Phantomschmerzen (I)

Das Schloß Schönbornslust war der letzte ausgeführte Schloßbau Balthasar Neumanns und gilt als dessen großes, reifes Alterswerk. Erbaut wurde es bei Koblenz-Kesselheim von 1748 bis 1752 im Auftrag des Trierer Kurfürsten, Franz Georg von Schönborn (1682 – 1756). Das Jagd- und Lustschloß war angelegt als Einflügelanlage aus grau-gelbem Sandstein mit fünfachsigem Mittelrisalit und zwei dreiachsigen Eckrisaliten aus rotem Sandstein. In den wenigen schriftlichen Zeugnissen, die ich finden konnte, wurde die Innenausstattung als überaus kostbar und edel besungen. Grundsätzlich ist die Quellenlage zum Schloß eher dünn. Bildmaterial ist ebenfalls kaum vorhanden. Es existiert eine Kreidezeichnung, die das Schloß aus weiter Entfernung zeigt. Ansonsten gibt es einige Pläne und Entwürfe sowie eine Handvoll von Rekonstruktionsversuchen.

Schloß Schönbornslust: Kreidezeichnung, Entwurf, Rekonstruktionsversuch (von oben nach unten)

Der Grund für die mangelhafte Dokumentation: Das Schloß existierte nur für 54 Jahre. Nach dem Tode Franz Georgs nutzen seine Nachfolger, Johann Phillip von Walderdorff (1756 – 1768) und Clemens Wenzelaus von Sachsen (1768 – 1801) den Bau als Jagdschloß. Als nach dem Ausbruch der französischen Revolution Emigranten an Rhein Unterschlupf suchten, überließ Clemens Wenzeslaus seinen königlichen Neffen, dem Comte d’Artois und dem Comte de Provence, im Jahre 1791 das Schloß Schönbornslust. Diese rückten mit keinem ganzen Hofstaat an, der ihnen die Zeit der Planung des großen Gegenangriffs auf die Revolution erleichtern und versüßen sollte.

Koblenz wurde nach kurzer Zeit in Frankreich als der Hort aller gegenrevolutionären Unruhen und Verschwörungen angesehen. Tatsächlich empfahl der Girondist Jacques Pierre Brissot bereits am 15. Dezember 1791 in einer Rede im Jakobinerclub die Zerstörung Koblenz‘, denn „ist Koblenz einmal zerstört, herrscht außerhalb Frankreichs Ruhe, und damit herrscht auch in Frankreich Ruhe“.

Nachdem die Franzosen am 20. September 1792 die Kanonade von Valmy für sich entschieden hatten, schluckten sie einen Bischofssitz nach dem anderen, nahmen Speyer, Worms und Mainz und standen im Oktober 1794 vor Koblenz. Die „Pariser Eleganz“ war bereits aus der Stadt entflohen, die Schönbornsluster Allee zu Verteidigungszwecken gefällt und im Schloß war das Lazarett der kaiserlichen Armee untergebracht. Am 24. Oktober 1974 hatte die französische Armee Schönbornslust erreicht. Sie zog ihre Kavallerie zusammen und marschierte gegen Koblenz. Bis zum Februar 1795 nutzen die Franzosen das Schloß als Lazarett. Sie versäumten es nicht, in diesen Monaten übelste Rache an dem Bau zu nehmen, der für lange Zeit ihre Todfeinde beherbergte. Das Schloß wurde so sehr verwüstet und zerstört, daß es am 1. Juli 1806 auf Abriß an den ehemaligen Schloßverwalter Münzel verkauft wurde. Vom ehemaligen Prachtbau blieb rein gar nichts erhalten. Nur zwei Wirtschaftgebäude überdauerten die Zeit und stehen heute noch an Ort und Stelle.

Ich bin nicht nur ein großer Freund der Schönbornbischöfe des 18. Jahrhunderts, sondern auch ein Bewunderer von Balthasar Neumann. Zu wissen, daß dieses Schloß einst existierte und ein so schmähliches Ende fand, das erfüllt mich immer wieder mit großen Verlustschmerzen.

Der Meister und sein Kunde: Balthasar Neumann (l.) und Franz Georg von Schönborn

Es trieb mich lange eine Frage um, die ich mir mittlerweile beantworten kann (diese Antwort folgt demächst, in einem Beitrag über ein weiteres Stück verlorener Schönborn-Herrlichkeit): Ist es ein Glück, daß vom Schloß nicht mehr Bildmaterial zu Verfügung steht und keine detaillierteren Beschreibungen, vor allem auch der Innenausstattung und Möblierung, existieren? Oder ist es besonders grausam, daß ich nie erfahren werde, was genau mir eigentlich genommen wurde und ich dennoch den Schmerz verspüre?

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