Meine Kirchenfürsten

Es kann ja geschehen, daß sich Leser auf diese Seite verirren, die noch keine Bekanntschaft mit meinen älteren Internetaktivitäten gemacht haben. Diesen Beitrag schreibe ich für diese Neuankömmlinge (Servus!), aber auch für routinierte Alipius-Adepten, um ein etwas helleres Licht auf ein Phänomen zu werfen, welches mich seit frühester Jugend mit prickelnder Neugierde, zaghaftem Forscherdrang und kindlicher Freude erfüllt: Der Prälat des 18. Jahrhunderts.

Warum überhaupt dieser Crash-Kurs? Weil es auf dieser Seite mit ziemlicher Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft von seidenumhüllten, pfingstrosenwangigen, entrückt blickenden Exzellenzen und Eminenzen einigermaßen wimmeln wird und Ihr, liebe Leser, Euch dann nicht fragen müßt „Was ist denn mit dem los?“

Es begann – ich weiß nicht wann, aber sicherlich vor meinem 14. Geburtstag – mit dem Portrait eines Kardinals (Fleury? Rohan? Noailles? Rochefoucauld? – es ist so lange her…). Erinnern kann ich mich an diesen eigenartigen Gedanken, der mir durch den Kopf schoß: ‚Kann doch nicht sein, oder?‘, der schriftlich ausformuliert etwa bedeuten sollte: Soll es wirklich einmal möglich gewesen sein, daß sich Männer so kleideten? So unpraktisch eingehüllt, so amüsant erhaben, so grandios leuchtend, so selbstverständlich damenhaft (das Konzept eines Mannes im Fummel war mir bekannt, noch bevor ich lernte, wie Prälaten sich einst kleideten)? Diese Fragen gingen keineswegs mit dem Gefühl der Ablehnung oder des Unwillens einher, sondern – im Gegenteil – mit heftiger Befürwortung selbstbewußt zur Schau gestellter, textiler Eskapaden im Rahmen kirchenfürstlicher Repräsentation.

Randnotiz: Meine Oma seligen Andenkens arbeitete viele Jahre in der Stoffabteilung des Seidenhauses Schmitz auf der Düsseldorfer Königsallee. Daher konnte sie kostbare Stoffe zu reduziertem Preis abgreifen und durfte Reste sogar kostenlos mitnehmen. In ihrem Wohnzimmer hatte sie Vorhänge aus reinem, goldbesticktem Seidenatlas von einer Farbe, die ich bis heute nicht definieren kann (ein Rest des Stoffes hängt bei mir im Stift um einen barocken Bilderrahmen drapiert), die ich aber mal als „das denkbar dunkelste Lachsrosa“ bezeichnen werde, um dem Leser eine Idee zu geben. Als kleiner Bub, also noch lange vor meinem ersten Kardinalsportrait, schlug dieser Stoff mich heftig in seinen Bann. Mich faszinierte sowohl der Glanz als auch die glatte Oberfläche und ich war irgendwie empört, als ich im Laufe der Jahre herausfand, daß sogar Männer sich einst – so sie den entsprechenden Geldbeutel mitbrachten – in solche Stoffe kleideten. Wie jetzt? Und da lauft Ihr heute in grauen Dreiteilern rum? Schande! Ich wurde ein ganz großer Seidenliebhaber, und zwar nicht, weil Seide teuer ist, sondern weil sie aufgrund ihrer Eigenschaften schlicht die logische Hülle ist zumindest für den Teil der Erdbewohner, der irgendwie zu repräsentieren hat oder der ohnehin schon so reich und banane ist, daß er im Bad Waschtischarmaturen aus Gold installieren läßt. Will sagen: Ich wollte und will die Seide weniger für mich, sondern eher an anderen Leuten, wo ich sie besser sehen kann. Es versteht sich von selbst, daß dann so ein Kardinal in wasweißichwieviel Metern Moirée bei mir leicht den Sprung an die Spitze schaffte.

Ich weiß nicht genau, in welchem Bereich meines Verstandes ich welche Menge an Therapie brauche, aber ich weiß, daß in den folgenden Tagen, Wochen, Jahren alleine der Eindruck meines ersten Kardinalsportraits mich den Duft von Pferdeäpfeln dem von Raumsprays vorziehen ließ, mir Sandstein, Holz, Naturstoffe kostbarer machte als Beton, Plexiglas, Polyester und mich auf dem Rücksitz eines Automobils wünschen ließ, ich säße in einer Kutsche und die Landschaft bewegte sich langsamer am Fenster vorbei. Meine Leidenschaften und mein Forscherdrang wurden also Stück für Stück zurückgesaugt in eine Zeit, die sich mir nur noch in Dokumenten und Monumenten verständlich machen konnte.

Kein Jugendlicher möchte parallel zum Pubertäts-, Cliquen- und Schulstreß auch noch moireeseideninduzierte Identitätsfragen beantworten müssen, also schleppte ich meine Prälaten für einige Jahre an der Hand hinter mir her wie kleine Brüder, die quengelnd Aufmerksamkeit einfordern, bis dann das Ende der Schulzeit, die Volljährigkeit und der Führerschein mir so viel Unabhängigkeit gaben, daß ich solide weiterforschen konnte.

Dies führte im Sommer 1990 zu einem „Liebe auf den ersten Blick“-Moment, als mich in Franken die Schönborn-Bischöfe – allen voran der Erzbaumeister Lothar-Franz – nicht nur mit ihren formidablen Portraits sondern auch mit ihren steingewordenen Leidenschaften aus den Socken hauten. Die Epizentren des Bewunderungsbebens liegen in Würzburg (Residenz), in Pommersfelden (Schloß Weißenstein) und in Bamberg (so ziemlich alles, was vor dem Ende des 18. Jahrhunderts entstand). Während das fürstbischöfliche Schloß am Main – aus Ruinen wiedererstanden – sich mit seiner Eleganz, seiner Pracht und seiner Schönheit als Schönborn-Familiendenkmal höflichst aber bestimmt jegliche Kritik verbietet, liegt das Schloß in Pommersfelden – von den Schlaglöchern der Geschichte weitestgehend verschont – schwer und doch vollkommen unbedrohlich da, wie ein übergewichtiger Freund auf der Hängematte, der mir mit ausgebreiteten Armen zuruft „Endlich! Ich dachte schon, Du kommst gar nicht mehr!“

Parallel zu den ab August 1990 unermüdlich weitergeführten Schönborn-Begegnungen und -Forschungen vergaß ich auch die Kardinäle nicht. Hier stellte sich bald heraus, daß ganz besonders die Franzosen des späten 18. Jahrhunderts mir etwas mitzuteilen hatten, und daß in ihren Botschaften nicht immer die Sonne schien. Mehr dazu in einem bald erscheinenden Beitrag über den Kardinal de Bernis.

So. Ob und in welchem Maße dies nun eine Verständnishilfe ist, das werdet Ihr wahrscheinlich besser beurteilen können als ich. Aber ich hoffe, daß Ihr Euch wenigstens beim Lesen nicht gelangweilt habt.

2 Kommentare zu „Meine Kirchenfürsten

  1. Ich finde das völlig verständlich, auch deshalb, weil ich weiß, wie Seide sich auf der Haut anfühlt und wie wundervoll sie zu tragen ist. Ich weiß sogar, wie extrem knifflig es ist, sie zu verarbeiten – denn ich habe mir als junge Frau eine ganze Menge Sachen selbst genäht. Simpel und weit geschnittene Oberteile aus Seide gehörten dazu. Und ich habe es einmal fertiggebracht, mir einfach so, aus Spaß an der Freude, vier Meter sehr farbenfroh gemusterte Seide zu kaufen. 🙂

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