzelne Worte oder Phrasen, die sich mir im Laufe der Jahre eingeprägt haben. Der Übersetzungsservice von Google wird glücklicherweise immer besser, und wenn dieser nicht hilft, versuche ich auf andere Art, dem Internet die Bedeutung des fraglichen Wortes bzw. der fraglichen Wendung abzuringen. Bekloppt wie ich bin, tippe ich nun abwechselnd gleich drei französche Kardinalsbiographien in das Übersetzungsfenster und stehe kurz davor, mir über einen Amazonkunden eine vierte, erst im vorigen Jahr erschienene, zuzulegen. Insgesamt läßt sich die Arbeit im Moment ganz gut an. Ich nehme die kürzeste der Biograhpien als Basis, und wandere von dort in diverse Kapitel der etwas ausschweifenderen Bücher, um einer interessanten Begebenheit vielleicht etwas mehr Fleisch auf die Rippen geben zu können.

Zu den sprachlichen Problemen kommen zwei weitere hinzu: Erstens kann ich kaum drei Zeilen – und seien es noch so banale – aus einem der Bücher übersetzen, ohne daß ein Teil von mir, der offenbar auf besonders schräge Art empfindsam ist, mit Gewalt nicht nur in eine andere Zeit, sondern auch an andere Orte zurückgezerrt wird. Jeder Schritt, den de Bernis in Saint-Marcel-d’Ardèche als Bub, in Paris als armer Student und Verseschmied, in Versailles als Pompadour-Berater, in Venedig als Botschafter oder in Rom als Kardinal macht, ist ein Schritt, den ich selbst schon einmal getan habe. Jeder Name, der fällt, klingt vertraut. Jedes Gebäude, das erwähnt wird, ist bekannt. An jedem Blumenduft und an jedem Vogelgesang, möchte ich fast behaupten, habe ich mich selbst erfreut, jeden Bissen eines jeden Mahls selbst gekostet. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es anders beschreiben soll.

Zweitens: Die Übersetzung könnte viel schneller vorangehen, sähe ich den Kardinal nicht ständig vor meinem inneren Auge, zum Anfassen klar. Und weil ich ihn sehe, kann ich um so mehr mit ihm fühlen, über seine Bonmonts schmunzeln, mich über seine Erfolge freuen, mich über seine Torheiten ärgern und – nicht zuletzt – bis zur Herzenseinäscherung mit ihm lieben, treu sein, loyal sein.

Da ich nun aber auch weiß, wie die Geschichte endet, zittern mir nach jeder weiteren übersetzten Seite die Hände immer stärker, protestiert der Magen immer vernehmlicher, steht der Schweiß immer dichter auf der Stirne. Bald muß ich hilflos dem Ende der Welt, die ich kenne und liebe, zusehen und mich selbst von der Höhe gewaltigen Reichtums, prachtvollen Glanzes und sprudelnder Geselligkeit herabstürzen in die Grube finanziellen Ruins, leerer Gemächer und trister Einsamkeit.

Die abgebrühten Asketen werde mich jetzt auslachen und mir vorwerfen, als Priester viel zu sehr an den Dingen der Welt zu hängen. Sollen sie’s. Ich kann nicht mit de Bernis reimen, schuften, lieben, lachen, klettern, straucheln, feiern nur, um ihn dann alleine und teilnahmslos fallen zu lassen. Am Ende kann ich immerhin sinngemäß mit ihm klagen: „Ich sah es kommen und konnte es nicht verhindern“.

Ich kann jetzt noch nicht genau sagen, wann ich zum ersten Mal einen eigentlichen Beitrag über den Kardinal schreibe. Aber ich weiß, daß ich nicht einfach sein Leben nacherzählen werde. Das haben andere getan. Bei mir wird es wahrscheinlich eine Mischung sein aus Andekdoten und „Das Leben des Francois Joachim de Pierre, Kardinal de Bernis, wie es sich gemäß Herrn Alipius gefälligst abgespielt hat“. Oder so.

4 Kommentare zu „Geburtswehen

    1. Ich habe natürlich vor Jahren auch schon einmal einen historischen Roman begonnen (aber dann nicht weiter geschrieben). Spielte im 18. Jhdt. In Venedig und Rom. Hauptpersonen: Ein auf Portraits spezialisierter Maler und ein lebensfroher, wohlbeleibter Kardinal ^^

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  1. Ich erkenne mich ein Stück weit wieder. Habe seit Jahren den Wunsch, etwas über den Vatikan zur Zeit von Faschismus und Drittem Reich zu schreiben, wobei den Prälaten Gerechtigkeit zuteil werden soll. Bin wohlgemerkt nicht Historiker. Das Projekt wird in meinem Fall an meinem Unvermögen scheitern, eine so schwierige Aufgabe zu meistern. Einige Kenntnisse habe ich mir durchaus angelesen, aber je mehr ich die Materie betrachte, desto komplexer wird sie…

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